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She’ar Yashuv Cohen

Die Rolle der Heiligen Schriften in Gebet und Liturgie des Judentums

Es ist ein Privileg und eine Ehre, als besonderer Gast und als Vertreter des Judentums und des Oberrabbinats von Israel zu dieser Versammlung eingeladen zu sein. Ich glaube, es ist das erste Mal, dass ein Rabbiner bei einer Vollversammlung der Bischofssynode spricht. Wir wissen unsererseits die Bedeutung dieser Geste sehr wohl zu schätzen. Zwischen unserem Volk und unserem Glauben und der Katholischen Kirche steht eine lange, schwierige und schmerzvolle, von Blut und Tränen getränkte Geschichte. Meiner Anwesenheit, dessen bin ich mir zutiefst bewusst, ist ein Zeichen der Hoffnung, eine Botschaft der Liebe, der Koexistenz und des Friedens, für uns und für die kommenden Generationen. Und sie steht für die Weiterführung der Beziehungen, die Papst Johannes XXIII. eingeleitet hat, und die im Leben und Wirken von Papst Johannes Paul II. – vor allem in seinem historischen Besuch im Heiligen Land – ihren Höhepunkt erreichten.

Ihre Einladung ist auch eine Bestätigung, dass Sie Ihrerseits jene Richtung und Lehre weiterzuführen gedenken, die uns „Unsere älteren Brüder“ nannte und „G-ttes erwähltes Volk“, mit dem Er einen ewigen Bund geschlossen hat, – eine Aussage, die wir zutiefst zu schätzen wissen. Ich danke G-tt, der uns diesen Tag gemeinsam erleben lässt, und uns gebietet, uns weltweit für Frieden und Koexistenz einzusetzen. Amen.

Die Tora als Mitte der jüdischen Liturgie

Ich wurde gebeten, über die Rolle der Heiligen Schriften sowohl in der jüdischen Liturgie und Gebetstradition als auch für die Ausübung des Rabbineramtes zu sprechen. In der Ausübung der jüdischen Religion nehmen die Heiligen Schriften eine zentrale Stellung ein. Darum wendet sich auch in jeder Synagoge der Welt die betende Gemeinde – morgens, mittags und abends – stets dem „Aron ha-Kodesch“, dem Toraschrein, zu. Der Toraschrein enthält die von einem Spezialisten handgeschriebene Tora, d. h. die „Fünf Bücher Mose“. Mancher Toraschrein enthält nur eine Rolle, aber meist sind es mehrere Rollen. Die Torarollen sind entweder in einem „Toramantel“ oder in einer festen Kapsel aufbewahrt.

Toralesung 

Toralesung. Ausschnitt aus dem Torawimpel von Gershon Seltz, Deutschland, 1843.

 

Zur Verlesung wird die Tora in einer sehr bewegenden Zeremonie aus dem Toraschrein gehoben und unter traditionellen Gesängen zur Bima (Lesepult) getragen, von wo aus der entsprechende Wochenabschnitt verlesen wird. Während dieser feierlichen Aushebung erhebt sich die Gemeinde, und viele küssen ehrfürchtig die Tora. Auch jeder, der zur Lesung aufgerufen wird, küsst sie ehrfürchtig, bevor er das Segensgebet spricht, in dem wir G-tt danken, dass Er uns die Tora gegeben hat:

„Gelobt seist Du, Ewiger, unser G-tt, König der Welt,
der uns erwählt hat aus allen Völkern und uns die Tora gegeben hat.
Gelobt seist Du, Ewiger, der die Tora gegeben.“

Am Ende der Lesung seines Abschnitts (Haftara) küsst der Aufgerufene erneut die Tora und spricht einen weiteren Segen (Beracha):

„Gelobt seist Du, Ewiger, unser G-tt, König der Welt,
der uns die Lehre der Wahrheit gegeben
und ewiges Leben in uns gepflanzt hat.
Gelobt seist Du, Ewiger, der die Tora gegeben.“

Nach der Lesung wird die Torarolle hochgehoben, damit sie alle sehen können, und alle verneigen sich in Ehrfurcht und sprechen:

„Das ist die Lehre, die Mosche vor die Kinder Israels gelegt,
auf Befehl G-ttes durch Mosche.
Ein Baum des Lebens ist sie denen, die an ihr festhalten,
wer sie ergreift, ist glücklich.
Ihre Wege sind Wege der Lieblichkeit, alle ihre Pfade Frieden.
Länge der Tage in ihrer Rechten,
in ihrer Linken Reichtum und Ehre.
Der Ewige hat Wohlgefallen um seiner Gerechtigkeit willen,
groß zu machen die Tora und zu verherrlichen.“

An Schabbat wird aber nicht nur aus dem Chumasch (Pentateuch) gelesen. Wenn der letzte von den mindestens sieben Personen, die für die Lesung des „Wochenabschnitts” vorgesehen waren, aufgerufen wird, wiederholt dieser die zuletzt verlesenen Sätze aus der Tora und fährt dann fort mit einem Abschnitt aus den Propheten, der sich auf den eben vorgetragenen Wochenabschnitt bezieht.1

