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BCEIA und NCS

Bund und Mission - "Reflections on Covenant and Mission"

Delegierte des Bischöflichen Komitees für ökumenische und interreligiöse Angelegenheiten der Bischofskonferenz der Vereinigten Staaten (Bishops Committe for Ecumenical and Interreligious Affairs = BCEIA) und des Nationalen Rates der Synagogen (National Council of Synagogues = NCS) haben am 13. März 2002 in New York City die Frage behandelt, wie die jüdische und die römisch-katholische Tradition gegenwärtig Bund und Mission verstehen. Das Resultat der Beratungen wurde am 12. August 2002 in einem zweiteiligen Dokument unter dem Titel „Reflections on Covenant and Mission“ veröffentlicht.

Die römisch-katholischen Überlegungen beschreiben die wachsende Achtung gegenüber der jüdischen Tradition, die sich seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil entwickelt hat. Eine vertiefte katholische Wertschätzung des ewigen Bundes zwischen Gott und dem jüdischen Volk, zusammen mit der Anerkennung einer den Juden von Gott gegebenen Sendung, Gottes treue Liebe zu bezeugen, führte zu der Überzeugung, daß missionarische Bemühungen, Juden zum Christentum zu bekehren, in der katholischen Kirche theologisch nicht länger hinnehmbar sind.

Die jüdischen Überlegungen beschreiben die Mission der Juden unter den drei Gesichtspunkten Sendung/Zeugnis/Auftrag und der Vervollkommnung/Heilung der Welt (Tikkun ha-Olam). Im folgenden bringen wir die jüdischen Überlegungen in deutscher Übersetzung von Fritz Voll, Calgary, Kanada.1

Die Sendung der Juden und die Vervollkommnung der Welt

In der nie endenden Suche, dem Leben Sinn zu geben, versuchen Gemeinschaften wie auch Individuen ihre Sendung in der Welt zu definieren. So natürlich auch die Juden. Die Sendung der Juden ist Teil eines dreifachen Auftrages, der in der Schrift wurzelt und in späteren jüdischen Quellen entwickelt wurde. An erster Stelle steht der Bund: der immer neu gestaltende Antrieb (Auftrag) zu jüdischem Leben, der sich aus dem Bund zwischen Gott und den Juden ergibt. Zweitens geht es um den Auftrag des Zeugnisses, in dem sich Juden als Zeugen von Gottes ewiger Existenz und Seiner erlösenden Macht in der Welt verstehen (und auch häufig von anderen so gesehen werden). Drittens geht es um die Sendung an die ganze Menschheit, eine Sendung, welche die biblische Geschichte der Juden so versteht, daß sie eine Botschaft über das Judentum hinaus beinhaltet. Sie setzt voraus, daß es um eine Botschaft und eine Sendung geht, die sich an alle Menschen richtet.

Der Auftrag des Bundes

Die Juden sind der Same Abrahams, Isaaks und Jakobs, die physische Verkörperung des Bundes Gottes mit diesen Vorfahren. Nachdem Abraham von Gott berufen wurde, machte er sich nicht nur auf die Reise ins Land Kanaan, sondern Gott erschien dem Neunundneunzigjährigen und befahl ihm: „Wandle in Meinen Wegen und sei untadelig. Ich will Meinen Bund zwischen Mir und dir errichten, und Ich will dich außerordentlich zahlreich machen“ (Gen 17,1-2). Der Bund wird beschrieben als „ewig, [...] dir und deinen Nachkommen nach dir – Gott zu sein“ (Gen 17,7).

Der Bund schließt das Land Kanaan ein als immerwährendes Erbe. Es gibt für den Bund ein leibhaftiges Symbol: die Beschneidung aller männlichen Juden am achten Tag ihres Lebens. Der Bund ist sowohl leiblich als auch geistig. Die Juden sind ein reales Volk. Der Bund ist ein Bund des Fleisches. Das Land ist ein realer Ort. Aber er ist auch ein Bund des Geistes, denn er ist verbunden mit dem Auftrag, „in Seinen Wegen zu wandeln“. Die Juden sind ein Volk, das durch Gottes liebende Erwählung ins Dasein gerufen wurde. Warum tut Gott so etwas?

