Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Leseproben > Rezensionen ab Jg. 2001 > 1138  

Home
Leseproben
Artikel ab Jg. 2001
Rezensionen ab Jg. 2001

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Rainer Lemaire

Christliches Verstehen des Alten Testaments und das Verhältnis Kirche – Israel

Eine Untersuchung zur Berücksichtigung des Verhältnisses Kirche – Israel in christlichen Entwürfen zur Hermeneutik und Didaktik des Alten Testaments.

Dem Buch liegt eine von Johann M. Schmidt/Köln betreute Dissertation zugrunde. Der Verfasser zerlegt zunächst kirchliche Äußerungen im 20. Jh. bis zum Jahr 2001 auf ihre Auseinandersetzungen um das „Alte Testament“ und deckt dadurch ihr Verständnis der Beziehung zum Judentum auf.

Die Erforschung des AT vollzog sich in den ersten Jahrzehnten des 20. Jh. historisch-kritisch, religionsgeschichtlich und archäologisch, suchte aber auch nach theologischen Gründen für bzw. gegen die Bedeutung, die das AT für den Glauben von Christen habe. Nach 1933 traf die Herabwürdigung alles Jüdischen auch „die jüdische Schrift“. Die „Deutschen Christen“ traten für die Abschaffung bzw. für die Abwertung des AT ein. Die „Bekennende Kirche“ hielt an ihm fest und rang um seinen rechten Gebrauch. Unter dem Eindruck der Schoa setzte eine lebhafte Diskussion unter deutschsprachigen Theologen zu Problemen alttestamentlicher Hermeneutik ein. Im Kontext Biblischer Theologie gewichteten sie bis in die 1970er Jahre das Verstehen des AT.

Erneuerungsbestrebungen kirchlicher Gremien im Verhältnis Kirche – Israel seit 1980 öffneten einen anderen Verstehenszugang: Antijüdische Züge in der christlich-theologischen Hermeneutik wurden als Auslegung erkannt, die gegen das Judentum gerichtet ist. Jetzt bemühen sich katholische und evangelische Theologen um eine neue Wahrnehmung des AT, damit Christen ihre Entfremdung von den Juden durch antijüdische Einstellungen überwinden.

Die Mitte der Studie bilden die verschiedenen hermeneutischen Skizzen zum AT im 20. Jh. In den Positionen von Adolf von Harnack, Emmanuel Hirsch, Rudolf Bultmann, Friedrich Baumgärtel sowie von Antonius H. J. Gunneweg ermittelt der Autor die einzelnen Bestandteile, die das AT angeblich vom NT trennen. Gemeinsamkeiten zwischen beiden Testamenten erhebt er aus den hermeneutischen Entwürfen von Wilhelm Vischer, Karl Barth, Walter Zimmerli, Gerhard von Rad sowie von Hartmut Gese. Beispiele, die ausdrücklich die Frage nach dem Verstehen des „Ersten Testaments“ mit der nach dem Verhältnis Kirche – Israel verbinden, findet Lemaire in Veröffentlichungen von Horst D. Preuß, Erich Zenger, Christoph Dohmen, Rolf Rendtorff, Johann M. Schmidt. In Exkursen erforscht der Verfasser die Auswirkung der alttestamentlichen Hermeneutik von Hans- Joachim Kraus auf das Verhältnis der Kirche zum Judentum sowie hermeneutische Bezüge im Biblischen Kommentar zum AT.

In einem dritten Schritt wendet sich Lemaire den praktisch-hermeneutischen Konsequenzen zu. Er stellt fest, wie die unterschiedlichen hermeneutischen Orientierungen das Verhältnis Kirche – Israel in der Sicht didaktischer Pläne beeinflussen, solcher, die den Unterschied zwischen beiden Testamenten herausstellen, anderer, die Kontinuitäten zwischen AT und NT unterstreichen, und didaktischer Entwürfe, denen das Verhältnis Kirche – Israel ein positives Anliegen ist (Joachim Hoppe, Manfred Oeming, Ingo Baldermann, Ingrid Schmidt/Helmut Ruppel, Horst Klaus Berg).

In der Ergebniszusammenfassung zeigt Lemaire, wie sich hermeneutische und didaktische Entscheidungen für eine Verstehens- und Darbietungsweise des Ersten Testaments im Verhältnis der Kirche zum Judentum geltend machen und eine christlich-theologische Erneuerung vorantreiben oder aber verhindern. Er hat mit großer Sachkenntnis und methodischer Konsequenz eine gut lesbare Studie vorgelegt, die Lehrenden in Schule und Gemeinde und auch Studierenden zu wichtigen Einsichten verhilft.

Lemaire liegt an theologischen „Weichenstellungen“ (437, 441). Er will für Christen Maßstäbe gewinnen, die ihr Verstehen des Alten (Ersten) Testaments wecken und sie bei ihrer Weitergabe des Verstehens unterstützen, so daß sie dabei niemals das Verhältnis Kirche – Israel aus den Augen verlieren. Gerade deshalb irritiert der Ausdruck „Christliches Verstehen des Alten Testaments“. Diese sprachliche Wendung im Buchtitel und in der „Einführung in die Fragestellung“, nicht jedoch Lemaires kritische Ausführungen (besonders 152-156, 306-313, 331 f., 441-453), erinnern an die weiterhin unter vielen Christen wirksame Vorstellung, daß der ‚wahre‘ Sinn jüdisch-biblischen Redens sich auch für Juden erst „in Christus“ erschließe.

Die gemeinsame Bibel bildete den Lebensgrund für Juden zur Zeit Jesu und zugleich für diejenigen von ihnen, die die ersten Christen wurden. Die Autorität der jüdischen Bibel und die Werte aus dem biblischen Judentum einen – wie die Verehrung des Einen Gottes – Juden und Christen auch nach deren Lösung vom Judentum. Die unterschiedliche Anordnung der Schriften des AT hebt diese Gemeinsamkeit keineswegs auf. Das NT beruft sich auf die biblische Autorität mit Begriffen, die den Grundbestand der gemeinsamen Bibel von Juden und Christen darstellen: „Tora und Propheten“ oder „Mose und Propheten“.

Lemaires Anliegen läßt eine Formulierung anklingen, die Christen „den Weg einer nicht-antijüdischen Christologie“ (155) zum Verstehen des AT weist. Christen und Juden leben in der Erwartung der kommenden Gottesherrschaft. Warum sollten Christen „eine Bewegung der Kirche zu Israel hin“ ersehnen, die darauf zielt, „an Israels Erwählung [...] teilzuhaben“ (155)? Sollten sie sich nicht auf das Reich Gottes vorbereiten, indem sie das Bundesvolk auf seinem Weg durch die Geschichte begleiten? Dann müßten sie sich in der Gemeinschaft mit dem jüdischen Volk in die Gehorsamsnachfolge des Gottes Israels hineinbegeben und sich in ihrer Teilhabe an der Tora bewähren.


 

Jahrgang 13 / 2006 Heft 3 Seite 218



top