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Christian M. Rutishauser

Josef Dov Soloveitchik

Einführung in sein Denken

Der Jerusalemer Nasir, Rav David haCohen, betont in seinem magnum opus „Kol haNewua“ (Die Stimme der Prophetie):

„Alle Philosophen in Israel haben die Tora und die Gesetze beachtet und sie bis in alle Einzelheiten gehalten, seit den Tagen des Aristobulus und dem Cohen Philo, der nach Jerusalem aufstieg, um im Tempel zu opfern, bis zu den Gelehrten in der Neuzeit.“

Etwa seit der deutschen Aufklärung und der Entstehung der liberalen Richtungen im Judentum stellt man allerdings mehr und mehr eine Trennung zwischen den philosophisch-theologischen Systemen und dem Gesetz fest. Im liberalen Judentum entstehen zahlreiche Systeme, die nicht im halachischen Judentum verwurzelt sind, und in der Welt des Gesetzesjudentums vermißt man weithin die meta-halachische Grundlage des Gesetzes. Zu den großen Ausnahmen der Vertreter der Einheit von Gesetz und Philosophie, Halacha und Aggada, gehören die beiden Theoretiker der Halacha, die Rabbiner Abraham Isaak haCohen Kuk und Rabbiner Josef Dov haLevi Soloveitchik.

Rutishausers Einführung in das Denken von Rabbiner Soloveitchik ist eine leicht überarbeitete Fassung seiner Dissertationsschrift (2002) „Halachische Existenz. Philosophisch-theologische Deutung des jüdisch-orthodoxen Daseinsvollzugs in den Schriften von Josef Dov haLevi Soloveitchik (1903–1993)“. Nach einer biographischen Skizze folgen Kapitel über „Religionsphilosophische Grundgedanken“, „Menschliches Geworfensein“, „Die Konzeption der Halacha“, „Halachischer Existenzvollzug“ und „Soziale Konkretionen“. Es ist dem Verfasser gelungen, das nichtsystematische Denken Soloveitchiks systematisch darzustellen, wobei ihm nur die von Soloveitchik selbst verfaßten Schriften als Quelle dienen, nicht aber die von seinen Schülern stammenden Vorlesungsaufzeichnungen. Außerdem liegen dieser ausgezeichneten Gesamtdarstellung der Theologie Soloveitchiks, der amerikanischen Autoritätsfigur der modernen Orthodoxie, eine umfangreiche Sekundärliteratur in englischer und hebräischer Sprache zugrunde. Die zahlreichen Druckfehler hebräischer Wörter gehen daher wahrscheinlich nicht auf Kosten des Verfassers, sondern des Verlages. Im folgenden sollen die wichtigsten theologumena Soloveitchiks im Spiegel von Rutishausers Verständnis mit kritischen Anmerkungen in aller Kürze dargestellt werden.

Die halachische Existenz beruht nach dem Verständnis von Rav Soloveitchik auf dem rabbinischen Denken sowie auf platonischen und idealistisch-neukantianischen Ansätzen. Er hatte ja über Hermann Cohen, dem Gründer der neokantianischen Marburger Schule, mit der Studie „Das reine Denken und die Seinskonstituierung bei Hermann Cohen“ in Berlin promoviert. An die Erkenntnistheorie des Neokantianismus anknüpfend, entwickelt er seinen Standpunkt der idealen Halacha als System, mit dessen Hilfe der halachische Mensch, ein schaffendes Geschöpf, die Wirklichkeit erzeugt, wobei es darum geht, diese immer mehr an die ideale Halacha anzupassen.

Der halachische Mensch trägt nach der Typologie von Soloveitchik, die den homo scienticus (der Typ des Adam I in Genesis 1) vom homo religiosus (der Typ des Adam II in Genesis 2) unterscheidet, die Züge bei der, weil die Halacha subjektive Selbstbefragung und objektive Selbstvergewisserung verbindet. Dieses Bild des halachischen Menschen ist nach Ansicht von Rutishauser auch stark von einem existentialistischen Denken geprägt. Der moderne Existentialismus stellt allerdings den Menschen im Hier und Jetzt in den Mittelpunkt des Interesses, weshalb z. B. Martin Buber vom „hebräischen Humanismus“ sprechen kann. Der halachische Mensch ist sich aber seiner Aufgabe als Diener Gottes bewußt, d. h. Gott und nicht der Mensch ist das Kriterium für alles menschliche Handeln und Denken. Es scheint mir daher, daß der Einfluß des Existentialismus auf Soloveitchik vom Verfasser überbetont wird. Er selbst korrigiert dann auch diese seine Ansicht, wenn er schließlich in der Heteronomie des Menschen durch Gott den letzten Beziehungspunkt in Soloveitchiks Menschenbild sieht (187).