Die Tora erzählt uns die Geschichte eines einzigartigen Gottes, der, anders als der Gott des Aristoteles, sich nicht mit der Selbstkontemplation zufrieden gibt. Es handelt sich um ein großes Geheimnis; aber Gott, der sich wesentlich unserer Kenntnis entzieht, wollte eine Welt ins Dasein rufen. Er gab seinen Geschöpfen als einziges Gebot, nicht von einer bestimmten Frucht im Garten Eden zu essen. Und was taten sie? Sie aßen die Frucht. So wurde Gottes Absicht vereitelt, an Seinem unaussprechlichen Selbst teilhaben zu lassen. Es dauerte nicht lange, und die Schöpfung wurde verderbt.

Und Gott begann aufs neue, indem Er die bestehende Schöpfung zerstörte, die Urwasser wieder zusammenströmen ließ, und nur Noah und seine Familie überlebten. Aber auch das gelang nicht, denn sobald sie aus der Arche gingen, betrank und entblößte sich Noah. Wieder ging es abwärts – bis jene Geschichte begann, die gelang, und die das Herz der biblischen Erzählung ist: die Geschichte Abrahams und seiner Nachkommen, der Juden. Der Bund ist nicht nur eine Verheißung oder eine allgemeine Ermahnung zur Vollkommenheit. Nachdem das Volk Israel zur großen Gemeinschaft geworden war und die Knechtschaft Pharaos erlitten hatte, wurde es unter außergewöhnlichen Wundern aus Ägypten befreit. Das Volk Israel kam zum Sinai und der Bund gewann seinen Inhalt: die Gesetze und Satzungen, die dort und später im „Zelt der Begegnung“ gegeben werden.

„Ihr habt gesehen, was Ich den Ägyptern getan habe, wie Ich euch auf Adlers Flügeln getragen und zu Mir gebracht habe. Wenn ihr Mir nun treu gehorcht und Meinen Bund haltet, werdet ihr Mein kostbares Eigentum sein unter allen Völkern. Wahrlich, die ganze Erde gehört Mir, ihr aber sollt Mir ein Königreich von Priestern und eine heilige Nation sein“ (Ex 19,4-6a).

Für Juden ist dies nicht göttliche Schmeichelei, sondern die Bürde göttlicher Verpflichtung. Die theologische Definition der Juden lautet somit: ein leibhaftiges Volk, das berufen ist, in einem besonderen Verhältnis mit Gott zu leben. Der spezielle Inhalt dieser Beziehung ist: Belohnungen für ihre Einlösung, Strafen für ihre Preisgabe.

Eine solche Sicht der Juden ist nicht auf die normale soziologische Definition eines Volkes oder einer Gemeinschaft zugeschnitten. Es ist durchaus möglich, daß den meisten Juden diese theologische Soziologie unangenehm ist. Man ist eher geneigt, die Juden entweder als ethnische Gruppe oder als eine Glaubensgemeinschaft ohne Verbindung zu einem Volk zu sehen. Aber das entspricht weder den Vorstellungen der Juden in der Bibel, noch jenen späterer jüdischer Literatur. Die Juden sind, wohl oder übel, reich oder arm, Partner Gottes in einem manchmal stürmischen und manchmal idyllischen Liebesverhältnis, in einer liebevollen Ehe, die Gott und das Volk Israel auf ewig verbindet, und einer jüdischen Existenz, die tiefstmögliche Bedeutung hat.

Als praktische Folge ergibt sich daraus, daß die vorrangige Sendung der Juden sich an Juden richtet. Das bedeutet, die jüdische Gemeinschaft ist bemüht, ihre eigene Identität zu bewahren. Da dies nicht immer selbstverständlich ist, reden Juden miteinander ständig über die Stärke ihrer Institutionen und die Fähigkeit der Gemeinschaft, ihre Kinder zu unterrichten. Daraus entsteht eine starke Ablehnung der Mischehe und erklärt sich die Leidenschaft zum Studium der Tora. Das Risiko jüdischen Lebens ist hoch, und um Gott nicht zu verlassen, wendet die jüdische Gemeinschaft viel Kraft auf für eine funktionierende Bundesgemeinschaft.

