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Inken Rühle

Gott spricht die Sprache der Menschen

Franz Rosenzweig als jüdischer Theologe – eine Einführung

Die aktuelle Erforschung von Leben und Lehre des jüdischen Religionsphilosophen Franz Rosenzweig (1886–1929) geht ganz verschiedene Wege. Zum einen wird der lebensweltliche und intellektuelle Kontext erforscht, aus dem heraus Rosenzweig seine eigenen Gedanken und Konzeptionen entwickelte. Zum anderen wird der Versuch gemacht, die Rosenzweigschen Denkmuster herauszuarbeiten, um sie für die Deutung aktueller Grundfragen aus der jüdischen Kultur zur Verfügung zu stellen. Und drittens besinnt sich der jüdisch-christliche Dialog wieder verstärkt auf seinen wohl wichtigsten Impulsgeber zurück. Von allen drei Tendenzen der aktuellen Rosenzweigforschung hat das vorliegende Buch etwas – und doch hebt es sich auch wieder deutlich dagegen ab. Es handelt sich dabei übrigens um eine Dissertationsschrift, die trotz des akademischen Umfelds, in dem sie entstanden ist, wunderbar flüssig und auch für Nichtfachleute eingängig nachvollziehbar zu lesen ist.

Schwerpunktmäßig kann man dieses Buch zunächst der ersten der genannten drei Tendenzen zuordnen. Rosenzweig wird klar in den Kontext seiner jüdischen Welt gestellt, das ist die Welt der Tora, des Talmud und des Midrasch. Rühle betont immer wieder, daß Rosenzweig ein in diesem Sinn „jüdischer Theologe“ ist. Daß Rosenzweig dabei eine Art „Umweg“ über die Philosophie gemacht hat, ja vielleicht sogar die Philosophie (nur eben nicht die idealistische Philosophie) als bleibenden Zugang anerkannt hat, übergeht Rühle etwas zu locker. Ob im einzelnen zu Recht und wie präzis dann die Linien gezogen sind, die Rühle in diese jüdische Herkunftswelt zieht, das können Judaisten besser beurteilen als ich, der ich von der Philosophie komme.

Ganz besonders interessant ist zu sehen, wie Rühle die methodisch- hermeneutische Leitlinie entfaltet, an der entlang sie ihren Rosenzweig darlegt. Genau genommen ist diese Darlegung eine kommentierende Auslegung von Rosenzweigs Hauptschrift „Der Stern der Erlösung“ und stellt sich somit in eine Reihe mit den wenigen anderen Kommentierungen (z. B. von Norbert Samuelson). Die Grundthese lautet so wie der präzise Titel: „Gott spricht allenthalben mit den Worten der Menschen“ (vgl. S. 26 und öfters).

Diesen Grundansatz betrachtet Rühle als etwas typisch Jüdisches in dem Sinn, daß Rosenzweig hier – zusammen mit einem urjüdischen Traditionsstrang – Anthropomorphismus nicht zum Problem, son dern „zur Begründung seines Offenbarungsbegriffes“ (55) macht. Das ist eine starke und erhellende These, allerdings auch eine, die nicht ohne Widerspruch dasteht. Denn man fragt sich sogleich: Ist dann jedes Wort, das Menschen sprechen, göttlich? Im Prinzip ja – und irgendwie scheint auch Rosenzweig dies so gesehen zu haben. Die Pointe liegt darin, daß sich das Kriterium verschiebt: göttlich ist ein menschliches Wort genau dann, wenn es der Bibel (oder wenigstens der von ihr ausgelösten Traditionslinie) entstammt – also „jüdisch“ ist.

