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Ruben Frankenstein

Vater unser Dein Name werde geheiligt

Die Heiligkeit des Namens im Judentum

Jeder Mensch hat einen Namen,
den Gott ihm gab
und Vater und Mutter ihm gaben,
[...] den ihm seine Sünden gaben
und ihm seine Sehnsucht gab.

Jeder Mensch hat einen Namen,
den ihm seine Feinde gaben
und ihm seine Liebe gab,
[...] den ihm das Meer gab
und ihm gab sein Tod.

Zelda (Mishkovsky/Shneurson), 1914–1984 (Übersetzung R. Frankenstein).

„Jeder Mensch hat einen Namen“

Namen haben bekanntlich den Sinn und Zweck der Unterscheidung von Individuen. Als der erste Mensch auf Erden lebte, brauchte er nur einen Gattungsnamen: Adam, wörtlich Erdling (Mensch). Sobald aber die Menschen die Erde bevölkern, bietet uns die Bibel eine Vielzahl von Eigennamen. Biblische Namen sind vorwiegend „sprechende“ Namen. Viele enthalten als Vor- oder Nachsilbe den Namen Gottes: El oder Jah.

Im Judentum erfolgt die Namengebung für Knaben mit der Zeremonie der Beschneidung als Zeichen für den Bund Gottes mit Abraham. Für die Mädchen gab es, zumindest in unseren Breitengraden, eine besondere Zeremonie namens „Holekreisch“. Am ersten Samstag, wenn die Mutter mit dem Kind in die Synagoge kam, hoben die größeren Kinder die Wiege mit dem Mädchen dreimal hoch und riefen: „Hole, Hole Kreische, wie soll das Kind heiße(n)?“ Nachdem der Name genannt war, erhielten die Kinder Süßigkeiten. Die Etymologie des Wortes ist umstritten, aber wahrscheinlich handelt es sich um den Volksglauben, daß ein Dämon (Lilith, Frau Holle) nach dem Leben des Kindes trachtet, solange es keinen Namen hat. Um die Mutter und das Kind zu schützen, wird gegen sie gekreischt (geschrien) bzw. ein Kreis um sie gebildet. Der Brauch ist schon im Machsor Vitry aus dem 12. Jahrhundert belegt.

Bis ungefähr Anfang des 19. Jahrhunderts hatten die allerwenigsten Juden Nachnamen. Sie unterschieden sich allein durch den Namen des Vaters, zuweilen des Ortes oder des Berufes. Erst mit der Emanzipation wurden sie in Europa angehalten, Familiennamen anzunehmen. In manchen Gegenden der k. u. k. Monarchie, vor allem in Galizien, machten sich die Beamten einen Scherz daraus, den unkundigen Juden lächerliche Namen zu verpassen wie „Pulverbestandteil“ oder „Kanalgeruch“.

Name als Stigma

Daß der Name nicht Schall und Rauch ist, sondern daß vielmehr „böser Name den Mann tötet“, wußten auch die Nationalsozialisten. Der spätere Propagandaminister Joseph Goebbels hat es auf dem Rücken des jüdischen Berliner Polizeipräsidenten Bernhard Weiß (1880–1951) vorexerziert, indem er ihn in seinem Kampfblatt mit dem Vornamen „Isidor“ titulierte.1 Nach der Machtergreifung der Nazis war einer der Hauptschritte bei der Verfolgung der Juden ihre Stigmatisierung durch den Zwang, die jüdischen Vornamen Israel bzw. Sara anzunehmen. Weitere Mittel der Stigmatisierung und der Untergrabung ihrer Individualität auf dem Weg zur Vernichtung waren die Kennzeichnung mit dem Judenstern und die Nummer auf ihrem Arm, mit der sie wortwörtlich gebrandmarkt wurden. Zur endgültigen Auslöschung ihres Namens wurde nach der Ermordung ihr Leichnam zu Asche verbrannt – ohne Begräbnis und ohne die Möglichkeit des Gedenkens ihrer Person. Mit der Schoa ist somit nicht nur die Vernichtung des Lebens verbunden, sondern auch die für die Nachkommen so schmerzvolle Ausradierung des Namens und der Erinnerung.

Besonders für den gläubigen Juden ist die würdige Bestattung des vollständigen Leichnams von großer Bedeutung. Anders als in anderen Kulturen und Religionen, legen die Juden besonderen Wert darauf, daß der Verstorbene in der mit seinem Namen versehenen Ruhestätte verbleibt. Dies ist mit dem Glauben an die Wiederauferstehung verbunden.