Wie vor der Toralesung wird auch vor der Prophetenlesung ein Segen (Beracha) gesprochen und vier weitere Berachot werden nach der Lesung gesungen. Als Beispiel werde ich nun die erste Beracha nach der Prophetenlesung singen, deren Worte den Wert und die Bedeutung der Tora preisen und die zentrale Rolle des Wortes G-ttes in unserem G-ttesdienst und in unseren Gebeten zusammenfassen:

„Gesegnet seist Du, Herr unser G-tt,
König der Welt, Fels aller Zeiten,
gerecht in allen Geschlechtern,
treubewährter G-tt, der verheißt und vollbringt,
spricht und erfüllt,
dessen Worte alle Wahrheit sind und Recht.
Treu bewährt bist Du, Herr unser G-tt,
und treubewährt sind Deine Worte,
und nicht ein Wort von Deinen Worten wird leer zurückkehren,
denn treubewährter und barmherziger G-ttkönig bist Du.
Gesegnet seiest Du, Herr,
der treubewährte G-tt in allen seinen Worten.“

Der TaNaCh – Grundlage aller Gebete

Wenn wir von den Heiligen Schriften sprechen, meinen wir den TaNaCh (Tenach), der aus der Tora (fünf Bücher Mose, auch Chumasch genannt), den Nevi’im (Prophetenbücher) und den Ketuvim (zusätzliche Schriften [Hagiographen]) besteht. Alle Schriften zusammen sind Quelle und Inspiration für unsere Gebete und unsere G-ttesdienste. Jeder ist verpflichtet, die Schriften zu studieren, sie zu verstehen und in seinem Herzen zu bewahren, und ihren ewigen Wert und ihre ewige Gültigkeit zu würdigen.

Die zentrale Rolle der Heiligen Schriften in unserer Tradition zeigt sich vor allem darin, dass unsere Gebete sich stets auf die Heiligen Schriften stützen und sich um Worte aus den Schriften ranken. Wenn wir zu G-tt beten, wenn wir Ihn preisen, sprechen wir mit Seinen eigenen Worten, wie sie uns in den Schriften überliefert sind. Wenn wir um Sein Erbarmen bitten, wiederholen wir die Versprechungen, die Er unseren Vorfahren und uns zugesprochen hat. Unser gesamter G-ttesdienst basiert somit auf jener Regel, die uns unsere Rabbinen und Lehrer übermittelt haben:

„Gib Ihm, was Ihm gehört, denn du und die deinen, ihr seid Sein.“

Das Gebet ist für uns die Sprache, durch die sich die Seele mit Gott verbindet. Wir glauben aufrichtig, dass unsere Seele Ihm gehört, denn Er hat sie uns gegeben. Darum beten wir jeden Morgen nach dem Aufwachen das Dankgebet:

„Gelobt seist Du, Ewiger, König der Welt,
der Du mir in Gnade meine Seele zurückgegeben hast,
denn groß ist Deine Barmherzigkeit.“

Und nach dem Händewaschen – so hat man uns gelehrt – sprechen wir folgende Bibelworte:

„Weisheit beginnt mit der Furcht des Herrn, alle,
die danach leben, sind klug.
Seine Treue hat Bestand für immer“ (Ps 111,10).

„Mose hat uns eine Weisung übergeben,
ein Erbe für das Volk Israel“ (Dtn 33,4).

„Höre, mein Sohn, auf die Unterweisung deines Vaters,
missachte nicht die Lehre deiner Mutter!“ (Spr 1,8).

Im Folgenden möchte ich aus den zahlreichen Bibelstellen, die im Zentrum unserer Gebete stehen, einige Beispiele herausgreifen. So sprechen wir z. B. jeden Morgen beim Betreten der Synagoge Worte aus der Bibel, die uns dann während des ganzen G-ttesdienstes begleiten. Dazu gehören Lobpreisungen aus den Schriften, vor allem aus den Psalmen, und – als Abschluss – das „Schilfmeerlied“ (Ex 14,30–15,19). Dann folgt das „Höre, Israel“ – „Schma’ Israel“, das vor und nach der Lesung der berühmten Kapitel aus Deuteronomium (5,1; 6,4) und Numeri (15,37–41), die mit den Worten „Höre, Israel, der Ewige ist unser G-tt, der Ewige ist Einzig“ beginnen, gesprochen wird.

So könnten zahllose weitere Beispiele aus dem jüdischen Gebetbuch (Siddur = Ordnung) angeführt werden, die zeigen, wie jüdisches Gebet zwar auf den Heiligen Schriften basiert, der Beter aber dennoch den sehr persönlichen und emotionalen Charakter der Gebete – das Wunder der Preisung G-ttes, die Freude des Dankgebetes, das Empfinden eines gebrochenen Herzens, die Sehnsucht nach Vergebung und Sühne – erfährt.