Die „Galut“-Erfahrung des halachischen Menschen zeigt sich auf der sozialen Ebene in vier Bereichen: gegenüber der säkularen Gesellschaft, dem liberalen Judentum, den christlichen Kirchen und dem zionistischen Projekt des Staates Israel. Was diesen letzten Bereich angeht, sei nur kurz bemerkt, daß der Verfasser treffend Soloveitchiks Zionismus damit beschreibt, daß für ihn der Staat letztlich Mittel sei, die halachische Existenz zu vervollkommnen.

Hier hätte m. E. auf den großen Einfluß von Maimonides auf die Brisker Tradition und auf das Denken von Soloveitchik hingewiesen werden sollen. Maimonides unterscheidet nämlich zwischen dem vollkommenen Zustand der Seele und dem des Körpers. Dieser zweite Zustand (Ethik und Politik) hat nur instrumentalen Charakter im Blick auf den eigentlichen Wert, der Gotteserkenntnis und Gottesverehrung (vgl. Führer der Unschlüssigen, III, Kap. 27).

Es ist durchaus verständlich, daß der Verfasser als christlicher Theologe seine Studie mit der Frage nach Soloveitchiks Stellung zum christlich-jüdischen Dialog abschließt. Dieses Problem wird auch in den anderen Kapiteln des Buches erwähnt. Mit Recht betont er Soloveitchiks strikte Ablehnung des christlich-jüdischen Dialogs und seine positive Einstellung im Blick auf eine Zusammenarbeit in säkular-ethischen und gesellschaftlichen Fragen. Diese in seinem Aufsatz „Confrontation“ (1964) dargelegte Meinung wurde dann auch vom „Rabbinical Council of America“ und von fast allen orthodoxen Kreisen übernommen.

Trotzdem wagt es der Verfasser, seine Einführung in Soloveitchiks Denken in der Reihe „Judentum und Christentum“ zu veröffentlichen, als lägen beide Begriffe auf der gleichen Ebene, als sei Judentum eine Religion wie das Christentum. Aber das lässt sich durchaus rechtfertigen, da Rutishauser im Gegensatz zur weithin akzeptierten Interpretation von „Confrontation“ nicht nur von zwei, sondern von drei Ebenen spricht: des Glaubens, der Religion/Kultur und der säkularen Zusammenarbeit. „Im Bereich der Religion, d. h. der kulturellen Vermittlung des Glaubens, öffnet Soloveitchik das theologische Gespräch zwischen Judentum und Christentum“ (262).

Hier muß m. E. vor der Gefahr des Eindringens der Religions-/Kulturebene in die Glaubensebene gewarnt werden. Rutishauser sieht hier eine Chance für den interreligiösen Dialog. Yeschayahu Leibowitz (1903–1994) lehnte bekanntlich jeden Dialog mit allen Lagern des verus Israel ab, ist aber bereit zu theologischen Gesprächen mit den seit Markion existierenden anti-verus Israel Bewegungen und mit allen anderen Religionen. Der Verfasser kennt wahrscheinlich die antikatholischen Aufsätze von Leibowitz, dessen „holzschnittartiges und polemisches Argumentieren“ (271) im Gegensatz zu Soloveitchik dem christlichen Theologen keine Hoffnung gibt. Zu bemängeln ist der Schlüsselbegriff „halachozentrischer Humanismus“, der christlich angehaucht ist. Die Menschwerdung Gottes ist ja die Grundlage des christlichen Humanismus. Dagegen hat im halachischen Denken Humanismus nur Instrumentalcharakter. Rutishauser hätte den Begriff „halachozentrische Gottesverehrung“ wählen sollen und seine in Anmerkung 853 versteckte wahre Beurteilung des homo halachicus als Motto an den Anfang des Buches stellen sollen: „Der homo halachicus von Soloveitchik ist letztlich ganz von Gott her bestimmt.“

Aharon Shear-Yashuv, Jerusalem


Jahrgang 13 / 2006 Heft 4 Seite 307



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