Der Auftrag des Zeugnisgebens

Jesaja spricht von der Rolle der Juden, die über sie selbst hinausgeht. „Meine Zeugen seid ihr, spricht der Herr, mein Knecht, den ich erwählt habe“ (Jes 43,10). Die Juden sind Gottes Zeugen, daß es einen Gott gibt, der ihr Schöpfer ist, daß Er Einer ist und daß Götzen keine Macht haben, „[...] vor mir sollen sich alle Knie beugen und alle Zungen Treue schwören“ (Jes 45,23), und daß Gottes Macht eine erlösende Macht ist, erstaunlicher als Menschen es sich vorstellen können.

Macht Gottes zeigt sich im Leben von Nationen, einschließlich im Fall und Wiedererstehen der Nation Israel. Aus der Tora und aus den prophetischen Büchern ist bekannt, daß das Leiden Israels als Zeugnis für den Bund Gottes mit Israel verstanden wird. Was nicht verstanden wird, zumindest nicht gut genug, ist: Gott will, daß die Nationen die Erlösung Israels sehen und davon beeindruckt sein sollen. Das ist es z. B., was Gott dem Pharao und den Ägyptern zeigen will.

Heuschreckenplage Heuschreckenplage
Holzschnitt, Kölner Bilderbibel
(um 1478).
Aus: Biblia: Deutsche Bibeln vor und
nach Martin Luther, Heidelberg 1982,
153. 
Es ist offensichtlich nicht genug, das Volk Israel nur aus der Knechtschaft zu befreien. Die Erlösung ist für die Öffentlichkeit bestimmt, erfüllt mit Zeichen und Wundern, denn die große ägyptische Nation soll die Macht, die Herrlichkeit und das Interesse des Gottes Israels an der Befreiung von Sklaven kennenlernen. In diesem Sinn spricht der Prophet Jesaja von den Juden auch als „Licht der Nationen“:

„Ich erwecke die Stämme Jakobs und stelle die Überlebenden Israels wieder her: Ich will euch auch zum Licht der Nationen machen, damit Mein Heil die Enden der Erde erreicht“ (Jes 49,6).

Die Nationen werden die Erlösung des Volkes Israel sehen und sie werden staunen. Darum werden sie lernen, wenn sie es nicht schon vorher gelernt haben, daß der Herr, der Gott Israels, Seinem Volk Sein Land wiedergibt.

Der Freudenbote sagt zu Zion:

„Jedes Tal soll erhöht werden, jeder Hügel und Berg abgetragen. Der unebene Boden werde eben und die Bergkämme flach“ (Jes 40,4).

Dies ist keine Rhetorik über eine mystische Manifestation Gottes, die die Natur verwandelt. Es ist eine mutige Bildersprache über die Schaffung einer außergewöhnlichen Straße, auf der das im Exil lebende Volk in sein Land zurückkehrt.

Obwohl wir oft und lange über unsere Sünden nachdenken, ist doch Gottes Anliegen nicht das Leiden. Gottes Anliegen ist die Macht der Vergebung und die Macht Seiner Liebe, wie sie sich in der Erlösung Israels manifestiert. Es ist darum eine der großen Aufgaben der Theologie, sich von der Leidensbotschaft zu lösen. Die große Botschaft Gottes liegt in der Macht der Erlösung. Die große Hoffnung der Juden ist ihre Erlösung und der Wiederaufbau ihres nationalen Staates. Das Zeugnis, das zu geben ist, ist die Bezeugung Gottes, der Sein Volk erlöst.

Der Sendungsauftrag an die der Menschheit

Das Anliegen der Bibel ist eine Botschaft und eine Vision nicht nur an Israel, sondern an die gesamte Menschheit. Jesaja spricht zweimal von den Juden als Licht der Völker (Jes 42,6; 49,6). Was bedeutet es, wenn er darüber hinaus von den Juden als einem „Bundesvolk und Licht der Nationen“ spricht? Der Kommentator David Kimchi („Radek“, 1160?-1235?), sah im „aufstrahlenden Licht“ das Licht der Tora, das von Zion ausstrahlt. Da das Anliegen der Tora Frieden ist, vermittelt das aufstrahlende Licht eine Botschaft der Segnung des Friedens, der in der ganzen Welt herrschen sollte. Die messianische Vision ist: „Und er wird den Nationen Frieden zusprechen“ (Sach 9,10). Darum sagt Jesaja, in jener Zeit

„wird Er richten zwischen den Nationen und vielen Völkern Schiedsrichter sein. Und sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Speere zu Winzermessern“ (Jes 2,4).

