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Peter Wallach

Jüdisches Leben in der Europahauptstadt Straßburg

Die elegante, ultramoderne Straßenbahn eilt durch ein großzügig angelegtes, zentrumsnahes Viertel der Stadt Straßburg und hält fast geräuschlos vor einem imposanten und modernen Gebäudekomplex: Haltestelle „Synagogue“. Es handelt sich um das zentrale Gotteshaus einer der größten jüdischen Gemeinden Frankreichs, der Communauté Israélite de Strasbourg.

Straßburg_Synagoge
Die "Synagogue de la Paix, Straßburg.
Die Europahauptstadt Straßburg zählt – mit ihrer Umgebung – eine jüdische Bevölkerung von rund 18 000 Personen, das ist ein Einwohneranteil von über 3 %. In einigen Stadtteilen ist er deutlich höher. Sieht man einmal von Paris ab, so zählt diese Gemeinde aufgrund ihrer Infrastruktur und kulturell-geistigen Ausstrahlung zu den allerersten in Frankreich. Ihre Statistik ist in der Tat imposant: 10 Synagogen, 10 Rabbiner – Straßburg ist Sitz des Oberrabbinates für das Unterelsaß –, mehrere Schulen, Kindergärten, jüdische Vereinigungen jeder nur denkbaren Art, B’nai-B’rith-Loge, Talmudschulen, soziale Institutionen einschließlich eines Altersheimes und nicht zuletzt das einzige jüdische Krankenhaus in Frankreich, die „Adassa“.

Der Löwenanteil all dieser Institutionen befindet sich in einem Umkreis von gut einem Kilometer um die Hauptsynagoge, die „Synagogue de la Paix“. Hierbei handelt es sich jedoch um zwei benachbarte Gotteshäuser, verbunden durch einen Mittelbau: die ältere aschkenasische Synagoge aus dem Jahre 1958 mit über 1200 Plätzen und die erst im Jahre 2000 fertiggestellte sephardische Rambam-Synagoge, die 500 Gläubige faßt. Zählt man die Verwaltungsräume, die Bibliothek, das Jugendzentrum und andere Räumlichkeiten noch hinzu, so handelt es sich hier gewiß um eines der größten jüdischen Gemeindezentren Europas, prächtig am Rande der „Contades“, eines zum Flanieren einladenden Parks, gelegen.

Zu den Hauptaktivitäten der Gemeinde zählen der Kultus, Kulturarbeit, Unterricht, Sozialarbeit und die Betreuung der Jugend. Abgesehen von zwei zahlenmäßig kleineren Gruppierungen, darunter einer liberalen Gemeinde, sind alle Synagogen unter dem Dach der Israelitischen Gemeinde vereinigt und folgen dem orthodoxen Ritus. Eine Mehrheit der Gemeindemitglieder sind Aschkenasim, wobei die Zahl der Sephardim in stetiger Zunahme ist.

Das Elsaß1 bildet bezüglich des relativ hohen Anteiles an Aschkenasim eine Ausnahme in Frankreich, sind doch seit einigen Jahrzehnten die meisten französischen Juden sephardischen Ursprungs, bedingt durch die inzwischen abgeschlossene bedeutende Zuwanderung aus nordafrikanischen Ländern. Und dies führte auch in Straßburg zum Neubau von Synagogen in mehreren Stadtteilen, zuletzt in der Esplanade. Auf jüdischkulturellem Gebiet ist das Angebot für den Interessierten außerordentlich vielfältig. Eine gemeindeeigene Zeitung erscheint mehrmals jährlich. Kontakte werden zu in- und ausländischen jüdischen Gemeinden gepflegt, der Synagogenchor ist weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt. Im Rahmen sozialer Aktivitäten gilt das besondere Augenmerk den Integrationsproblemen der Zugewanderten und der Jugendarbeit. So konnte im Gebäudekomplex der großen Synagoge ein Jugendzentrum errichtet werden.

Mehr als in einer anderen europäischen Stadt mit einem beträchtlichen jüdischen Bevölkerungsanteil ist in Straßburg jüdische Präsenz wahrnehmbar: im Stadtbild fallen nicht nur Synagogen und andere Institutionen auf, sondern auch eine ganze Reihe von jüdischen Firmen, darunter koschere Lebensmittelläden, Restaurants und Buchhandlungen. Im Stadtzentrum, fast im Schatten der Kathedrale, befindet sich das mittelalterliche Judenviertel, die Rue des Juifs. Außer einer nicht allgemein zugänglichen Mikwe, einem Ritualbad, ist hier jedoch nichts mehr von jüdischer Vergangenheit wahrnehmbar.

Erinnern wir uns: Gründung der ersten Gemeinde im 12. Jahrhundert und Vernichtung derselben 1349 im Rahmen der infamen Beschuldigung, die Brunnen während der Pestepidemie vergiftet zu haben. In nennenswerter Anzahl siedelten sich Juden erst wieder im Jahrhundert der Französischen Revolution in Straßburg an, hauptsächlich aus elsässischen Landgemeinden und später auch aus benachbarten Departements kommend. Seither ist hier der Sitz des Israelitischen Konsistoriums für das Unterelsaß. Ein bedeutsamer Zuzug von Juden fand Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts aus dem osteuropäischen Raum statt.

Seit der Besetzung des Elsaß durch deutsche Truppen im Zweiten Weltkrieg teilte die Straßburger Judenheit das gleiche katastrophale Schicksal wie die übrigen jüdischen Gemeinden im nazibeherrschten Europa; die prächtige Hauptsynagoge am Quai Kléber, ein bauliches Wahrzeichen der Stadt, wurde 1940 ein Raub der Flammen. Die Gemeinde konstituierte sich sofort wieder nach Kriegsende. Mit der späteren Ankunft sephardischer Juden aus Nordafrika befand sie sich in deutlicher Expansion, im Gegensatz zu den kleineren Ortschaften des Elsaß, in denen häufig nur noch Synagogen und Friedhöfe an einstiges jüdisches Leben erinnern. In Straßburg blüht – symbolhaft für Europa – wieder eine große und zukunftsorientierte jüdische Gemeinde.


Dr. med. Peter Wallach, Freiburg/Br., 1937 in Erfurt geb., 1939–1945 in der Emigration in der Schweiz, 1945–1953 in Israel, dann Rückkehr nach Deutschland. 1962 medizinisches Staatsexamen in München, 1970–2001 als Internist niedergelassen in Freiburg, verantwortlich für die Öffentlichkeitsarbeit der christlich-jüdischen Gesellschaft Freiburg/Br.

  1. Vgl. Freddy Raphaël, Das elsässische Judentum. Geschichte, Erbe, Tradition, Strasbourg 2004. Rezension von Monique Ebstein (Brüssel), in: FrRu 12(2005)221 ff.

Jahrgang 13 / 2006 Heft 4 Seite 289



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