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Hanspeter Heinz

So darf die Kirche nicht beten!

Karfreitagsfürbitte „Für die Juden“

Die von Papst Benedikt XVI. am 4. Februar 2008, zwei Tage vor Aschermittwoch, promulgierte Karfreitagsfürbitte „Für die Juden“ hat heftige internationale Proteste von Juden und Christen ausgelöst. Warum diese neue Fürbitte und warum solche Empörung?

Vor einem halben Jahr hatte Papst Benedikt die Erlaubnis zur Feier der vorkonziliaren „tridentinischen Messe“ nach dem Messbuch von 1962 wesentlich erweitert, um die kleine Gruppe der Traditionalisten wieder mit der Kirche zu versöhnen, ihre Abspaltung teils zu verhindern, teils rückgängig zu machen. Er hat auch nie einen Hehl daraus gemacht, dass er selbst ein Liebhaber des alten lateinischen Ritus ist. In Briefen und öffentlichen Erklärungen hatten Juden und Katholiken, auch die Deutsche Bischofskonferenz, darum gebeten, ebenfalls für die alte lateinische Messe die nach dem Konzil ganz neu verfasste Karfreitagsfürbitte „Für die Juden“ verpflichtend vorzuschreiben, denn in der traditionellen Fürbitte spiegelte sich die durch das Konzil verurteilte unchristliche Judenfeindschaft der Kirche wider. Diesen Bitten ist der Heilige Vater leider nicht gefolgt. Das ruft die Mutmaßung hervor, dass ihm offenbar die Rücksichtnahme auf die Traditionalisten wichtiger ist als die Rücksichtnahme auf die religiösen Gefühle der Juden. Stattdessen hat der Papst für die sogenannte tridentinische Messe eine eigene Fürbitte verfasst. In deutscher Übersetzung lautet der erste Satz, der zum Stolperstein wurde:

„Lasset uns beten für die Bekehrung der Juden. Dass unser Gott und Herr ihre Herzen erleuchte, damit sie Jesus Christus als den Heiland aller Menschen anerkennen [...].“

Was aber ist an diesem Gebet so schlimm – zumal auch dieses Jahr am Karfreitag in fast allen katholischen Gottesdiensten die Liturgie im nachkonziliaren Ritus gefeiert wurde?

Eine gefährliche Erinnerung

Beim Thema „Judenmission“, auch wenn das Wort selbst in der von Benedikt XVI. verfassten Fürbitte nicht vorkommt, werden bei den Juden sofort alte Ängste wachgerufen. Wenn von ihrer Bekehrung zum Christentum die Rede ist, wird genau die Stelle getroffen, an der ihre Nerven blank liegen, wo ein historisches Trauma mit all seinen Schrecken wachgerufen wird. Denn die Karfreitagsfürbitte hat eine über tausendjährige, bittere Vorgeschichte. Das fromme Gebet der Christen war zugleich eine Beleidigung der Juden, die im Gebet als verblendet, verstockt und perfide (untreu, ungläubig) bezeichnet wurden. Zudem gab es im Mittelalter für Juden regelrechte Ausgangsverbote in der Karwoche, weil christliche Prediger so heftig die Juden als Gottesmörder anklagten, dass es für sie gefährlich war, die Häuser zu verlassen. Die Folge waren seit dem Mittelalter bis ins 19. Jahrhundert harte Demütigungen und gefährliche Ausschreitungen nach dem Karfreitagsgottesdienst. Diese Geschehnisse sind zwar vergangen, aber keineswegs vergessen. Im kollektiven Gedächtnis der Juden bleiben sie aufgehoben. Deshalb sind für alle Zeiten die Karfreitagsliturgie und insbesondere die Fürbitte für die Juden ein liturgischer Ort, an dem höchste Sensibilität geboten ist. Ja, selbst die Katastrophe der Schoa ist beim Thema Judenmission als gefährliche Erinnerung präsent.