Es ist ein Fehler, wie Jona zu denken, daß Gott sich nur für die Juden interessiert. Als Jona in die große heidnische Stadt Ninive gesandt wird, weigert er sich, Gottes Befehl auszuführen, die Menschen von Ninive zur Buße aufzurufen. Erst durch Leiden lernt Jona, daß sich Gottes Wort auch an die Niniviten richtet. Schließlich geht er hin, und die Einwohner Ninives rufen ein Fasten aus. Die Großen wie die Kleinen, sogar der König selbst, kleiden sich in Sackleinen. Die Bibel sagt, sie fasteten nicht nur, sondern sie „wandten sich ab von ihren bösen Wegen“ (Jona 3,10).

Man hätte erwartet, Jona würde von seinem Erfolg begeistert sein. Statt dessen ist er niedergeschlagen. Dafür gibt es möglicherweise zwei Gründe. Erstens glaubte er, Sünde müsse bestraft werden und Gottes Barmherzigkeit sollte diese Bestrafung nicht verhindern. Und zweitens: Wer waren denn auch die Einwohner Ninives? Welches Recht hatten sie auf Gottes innige Fürsorge und vergebende Liebe?

Jona verläßt die Stadt und setzt sich an ihrer Ostseite nieder. Er baut eine Hütte und sitzt in ihrem Schatten. Und der Herr läßt eine Rizinusstaude über ihn wachsen, die ihm Schatten bietet. Jona freut sich sehr! Am nächsten Tag veranlaßt Gott in der Morgenröte einen Wurm, die Pflanze anzunagen, bis sie verdorrt. Dann läßt Gott einen leichten Ostwind aufkommen, die Sonne sticht Jona auf den Kopf, bis er ermattet. Und er will sterben. Dann spricht Gott zu Jona:

„Warum bist du so zornig wegen der Pflanze? [...] Du hast Mitleid mit der Pflanze, für die du nicht gearbeitet und die du nicht herangezogen hast; die über Nacht heranwuchs und über Nacht verging. Und ich sollte nicht Mitleid haben mit Ninive, der großen Stadt, in der mehr als hundertzwanzigtausend Menschen leben, die nicht zwischen rechts und links unterscheiden können, und daneben so viel Vieh?“ (Jona 4,10 f.).

 „Da befahl der Herr dem Fisch,
Jona an Land zu speien“
(Jona 2,11).

Holzskulptur von Gabriele
Schirnecker, Oberstdorf,
Privatbesitz.

 
Jona
Der Gott der Bibel ist der Gott der ganzen Welt. Seine Wunschbilder sind Visionen für die gesamte Menschheit. Seine Liebe ist eine Liebe, die sich auf alle Geschöpfe erstreckt. Hiob, der leidende Mann der Schrift, wird in keiner Weise als Jude dargestellt. Ist das ein Wunder? Das Leiden der Menschheit ist nicht auf ein bestimmtes Volk begrenzt. Der Bund mag das Problem für Juden besonders beschwerlich machen, aber wir alle versuchen, mit dem Problem der Leiden des Gerechten fertig zu werden. Hiob ist der Mensch schlechthin. Gottes Ruf an ihn aus dem Sturmwind ist Gottes Ruf durch die ganze Welt an alle Gerechten, die die Bedeutung ihres Schicksals zu verstehen suchen.

Der Gott, der Abraham liebte, „Aber du, Israel mein Knecht, Jakob, den ich erwählt habe, Same Abrahams, den ich liebe“ (Jes 41,8), liebt alle Menschen. Denn Er ist der Schöpfer der Welt. Adam und Eva waren Seine ersten Geschöpfe, und sie wurden lange vor den ersten Juden geschaffen. Sie sind „nach Gottes Ebenbild“ geschaffen, wie alle ihre Kinder bis in Ewigkeit. Nur das menschliche Geschöpf trägt die göttliche Ebenbildlichkeit.

Der Talmud sagt, Gott schuf die Welt mit nur einem ursprünglichen Wesen, um zu lehren, wenn einer eine einzige Seele vernichtet, ist es, als hätte er die ganze Welt vernichtet. Und wenn einer eine einzige Seele rettet, ist es, als hätte er die ganze Welt gerettet. Der Talmud lehrt das Konzept des Friedens in der Welt, so daß niemand sagen sollte, mein Vater ist größer als dein Vater (mSan 4,5).

