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Leo Trepp

Der jüdische Gottesdienst. Gestalt und Entwicklung.

Leo Trepps Darstellung „Der jüdische Gottesdienst“ zählt längst zu den Klassikern der Literatur über den jüdischen Gottesdienst. Wie der Untertitel des Buches ankündigt, besteht die Darstellung aus zwei Teilen: „Die Gestalt des Gottesdienstes“ (11-174) und „Die Entwicklung des Gottesdienstes“ (175-324).

Der erste Teil beschreibt nach kurzen Informationen über Gebetsbezeichnungen, Gebetszeiten, symbolische Handlungen und Symbole des Gottesdienstes detailliert die einzelnen Gebete in allen Gottesdiensten des gesamten jüdischen Jahres, d. h. Schabbat, Wochentage, Festtage und Feiertage. Der zweite Teil gibt einen Überblick über die Geschichte des jüdischen Gottesdienstes von der Frühzeit bis zu den Entwicklungen der 80er Jahre. Den verschiedenen Strömungen des Judentums wird dabei gebührend Rechnung getragen.

Die 1. Auflage erschien vor 13 Jahren und war lange vergriffen. Die vorliegende 2. „erweiterte Auflage“ ist streng genommen ein Nachdruck der 1. Auflage von 1992. Daher werden die neuere Literatur und die seit 1995 vor allem in Europa und den USA neu erschienenen Gebetbücher, die nun sämtlich in inklusiver Sprache sind, nicht genannt. Neu hinzugekommen ist jedoch das 43. Kapitel: „Gebete der Frauen“. Daher geht diese Rezension vor allem auf dieses Kapitel ein.

„Jüdische Tradition verpflichtet die Frau zu täglichem Gebet. Seit dem 9. Jahrhundert der gewöhnlichen Zeitrechnung haben sich alle Gebetbücher, trotz ihrer vielen Varianten, am Werk des Rav Amram Gaon orientiert. Frauen können jedes dieser in ihren Gemeinden eingeführten Gebetbücher benutzen. Dennoch erscheint uns das Gebet der Frau als etwas anderes als das Gebet des Mannes.“

Damit beginnt Rabbiner Trepp das Kapitel „Gebete der Frauen“. Dann skizziert er das „Wesen des Frauengebets, beginnend in biblischer Zeit“ (293 f.) und definiert den Charakter von Frauen durch Wärme und Mütterlichkeit: „Das Persönliche, im Flehen wie im Dankgesang, dringt durch, eine heilende Wärme durchzieht die Worte der Frauen, ein Muttergefühl bewegt sie“ (293). Im Abschnitt „Hanna als Vorbild“ wird 1 Samuel 2 als die Quelle der wichtigsten Religionsgesetze über die Art und Weise des Betens vorgestellt (294 f.). Es folgt ein Abriß über „die Stellung der Frau“ in biblischer Zeit.

Die weitere Geschichte des Gebets von Frauen liest sich als eine Verdrängungsgeschichte des Weiblichen. Die Gemeinde und das Lehrhaus wurden zu einer Gemeinschaft von Männern. „Damit verschlechterte sich die Lage der Frau“ (295). Frauen übernahmen zunächst einige Verpflichtungen freiwillig, im Laufe der Zeit verhärteten sich die Anordnungen der Rabbinen. Gebote, von denen Frauen dispensiert waren, durften auch nicht mehr freiwillig befolgt werden (z. B. das Tragen der Gebetsriemen und des Gebetsschals). Auch vom Studium der Tora wurden Frauen ausgeschlossen. „Man läßt sie nicht um der Ehre der Gemeinde willen (bMeg 23a). ‚Gemeinde‘, das waren die Männer. Hätte sich eine Frau ihnen überlegen gezeigt, so hätten sie sich in ihrer Ehre verletzt gefühlt. Dies durfte nicht sein“ (296).