Am 9. März 2006 traf sich in Berlin erstmals der für die Beziehungen zu den Juden zuständige Repräsentant des Vatikans, Kardinal Walter Kasper, mit der deutschen Rabbinerkonferenz.1 Beim anschließenden Festakt griff Landesrabbiner Dr. Henry Brandt, der Vorsitzende der Rabbinerkonferenz, in seiner Rede die Problematik mit drastischer Deutlichkeit auf:

„Herr Kardinal, Sie haben das Thema der Mission angesprochen. Ich möchte hier nicht weiter darauf eingehen, aber es muss zur Kenntnis genommen werden, dass besonders in Deutschland die Mission an Juden ein rotes Tuch ist. Insbesondere hier ist jede Idee, jeder Anflug der Möglichkeit einer Judenmission quasi ein feindlicher Akt, eine Fortsetzung der Untaten Hitlers den Juden gegenüber auf anderer Ebene. Das ist hart, aber ehrlich gesagt, denn so wird es von uns empfunden. Deswegen muss die Absage an eine Missionierung von uns Juden radikal und vorbehaltlos sein. Freilich bedeutet dies nicht, dass Christen wie auch Juden nicht verpflichtet wären, unter Bedingungen der Freiheit Zeugnis für ihren Glauben abzulegen. Dazu gehört unweigerlich auch das Risiko, dass dieses Zeugnis jemanden dazu motivieren könnte, gleichsam die Seiten zu wechseln. In einer freien Gesellschaft muss dieses Risiko akzeptiert werden.“

Heute fürchten die Juden zwar nicht mehr ein gewalttätiges Vorgehen der Kirche. Aber auch die „sanfte Form“ der Judenmission halten sie für tödlich, weil die Bekehrung zum Christentum nicht die Juden als Volk, wohl aber die jüdische Religion auslöschen würde. Deshalb musste das von Papst Benedikt neu formulierte Gebet, „Gott möge die Herzen der Juden erleuchten, auf dass sie Ja zu Jesus Christus sagen“, von ihnen als elementare Bedrohung verstanden werden.

Zwar hat Kardinal Kasper einige Tage nach der kommentarlosen Publikation der Fürbitte gesagt, das Gebet drücke „die endzeitliche Hoffnung der Kirche“ aus: dass am Ende der Geschichte alle Menschen Jesus Christus als ihren Erlöser anerkennen. Aber um die Ängste der Juden ernst zu nehmen, wäre außerdem – und zwar im Namen des Papstes – ausdrücklich zu erklären, dass die Kirche Gott selbst die Initiative überlässt und nicht von sich aus die Juden zum Glauben an Jesus Christus und zum Eintritt in die Kirche auffordert. Das aber ist nicht geschehen. So war der Eklat klar voraussehbar.

Keine Wertschätzung der Würde Israels

Solche Ängste hat die von Papst Paul VI. im Sinne des Konzils erneuerte Karfreitagsliturgie nicht geweckt. Sie lautet seit 1970:

„Lasst uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat: Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluss sie führen will.

Allmächtiger, ewiger Gott, du hast Abraham und seinen Kindern deine Verheißung gegeben. Erhöre das Gebet deiner Kirche für das Volk, das du als erstes zu deinem Eigentum erwählt hast: Gib, dass es zur Fülle der Erlösung gelangt. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.“

Der Unterschied ist augenfällig: Zum einen bekundet die Kirche in diesem Gebet unmissverständlich ihre Wertschätzung für die Würde Israels, Gottes erwähltem Volk, mit dem Gott einen Bund geschlossen hat, den Er nie gekündigt hat, noch je kündigen wird, wie das Konzil mit dem Apostel Paulus bekennt (Nostra aetate 4, Röm 9,4 und 11,29). Zum anderen sagt das Gebet, dass die Juden in der Treue zu Gottes Bund und in der Liebe zu seinem Namen leben, also bereits auf dem Weg des Heils sind. Die Kirche bittet darum, dass Gott sie auch zum Ziel der Erlösung führt.

Vom Glauben der Juden an Jesus Christus als Bedingung für ihr Heil ist in dieser Fürbitte nicht die Rede. Das ist auch gar nicht nötig, weil die Kirche darauf vertrauen darf, dass Gott die Juden durch die Treue zu ihrem Gottesbund zum Heil führen wird. Dieses Vertrauen kann sich nicht nur auf den Römerbrief des Apostels Paulus, sondern auch auf die Bergpredigt stützen, in der es heißt:

„Nicht jeder, der zu mir ‚Herr, Herr’ sagt, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters tut“ (Mt 7,21).