„Seid ihr mir nicht wie die Äthiopier, o Volk Israel? spricht der Herr. Habe ich Israel nicht aus Ägypten geführt? Und die Philister aus Kaphtor, und die Aramäer aus Kir?“ (Amos 9,7).

Alle sind Gottes Volk. Als Abraham Gott gegenüber die Frage nach der göttlichen Gerechtigkeit und Barmherzigkeit aufwirft, argumentiert er zugunsten der sündigen Bevölkerung von Sodom. Abraham formuliert seine Herausforderung Gottes im Sinn des gerechten Handelns Gottes. Die Unschuldigen sollten nicht leiden. Und die Herausforderung geschieht nicht aufgrund einer besonderen Beziehung, die sich aus dem Bund Gottes mit den Juden ergibt. Vielmehr setzt die Bibel eine göttliche Gerechtigkeit und Barmherzigkeit voraus, die die ganze Welt umfaßt. Barmherzigkeit und Gerechtigkeit herrschen, denn der Schöpfergott ist der Gott der Barmherzigkeit und der Gerechtigkeit in der ganzen Welt.

Wenn Amos bittet, daß „das Recht sich wie Wasser ergieße und Gerechtigkeit wie ein mächtiger Strom“ (Amos 5,24), dann tut er es, weil es einen Gott der ganzen Welt gibt, der sie zur Gerechtigkeit ruft. Auf seine eigene rhetorische Frage nach der Bedeutung religiösen Fastens antwortet Jesaja, es sei Gottes Wille,

„die Ketten der Bosheit zu lösen, die Bande des Jochs aufzubinden, die Unterdrückten freizulassen und jede Unterjochung zu brechen; dein Brot mit dem Hungrigen zu teilen und die ausgestoßenen Armen in dein Haus aufzunehmen, den Nackten, den du siehst, zu bekleiden und dich nicht vor deinem eigenen Fleisch zu verbergen“ (Jes 58,6-7).

Das Judentum setzt voraus, daß alle Menschen verpflichtet sind, ein universales Gesetz zu befolgen. Dieses Gesetz, als die Sieben Noachidischen Gebote bezeichnet, ist auf alle Menschen anwendbar. Es behandelt (1) die Einrichtung von Gerichtsbarkeit, damit in der Gesellschaft das Recht regiert, und die Verbote von (2) Blasphemie, (3) Götzendienst, (4) Inzest, (5) Blutvergießen, (6) Raub und (7) den Verzehr des Fleisches eines noch lebenden Tieres.

Ungeachtet der Tatsache des Bundes machten Maimonides und auch spätere Ausleger deutlich, daß „die Frommen aller Nationen dieser Welt einen Platz haben in der kommenden Welt“. Deshalb sind im Judentum der absolute Wert des Menschen, seine Geschöpflichkeit nach göttlichem Ebenbild, wie auch Gottes vorrangiges Interesse an Gerechtigkeit und Barmherzigkeit die Basis einer universalen, vereinten Gemeinschaft der (von Gott) Geschaffenen. Diese Gemeinschaft ist berufen, auf die Liebe Gottes zu antworten, indem sie andere Menschen liebt und gesellschaftliche Strukturen errichtet, die die Ausübung von Recht und Barmherzigkeit umfassend ermöglichen, und sie ist berufen, sich unaufhörlich in religiösem Streben zu engagieren, der gebrochenen Welt Heilung zu vermitteln.

In einem wichtigen jüdischen Gebet (Anm. d. Red.: Sabbatgottesdienst am Freitagabend: Teil des Qiddusch; auch an anderen Stellen) heißt es:

„Wir hoffen auf Dich, Herr unser Gott, schnell die Schönheit Deiner Macht zu sehen, die Götzen von der Erde verschwinden zu lassen und die falschen Götter zu stürzen, die Welt zu vervollkommnen hinein in das Reich des Allmächtigen, wo alles Fleisch Deinen Namen anrufen wird, wo alle Bösen der Erde sich zu Dir hinwenden werden.“

"L’takken olam be’malkhut Schaddai", die Welt zu vervollkommnen hinein in das Reich des Allmächtigen. Der Tikkun ha-olam, die Vervollkommnung oder Wiederherstellung der Welt ist die gemeinsame Aufgabe der Juden und der gesamten Menschheit. Da sich Juden als in einer noch unerlösten Welt lebend betrachten, will Gott, daß sich Seine Geschöpfe an der Wiederherstellung der Welt beteiligen.