Die Bedeutung des namentlichen Gedenkens im Judentum mag auch folgendes Detail illustrieren. Das Hebräische kennt kaum Fluchworte. Statt dessen werden meist Lehnwörter aus dem Arabischen, Russischen und sonstigen Sprachen benutzt. Die schärfste Verfluchung, die das Hebräische kennt, „Möge sein Name und Andenken ausradiert werden!“, beruht auf Ps 109,13: „Seine Nachkommen soll man vernichten, im nächsten Geschlecht schon erlöscht sein Name.“

Die Wiederherstellung des Namens

Ein bescheidener Versuch, die Namen und die Würde der Opfer des Genozids wiederherzustellen, ist die Aufgabe von Yad Vashem, der Gedächtnisstätte für die Opfer der Schoa in Jerusalem. Der Name „Yad Vashem“ ist abgeleitet von Jesaja 56,5:

„[...] denen gebe ich in meinem Haus und in meinen Mauern ein Denkmal und einen Namen [...]. Einen ewigen Namen werde ich ihnen geben, der nicht ausgelöscht werden soll“ (Elberfelder Bibel).

In der Übersetzung nach Buber/Rosenzweig heißt dieser Vers:

„[...] ihnen gebe ich in meinem Haus, in meinen Mauern ein Handzeichen, ein Namensmal, [...] das nie ausgerodet wird.“

Yad Vashem gibt denen, deren Leiber in Rauch und Asche verschwanden und deren Namen ausgelöscht wurden, einen ewigen Namen und ein ewiges Gedenken zurück. Wer einmal in Yad Vashem war, wird sich an den unterirdischen Raum erinnern, in dem – während sich das Licht der Kerzen tausendfach spiegelt – Namen, Alter und Geburtsort der ermordeten Kinder verlesen werden, oder an das „Tal der Gemeinden“, wo die Namen der zerstörten und ausgelöschten jüdischen Gemeinden in hohe Felsblöcke eingemeißelt sind, oder an die „Allee der Gerechten“, wo Bäume gepflanzt werden für jene Menschen, die den Mut aufbrachten, unter unmenschlichen Bedingungen Menschlichkeit zu wahren.

Gottesnamen

Der Gott Israels hat viele Namen und Bezeichnungen, doch die meisten sind Umschreibungen, um den Namen selbst nicht auszusprechen. Zunächst finden wir in der Bibel das allgemeine Wort für Gott: El oder Eloha. Am häufigsten aber wird der Plural Elohim gebraucht. Des weiteren kennen wir die Namen mit dem Zusatz einer Eigenschaft Gottes: El-Eljon, der höchste Gott, El-Schaddaj, meist wiedergegeben mit der Allmächtige, und die bekannteste Form, Adonai (hebräisch für „meine Herren“), das als „Gott“ oder „Götter“ übersetzt werden kann.

Die maßgeblichste Stelle zum Namen Gottes finden wir im Buch Exodus. Als Mose von Gott berufen wird und im Dornbuschgespräch den Auftrag erhält, die Söhne Israels aus Ägypten herauszuführen, fragt Mose nach dem Namen seines Auftraggebers und erhält die Antwort:

„Ehejeh ascher ehejeh, Ich bin, der ich bin (Ich werde dasein, der ich dasein werde). So sollst du zu den Söhnen Israel sagen: Ehejeh (Der Ich bin) hat mich zu euch gesandt. Und Gott sprach weiter zu Mose: So sollst du zu den Söhnen Israel sagen: Jehewe, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt. Das ist mein Name in Ewigkeit, und das ist meine Benennung von Generation zu Generation“ (2 Mose 3,14 f.).

Sowohl im Satz „Ich bin, der ich bin“ wie auch im Tetragramm ist die hebräische Wurzel „H-J-H“ zu finden, die „sein“ bedeutet. Maimonides interpretierte diesen Namen als: „Hajah, howeh we-jiheje“, der, der war, der ist, und der sein wird, womit die Eigenschaft der Ewigkeit bezeichnet wird. Moses Mendelssohn hat folgerichtig in der ersten jüdischen „Verdeutschung“ der Bibel das Tetragramm nicht wie Luther mit Herr, sondern mit „der Ewige" wiedergegeben.

