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Walter Beltz

Träumen von Himmel und Erde

Theologische Fragen an das Werk von Stefan Heym

Am 16. Dezember 2001 starb Stefan Heym (1913–2001) in Israel.1 Auf Wunsch der Familie habe ich bei seiner Beerdigung auf dem Jüdischen Friedhof in Berlin-Weißensee am 20. Dezember die Trauerrede gehalten. Das war der Anlaß, über unsere Zusammenarbeit nachzudenken und noch einmal die Fragen zusammenzufassen, die unsere mehr als 35jährige Freundschaft beherrschten. Es war Heyms Entscheidung, mich bei mehreren Büchern zum Gesprächspartner zu wählen.

Darunter fallen die Romane Der König David Bericht (1972), Ahasver (1981), Schwarzenberg (1984) und Pargfrieder (1998). Aber Stefan Heym verfolgte nicht nur literarische Interessen. Als exzellenter homo politicus war er auch am politischen Gegenwartsgeschehen sehr interessiert. Meine Funktion bestand im Wesentlichen darin, ihm die notwendige Sicherheit im Umgang mit den Sujets zu schaffen. Nur beim Ahasver habe ich auch anfänglich beim Strikken der Fabel assistiert, die er aber in einem genialen Schöpferstreich gegen meinen Einspruch einer Lösung zuführte, die ich nie für möglich gehalten hätte.

Stefan Heym war ein Schriftsteller, kein Historiker oder Theologe. Schriftsteller haben in der Regel eine Fabel – vergleichbar dem theologischen Kerygma in der biblischen Hermeneutik –, für die sie einen Stoff suchen, der die Fabel tragen kann. Der Stoff ist nie die Fabel selber. Das will ich unterstreichen, weil es auch Leute gibt, die biblische Stoffe selber zur Fabel machen, historische Romane schreiben wollen und dabei Mythen schaffen. In unseren Gesprächen war es deshalb meine eigentliche Funktion, darauf zu achten, daß der Stoff nicht die Fabel überlagerte bzw. unkenntlich machte.

Stefan Heyms Umgang mit biblischen und christlichen Stoffen

Stefan Heym hat nie biblische Themen zu Fabeln gemacht. Kritiker haben ihm vorgeworfen, wir hätten beim König David Bericht biblische Geschichte nicht genug berücksichtigt. Unberücksichtigt gelassen haben wir die Diskussion, ob der Oktoteuch vor- oder nachexilisch ist. Stefan Heym hat natürlich seine biblischen Passagen der englischen King James Bible entlehnt, die sich von der Luther-Bibel unterscheidet, weil er den Roman in Englisch geschrieben hat. Die ganze Geschichte erweist sich ja schon in der barock formulierten Titulatur des „Berichts über den Aufstieg etc.” als Fiktion. Wichtig aber ist allein die Fabel. Die Wahrheit in der Geschichte ist nur im Gespräch mit Gott und den Menschen zu finden. Das ist genuin jüdische Denkweise. Ethan versucht, diese Wahrheit zur Sprache zu bringen, und wird deshalb aus der Stadt Jerusalem vertrieben. Aufklärung, so die Fabel, stößt immer auf den Widerstand von Tempel und Palast, von Kirche und Staat.

Ethan (Etan), als Verfasser von Ps 89 genannt und in 1 Kön 5,11 als „nur weniger weise denn König Salomo” charakterisiert, erhält im Roman – genauso wie David oder Salomo – eine erdichtete Biographie, auch wenn Heym dort biblische Texte paraphrasiert hat. Dieser Roman ist aber kein Schlüsselroman, der etwa die Historie zur Allegorie der Gegenwart gemacht hätte. Das hätte nahegelegen, weil zumindest in der DDR die aufmerksamen Leser zwischen den verschiedenen Auflagen der „Geschichte der KPdSU (B)” den jeweiligen politischen Standpunkt der sowjetischen Parteispitze und deren wechselhaften Interessen erkennen konnten, und weil, Vorrecht jedes Schriftstellers, Personen mit Charakterzügen auch lebender Personen ausgestattet werden können. Die Fabel ist aber, daß der Autor nur im Gespräch mit Gott und Menschen seine Weltsicht gewinnt, die anders ist als die gängige des Zeitgeistes, und die ihm deshalb ermöglicht, die wirklich grausige Gegenwart nicht zu verfluchen. Über Jerusalem liegt der Glanz Gottes. Und natürlich ist Ethans Vita profiliert an den biblischen Prophetengestalten. Diese Männer des Glaubens waren Gesprächspartner Gottes und der Menschen. Es war deshalb wohl erlaubt, diese Fabel durch die Geschichte von der Entstehung des Königtums in Israel plausibel zu machen. Der Stoff war auch bei dem mehrheitlich areligiösen Leserpublikum in der DDR noch bekannt.