Daß dieser „jüdische“ hermeneutische Grundsatz auf die jüdische Kultur beschränkt geblieben sei, widerlegt ein Blick in die Kirchenväter und behauptet auch Rühle nicht (auch wenn sie zwischen der expliziten „jüdischen Kultur“ und dem, was in dieser jüdischen Kultur als menschlich-allgemeingültig galt, nicht so genau unterscheidet, wie dies z. B. Rosenzweig selber getan hat). Passend zitiert Rühle dann auch Rosenzweigs rückblickende Bemerkung in einem Brief vom September 1928, wonach sich Rosenzweigs „Stern der Erlösung“ einem ursprünglichen Plan zur Abfassung eines dreibändigen Bibelkommentars verdankt (vgl. 65 f.). Rühle nimmt Rosenzweig hier gewissermaßen eins zu eins beim Wort. Sie liest den „Stern der Erlösung“ als einen fortlaufenden Kommentar zu Bibelstellen bzw. biblisch inspirierten Texten – mit wunderbaren Entdeckungen aus der Welt der jüdischen Tradition im oben genannten Sinn.

Der Lesende wird durch Rühles Interpretation in eine interessante Situation geführt. Denn irgendwann fragt man sich unweigerlich: wie „jüdisch“ muß man sein, um diese Texte überhaupt verstehen zu können? Kann ein Christ sie überhaupt verstehen? Die Hermeneutik, die Rühle vorschlägt, klingt ein bißchen exklusiv. Sie trennt den Bereich des Jüdischen und den des Nichtjüdischen ziemlich klar und scharf. Rühle geht dabei mit einer gehörigen Portion Reserve, ja (zum Teil natürlich auch berechtigten) Vorwürfen gegenüber einem „christlichen“ Zugang zu Rosenzweig bzw. seiner Tradition ans Werk. Im Visier der expliziten sowie der spürbaren impliziten Kritik am Christentum (inklusive der evangelischen Systematik, der christlicherseits betriebenen Rosenzweigforschung etc.) ist der christliche Exklusivismus, der das Jüdische an Rosenzweig und seiner Tradition irgendwie einebnet und verneint.

Um freilich als Christ einen Zugang zu diesem Jüdischen überhaupt haben zu können, muß man hermeneutisch davon ausgehen, daß es Übergänge gibt, d. h. daß das Judentum auf das Christentum hin (wie auch immer) offen ist. Und doch ist zugleich eine Grenze gesetzt. Diese Grenze bestimmt Rosenzweig gegenüber seiner christlichen Partnerin Margrit Rosenstock selber so: „Die eigentlichen Pointen [jüdischer Texte, M. B.] bleiben ja dem bloßen Leser, und das ist der Christ wenn er Jüdisches zu lesen sucht, immer unverständlich“ (101).

Wer hat also nun recht? Rosenzweig und Rühle in ihrer expliziten Abkoppelung „des“ Jüdischen vom christlichen Zugang, die solange bestehen bleibt, als Christen jüdische Texte nur lesen (und nicht auch in der jüdischen Welt selber leben) – oder Rühles impliziter Anspruch, als (evangelische) Christin „den“ Zugang zum „jüdischen Theologen“ Rosenzweig so gefunden zu haben, daß sie jetzt eine „Einführung“ bieten kann? Entweder hat Rosenzweig gegenüber Frau Rosenstock gewaltig übertrieben oder Rühle bietet keine Einführung.

Wie immer man diese interessante hermeneutische Situation entschärfen möchte, so sollte doch am Ende zweierlei nicht hinterschritten werden. Rosenzweigs Vorbehalt gegenüber einer Aneignung der Pointen jüdischer Traditionen sollte nicht dazu führen, daß man den Versuch insgesamt aufgibt. Im Gegenteil. Er ist Antrieb, beim Bemühen darum nie nachzulassen. Denn „das“ Jüdische hat man so wenig je erreicht wie „den“ jüdischen Theologen Franz Rosenzweig. Und selbst so präzise, eindeutige und absolut konsequent angewandte hermeneutische Grundsätze, wie sie dieser glänzenden Arbeit zugrunde liegen, entfalten ihre Wirkung genau in dem Maß, in dem sie bloß als Suchinstrumente benutzt werden. Dem Leser dieser Arbeit eröffnen sich dann bei der Lektüre dieser quellenreichen und weitsichtig angelegten Dissertation viele wertvolle Einblicke, die zu allen drei Richtungen der aktuellen Rosenzweigforschung ihren spezifischen Beitrag leisten.

Martin Brasser, Luzern


Jahrgang 13 / 2006 Heft 4 Seite 303



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