Einen Schritt weiter gingen Martin Buber und Franz Rosenzweig in ihrer „Verdeutschung der Schrift“.2 Beide gehen davon aus, daß Gott sich selbst (in der ersten Person Zukunft) ehejeh nennt (ich werde sein); Gott aber befiehlt dem Mose, ihn, wenn er zu den Kindern Israels spricht, mit dem Namen Jahwe (in der dritten Person) vorzustellen. Die übliche Form für die dritte Person wäre eigentlich „jiheje". Um das Besondere dieses Namens zu kennzeichnen, verwendet die Schrift eine ältere und weniger gebräuchliche Variante des Verbs, nämlich „He-Waw-He", was als „Jehewe" bzw. Jahwe auszusprechen ist. Konsequenterweise übersetzten Martin Buber und Franz Rosenzweig den Namen Gottes je nach der Redesituation: wenn Gott von sich selbst spricht mit ICH, wenn er direkt angesprochen wird mit DU und in allen anderen Fällen mit ER, wobei jedes dieser Personalpronomen mit Großbuchstaben geschrieben wird. Von den Masoreten (7. bis 10. Jh.) wurde das Tetragramm in zwei Formen vokalisiert, so daß es entweder als „Adonai“ oder als „Elohim“ ausgesprochen werden konnte.

Die Heiligkeit des göttlichen Namens

Die Heiligkeit des Namens Gottes ist wesentlich für jede Religion. Sie ist der Inbegriff der Unterscheidung zwischen dem Heiligen und Sakralen einerseits und dem Weltlichen und Profanen andererseits. Sie ist die Trennung von Raum und Zeit, denn „heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen!“ (Jes 6,3). Auch Moses und die Psalmisten besingen die erhabene Heiligkeit des Namens Gottes:

„Wer ist dir gleich unter den Göttern, o Herr! Wer ist dir gleich, so herrlich in Heiligkeit, furchtbar an Ruhmestaten, Wunder tuend!“ (2 Mose 15,11).

Im Judentum – und folglich auch im Christentum – ist die Heiligkeit Gottes in den Zehn Geboten verankert. Das 3. Gebot heißt:

„Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht zu Nichtigem (zu Falschem oder Lügenhaftem) aussprechen, denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen zu Nichtigem ausspricht!“ (2 Mose 20,7; Elberfelder Bibel).

Nach einer anderen Übersetzung lautet das Gebot:

„Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht mißbrauchen; denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen mißbraucht“ (Zürcher Bibel).

Aus diesem Gebot haben die Rabbinen die Unsagbarkeit des göttlichen Namens, d. h. das Verbot, das Tetragramm auszusprechen, abgeleitet. Man fand dafür die bereits erwähnten Ersatzbezeichnungen wie Adonai oder Elohim. Später wurden selbst diese Bezeichnungen als nicht angemessen angesehen und man wich auf Umschreibungen aus: Ha-kadosch baruch hu, der Heilige, gepriesen sei er; Ha-schem, der Name; Ha-makom, der Ort; Ha-schechina, die Einwohnung Gottes.

Eine weitere Möglichkeit waren Wortschöpfungen oder Worthülsen wie Adoschem, zusammengesetzt aus Adonai (Herr) und Ha-schem (der Name), oder Elokim anstelle von Elohim. Man ging sogar soweit, be- stimmte Buchstabenkombinationen, die bestimmte Zahlen ergeben, zu vermeiden, wie etwa die Zahlen 10 und 5, die für die Buchstaben Jod und He stehen (=JAH, einer der Kurznamen Gottes).3 In deutschen und englischen Texten wird vielfach, um das Aussprechen des Wortes Gott zu vermeiden, der Vokal weggelassen: G’tt (Gott), G’d (God).

Genisa-Tasche 
Genisa-Tasche
Katalog zur Ausstellung „10 + 5 = Gott“.

Ein weiterer relevanter Brauch ist die als Genisa bekannte Aufbewahrung – meist auf dem Dachboden der Synagoge – unbrauchbar gewordener heiliger Schriften, um sie später rituell „zu bestatten“, denn jedes hebräische Schriftstück enthält Buchstaben, die – zusammengesetzt – den göttlichen Namen bilden. Dieser Brauch hat sich als eine der wichtigsten Quellen für alte, verloren geglaubte Handschriften entpuppt.

Die Handhabung dieses Gebots wird aber nicht von allen Strömungen im Judentum gleich streng interpretiert. In den liberalen und konservativen Gemeinden ist man der Auffassung, daß mit dem Gebot des nicht Aussprechens des göttlichen Namens nur der Mißbrauch des Schwörens bei Gott bei nichtigen Anlässen oder zum Zweck einer falschen, lügenhaften Aussage gemeint ist.