Der Ewige Jude 
Der Ewige Jude.
Gravüre von Jean-Charles Boulay (1820).

Stefan Heym war und blieb Jude. Das wird an seinem vielleicht religiösesten Buch sichtbar, dem Ahasver. Die Fabel ist durchsichtig. Es geht um die Befreiung des Menschen von Unterdrückung und Ausbeutung, einschließlich der geistigen Unterdrückung.

Heym war ein geborener Kommunist. Ahasver, die Person des Ewigen Juden, der als Strafe für seine Weigerung, Jesus bei seinem Leidensweg eine Erholungspause zu gönnen, verflucht wird, bis zu Jesu Wiederkehr zu leben, war seit dem 16. Jahrhundert eine literarisch wirksame Gestalt in Europa.

Anders als die Legende verbindet Heym Ahasver mit dem apokryphen Engelsturz und macht ihn zu einem Genossen des aus dem Himmel gestürzten Engels Luzifer. Aber anders als Luzifer, der sich anschickt die Welt zu verderben, indem er sich mit der weltlichen Macht verbindet, versucht Ahasver als sein Gegenspieler die Menschen und die Welt aus der Knechtschaft zu befreien.

In der Heymschen Umkehrung der mittelalterlichen Legende verbünden sich Jesus und Ahasver, um gemeinsam die Welt zu verbessern: Judentum und Christentum, der revolutionäre Ahasver und der liebende Jesus, eine Vereinigung, die den Luzifer zum Schweigen bringt.

Diese Fabel wird in drei Handlungssträngen materialisiert. Die transzendente Handlung wird vom Miteinander Gottes, Jesu, der Engel, Ahasvers und Luzi- fers bestimmt. In der historischen Handlung wird die Geschichte des schleswigschen Superintendenten Paul von Eitzen verwendet, der traditionell mit der Verbreitung der Legende von Ahasver verbunden ist. In einer dritten, in der Gegenwart spielenden wissenschaftlichen Diskursebene werden die gesamten wissenschaftlichen Ergebnisse zum Thema vorgeführt. Die Protagonisten dieser Ebene werden vom Teufel/Luzifer/Leuchtentrager ebenso geholt wie Paul von Eitzen in der zweiten Ebene. Die wissenschaftliche Ebene – darin zeigt sich der Witz des Buches – wird angesiedelt in Berlin mit einer Straße und einer Hausnummer, die es nur gibt, weil die Nummer 38 fehlt.

Sonst trüge diese Hausnummer die katholische Hedwigskathedrale. Unter der Adresse kann man auch das Büro für Urheberrechte der DDR lokalisieren. Die Äußerungen aus diesem Institut sind Zitate aus Publikationen eines Lehrstuhls für wissenschaftlichen Atheismus, den es tatsächlich an einer Universität der DDR gab. Im Übrigen sind auch die Texte von Eitzen authentisch wie die von Luther. Verwendet werden für Eitzen Zitate aus dem Hutterus Redivivus und aus zeitgenössischen Akten aus der schleswigschen Kirchengeschichte und für die erste Ebene Teile der biblischen Apokryphen.