Die matthäische Gemeinde erkennt damit an, dass es in der Treue zur Tora eine Erlösung gibt, die sich nicht auf Jesus berufen muss. Darum eint die Hoffnung auf die vollendete Erlösung Juden und Christen mehr, als sie die christliche Jesusinterpretation trennt.2

Ein für die Liturgie untaugliches Gebet

Seit der kommentarlosen Veröffentlichung der neuen Fürbitte sind Enttäuschung, Verletztheit, Proteste und Anfragen, wie der Autor den Text verstanden wissen wolle, nicht zur Ruhe gekommen. Papst Benedikt will, wie Kardinal Kasper öffentlich erklärt hat, seine Fürbitte nicht zugunsten der auch von Juden gutgeheißenen Bitte von Papst Paul VI. zurückziehen. Nur eine authentische Erklärung bzw. Klarstellung durch Kardinalstaatsekretär Tarcisio Bertone, den zweiten Mann im Vatikan, ist mehrfach angekündigt, aber bis Karfreitag nicht erfolgt.

Es fällt schwer, dieses sechswöchige Schweigen mit der Liebe zu vereinbaren, die Papst Benedikt in seiner ersten Enzyklika so überzeugend als Fundament und Mitte des Christentums dargestellt hat. Vielmehr hätte man erwarten dürfen, dass er die Juden um Vergebung bäte, weil er seinen Brüdern – und die Juden sind unsere „älteren Brüder“ (Johannes Paul II.) – eine so schmerzliche Wunde zugefügt hat und sie seitdem sich selbst überlässt. Eine solche Geste würde auch der Auslegung des Herrenwortes von Mt 5,23 f. in seinem Jesusbuch entsprechen:

„Unversöhnt mit dem Bruder kann man nicht vor Gott hintreten; ihm zuvorzukommen in der Geste der Versöhnung, ihm entgegenzugehen, ist Voraussetzung rechter Gottesverehrung.“3

Aber mit einer Vergebungsbitte allein wäre es nicht getan. Denn das vom Papst neu formulierte Gebet ist ein missglückter, weil missverständlicher und in sich widerspruchsvoller Text. Nur durch eine gewalttätige Interpretation könnten die Lücken geschlossen und die Gegensätze geradegebogen werden. Wenn etwa Kardinal Kasper erläutert, das Gebet drücke theologisch korrekt die eschatologische Hoffnung der Kirche aus, wie doch das Pauluszitat klar anzeige, kann der Rettungsversuch nicht überzeugen. Denn zum einen ist diese Interpretation aus dem ersten Satz über die Anerkenntnis Jesu als Retter der Welt nicht herauszulesen, sondern höchstens hineinzuinterpretieren.

Zum anderen wird im zweiten Satz das eschatologische Zitat in Röm 11,25 f. vom Papst in eine geschichtliche Aussage umgebogen. Denn der „Eintritt der Fülle der Völker in die Kirche“ ist ein geschichtlicher Prozess, während das Pauluswort vom Eintritt der Völker in das Reich Gottes vom Ende bzw. der Vollendung der Geschichte spricht. Mit dem Bekenntnis der Kirche, dass Jesus als Erlöser zum Heil der ganzen Welt gekommen ist und am Ende der Geschichte als der in der Schrift verheißene Messias wiederkommen wird, können die Juden leben gemäß dem bekannten Ausspruch des Religionsphilosophen Franz Rosenzweig (1886–1925): „Ob Jesus der Messias war, wird sich zeigen, wenn der Messias kommt.“ Aber nicht leben können sie mit der Forderung oder Aufforderung, um ihres Heiles willen müssten sie sich zu Jesus Christus bekehren, an ihn glauben. Denn die Notwendigkeit der Bekehrung würde ihren Gottesbund nicht als vollgültigen Weg zum Heil anerkennen, sondern ihn als insuffizient abwerten.

Diese und andere irritierende Fragen, die in der Stellungnahme des Gesprächskreises des ZdK vom 29.2.2008 aufgelistet sind, machen die neue Fürbitte für die Liturgie untauglich. Denn der Text widerspricht klar der Maßgabe der Liturgiekonstitution des Zweiten Vatikanums:

„Die Riten mögen den Glanz edler Einfachheit an sich tragen und knapp, durchschaubar und frei von unnötigen Wiederholungen sein. Sie seien der Fassungskraft der Gläubigen angepasst und sollen im Allgemeinen nicht vieler Erklärungen bedürfen“ (Sacrosanctum Concilium, 34).

