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Gabrielle Oberhänsli-Widmer

Hiob in jüdischer Antike und Moderne

Die Wirkungsgeschichte Hiobs in der jüdischen Literatur

Die Aktualität Hiobs scheint ungebrochen; in den letzten Jahren sind einige wichtige Arbeiten zum berühmtesten „Dulder und Rebell“ erschienen. Die umfassende und wegweisende Hiob-Monographie der in Freiburg im Breisgau lehrenden Judaistin Gabrielle Oberhänsli-Widmer setzt sich intensiv mit der Wirkungsgeschichte Hiobs in der jüdischen Tradition auseinander. Die zwei symmetrisch aufgebaute Teile umfassende diachrone Studie beleuchtet zum einen Darstellung und Rezeption Hiobs in der jüdischen Antike – von der biblischen Vorlage über das frühjüdische Schrifttum bis zur Hiobdarstellung in Talmud und Midrasch. Zum anderen geht die Arbeit der Frage nach, welche Rolle Hiob in der Literatur der jüdischen Moderne des 20. Jh. spielt. Begründet wird die Fokussierung auf diese beiden weit auseinanderliegenden Epochen damit, daß sowohl im Mittelalter als auch in der Neuzeit bis hin zum ausgehenden 19. Jh. die Figur Hiobs „nur marginal vertreten“ (4) ist. Über die besondere Hiob-Sicht des Maimonides schrieb die Autorin bereits ausführlich in ihrem Beitrag „Ist auch Hiob unter den Philosophen?“ („Kirche und Israel“, 17/1[2002]62–75).

Beiden Epochen – der Antike wie der Moderne – widmet sich die Verfasserin mit gleicher Intensität; davon zeugen die formale Einteilung der Arbeit in zwei nahezu gleich große Blöcke sowie die enorme Bandbreite der Textauswahl. Dieser klaren formalen Konzeption stellt Gabrielle Oberhänsli-Widmer einen ebenso klaren methodischen Ansatz gegenüber: Die wirkungsgeschichtliche Methode ist ein geeignetes Instrumentarium, die für die jeweilige Epoche repräsentativen Texte in die entsprechende Zeitströmung einzubinden und so gültige qualitative Aussagen über die Veränderung des Hiob-Verständnisses zu machen.

Mit der frühjüdischen Rezeption des biblischen Buches Hiob beginnt eine sukzessive Veränderung der Wahrnehmung der Hiob-Gestalt, „setzt das Ausdeutungspotential in der jüdischen Interpretation ein“ (16). Im frühjüdischen Testament Hiob, das die Frage nach Hiobs Judesein bzw. Nichtjudesein bereits detailliert erörtert, wird Hiob als der gottergebene Dulder bewundert und als Glaubensheld geschätzt. An eben dieser Wertschätzung wird aber in der Spätantike stark gerüttelt, indem Hiob durch die talmudischen Weisen tendenziell „eine unverhüllte Abwertung“ (167) erfährt, er gar zum Ketzer herabgewürdigt wird.

Diese Wende in der Wertung der biblischen Leidensfigur hat ihre Hauptursache im Verständnis der Volkszugehörigkeit Hiobs, das sich aus dem historisch-sozialen Umfeld jener Zeit speist: Die Rabbinen sprechen Hiob die Zugehörigkeit zum jüdischen Volk mehrheitlich ab (154), wodurch er stark an jenem Glanz verliert, der ihm im Frühjudentum zuteil wurde. Auch die Abwesenheit Hiobs in der jüdischen Liturgie läßt sich auf diese Umbewertung Hiobs als „Goj“ zurückführen.

Daß die Einbettung von Literatur in ihre jeweiligen historischen Zusammenhänge eine mitunter vollkommen neue Akzentuierung nach sich ziehen kann, zeigt Oberhänsli-Widmers Analyse der „jüdischen Moderne“ an konkreten Beispielen: Bereits Anfang des 20. Jh. erfährt die Gestalt des Hiob mit der bekannten jiddischen Erzählung „Bontsche Schweig“ von Isaak Leib Perez neuen und ungeahnten Aufschwung. Indem Hiob in die Welt des Ostjudentums eingebettet wird, macht der Autor auf die unsägliche Armut sowie die sozialen Mißstände der osteuropäischen Schtetl aufmerksam. Diese hohe Popularität bleibt Hiob im Verlaufe des 20. Jh. uneingeschränkt erhalten – dies besonders auf Grund der größten Katastrophe, der Schoa, nach der die Literatur erst recht nach dem Leiden des Gerechten fragen muß. Interessanterweise ist der fromme Dulder der Antike im 20. Jh. nicht mehr so sehr gefragt. An seine Stelle tritt nun allmählich der aufmüpfige Rebell, der besonders in der zeitgenössischen israelischen Literatur zur zentralen Leit- und Identifikationsfigur wird.

Trotz der unterschiedlichen Akzentuierung der Hiob-Gestalt in den zahllosen Textfassungen der jüdischen Antike wie der Moderne lassen sich auch konstante Faktoren nachweisen: Es ist dies allen voran die Frage nach dem Sinn des Leidens, die eng an die Theodizee-Frage, insbesondere nach der Erfahrung der Schoa, geknüpft ist. Ein weiteres Verdienst der vorliegenden Studie ist, daß sie weniger bekannte Werke der israelischen Literatur erstmals in Auszügen in deutscher Sprache zugänglich macht. Das makellose Äußere der Arbeit – und hierzu gesellt sich auch und ganz besonders der sprachliche Aspekt – wird unterstrichen durch die ansprechende Einbandgestaltung mit Rainer Oberhänsli-Widmers Bild „Hiob – Hiob – Hiob“.

Yvonne Domhardt, Zürich


Jahrgang 14 / 2007 Heft 1 Seite 44



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