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Peter Longerich

„Davon haben wir nichts gewußt!“

Die Deutschen und die Judenverfolgung 1933–1945

„Davon haben wir nichts gewußt!“ Mit diesem Satz, häufig im Tone der Entrüstung vorgebracht, pflegten nicht wenige Angehörige der Kriegsgeneration den Vorwurf der Mitwisserschaft oder gar der Mitschuld an den Judenmorden zurückzuweisen. Im Gegenzug spotteten die Jüngeren: „Niemand war dabei und keiner hat’s gewußt!“ So lautete auch der Titel eines von Jörg Wollenberg herausgegebenen Buches (1989), das die deutsche Öffentlichkeit und die Judenverfolgung thematisierte. Die Jüngeren vermuteten eine kollektive Abwehrhaltung, welche die Aufklärung der drängenden Frage behinderte, wie es eigentlich zur Judenverfolgung und zum millionenfachen Mord an den Juden hatte kommen können.

So fällt denn der historischen Forschung die Aufgabe zu, sich jenseits pauschaler Abwehr oder verallgemeinernder Schuldzuweisung um ein differenziertes Bild zu bemühen, das heißt, quellennah und möglichst genau zu rekonstruieren, wer was wann gewußt hat. Dazu beigetragen haben neben anderen Marlis Steinert ("Hitlers Krieg und die Deutschen", 1970), Ian Kershaw in verschiedenen Arbeiten (1979–1989) und David Bankier ("Die öffentliche Meinung im Hitler-Staat. Die 'Endlösung' und die Deutschen", 1995). Im Jahre 2004 erschien von Otto Dov Kulka und Eberhard Jäckel "Die Juden in den geheimen NS-Stimmungsberichten", 1933–1945.

Diese Edition hat den Holocaust-Forscher Peter Longerich, der derzeit an der Universität London Moderne deutsche Geschichte lehrt, dazu angeregt, sich erneut mit der Frage der Mitwisserschaft zu befassen. Dies geschieht auf einer denkbar breiten Quellenbasis. Longerich studierte die NS-Stimmungsberichte, die er zugleich einer gründlichen Quellenkritik unterwirft: Tagebücher, Aufzeichnungen und private Briefe, Berichte ausländischer Botschafter in Berlin, die geheimen Propagandaweisungen des Goebbels-Ministeriums und die alliierte Propaganda einschließlich amerikanischer und britischer Flugblätter. Das Quellenmaterial, in ausführlichen Zitaten und in einer streng chronologischen Ordnung präsentiert, zeigt das gesamte Spektrum des zeitgenössischen antisemitischen Wortschatzes, aber auch die Verschleierungsformeln der Propagandasprache und den Kenntnisstand der Alliierten. Das Ergebnis solcher Kärrnerarbeit besteht naturgemäß nicht in einer grundlegend neuen Erkenntnis, sondern in einer detailgenauen und facettenreichen Dokumentation der unterschiedlichen Grade von Mitwisserschaft.

Man darf sich – Longerich zufolge – die antijüdische Politik des NS-Regimes nicht als einen geradlinigen Prozeß der Radikalisierung vom Boykott bis zum Massenmord vorstellen. Diese Politik verlief vielmehr wellenförmig. Einige Maßnahmen fanden in aller Öffentlichkeit statt: Der Boykott jüdischer Geschäfte, die Verdrängung der Juden aus staatlichen Stellen sowie aus dem Wirtschaftsleben, die Pogrome vom November 1938, ja selbst noch die ab Oktober 1940 durchgeführten Deportationen. Für die begleitende NS-Propaganda war es charakteristisch, daß die dabei angewendete Gewalt aus der Berichterstattung ausgeklammert wurde. Die im Zuge des Krieges gegen Polen 1939/40 einsetzende Mordpolitik, über die jetzt Jochen Böhler in seinem Buch „Auftakt zum Vernichtungskrieg“ (2006) informiert, unterlag bereits einer weitgehenden Geheimhaltung. Und die nach dem Überfall auf die Sowjetunion im Sommer 1941 praktizierte Vernichtungspolitik hatte insgesamt den Charakter eines Geheimprojekts.