Rabbiner Trepp geht der Entwicklung des Frauengebets nach. Die Quellen für seine Aussagen werden angegeben, zum Teil wörtlich bzw. in Übersetzung zitiert. Im Zentrum des Kapitels steht die Darstellung, wie sich Frauen innerhalb der männerdominierten religiösen Welt verhielten. Trepp berichtet über die Frauensynagoge im mittelalterlichen Worms, die eine eigene Vorbeterin hatte. Dann stellt er die osteuropäischen jiddischen Frauengebetbücher (Techines) vor, die Gebete von Bertha Pappenheim (1859-1936) und die neuesten amerikanischen Entwicklungen, vor allem den Sefer Ha-Berachot – The Book of Blessings von Marcia Falk, erschienen 1996. Die Darstellung wird um viele Zitate aus diesen Werken aufgelockert. Die seit 1816 erscheinenden deutschsprachigen Frauengebetbücher werden jedoch nicht erwähnt. Die bekanntesten sind z. B. das Gebetbuch Hanna, hg. von Jacob Freund, Breslau 1867 (Neueste Auflage Breslau 1908) und Fanny Neuda, Stunden der Andacht, Prag 1855 (26. Aufl. bearbeitet von Martha Wertheimer, Frankfurt 1936). Das Kapitel gibt jedoch auch ohne sie einen guten Überblick über das Gebet von Frauen.

Die Darstellung der Entwicklung des Gottesdienstes in den übrigen Kapiteln dieses Nachdrucks aus 1992 endet mit den amerikanischen Gebetbüchern aus den 70er und 80er Jahren (257-272). 13 Jahre später sieht dieLage jedoch anders aus. Die Gebetbücher des Rekonstruktionismus liegen inzwischen vor und die amerikanische Reformbewegung arbeitet derzeit an einem neuen Gebetbuch. Bereits seit Mitte der 90er Jahre, d. h. kurz nach Erscheinen der 1. Auflage von „Der jüdische Gottesdienst“, erschienen etliche neue Gebetbücher in den USA, aber vor allem auch in Europa. Vor zehn Jahren erschien das amerikanische Gebetbuch Gates of Prayer. A Gender Sensitive Prayerbook, hg. von Chaim Stern (1995). Der Untertitel benennt die Neuerung: Es ist der erste Siddur, der durchgehend nicht-exklusive Sprache benutzt.

Im gleichen Jahr führen die liberalen Synagogen in Großbritannien den Siddur Lew Chadasch ein, die konservativeren Reform Synagogues of Great Britain publizierten Forms of Prayer (vol. III:) Pilgrimage Festivals. Beide Bücher verwenden nun mit Selbstverständlichkeit geschlechtsneutrale Sprache. Auch das Gebetbuch der konservativen Bewegung in den USA, Sim Shalom, erschien 1998 in einer revidierten Version, die nun Frauen berücksichtigt.

Sämtliche seit 1995 publizierten liberalen Gebetbücher in Deutschland (1997), der Schweiz (1998 dt.; 2000 frz.), den Niederlanden (1996), Frankreich (1997), neben etlichen anderen liberalen und konservativen in den USA und Israel folgen mit Selbstverständlichkeit folgenden Grundsätzen: Der Gottesname wird nicht einseitig maskulin übersetzt. Die für Gott verwendeten Bilder sind nicht einseitig maskulin. Die hebräischen Formen im 1. Sing. sind maskulin und feminin. Exklusive Gebete wie „daß du mich nicht als Frau gemacht hast“ gibt es nicht mehr. Neben den Erzvätern werden durchgehend auch die Erzmütter erwähnt. Die Gebetstexte wurden sowohl von Männern wie von Frauen verfaßt, die Tradition der Frauengebete wird rezipiert. Zum Teil werden spezifische Erfahrungen und Lebenssituationen von Frauen berücksichtigt. Die früher als parallele Entwicklung verlaufende Tradition der Frauengebete wurde seit Mitte der 90er Jahre zu einem wesentlichen Aspekt von liberalen und konservativen Gebetbüchern.

Es ist sehr gut, daß Leo Trepps Darstellung des jüdischen Gottesdienstes wieder auf dem Buchmarkt erhältlich ist. In der Beschreibung der Gestalt des Gottesdienstes ist dieses Werk in seiner Präzision ein unverzichtbares Werk. Es ist gut zu sehen, daß die Gebete von Frauen nun in der Neuauflage dieses Klassikers ganz selbstverständlich als ein Teil der Entwicklung des jüdischen Gottesdienstes dargestellt werden.

Annette M. Böckler, Heidelberg


Jahrgang 13 / 2006 Heft 2 Seite 152



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