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Alwin Renker

45 Briefe von Jules Isaac an Claire Huchet-Bishop

Die hier kommentierte Korrespondenz wurde erstmals in der Zeitschrift "Sens, Juden und Christen in der Welt" von heute, veröffentlicht. Sens wird von der Gesellschaft Amitié Judéo-Chrétienne de France herausgegeben. Sie will der jüdisch-christlichen Freundschaft in Frankreich ihre Stimme leihen. Ihr Gründer (1948) und erster Vorsitzender der Gesellschaft war Jules Isaac1, der vor allem im Vorfeld des II. Vatikanischen Konzils durch seinen Einsatz für die Beziehungen der katholischen Kirche zu den Juden bekannt ist.

Claire Huchet-Bishop

Claire Huchet-Bishop
(1898-1993).
Foto: Sens
(Nachlaß Huchet-Bishop).

In Heft Nr. 7/8(2002) veröffentlichte Sens 45 Briefe von Jules Isaac an Claire Huchet-Bishop.2 Monique Scheu-Dumesnil (Freiburg/ Brsg.), die Nichte von Claire Huchet-Bishop, besorgte die Sammlung der Briefe und stellte sie im Vorwort in den Rahmen der vielfältigen Interessen, die beide Briefpartner verbanden: hier der berühmte Autor von "Jésus et Israël", dort Huchet-Bishop, beide Vorkämpfer für die Annäherung zwischen Juden und Christen, wobei Claire Huchet-Bishop besonders bemüht war, die Schriften von Jules Isaac auch in den USA, wo sie nach dem allzu frühen Tod ihres Gatten (1944) lebte, bekannt zu machen.

Die 45 Briefe aus den Jahren 1951-1963 sind in ihrer publizierten Fassung von der Redaktion von Sens verantwortet. Sicherlich können aus den Briefen viele Perspektiven und besonders biographische Erkenntnisse gewonnen werden, bzw. findet bereits Bekanntes seine Bestätigung. Was von bleibender Bedeutung für die Entwicklung der christlich-jüdischen Annäherung in der Zeit vor und nach dem II. Vatikanum (1962-1965) ist, kommt in interessanter Weise in diesem Schriftverkehr zum Vorschein. Dem sei im Folgenden nachgegangen.

Gewiß sind die facettenartig aufleuchtenden Bemerkungen zum damaligen christlich-jüdischen Verhältnis bereits anderweitig bekannt, so die Audienz Isaacs bei Papst Pius XII. am 16. Oktober 1949 in Castel Gandolfo3 und im Juni 1960 bei Papst Johannes XXIII. und überhaupt seine Bemühungen, im Vatikan gehört zu werden (Brief Nr. 15). Die Bewertung, die Jules Isaac seinem Besuch in Rom beimißt, ist aufschlußreich: „Ich konnte“, schreibt er an Huchet-Bishop, „kostbare Beziehungen aufnehmen und ich bleibe mit Rom in Verbindung.“

Im folgenden Brief (Sept. 1960) wird die Strategie sichtbar, die Jules Isaac mit der Verbreitung seines Buches einschlägt: Ein Rabbiner namens Ales(andr)o Granat aus San Salvador hat Jésus et Israël gelesen und bedauert, daß noch keine englische und spanische Übersetzung existiert. Der Rabbiner wollte sich für die Verbreitung des Buches unter Juden und Nichtjuden einsetzen. Im selben Brief weist Jules Isaac aber auch darauf hin, daß „die großen jüdischen Organisationen wie das American Jewish Committee (AJC) sich mit der Sache beschäftigen müßten“. Im übrigen kämen aus Rom täglich ermutigende Nachrichten.

Jules Isaac 

Jules Isaac am 13. Juni 1960 in seinem Arbeitszimmer in Aix-en-Provence – drei Tage vor seinem Treffen mit Papst Johannes XXIII. (vgl. FrRu 6[1999]187).

Als es soweit ist, daß Isaacs Broschüre "L’antisémitisme a-t-il des racines chrétiennes?" in der Übersetzung von James und Dorothy Parkes "Has Antisemitism Roots in Christianity?" erscheinen soll, weist Isaac in einem Brief an Huchet-Bishop, die die Übersetzung betreut, präzise auf Richtigstellungen hin, z. B. in bezug auf Angaben zu seiner Person: „Professeur Jules Isaac, Ehrenpräsident von L’Amitié Judéo-Chrétienne de France“ (Brief Nr. 17). Der offizielle Herausgeber der Broschüre war die National Conference of Christians and Jews (NCCJ). Wie aus Brief Nr. 19 hervorgeht, besuchte Zachariah Shuster, der europäische Direktor des AJC, Isaac in Aix-en-Provence und versprach ihm „die Hilfe des American Jewish Committee bei der Verbreitung meiner Ideen und meiner Bücher“. „Könnte man in den USA nicht die eine oder andere Stellungnahme erreichen, um Rom zu stimulieren?“, schreibt Isaac in Brief Nr. 20.