Wie Longerich überzeugend herausarbeitet, verfolgte das NS-Regime in seiner Informationspolitik über die Judenverfolgung eine – damals keineswegs leicht durchschaubare – Doppelstrategie. Einerseits gab es die offene Vernichtungsandrohung. Sie begann mit der Rede Hitlers am 30. Januar 1939, in welcher er vor der gesamten Weltöffentlichkeit die „Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa“ im Falle eines erneuten Krieges ankündigte. Ähnliche Drohungen mit „Vernichtung“ und „Ausrottung“ wurden in den darauffolgenden Jahren von Hitler, Göring, Goebbels und Robert Ley, dem Führer der Deutschen Arbeitsfront (DAF), mehrfach öffentlich wiederholt. Sie wurden verbunden mit der konstruierten Propagandathese, das „Weltjudentum“ habe diesen Krieg angestiftet und wolle das deutsche Volk ver nichten. Andererseits gab es die Geheimhaltung über das konkrete Mordgeschehen.

In dem gesamten Zeitraum von 1940 bis 1945 vollzog es sich weitgehend hinter den Kulissen. Das Regime machte höchstens vage Andeutungen. Wenn durch andere Informationskanäle, zum Beispiel durch die Berichte von Fronturlaubern, Nachrichten über die Judenmorde in das Heimatgebiet gelangten, die dann alsbald als Gerüchte kursierten, dementierte die Propaganda nicht, was einer indirekten Bestätigung der Gerüchte gleichkam.

Völlig zu Recht spricht Longerich angesichts dieser Doppelstrategie von einem „öffentlichen Geheimnis“ und einem „dramatischen Gegensatz“, die eine unheimliche Atmosphäre geschaffen hätten. Hinter dieser Strategie stand das Kalkül des NS-Regimes, die deutsche Bevölkerung zu Zeugen und Mitwissern, also zu Komplizen des Massenmordes an den Juden zu machen. Damit sollten die Deutschen unwiderruflich an das Regime gebunden werden, das sich vor dem Hintergrund der Massenverbrechen der Perspektive „Sieg oder Untergang“ verschrieben hatte.

Hat das funktioniert? Wie hat sich die Doppelstrategie von Ausrottungsdrohungen und Geheimhaltung bei gleichzeitigem Verzicht auf die Dementierung von Gerüchten über das Mordgeschehen im Osten sowie gezielten Hinweisen auf dasselbe im Bewußtsein der Deutschen niedergeschlagen? Longerich gibt die zurückhaltende und damit auch wenig befriedigende Antwort, das sei „nicht einmal annähernd zu bestimmen“. Selbst für Zeitgenossen wie Viktor Klemperer, der die Judenverfolgung systematisch zu beobachten und zu analysieren versuchte, sei es sehr schwer gewesen, die ihm zugänglichen Einzelinformationen zu einem Gesamtbild zusammenzusetzen. Ein Teil der aktiven Anhängerschaft der NSDAP scheint das gewaltsame Vorgehen gegen die Juden begrüßt zu haben. Die Haltung der Mehrheitsgesellschaft bleibt dagegen eher diffus.

Der Historiker kommt zu dem Ergebnis: „Zwischen Wissen und Unwissen gab es also eine breite Grauzone, gekennzeichnet durch Gerüchte und Halbwahrheiten, Imagination, verordnete und selbst auferlegte Kommunikationsbeschränkungen, Nicht- Wissen-Wollen und Nicht-Begreifen-Können.“ Die Indifferenz und Passivität der Deutschen stellte den Versuch dar, „sich jeder Verantwortung für das Geschehen durch ostentative Ahnungslosigkeit zu entziehen“.

Die schon während des Krieges zu beobachtende „Flucht in die Unwissenheit“ war der Nährboden für die Nachkriegsthese: „Davon haben wir nichts gewußt!“ Dieses Forschungsergebnis bedeutet, daß es bis heute offensichtlich nicht möglich ist, den Grad der Mitwisserschaft und der Mitverantwortung schichten- und organisationsspezifisch eindeutig zu bestimmen. Zugleich bietet es eine Erklärung für die politische Bindekraft, die selbst von einer vagen Mitwisserschaft ausging, sowie für die Genesis der Abwehrhaltung nach 1945.

Wolfram Wette, Waldkirch


Jahrgang 14 / 2007 Heft 1 Seite 59



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