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Joel Berger

Wie die Makkabäer zu katholischen Heiligen wurden

Am 7. Dezember 2003 hat Kardinal Lehmann der Jüdischen Gemeinde Mainz eine Torarolle zurückgegeben, die während der Pogromnacht von einem Unbekannten nachts vor der Pforte des Bischöflichen Priesterseminars in Mainz abgelegt worden war. Seither befand sie sich in der Schatzkammer der Martinus-Bibliothek. Diese Nachricht erinnerte daran, daß auch andere katholische Kirchen jüdische Reliquien bergen. Eine solche Reliquie hat gerade an Chanukka Anspruch auf unser Interesse.1

Die Kirche San Pietro in Vincoli in Rom birgt – neben dem weltberühmten „Moses“ von Michelangelo – auch ein viel älteres, wenngleich anspruchsloseres Denkmal, das an ein ruhmreiches Kapitel jüdischer Volksgeschichte anknüpft. Bei Ausgrabungen in der Krypta unter dem Hauptaltar der Kirche im Jahre 1876 wurde ein siebenteiliger Marmorsarkophag entdeckt, dessen Architektur auf das 4./5. Jahrhundert schließen läßt. Laut einer Inschrift auf dem Sarkophag enthält er die Gebeine der „Sieben Heiligen Makkabäerbrüder“. In Anlehnung an die ältesten christlichen Martyrologien wurde der 1. August als „Gedenktag der Heiligen Makkabäer“ festgelegt.2 Die frühe Kirche verehrte die Hl. Makkabäer als „vorchristliche“ Martyrer. Es ist nur allzu verständlich, daß, wenn wir Chanukka feiern, uns auch jene Makkabäer beschäftigen, die die katholische Kirche als ihre Martyrer deklariert. Beim Anzünden der Chanukkalichter gedenken wir der siegreichen Freiheitskämpfe der Makkabäer. Die Makkabäer, die die katholische Kirche verehrt, waren die Unseren. Sie haben für die Freiheit unseres jüdischen Volkes ihr Leben geopfert. Wie ist es zu erklären, daß sie zu „Heiligen“ der Kirche wurden?3

Makkabäer - Missale 
Die Heiligen Makkabäer. Missale, Köln 1525. Monumenta Judaica, Köln 1964. 

Die geschichtlichen Werke, die uns die Taten der Hasmonäerhelden erzählen, werden auch Makkabäerbücher (1–4 Makk) genannt. Die rabbinische Tradition zählt diese Bücher nicht zu ihren heiligen Schriften. Die russisch-orthodoxe Kirche strich im 19. Jh. 1–3 Makk aus ihrem Kanon. Die lutherischen Kirchen zählen das 1. und 2. Makkabäerbuch den Apokryphen zu; die reformierten ev. Kirchen erwähnen die Bücher überhaupt nicht. Der katholische Kanon enthält 1–2 Makk; 3–4 Makk zählen zu den Apokryphen.

Im zweiten Buch der Makkabäer finden wir, ohne Namensangabe, jene sieben Brüder erwähnt, die die katholische Kirche als „Makkabäische Brüder“ verehrt. Dieses Buch überliefert uns sowohl die Greueltaten des Syrerkönigs Antiochos Epiphanes als auch die Treue des jüdischen Volkes zu seiner Religion und seinen Traditionen. So schildert dieses Buch, wie der alte Schriftgelehrte Eleasar wegen seiner Befolgung der Gebote der Tora gefoltert und getötet wurde. Und so ist auch über den Martyrertod von den sieben Brüdern und ihrer Mutter zu lesen, die – stets einander ermutigend – bis zum Tode dem Willen des syrischen Königs Widerstand leisteten.

Der Ort dieser Verfolgungen lag aller Wahrscheinlichkeit nach nicht in Judäa, sondern im syrischen Antiochien, das bereits in der Antike ein prosperierendes jüdisches Zentrum war. Flavius Josephus rühmte in diesem Zusammenhang auch die Schönheit der großen Synagoge von Antiochien.4 Im Unterschied zu Alexandrien gab es in Antiochien kein jüdisches Viertel. Juden lebten als vollberechtigte Bürger.5

Es ist nicht ausgeschlossen, daß der Syrerkönig an der Verfolgung direkt beteiligt war. Vielleicht wurden gerade deshalb diese Beispiele des Martyrertums in der antiken Welt so bekannt. Der Autor des zweiten Makkabäerbuches fand diese Berichte, wie er selber schreibt, in einer zeitgenössischen Chronik (2 Makk 2,23). Der Autor des vierten Makkabäerbuches verfaßte sogar einen Grabvers zum Gedenken an jene Brüder und Martyrer:

„Hier ruhen ein greiser Priester, eine Matrone und sieben Brüder. Sie starben infolge der Gewalt des Tyrannen, der die Verfassung der Hebräer vernichten wollte. Sie verteidigten ihr Volk; Gott anrufend, erduldeten sie Folter und Tod“ (4 Makk 17,9–10).