In Brief Nr. 21 gibt er in einer deutlichen Erklärung „zu Protokoll“, daß es sein 18-Punkte-Programm (am Schluß des Buchs Jésus et Israël) aus dem Jahr 1947 war,4 aus dem alle folgenden Verlautbarungen zu Gesprächen zwischen Juden und Christen schöpften: ein erstes Programm des Umdenkens, das die christliche Lehre und Verkündigung übernehmen muß. Auf keinen Fall sollten, schreibt Isaac an Huchet-Bishop, die zehn Seelisberger Thesen5 (zum christlichen Religionsunterricht) bei der Publikation der Broschüre "Has Antisemitism Roots in Christianity?" (New York 1961) weggelassen werden, denn „sie haben vom christlichen Standpunkt aus gesehen eine sehr große Bedeutung“.

In Brief Nr. 24 stellt Isaac fest, daß in Rom – es ist Anfang des Jahres 1961 – die Angelegenheiten auf gutem Weg sind, aber „man muß Geduld haben; doch die Tatsache, daß das Problem aufgeworfen wurde und dort geprüft wird, ist schon an sich ein gutes Zeichen und ein Sachverhalt von großer Bedeutung“. Schon im folgenden Brief (Nr. 25) wird aber sichtbar, welche Schwierigkeiten noch zu überwinden sind. „Selbst wenn der Papst und das Sekretariat von Kardinal Bea sich offen zeigen, ist nicht gesichert, daß das Konzil sich gleicherweise der Sache öffnet.“6 Und weiter:

„Herr Shuster hat mich in Aix besucht. Was not tut, ist eine ernsthafte und diskrete Arbeit – ohne jede Publizität, denn der Papst hat seine Gründe, warum er das so will.“

Aus seiner Sicht wäre, so schreibt Isaac, eine Eingabe durch das International Council of Christians and Jews (ICCJ) wirksamer, als wenn diese nur von jüdischer Seite käme.

Isaac will in alle Vorgänge einbezogen werden und weist darauf hin, daß eine Koordinierung der Bemühungen unerläßlich ist. „In weniger als zwei Jahren erleben wir die Eröffnung des Konzils.“

In Brief Nr. 30 ist Isaacs Abhandlung "L’enseignement du mépris" erwähnt. Das handliche Buch (196 S.) erschien im Verlag Fasquelle, Paris, November 1962. Der Untertitel, "Vérité historique et mythes théologiques", verweist auf den berüchtigten Mythos vom Gottesmord.

Brief Nr. 32 zeigt, daß Isaac an die evangelische Christenheit gleichermaßen denkt wie an die Katholiken. Als 1961 in Neu Delhi die Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) stattfand, nahm Isaac Kontakte zu Pastor Westphal, dem neuen Präsidenten der Fédération protestante de France, auf. Isaac stand schon seit 1947 mit den französischen Protestanten in Verbindung.  Isaac ist überzeugt, daß der Kontakt mit Rom Fortschritte macht. Ein offizieller Abgesandter des Papstes übergab ihm, wie er schreibt, „eine prächtige Silbermedaille“, und er sieht darin ein Anzeichen von Vertrauen und Hoffnung (Brief 32).

Doch Isaac gibt sich keinen Illusionen hin. In Brief Nr. 36 sagt er nüchtern im Blick auf Rom:

„[...] man stößt auf eine Mauer, die sich in dem Augenblick erhebt, wo man glaubt, die Sache sei gewonnen.“

Aber Isaac verzweifelt nicht, obwohl sich mit seiner Schrift "L’enseignement du mépris"7 die Schwierigkeiten vergrößern. Doch er weiß Huchet-Bishop auf seiner Seite. Während die englischen Übersetzungen der kürzeren Schriften rasch vorliegen, geht es mit dem umfangreicheren Jésus et Israël (596 Seiten) nur langsam voran. Eine amerikanische Fassung des Werkes soll auf 400 Seiten gekürzt werden. Isaac beauftragt Huchet-Bishop damit, die Edition, „eine schwierige Operation“, zu überwachen (Brief Nr. 37).8

In Brief Nr. 39 fordert Isaac die Verurteilung der „Lehre von der Verachtung“, die dem jüdischen Volk durch die christliche Verkündigung zuteil wird.9 Diese Verurteilung muß von höchster Stelle aus geschehen (durch den Papst bzw. durch ein Konzil).

„Wenn sie (d. h. die Verurteilung) nicht erfolgt, wird dies die Probe aufs Exempel sein, daß man von der römischen Kirche nichts zu erwarten hat.“

Dieser klaren Forderung fügt Isaac sogleich hinzu: „Aber ich verstehe vollkommen, daß ein jeder Katholik in seinem Verhalten an eine gewisse Klugheit gebunden ist.“ Seine eigene Art des Vorgehens, schreibt Isaac, sei dies aber nicht.