All diese Gebete werden nicht nur vom Rabbiner oder vom Kantor gesprochen. Jeder einzelne, ob jung oder alt, liest sie entweder aus dem Siddur oder spricht sie auswendig. Damit werden diese vielen Bibelzitate Teil der innersten Persönlichkeit des Beters, ein integraler Bestandteil seines Erbes. Kinder werden schon sehr früh in die Bibel eingeführt. Ich selbst wurde von meinem eigenen Vater David Cohen, dem Rabbiner und berühmten Nazir von Jerusalem, unterrichtet, und lernte den TaNaCh auswendig. Bis heute ist in jeder religiösen Schule das Bibelstudium Pflichtfach.

Aber nicht nur in den Gebeten, sondern auch in den Predigten stützen Rabbiner ihre Argumentation immer auf Bibeltexte und auf deren Interpretationen, so wie unsere Weisen uns über Generationen hin gelehrt haben, seien es Themen wie z. B. die Heiligkeit des Lebens, Brüderlichkeit und Mitmenschlichkeit, Liebe und Frieden, oder Respekt für Andere und Andersartige, sexuelle Ausschweifung, Kampf gegen Säkularismus usw. Das heißt, auch wenn wir in moderner Alltagssprache heutige Probleme ansprechen, schöpfen wir doch immer aus dem Reichtum unserer religiösen Tradition. Dabei staunen wir immer wieder aufs Neue, dass die Heiligen Schriften weder an Aktualität noch an Relevanz zu den Problemen unserer modernen Zeit verloren haben. Das ist das Wunder des alles überdauernden „ewigen Wortes G-ttes“.

Die bleibende grundlegende Rolle der Heiligen Schriften im Leben des modernen Staates Israel zeigt sich u. a. auch daran, dass bereits seit fünfzig Jahren ein „Bibelquiz“ zu den Hauptereignissen der jährlichen Feier der Unabhängigkeit des Staates Israel zählt. Die Mädchen und Jungen kommen nicht nur aus religiösen Schulen, sondern auch aus den sogenannten säkularen Kreisen. Die Schlussveranstaltung des Wettbewerbs findet statt in Anwesenheit des Staatspräsidenten, des Ministerpräsidenten, des Erziehungsministers, des Bürgermeisters von Jerusalem sowie vieler anderer Prominenter und mit entsprechend breiter Berichterstattung in den Medien.2 Schließen möchte ich mit dem Gebet aus den berühmten Worten des Propheten Jesaja über die zukünftige Welt:

„Dann wohnt der Wolf beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein.
Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Knabe kann sie hüten.
Kuh und Bärin freunden sich an, ihre Jungen liegen beieinander. Der
Löwe frisst Stroh wie das Rind.
Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter, das Kind streckt seine
Hand in die Höhle der Schlange.
Man tut nichts Böses mehr und begeht kein Verbrechen auf meinem ganzen
heiligen Berg;
denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des Herrn, so wie das Meer
mit Wasser gefüllt ist“ (Jes 11,6–9).

Mögen wir gesegnet sein, dass es in unseren Tagen geschieht. Amen!

Toralesung.
Ausschnitt aus dem Torawimpel von Gershon Seltz, Deutschland 1843.


Rabbiner Eliyahu Yosef She’ar Yashuv Cohen, geb. 1927, aschkenasischer Oberrabbiner von Haifa, sprach am 6. Oktober 2008 vor der Generalversammlung der Bischofssynode im Vatikan. Rabbiner Cohen ist engagiert im Dialog zwischen der Vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen mit dem Judentum und dem Oberrabbinat in Israel. Zum ersten Treffen der Dialoggruppe in Jerusalem vgl. Norbert Johannes Hofmann, Vatikan und Oberrabbinat im Dialog, in FrRu 11(2004)186–193.

In der Übersetzung aus dem Englischen (E. Weidinger) wurde die im Originaltext verwendete Schreibweise „G-d“ aus Respekt vor dem jüdischen Gebot, den Namen des Ewigen weder auszusprechen noch zu schreiben, in der Schreibweise „G-tt“beibehalten.

  1. Im Laufe des Jahres wird auch wiederholt aus den Weisheitsbüchern [Schriften] gelesen.
  2. Anm. d. Red.: Am Schluss der Ausführungen über die Tora fügte Rabbiner Cohen hinzu: „Ich kann diese Ausführungen nicht beenden, ohne unser Entsetzen über die furchtbaren und bösartigen Worte des Präsidenten eines bestimmten Staates im Nahen Osten anlässlich seiner Ansprache vor der UN-Vollversammlung im vergangenen Monat zum Ausdruck zu bringen. (Am 23. Sept. 2008 hatte Irans Präsident Mahmoud Ahmadinedschad den Untergang Israels prophezeit und die Fortsetzung des iranischen Atomprogramms angekündigt.) Die falschen und gehässigen Anschuldigungen, die Drohungen und die antisemitische Hetze wecken in uns die Erinnerung an die Tragödie unseres Volkes und an die Opfer der Schoa, eine Tragödie, die sich – so hoffen und beten wir – nie mehr wiederholen darf. Wir hoffen auf Ihre Hilfe und auf die Hilfe der gesamten freien Welt, dass Sie Israel, den einzigen unabhängigen Staat des „Volkes des Buches“ schützen und verteidigen und aus der Hand seiner Feinde erretten werden.

Jahrgang 16 / 2009 Heft 2 Seite105



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