Bei den Karäern bzw. Karaiten, einer jüdischen Sekte aus dem 8. Jh., die nur die Bibel anerkennt, aber den Talmud und die rabbinische Exegese ablehnt, legt man größten Wert auf die Anrufung Gottes unter Aussprechung des Tetragramms. Belegt wird diese Ansicht mit Psalm 20,2,

„[...] der Name von Jakobs Gott möge dich schützen“,

und vor allem mit dem Nachsatz zum Priestersegen,

„So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen und ich werde sie segnen“ (4 Mose 6,24–27).

Als die Formulierung der Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel zur Debatte stand, stritten sich die Verantwortlichen lange über einen angemessenen Gottesbezug. Schließlich einigten sich säkulare wie religiöse Abgeordnete auf die Formulierung: „Mitoch emuna be-zur israel“ („Durch den Glauben an [im Vertrauen auf] den Felsen Israels“) als eine authentische Umschreibung des Namens Gottes.

Die Heiligung des göttlichen Namens im Tun

Kiddusch ha-schem – die Heiligung des göttlichen Namens – stellt den höchsten Grad jüdischer religiöser Moral dar.4 Der Jude ist verpflichtet, alles in seiner Macht stehende zu tun, um Gottes Namen zu verherrlichen. So empfanden es Juden als ihre Pflicht, eher ihr Leben zu opfern, als den Namen Gottes zu entweihen. Obwohl bereits in der Römerzeit eine Gelehrtenversammlung verfügt hatte, daß man den Tod nur dem Zwang zum Götzendienst, zur Unzucht oder zum Mord vorziehen müsse, haben Juden, vor die Alternative gestellt, entweder zu sterben oder durch die Taufe ihren Glauben aufzugeben, es vorgezogen, als Märtyrer zu sterben – „al kiddusch ha-schem“.

Eine solche kollektive Bereitschaft zum Martyrium gab es zur Zeit der Römer in Palästina, während der Zeit der Kreuzzüge, aber auch angesichts von Pogromen in west- und osteuropäischen Ländern. Nur als die Juden Spaniens vor eine ähnliche Alternative gestellt wurden, hat die Mehrheit das Überleben als das höhere Gebot erkannt, und entweder das Land verlassen oder sich – zumindest zum Schein – taufen lassen.

Mit der Schoa wurde der Begriff kiddusch ha-schem auch auf die allein wegen ihrer jüdischen Herkunft Ermordeten ausgeweitet. Anders als in früheren Zeiten wurden in der Schoa Juden ermordet, ohne daß ihnen die Alternative der Taufe gegeben wurde. Also galt für sie, als wären sie als Märtyrer zur Heiligung des Namens gestorben. In jüngster Zeit wurde der Begriff auch auf alle Gefallenen in den Kriegen des Staates Israel ausgedehnt. Jeder, der um der Heiligung des göttlichen Namens willen stirbt, wird als Heiliger bezeichnet und seinem Namen werden die Initialen HJD, „Gott möge sein Blut rächen!“, hinzugefügt.

Die Heiligung des göttlichen Namens in der Liturgie

Das Kaddisch (Lobgebet) ist das bekannteste Gebet im Judentum und hat verschiedene Varianten. Es wird zwar auf mehrere Bibeltexte zurückgeführt, basiert aber vor allem auf Ez 38,23:

„So werde ich mich als groß und heilig erweisen und mich vor den Augen vieler Völker zu erkennen geben. Dann werden sie erkennen, daß ich der Herr bin.“

Selbst nichtpraktizierende Juden sprechen das Kaddisch zum Gedenken an verstorbene Angehörige. Dabei muß ein Mißverständnis ausgeräumt werden: Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, daß es sich auschließlich um ein Totengebet handelt.

Das Kaddisch ist die jüdische Erklärung der Theodizee par excellence, der Rechtfertigung Gottes angesichts des Leidens. Durch das Sprechen des Kaddisch drückt der Leidtragende aus, daß er auch in der schmerzlichsten Stunde, wie etwa am Grabe seines Vaters oder seiner Mutter, Gott nicht verwünscht, sondern den Schicksalsschlag bereitwillig akzeptiert und – wie Hiob – Gott lobt:

„Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen, gelobt sei der Name des Herrn!“ (Hiob 1,21).