Der Text der neuen Fürbitte ist hingegen wegen seiner Ungereimtheiten und Missverständlichkeit nicht verbesserungsfähig. Er muss zurückgenommen werden. Und wenn der Papst dazu nicht bereit ist?

Die Juden nicht im Stich lassen

So ernst und nachhaltig die aktuelle Störung aus Rom auch sein mag, ist sie doch für mich und für viele jüdische und christliche Freunde kein hinreichender Grund, die 45-jährige Arbeit an einer vertrauenswürdigen und belastbaren Beziehung zwischen Juden und Christen grundsätzlich in Frage zu stellen. Trotz Stolpersteinen gilt es, auf dem eingeschlagenen Weg voranzuschreiten! Im Übrigen bete ich seit Aschermittwoch für die Bekehrung von Papst Benedikt: Dass unser Gott und Herr sein Herz erleuchte, damit ihm eine größere Sensibilität für die religiösen Gefühle Andersdenkender zuteil werde.

Für die Zukunft des christlich-jüdischen Dialogs sind wir auch an offenen und öffentlichen Stellungnahmen deutscher Bischöfe sehr interessiert, zumal das schriftliche Votum der Bischofskonferenz für den Wortlaut von 1970 vom Papst nicht beachtet wurde. Bis Ostern hat sich aus Deutschland nur der Aachener Bischof Heinz Mussinghoff, Leiter der Unterkommission für die Beziehungen zum Judentum, mit der Bemerkung geäußert, er selbst sei „unglücklich mit der Formulierung“ und hoffe auf baldige klärende Gespräche mit den Rabbinern in Deutschland (dpa vom 6.3.2008). Ferner haben sich die beiden deutschen Kurienkardinäle Paul Josef Cordes und Walter Kasper am 20.3.2008 zu Wort gemeldet. Kardinal Cordes verwies im Deutschlandfunk zur Rechfertigung des Gebets der Kirche für die Bekehrung der Juden darauf, dass es selbst im Judentum die Bewegung messianischer Juden gebe.

Ausführlich argumentierend hat nur Kardinal Kasper Stellung bezogen. In einem ganzseitigen Beitrag in der F. A. Z. vom 20. März 20084 versucht er, die neue Fürbitte theologisch zu rechtfertigen, geht aber leider weder auf die nahe liegende Frage, warum sich der Papst nicht für die Formulierung von Papst Paul VI. entschieden habe, noch auf andere Einwände ein.5 Man darf gespannt sein, ob sich die anderen Bischöfe und die diözesanen Räte in den nächsten Wochen weiterhin bedeckt halten und die Juden mit ihren christlichen Dialogpartnern allein im Regen stehen lassen. Dann wären die Juden wieder einmal von der Kirche in Deutschland im Stich gelassen – wie vor Jahrzehnten. Auf jeden Fall aber wird die alt-neue Karfreitagsfürbitte auf dem Osnabrücker Katholikentag im Mai im Forum „Beten Juden und Christen zu demselben Gott?“ diskutiert werden.


Hanspeter Heinz, Prof. em. für Pastoraltheologie an der Universität Augsburg; Leiter des Gesprächskreises „Juden und Christen“ beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken. Vgl. Walter Homolka/Erich Zenger (Hg.), „… damit sie Jesus Christus erkennen“. Die neue Karfreitagsfürbitte in der Diskussion. Freiburg 2008, 192 Seiten, hier 110–117.

  1. Vgl. Norbert J. Hofmann, Wir brauchen einander und die Welt braucht uns. Eine historische Begegnung in Berlin, in FrRu 13(2006)179–181; Kardinal Walter Kasper, „Nostra aetate“ und die Zukunft des jüdisch-christlichen Dialogs, FrRu 14(2007)104–118.
  2. Juden und Christen in Deutschland. Verantwortete Zeitgenossenschaft in einer pluralen Gesellschaft. Erklärung des Gesprächskreises „Juden und Christen“ beim ZdK vom 13.4.2005, 22 (www.zdk.de).
  3. Joseph Ratzinger – Benedikt XVI., Jesus von Nazareth, Freiburg 2007, 192.
  4. Vgl. den Text der Stellungnahme von Kardinal Walter Kasper i. d. Heft S. 206–210.
  5. Kardinal Kasper teilt auch mit, dass die Überschrift „Für die Bekehrung der Juden“ nicht verändert wird.

Jahrgang 13 / 2008 Heft 3 Seite 196



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