Christen und Juden

Aus der Untersuchung der dreifachen Bedeutung von „Mission/Sendung/Auftrag“ im klassischen Judentum ergeben sich bestimmte praktische Folgerungen, die auch ein gemeinsames Arbeitsprogramm für Christen und Juden anregen. Es sollte daher klar sein, daß jedwede Missionierung von Christen unter Juden in direktem Widerspruch zur jüdischen Ansicht steht, daß der Bund selbst Mission/Sendung/Auftrag ist.

Gleichzeitig ist es wichtig zu betonen, daß, ungeachtet des Bundes, für die Nationen der Welt keine Notwendigkeit besteht, sich zum Judentum zu bekehren. Während es theologische Grundwahrheiten gibt, wie der Glaube an die Einheit Gottes und an praktische gesellschaftliche Werte, die zur Schaffung einer heilen Gesellschaft führen, die zu erfassen der Menschheit mög- lich und nötig sind, bedürfen die Menschen nicht des Judentums, um den Einzelnen oder die Gesellschaft zu erlösen. Die Frommen aller Nationen haben einen Platz in der kommenden Welt.

Ebenso wichtig ist jedoch der Gedanke, daß die Welt der Vervollkommnung bedarf. Obwohl Christen und Juden die messianische Hoffnung, die zu dieser Vervollkommnung erforderlich ist, sehr verschieden verstehen, ob wir – wie die Juden – auf den Messias warten, oder ob wir – wie die Christen – auf das zweite Kommen des Messias warten, wir teilen den Glauben, in einer unerlösten Welt zu leben, die sich nach Wiederherstellung sehnt.

Sollten wir dann nicht ein gemeinsames Arbeitsprogramm erstellen? Sollten wir nicht unsere geistigen Kräfte vereinigen, um die gemeinsamen Werte, die zur Wiederherstellung der unerlösten Welt führen können, darzulegen und danach zu handeln? Wir haben in der Vergangenheit gemeinsam für soziale Gerechtigkeit gearbeitet; wir haben gemeinsam für Menschenrechte demonstriert; wir haben uns für das Arbeitsrecht und die Landarbeiter eingesetzt; wir haben unsere Regierung aufgefordert, sich der Anliegen der Armen und Obdachlosen anzunehmen; wir haben unsere Politiker aufgerufen, sich für nukleare Abrüstung einzusetzen. Dies sind nur einige der Probleme, die wir Juden und Christen in Übereinstimmung miteinander aufgegriffen haben.

Um anzudeuten, was wir weiterhin gemeinsam tun können, wollen wir einige konkrete Beispiele aufzeigen, wie das klassische Judentum theologische Ideen ins praktische Leben umsetzt. Und wenn diese Ideen wie Pflastersteine einen Weg ebnen, auf dem wir gemeinsam gehen können, dann werden wir auch gemeinsam eine Straße bauen können, eine gemeinsame Marschroute zur Wiederherstellung der Menschheit und der Vervollkommnung der Welt.

Gedanken aus dem Talmud über die Wiederherstellung der Welt

Obgleich der prophetische Einsatz für die Notleidenden bekannt ist, sollte betont werden, daß es der Talmud ist, der die Einzelheiten von guten Taten so darlegt, daß sie zu Ecksteinen des Lebens werden. Zedakah (Gerechtigkeit) und gute Taten (macasim tovim) wiegen gleichwertig alle Gebote der Tora auf. Die Verpflichtung zur Gerechtigkeit ist auf die Armen ausgerichtet, die guten Taten auf Arme und Reiche. Gerechtigkeit dient den Lebenden, gute Taten den Lebenden und den Toten. Gerechtigkeit nimmt vom eigenen Geld, gute Taten setzen das eigene Geld und das eigene Selbst ein.