„Kaddisch“ ist das aramäische Wort für das hebräische „Kadosch“(= heilig). „Kadosch“ bedeutet auch ,abgesondert‘ im Sinne von ,nicht Alltägliches‘.5 Das Kaddisch erklärt Gott für heilig. Gott ist erhaben und heilig in der Welt, die er nach seinem Willen geschaffen hat. Die Heiligkeit Gottes bedeutet die Verbindlichkeit seiner Herrschaft und die Akzeptanz seines Willens bei allen seinen Geschöpfen.

„Erhoben und geheiligt werde sein großer Name in der Welt, die er nach seinem Willen erschaffen [hat].
Sein Reich erstehe in eurem Leben, in euren Tagen, im Leben des ganzen Hauses Israel und in naher Zeit. Sprecht: Amen!
Sein großer Name sei gepriesen in Ewigkeit und Ewigkeit der Ewigkeiten!
Gepriesen sei und gerühmt und verherrlicht und erhoben und erhöht und gefeiert und hocherhoben und gepriesen sei der Name des Heiligen, gelobt sei er, über allem Lob und Gesang, Verherrlichung und Trostverheißung, die je in der Welt gesprochen wurde, sprecht: Amen.“6

Ein weiteres Gebet, das in diesem Zusammenhang relevant ist, ist das Keduscha (Heiligkeit) aus dem Morgengebet. Der Name dieses Gebets geht auf den dreimaligen Ruf der Engel, „kadosch, kadosch, kadosch“ (heilig, heilig, heilig) in Jes 6,3 zurück. Dies entspricht dem Sanctus im christlichen Gottesdienst. Auch dieses Gebet ist eine dramatisch belebte Huldigung Gottes.

„Rühmen wollen wir Dich, und Deine Heiligkeit wollen wir verkünden nach dem mysteriösen Sang der heiligen Seraphim, die da in Heiligkeit Deinen Namen heiligen, wie es durch Deinen Propheten geschrieben steht: ,Einer rief dem anderen zu und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen. Voll ist die ganze Erde mit seiner Heiligkeit‘.“7

„Vater Unser“

Das christliche Vaterunser hat seine Wurzeln im jüdischen Gebet. Sowohl die Bitte „Dein Name werde geheiligt!“ wie auch die Bitte „Dein Reich komme!“ sind Juden und Christen ein gemeinsames Anliegen.8 Auch die Bitten, daß Gottes Wille geschehe, daß Er uns täglich mit dem Lebensnotwendigen versorge (Psalm 145,16) und uns unsere Sünden vergeben möge, finden sich schon in der hebräischen Bibel und im jüdischen Gebetbuch. Die jüdische Dichterin Rose Ausländer klagte einst in einem im Getto geschriebenen Gedicht:

„Und du, der alles weiß, läßt es geschehen,
und sendest nicht ein Heer von Engeln her?“

Trotz der drohenden Vernichtung hören wir hier noch einen Ton der Hoffnung und des Vertrauens auf die göttliche Macht, auf den Vater im Himmel. Später, in dem Gedicht Vater Unser9, geschrieben im Angesicht der Schoa und inmitten der schlimmsten Barbarei, stellte sie eben diesen Vater in Frage:

Vater unser
nimm zurück deinen Namen
wir wagen nicht
Kinder zu sein.
Wie mit erstickter Stimme
Vater unser sagen
Zitronenstern an die Stirn genagelt.
[...] Vater unser
wir geben dir zurück
deinen Namen.
Spiel weiter den Vater
im kinderlosen
luftleeren Himmel.

Ratlos, enttäuscht und empört fragt die Dichterin, stellvertretend für alle Opfer, wie es möglich sein kann, daß der himmlische Vater, auf dessen Schutz sie vertrauten, bei dem sie sich geborgen glaubten, sie so im Stich lassen und aussetzen konnte. Die Forderung, der treulose Vater möge seinen Namen zurücknehmen, reflektiert die Enttäuschung und Verbitterung über das Versagen des Vaters.

Dieses göttliche Schweigen, Gottes Abwendung von der Welt, nennt das Judentum hester panim, „Gottes Verhüllen des Antlitzes“ (die Verborgenheit des Antlitzes Gottes). Gott zieht sich zurück, er verbirgt sich auf geheimnisvolle Weise vor der Klage der Unschuldigen (b Chag 5a).

Im Bild des gelben Sterns – „Zitronenstern an die Stirn genagelt“ – wird eine Synthese sowohl christlicher wie jüdischer Tradition vollzogen. Anders als der Stern Davids, den alle Juden zu tragen gezwungen waren, ist dieser Stern nicht nur an die Kleider angeheftet als äußere Kennzeichnung der „Andersartigkeit“, sondern wird brutal an die Stirn genagelt, ein Bild, das an die Kreuzigung Jesu erinnert.

