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Wolfgang Treitler

Auf Wanderschaft

Das Buch des Wiener Fundamentaltheologen Treitler bietet eine „Einweisung“ nicht nur in das Christentum, sondern in die Gesamtatmosphäre biblischen Glaubens. Dabei ist die stete Verbindung mit dem Judentum maßgebend. Ungebunden an gängige theologische Sprachmuster formuliert er souverän eigene Erkundungen. Frühere vergleichende Monographien (unter dem Namen Klaghofer-Treitler) zu jüdischen Autoren des 20. Jh. (u. a. Franz Kafka, Franz Werfel, Elias Canetti, Jean Améry und Elie Wiesel) fließen mit ein und bezeugen das Einfühlungsvermögen des Verfassers in jüdisches Empfinden. Sowohl die „zeitgenössische Leere“ des Fortschrittsdogmas als auch die Konzentration auf Berufswelt, Naturwissenschaft und Technologie sind ihm präsent und werden unter den biblischen Fragen des „Wer ist wie Gott?“ (7–53) und „Adam, wo bist du?“ (54–103) behandelt. Auch Hegels „Selbstvergottung“ (15) wird schonungslos beim Namen genannt. Ergänzend zu einem „biblischen Fächer“ (18–25) und „literarischen Spuren“ (25–38) werden philosophische Ablagerungen (Aristoteles, Descartes, Kant) umschritten und theologische Linien (Rahners Subjekt, Balthasars Symphonie) gezogen, die Treitler mit den zeitgenössischen Umund Zusammenbrüchen konfrontiert.

Unter diesem Horizont der Moderne geht Treitler die biblischen Wege Israels (104–183) und „Wegmarken Jesu“ (184–286) nach. Weitere bohrende Fragen werden in den Raum gestellt: Ist der bisherige Mensch inzwischen ein „altertümliches Relikt“ (86)? Kann „Adam“ unter dem Zeichen der Apokalypse und des Holocaust noch als Ebenbild Gottes gesehen werden (95)? In Israels Wandlungen waren aber immer schon alle Zerrissenheiten mit enthalten. So können narrativ die biblischen Geschichtswege Israels als Wanderschaft unter dem Zeichen Gottes geschildert werden. Das Kommen und Auftreten Jesu schließt sich ohne Bruch daran an: „Jesus wächst aus Israel hervor und wird ihm bis zu seinem letzten Atemzug am Kreuz verbunden bleiben“ (184). „Jesus außerhalb Israels zu suchen, heißt ihn nie finden.“ So wird die Herkunft Jesu, seine Verwandtschaft mit dem Täufer Johannes und sein kurzer religiös-politischer Prozeß in für jüdische Leser sensibler und weiterführender Weise nacherzählt. Nach dem zweifelsfreien Totsein Jesu ist der Ostermorgen das Aufleuchten eines „biblischen Lichtes“ (260) in den „Dunkelheiten der Apostel“ (262). Die Auferweckung Jesu ist ein „zentrales Ereignis der Hoffnungsgeschichte Israels“ (271). Der auferweckte Jesus wird zur „Hoffnungsgestalt aller Menschen“ durch den „Einbezug aller Völker in die Verheißungsgeschichte Israels“ (277). Für die frühen Jesusgemeinden ist das Bekenntnis zur Auferstehung Jesu ein Kommentar zu Israels Glaube und Hoffnung. Keineswegs ist Auferweckung nach einem alten Vorurteil „Rache an Israel“ (279). Nach den Äußerungen von Papst Johannes Paul II. im Jahr 2000 wird katholisches Christentum Israel nie hinter sich bringen und in sich absorbieren, sondern „sich eher als bezeugende Gestalt oder bezeugender Flügel Israels in und unter den Völkern erfassen können, bleibend auf Israel bezogen, mit Israel in die Welt ziehend, um schließlich mit der Welt nach Israel heimzukehren“ (278).

Ein „Ende der Wanderschaft“ (281) ist nicht verheißen und ist bei aller verständlichen Sehnsucht nach wahrer Ruhe und Geborgenheit eine „Versuchung in den biblischen Religionen“ (ebd.). Denn Wanderschaft ist trotz allem nicht zielloses Umherirren, sondern Wanderschaft als Weg vor Israels Gott, dem stets das jüdisch-christliche Grundbekenntnis des Schema Israel gilt (Dtn 6,4 ff.; Mk 12,29). In ihm ist die Erinnerung der wichtigsten Wanderschaft, des Exodus aus Ägypten, mit aufbewahrt. Diese läßt sich auch fokussieren auf das Pascha Jesu vom Abendmahlssaal nach Golgotha bis zum Ostermorgen. Die Holocaust-Erfahrung kann dann mit der Höllenerfahrung des einzelnen Gottesknechtes zusammengebunden werden, wie es der Vorschlag Balthasars war.

Jenseits distanziert-akademischer Reflexion nimmt Treitlers gut verständliches Buch die Leser an der Hand, um ihnen die Faszination des biblischen Glaubens, der biblischen Personen und des Panoramas zu zeigen, in dem sie gelebt haben. Franz Werfel, den seine Flucht vor den Nationalsozialisten nach Lourdes führte und der mit dem Roman „Das Lied der Bernadette“ ein Gelübde erfüllte, hat das stete Unterwegssein biblischer Religion in seinen „Theologumena“ so ausgedrückt: „Dem ewig Unwandelbarsten kann nur das ewig Wandelbarste hoffen zu begegnen. Darum ist jede erstarrte Religion wie eine Blasphemie.“ Treitlers „Betrachtungen zum biblischen Glauben“ tragen diesen Untertitel zurecht. So wie die Verfasser der biblischen Schriften selbst sprachmächtige Dichter waren, so sollten es auch ihre Ausleger (und Übersetzer) sein. Die Vertrautheit mit Literatur ist eine Voraussetzung lebendigen Bibel- und Glaubensverständnisses, aber auch einer fruchtbaren jüdisch-christlichen Begegnung und Ergänzung. Wolfgang Treitler hat die Richtung gewiesen, in der sich solches vertiefen läßt.


Jahrgang 14 / 2007 Heft 4 Seite 291



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