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Petr Ginz

Prager Tagebuch 19411942

Ilan Ramon, der erste israelische Astronaut, nahm im Jahr 2003 eine Kopie der Zeichnung eines vierzehnjährigen jüdischen Jungen mit an Bord der Raumfähre Columbia. „Mondlandschaft“ heißt das Bild. 1942 wurde es in Prag gezeichnet. Die Columbia verglühte beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre – ausgerechnet am 1. Februar, dem Geburtstag des jungen Zeichners, Petr Ginz. Sein Name kam in die Schlagzeilen. In Prag erfuhr davon ein Hausbesitzer. Auf seinem Dachboden hatte er Zeichnungen und ein Tagebuch von Petr Ginz gefunden und aufgehoben. Der Hausbesitzer meldete sich über das Internet. Die Schwester von Petr Ginz, Chava Pressburger, die seit 1948 in Israel lebt, sicherte schließlich den Fund und ließ ein Buch gestalten. Sie hofft, damit den Namen ihres Bruders endgültig aus der Vergessenheit zu reißen – eine Herzensangelegenheit für sie.

Petr Ginz war ein Wunderkind. Begabt, wißbegierig, sensibel, musisch und technisch interessiert und ungeheuer produktiv. Mit vierzehn Jahren hatte er fünf Romane verfaßt, Zeichnungen gefertigt, Graphiken, Aquarelle. Er dichtete, tüftelte, forschte. Er war ein Kind mit großer Zukunft. 1942 wurde er in Auschwitz ermordet, eins von anderthalb Millionen jüdischer Kinder. Eine versunkene Welt. Doch ein paar Zeichnungen leben weiter. In seinem Tagebuch beschreibt Petr seinen Alltag in Prag, den Alltag eines dreizehn-, vierzehnjährigen Jungen. Er registriert das Wetter, beschreibt die Jahreszeiten, berichtet von der Schule, sagt, mit wem er gestritten hat, wem er was geschenkt hat. Er nennt Spiele, die er spielt, „Mensch ärgere dich nicht“, Tischfußball, Schach oder einfach Fangen. Manchmal schreibt er bloß: „Nichts Besonderes“. Aber er macht Tag für Tag seine Eintragungen.

Und zwischen diesen ganz alltäglichen Bemerkungen finden sich dann Beobachtungen der Entrechtung: die schleichende Ausgrenzung, die Niedertracht der Menschen, die sich anbahnende Katastrophe. Das Kriegsgeheul über der Stadt, die Meldungen in der Zeitung, das Attentat auf Heydrich, Massaker, Bombardements, Kriegserklärungen. Alles ganz nüchtern beschrieben, ohne Emotionen. Ein hellwacher Junge als Chronist. So entsteht ein Protokoll auf dem Weg in die Gaskammern. „Transport nach Polen“, heißt es immer wieder, oder „nach Terezin“, die tschechische Bezeichnung für Theresienstadt. Mitschüler verschwinden, Lehrer, Nachbarn. Der Junge nennt die Namen. Immer wieder Verabschiedungen, Tränen. Dann die Verordnungen: Der gelbe Stern, den er in seinem Tagebuch zeichnet, die Vorladungen, die Zwangsarbeit, die Not. Es gibt Würstchen aus Hundefleisch. Manche braten sich eine Krähe zum Mittagessen. Das Gesicht der Mutter „ist furchtbar geschwollen“, schreibt er, „das kommt wohl von den Ersatzstoffen in den Lebensmitteln“. Gemüse und Obst ist den Juden versagt. Dann die Enteignungen, die Drangsalierungen. Verprügelte Juden auf der Straße. Pullover müssen abgegeben werden, mitten im Winter, bei bitterer Kälte. Schuhe werden eingezogen. Öffentliche Verkehrsmittel dürfen von Juden nicht mehr benutzt werden. Zum Friseur gehen ist verboten. „Das, was heute ganz gewöhnlich ist“, schreibt der Junge Anfang 1942, „hätte in einer normalen Zeit bestimmt Aufsehen erregt.“ Die Großmutter wird deportiert. Der Junge erhält die Vorladung. Im September 1944 sieht ihn seine zwei Jahre jüngere Schwester das letzte Mal, – in der „Schleuse“. So nannten sie jene Stelle, wo der Zug nach Auschwitz abfuhr. Gegen Ende gesteht Chava Pressburger das, was für viele Überlebende ewig schmerzhaft blieb: „Und immer wieder stelle ich mir dieselbe Frage, warum er und warum nicht ich.“

Es ist ein berührendes Buch, bedrückend, bitter und traurig, ein herzzerreißendes Dokument. Sehr sorgfältig gemacht, liebevoll und schön gestaltet, mit Familienfotos und Aquarellen von Petr Ginz, mit Faksimiles aus seinen Tagebüchern. Das Buch ist eine erstaunliche Ausnahme im schnellebigen Verlagsgeschäft. Für eine kleine Ausstellung können vom Verlag 18 Tafeln gegen eine Leihgebühr bestellt werden. Chava Pressburger hat ein neues Leben in Israel gefunden. Sie malt, ist erfolgreich, verarbeitet in ihrer Kunst seit ein paar Jahren nun auch die Zeit unter Hitler. Ihr eigenes Tagebuch von Theresienstadt aber will sie zu Lebzeiten nicht veröffentlichen. Die Enkel sollen eines Tages darüber entscheiden.


Jahrgang 14 / 2007 Heft 3 Seite218



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