In Brief Nr. 40 ringt Isaac um die Beibehaltung seiner 18-Punkte-Erklärung, die in der Broschüre "The Teaching of Contempt" (1964) angefügt sein soll. In den Briefen Nr. 41 und 44 erscheint der Name von Hans Joachim Schoeps. Isaac kennt ihn und nennt ihn einen hoch qualifizierten Gelehrten (der die Entwicklung des Christentums in seinen Anfängen in mehreren Büchern dargestellt und vornehmlich über Paulus und den jüdisch- christlichen Dialog gearbeitet hat, wie der Kommentar in Sens erklärt). Doch Isaac gesteht, er könne sich über die neueren Arbeiten von Schoeps kein Urteil bilden.

Von großer Bedeutung ist die Nachricht Isaacs in Brief Nr. 42 über die Entwicklung seines Verhältnisses zu Rom und besonders zu Kardinal Bea. Freilich liegen Licht und Schatten dicht beieinander.

„Von Kardinal Bea habe ich sehr optimistische Nachrichten aus Rom erhalten. Aber es gibt auch eine Gegenoffensive von Parteigängern der alten Vorurteile: ein dickes Buch mit dem Titel ,Ein Komplott gegen die Kirche‘, worin ich natürlich auch eine Rolle spiele. Das Werk wurde an alle Konzilsväter verteilt. Hoffen wir dann doch, worauf Kardinal Bea und ohne Zweifel auch Johannes XXIII. vertrauen.“

Die 45 Briefe aus der Korrespondenz von Jules Isaac mit Claire Huchet-Bishop sind ein kostbares Zeitdokument. Daß sie von Monique Scheu-Dumesnil einer größeren Leserschaft zugänglich gemacht wurden, verdient höchste Anerkennung. Auch wenn wir gern die entsprechenden Antworten von Huchet-Bishop an Jules Isaac dazu gelesen hätten: Allein schon diese 45 Briefe gewähren einen Einblick in das Ringen um eine christlich-jüdische Verständigung, das vor mehr als vier Jahrzehnten hoffnungsvoll begann.

„Ich lade zu dieser Erneuerung, zu dieser Reinigung und zu dieser strengen Prüfung des Gewissens nicht nur alle wahren Christen ein, sondern auch alle wahren Israeliten.

Das ist das Ziel, das ich mir gesteckt habe. Das ist die wichtige Lehre, die aus den ,Betrachtungen über Auschwitz‘ gezogen werden muß, der ich mich nicht entziehen kann und der sich auch kein großherziger Mensch wird verschließen können.

Der Schein des Krematoriumofens von Auschwitz ist für mich der Leuchtturm, der alle meine Gedanken lenkt.

O meine jüdischen Brüder und auch ihr, meine christlichen Brüder, glaubt ihr nicht, daß er sich mit einem anderen Schein, mit dem des Kreuzes, vermengt?“ (Jules Isaac)


GProf. Msgr Dr. Alwin Renker ist 1. Vorsitzender des Vereins Freiburger Rundbrief e. V. und Herausgeber der Zeitschrift Freiburger Rundbrief. 

  1. Jules Isaac, geboren am 18. November 1877 in Paris, starb am 6. September 1963 in Aixen- Provence. Ein ausführlicher Lebenslauf von Jules Isaac ist nachzulesen in FrRu XXIX(1977)91-94. Vgl. auch den Nachruf in FrRu XV(1963/64)80.
  2. Claire Huchet-Bishop, 1898-1993, war Präsidentin von Amitié Judéo-Chrétienne de France (1975-1981) und Präsidentin des International Council for Christians and Jews (1974-1976). In diese Zeit fällt auch ihre Studie "How Catholics look at Jews. Inquiries into Italian, Spanish and French Teaching Materials", Paulist Press, New York 1974 (vgl. FrRu XXVI[1974]25, Anm. 6).
  3. Vgl. den Bericht von Jules Isaac in: FrRu II(Aug. 1950)8/9, 3 f. „[...] Ich schilderte das von all meinen Bemühungen angestrebte Ziel, das in der Erziehung zu unverfälschter christlicher Unterrichtung über Israel liegt [...]“
  4. Vgl. FrRu Nr. 8/9(1949/50)4-5.
  5. Vgl. Anm. 4,5-6.
  6. Isaac gibt an Huchet-Bishop die damalige postalische Anschrift des Sekretariats für die Einheit der Christen weiter: Via dei Corridori 64, Rom.
  7. Die amerikanische Ausgabe erschien 1964 mit dem Titel „The Teaching of Contempt“.
  8. Anläßlich der offiziellen Vorstellung der amerikanischen Erstveröffentlichung von Jésus et Israël am 6. Mai 1971 in New York im Rahmen einer Konferenz des American Jewish Committee gab Claire Huchet-Bishop einen Überblick über Werk und Leben von Jules Isaac (vgl. FrRu XXIII[1974]10, Anm. 2).
  9. Nach dem Kommentar in Sens war dieser berühmte Sachpunkt bereits Gegenstand bei der Audienz Isaacs bei Papst Johannes XXIII (Sens, 7/8[2002]402).

Jahrgang 10 / 2003 Heft 1 Seite 31−35.


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