Schon in talmudischer Zeit waren Einrichtungen für die Armenfürsorge ein wesentlicher Bestandteil des Lebens der Gemeinschaft. Wenn z. B. die Mischna lehrt, daß ein Jude den Pesach-Seder mit vier Bechern Wein feiern muß, merkt sie an, daß die öffentliche Fürsorge (tamhui) den Armen den Wein zur Verfügung zu stellen habe. Auch die Armen müssen feiern im Gefühl der Würde, freie Menschen zu sein – und das liegt in der Verantwortung der Gemeinschaft. Dennoch, obwohl Wohltätigkeitseinrichtungen ein zentraler Teil des Lebens der Gemeinschaft sind, betont Maimonides, die höchste Form von Wohltätigkeit (Gerechtigkeit) bestehe darin, dem anderen zu ermöglichen, seinen eigenen Lebensunterhalt zu verdienen.

Der umfangreiche Abschnitt des Talmuds, der sich mit dem Zivil- und Kriminalrecht (Nezikin/Schädigung) beschäftigt, bestimmt und schützt das Recht der Arbeiter auf Entlohnung. Das Gesetz gibt den Verboten der Tora gegen Zinsforderungen eine konkrete Form, indem es das Zinsverbot auch auf zinsähnliche Transaktionen erweitert. All dies geschieht, um eine Ökonomie zu schaffen, in der Menschen – als Ausdruck ihrer Gemeinschaft – ermutigt werden, einander finanziell zu helfen, anstatt zu profitieren. Wertpapiere werden geschaffen, um mittellosen Menschen Partnerschaft mit andern zu ermöglichen, statt Kreditnehmer zu bleiben. Auf diese Weise wird menschliche Würde geschützt und die Entwicklung einer Gesellschaft begünstigt, in der sich diese Würde im alltäglichen Leben manifestiert.

Gute Taten, die vom Gesetz gefordert und im Detail entwickelt werden, schließen die Verpflichtungen zum Krankenbesuch und zur Tröstung der Trauernden ein. Juden sind verpflichtet, Gefangene freizukaufen und für Bräute zu sorgen, die Toten zu begraben und andere an ihrem Tisch willkommen zu heißen. Der Talmud geht detailliert auf die Verpflichtung der Juden ein, den Alten Hochachtung zu zollen. Sich vor den Alten respektvoll zu erheben und ähnliche Zeichen der Ehrfurcht sind Reaktionen auf die äußerlichen Probleme des Alterns. Wenn das eigene Gefühl der Würde nachläßt, soll die Gemeinschaft die Würde des Einzelnen bekräftigen. Das jüdische Gesetz ist an die Juden gerichtet und seine Hauptsorge ist, die Äußerung der Liebe den Gliedern der Gemeinschaft gegenüber zu stärken. Es befaßt sich nicht mit Gefühlsregungen, sondern prinzipiell mit Taten. Es ist aber wichtig festzustellen, daß viele dieser Taten gegenüber allen Menschen vorgeschrieben sind. So sagt der Talmud:

„Man muß für den heidnischen Armen ebenso sorgen wie für den jüdischen Armen. Man muß den heidnischen Kranken ebenso besuchen wie den jüdischen Kranken. Man muß für die Bestattung eines Heiden so sorgen, wie man für die Bestattung eines Juden sorgt, denn dies sind die Wege des Friedens“ (bGit 61a).

Die Friedenswege der Tora bekunden eine praktische Antwort auf die heilige Schöpfung der Menschheit nach dem Ebenbild Gottes. Sie verhelfen dazu, die Welt auf das Reich des Allmächtigen hin zu vervollkommnen. Braucht die Welt nicht einen gemeinsamen Weg, der auf Frieden zielt?

Braucht die Menschheit nicht eine gemeinsame Vision des heiligen Charakters unserer menschlichen Existenz, die wir unsere Kinder lehren können und die wir in unseren Gemeinschaften pflegen, um die Wege des Friedens zu fördern?

Braucht die Menschheit nicht das Engagement ihrer religiösen Führung, innerhalb jeder Religion und über jede Religion hinaus, die sich die Hände reicht und Verpflichtungen eingeht, die die Menschheit inspirieren und sie anleitet, sich nach der heiligen Verheißung auszustrecken?

Für Juden und Christen, die den Ruf Gottes gehört haben, der Welt Segen und Licht zu sein, sind Auftrag und Sendung eindeutig. Nichts Geringeres sollte unsere Bestimmung sein. Das ist die wahre Bedeutung unserer gemeinsamen missionarischen Sendung.

  1. Das Originaldokument kann abgerufen werden unter www.jcrelations.net/en/?item=966

Jahrgang  10 / 2003 Heft 2 Seite 89−99.


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