Christen mögen es irritierend und ungehörig finden, aber für uns Juden gehört es zur Tradition, daß wir mit Gott hadern und rechten, ja sogar uns gegen ihn auflehnen. Schon Abraham ging wegen Sodom und Gomorra mit seinem Schöpfer hart ins Gericht:

„Willst Du wirklich den Gerechten mit dem Ungerechten wegraffen? Vielleicht gibt es fünfzig Gerechte innerhalb der Stadt. Willst Du sie denn wegraffen und dem Ort nicht vergeben um der fünfzig Gerechten willen, die darin sind? Fern sei es von Dir, so etwas zu tun, den Gerechten mit dem Ungerechten zu töten, so daß der Ungerechte wäre wie der Gerechte; fern sei es von Dir! Sollte der Richter der ganzen Erde nicht Recht üben?“ (1 Mose 18,23–25).

Dieses Motiv zieht sich durch die ganze jüdische Literaturgeschichte bis hin zum Theaterstück von Elie Wiesel „Der Prozeß von Schamgorod“, in dem Juden im Getto eine Rechtsklage gegen Gott vorbringen und einen regelrechten Prozeß mit Ankläger und Verteidiger führen. Das Gericht fällt sein Urteil gegen Gott und erklärt ihn für schuldig. Anschließend beten alle gemeinsam zum eben schuldig gesprochenen Gott.

Auch wir, Juden und Christen, dürfen gemeinsam zu unserem Vater beten:

Vater unser im Himmel, geheiligt werde Dein Name [...].
Awinu sche ba-schamayim, jitqadesch schimcha [...].


Ruben Frankenstein, geb. 1938 in Tel Aviv, studierte Rechtswissenschaft, Germanistik, Judaistik und Geschichte in Tel Aviv, Jerusalem, Wien und Freiburg. Staatsanwalt in Tel Aviv (1965–1974). Seit 1975 Lehraufträge für Judaistik, Hebräisch, Jiddisch und Literatur an der Universität Freiburg und in der Erwachsenenbildung. Autor zahlreicher Beiträge und Vorträge zur jüdischen Geschichte und Kultur. Der Beitrag ist die Kurzfassung eines Vortrags vom 2. März 2004 in der Christusgemeinde in Freiburg/Br.

  1. Der Name Isidor wurde von Goebbels verächtlich für die Bezeichnung eines Juden verwendet. Vgl. Dietz Bering, Kampf um Namen. Bernhard Weiß gegen Joseph Goebbels, Stuttgart 1992. Allgemein zum Namen als Stigma vgl. Dietz Bering, Der Name als Stigma. Antisemitismus im deutschen Alltag 1812–1933, Stuttgart 1988.
  2. Zu einer neuen Verdeutschung der Schrift, im Anhang zu Die fünf Bücher der Weisung, Köln/Olten 1954.
  3. Bis zum 27. Juni 2004 war im Jüdischen Museum in Berlin eine Ausstellung zu sehen mit dem Titel „10 + 5 = Gott. Die Macht der Zeichen“, die diese Zahlenmystik, die auch in christlichen Kreisen Zugang fand, thematisiert.
  4. Anm. d. Red.: Vgl. Clemens Thoma, Erneuerung der Welt in jüdischer Tradition und Mystik, FrRu 10(2003)82–88; ders., Frühjüdische Martyrer, FrRu 11(2004)82–93.
  5. Vgl. Annette M. Böckler, Jüdischer Gottesdienst, Berlin 2002.
  6. Jakob J. Petuchowski, Gottesdienst des Herzens, Freiburg1981, 50–58; vgl. auch Pnina Navè, Du unser Vater. Jüdische Gebete für Christen, Freiburg 1975; Leo Prijs, Du unser Vater. Gebete aus dem Judentum, Freiburg 1988.
  7. Jakob J. Petuchowski (Anm. 6), 50–58; Pnina Navè, 16–18 (Anm. 6).
  8. Zu den Zusammenhängen zwischen dem Kaddisch und dem Vaterunser vgl. Marc Philonenko, Das Vaterunser, Tübingen 2002.
  9. Rose Ausländer, Gesammelte Werke, Band VI, Frankfurt/M. 1986, 274.

Jahrgang 11 / 2004 Heft 4 Seite 242



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