Dieser Grabvers läßt vermuten, daß es in Antiochien eine mit einer Grabinschrift versehene Ruhestätte der Martyrer gab. Laut christlicher Tradition befand sie sich in der Nähe der Synagoge im Stadtviertel „Kerataion”.6 Bereits im 4. Jahrhundert wurden jene jüdischen Martyrer als die „Heiligen Makkabäer“ bezeichnet. Im Jahre 423 verbreitete sich unter den Christen von Antiochien die Legende eines von Juden an Pessach verübten Ritualmordes. Daraufhin wurde die Synagoge zerstört und über der Grabstätte der Martyrer eine Basilika erbaut. Zur Intensivierung des kirchlichen Kultes könnte auch die Tatsache beigetragen haben, daß viele Christen in Antiochien dem Judentum entstammten und dadurch manche jüdischen Traditionen von der Kirche übernommen wurden.

Die Aufnahme der jüdischen Martyrer in die Reihe der „Heiligen“ der katholischen Kirche blieb nicht unwidersprochen. Der Kirchenvater Hieronymus, der die echten Gräber der Makkabäerbrüder in Modi‘in in Judäa sah, wunderte sich, daß auch in Antiochien Gräber der Makkabäer gezeigt wurden. Die spätere Weiterentwicklung der kirchlichen Legendenbildung versieht die Makkabäerbrüder und ihre Mutter mit Namen. Die Mutter, auch Hannah7 genannt, wurde öfters mit den Namen Aschumit oder Schmuni bezeichnet, die aus dem Hebräischen stammen und „Haschmonäerin“ bzw. „aus der Familie der Haschmonäer stammende Frau“ bedeuten könnte.

Machabäerschrein

Der „Machabäer-Schrein“ in der Kirche St. Andreas in Köln. 

Zum weiteren Schicksal der Grabstätte der sieben Makkabäerbrüder wäre noch zu bemerken, daß infolge eines Erdbebens im Jahre 526, das große Teile der Stadt Antiochien zerstörte, auch die Kirche einstürzte. Daraufhin brachte man die Reliquien zunächst nach Konstantinopel, von wo sie unter Papst Pelagius I. nach Rom in die Kirche San Pietro in Vincoli gelangten, deren Einweihung am 1. August gefeiert wird.

Nach einer anderen Tradition wurden die Reliquien der „Sieben Heiligen Makkabäer“, zusammen mit den Reliquien der Hl. Drei Könige, 1164 nach Köln in das im 10. Jahrhundert errichtete „Machabäer-Kloster“ gebracht. Der Legende nach hatte Erzbischof Reinald von Dassel sie in Mailand von Kaiser Friedrich Barbarossa erhalten. Seit 1808 befindet sich der „Machabäer-Schrein“ in der Kirche St. Andreas in Köln. Der im 16. Jahrhundert angefertigte Goldschrein zeigt eine Serie von Reliefabbildungen, in denen die Geschichte der makkabäischen Mutter, hier nach einer Inschrift „Salome“ genannt, und ihrer sieben Söhne parallel zur neutestamentlichen Leidensgeschichte interpretiert und dargestellt wird.

Ob diese jüdischen Martyrer eines Tages endgültig in die heimatliche Erde heimkehren werden, vermag ich nicht zu sagen.


Rabbiner Dr. Joel Berger, Specher der deutschen Rabbinerkonferenz, ist 1937 in Budapest geboren und hat dort die Schoa überlebt. Ab 1957 Studium in Budapest am Rabbinerseminar und an der Universität (Geschichte, Pädagogik und Volkskunde), 1963 Studienabschluß mit dem Rabbinerdiplom. 1968 emigrierte er nach Westeuropa. Er war Rabbiner in Schweden, Düsseldorf und Bremen. Von 1980 bis 2002 war Berger Landesrabbiner von Baden-Württemberg.

  1. Der Beitrag erschien erstmals in der Wochenzeitung „Jüdische Allgemeine“Nr. 29/03 zum Beginn von Chanukka. Wir bringen mit Erlaubnis des Autors eine bearbeitete Version.
  2. Wilhelm Bacher, Jüdische Märtyrer im christlichen Kalender, in: Kurt Wilhelm (Hg.), Wissenschaft des Judentums im deutschen Sprachbereich, Bd. 2., Tübingen 1967.
  3. Anm. d. Red.: Die von der Kirche verehrten „Sieben Makkabäer“ sind die sieben Söhne der makkabäischen Mutter und damit nicht identisch mit den Hasmonäern Judas Makkabäus und seinen Brüdern.
  4. Flavius Josephus, Bellum Judaicum vii, 45.
  5. Encyclopaedia Judaica, Jerusalem (EJ), Vol. 3, „Antioch“, 71.
  6. EJ (Anm. 5), 72.
  7. EJ, Vol. 7, „Hannah and her seven sons“, 1270 ff.

Jahrgang 11 / 2004 Heft 2 Seite 94


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