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Ahlrich Meyer

Täter im Verhör

Zwischen 1940 und 1944 wurden rund 76 000 französische und nach Frankreich emigrierte Juden in die Vernichtungslager deportiert, fast 80 000 fielen der Schoa zum Opfer. Diesem Vernichtungsprozeß in Frankreich wurde auf deutscher Seite – außer von Ulrich Herbert, Die deutsche Militärverwaltung in Paris und die Deportation der französischen Juden, in: ders. (Hg.), Nationalsozialistische Vernichtungspolitik 1939–1945, Frankfurt/M. 1998 – bisher wenig Beachtung geschenkt. Diese Lücke schließt nun der emeritierte Politikprofessor Ahlrich Meyer mit der vorliegenden Studie. Der Autor führt nicht nur auf profunde Art und Weise die komplexen Mechanismen der Judenvernichtung, sondern auch die in der Nachkriegszeit entstandenen Erklärungs- und Entschuldigungsmuster der deutschen Tatbeteiligten vor Augen.

Im ersten Kapitel schildert Meyer die komplexe Zusammenarbeit der verschiedenen deutschen Dienststellen und ihre Beziehungen zu den französischen Behörden. Die deutsche Militärverwaltung, die deutsche Botschaft und ein Sonderkommando des Reichssicherheitshauptamtes in Paris betrieben im besetzten Frankreich eine Politik der fortschreitenden Entrechtung, die sich letztlich die vollständige Vernichtung der dort lebenden Juden zum Ziel setzte (19–66). Der Autor zeigt anschließend ausführlich und anschaulich auf, wie sich die Verhaftung, Internierung und Deportation der Juden zunächst im besetzten Teil Frankreichs, danach im ganzen Land abgespielt hat (67–78, 150–164). Dabei arbeiteten die für die „Judenfrage“ zuständigen deutschen Dienststellen mit dem aus der Niederlage Frankreichs hervorgegangenen antisemitischen Regime unter Phillipe Pétain aufs engste zusammen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang vor allem die Tatsache, daß die französische Verwaltung für die Vorbereitung der antijüdischen Maßnahmen eingesetzt und die Judenverhaftungen im besetzten und unbesetzten Teil Frankreichs durch französische Polizisten vorgenommen wurden. So konnten sich die an der „Endlösung“ deutschen Beteiligten im Nachhinein auf die arbeitsteilige Struktur des Besatzungsapparates, die verwirrende Vielfalt der Zuständigkeiten sowie auf die antijüdischen Maßnahmen der französischen Regierung berufen. Die von der deutschen Militärverwaltung ab Dezember 1941 in Gang gesetzten Deportationen „nach dem Osten“ rückten zudem den Massenmord in weite Ferne (96–114): „Was einst Propagandalüge gewesen war oder der Tarnung des Mordprojekts gedient hatte“, konstatiert Meyer überzeugend, „diente nun dazu, sich selbst und der Justiz gegenüber zu begründen, daß an Auschwitz nicht zu denken gewesen war, als die Transporte mit Juden in den Osten fuhren“ (13).

Zusätzlich untersucht Meyer vor allem in den letzten beiden Kapiteln die Aussagen von Angehörigen der Besatzungsmacht, die diese in den sechziger und siebziger Jahren vor deutschen Kriminalbeamten, Staatsanwälten und Richtern machten. In den Abschnitten „Wissen um Auschwitz“ und „Legenden der Täter“ verwendet der Autor zum Teil neue Dokumente des Bundesarchivs Ludwigsburg, der Nachkriegsverfahren und des Polizeiap- 148 FrRu NF 2/2007 parates aus dem besetzten Frankreich. Sie lassen erkennen, wie sich Beschuldigte und Zeugen die Vergangenheit zurechtlegten und wie bundesdeutsche Gerichte und die Öffentlichkeit mit diesen umgingen: Keiner hat viel gewußt, niemand will etwas geahnt haben. Kritisch äußert sich Meyer über den Umgang mit dem Genozid nach dem Krieg und macht bei den Beschuldigten verschiedene Kategorien von Entlastungsaussagen aus (306–336): Einige Täter wollen von den sogenannten „Evakuierungen in den Osten“ nichts gewußt, gehört oder gesehen haben. Andere verwiesen auf die Verantwortung der eigenständigen französischen Behörden. Ein großer Teil der für die „Lösung der Judenfrage“ Verantwortlichen behaupteten, die Deportationen innerlich abgelehnt zu haben, während eine Minderheit selbst nach dem Krieg noch ihre Verbrechen mit dem Hinweis auf eine Beteiligung jüdischer Partisanen im französischen Widerstand zumindest für begründet hielt.

Überrascht stellt der Leser in dieser hervorragenden Arbeit fest, wie mit diesen Schutzbehauptungen gerade die deutschen Täter in Frankreich unbehelligt ihr Leben in der Bundesrepublik fortsetzen konnten. Abgesehen von wenigen Ausnahmen, so resümiert der Autor am Ende seiner Ausführungen, „wurde niemand aus dem Kreis derer, die für die ‚Endlösung der Judenfrage’ in Frankreich die Verantwortung trugen, je in der Bundesrepublik zur Rechenschaft gezogen“ (358). – Nach seiner Monographie über die „deutsche Besatzung in Frankreich“ (2000) hat Ahlrich Meyer nun eine weitere grundlegende Studie zur „Endlösung in Frankreich“ erarbeitet, die nicht nur die Lücken in der Auseinandersetzung mit dem „Genozid im Westen“ füllt, sondern auch einen wichtigen Beitrag zur NS-Täterforschung liefert. Neben dem Werk des französischen Historikers Serge Klarsfeld „Vichy-Auschwitz“ (1989) sicherlich das Standardwerk zur Judenvernichtung in Frankreich.


Jahrgang 14 / 2007 Heft 2 Seite 147



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