Es gehört zur Fabel, daß dort, wo sich das Christentum mit der staatlichen Macht verbündet, nicht eigentlich Jesus der Herr ist, sondern Luzifer, und daß die Wissenschaftler, die sich ihrer eigenen Freiheit begeben zugunsten einer Partnerschaft mit dem Staat, deshalb vom Teufel geholt werden wie Bischöfe oder Generalsuperintendenten.

Die Unsterblichkeit der Seele

Die Unsterblichkeit der Seele bzw. die Unsterblichkeit des Menschen bestimmt die Fabel des wohl witzigsten Buches von Stefan Heym, des Schelmenromans Pargfrieder. Er benennt das Thema im Roman bei der Einführung in die Gesellschaft, angesiedelt in den Salons der Ersten Wiener Freimaurerloge. Der Stoff ist amüsant und faszinierend.

Pargfrieder, ein zu großem Reichtum gekommener österreichischer Heereslieferant, möchte gerne bei Hofe zugelassen werden. Weil Kaiser und Hof ihn daran hindern, nötigt er den Kaiser, bei ihm einen Besuch zu machen. Er legt einen Ehrenhain, genannt Heldenberg, für österreichische Militärs an und läßt dort all jene Offiziere beisetzen, deren Schulden er bezahlt hat. Dazu gehört auch Feldmarschall Radetzky, bei dessen Beisetzung der österreichische Kaiser nicht fehlen darf. Der Gang des Kaisers in diese Grabkammer ist der Preis für die Weigerung, ihn (Pargfrieder) bei Hofe zuzulassen. Die Erwartung dieses Besuches beherrscht die Handlung und das Motiv der Fabel: Gerechtigkeit siegt. Unsterblichkeit der Seele oder des Menschen – für Heym gleichbedeutend – ist das Bemühen um Gerechtigkeit auf Erden, zu dem auch Witz und Schelmentum gehören. Die Welt muß nolens volens den Gegensatz zwischen Zeitgeist, dargestellt in der höfischen Etikette, und Gottesgeist, Pargfrieders Eintreten für Gerechtigkeit, zur Kenntnis nehmen, wobei letzterer siegt.

Natürlich stellt sich die Frage, ob und wieweit bei Heym christliche Theorien, etwa von der Menschwerdung Gottes, reflektiert werden, bei der sich ja auch die Weltordnung umkehrte: Weil der Mensch nicht Gott werden kann, wird Gott Mensch. Aber diese Art von Gerechtigkeit, christlich-theologisch Heilsökonomie genannt, war Heym immer so fremd wie die christliche Deutung der Eschatologie. Er bevorzugte die Deutung von eschatos als jüngst, als letzter, als vom Anfang der Schöpfung gezählt, dem noch viele andere folgen können. Die vorherrschende christliche Deutung versteht letzter vom Ende her, wonach nichts mehr kommt.

Das hat gravierende Folgen. Es ist ein Unterschied, ob Jesus als letzter verstanden wird, gleichsam als jüngstes Glied einer Kette, der noch viele Glieder angefügt werden können, oder ob letzter exklusivistisch, als ausschließlich verstanden wird, d. h. nach ihm kann und darf dann niemand mehr kommen. Diese unterschiedliche Bewertung von eschatos gehört zu den Trennungsmerkzeichen zwischen Juden und Christen.

Im Pargfrieder wird Heyms Grundthema von der auf Erden zu verwirklichenden Gerechtigkeit sichtbar verbunden mit dem Prinzip bzw. der Frage nach der Unsterblichkeit der Seele oder des Menschen. Unsterblichkeit kann ein Mensch erlangen durch Witz, List, Tüchtigkeit und Beharrlichkeit im Wirken für die Gerechtigkeit auf Erden. Eine eschatologische Endabrechnung war Heym zutiefst suspekt, das hatte er bei seinem Lieblingsautor Heine schon gelernt. Unsterblichkeit ist Erinnerung in der Nachzeit, der Nachwelt, wobei auch hier das nach nicht anders verstanden werden darf als definiert durch die reale Person des Helden, Held hier natürlich literarwissenschaftlich gemeint, nicht als Zitat aus Pargfrieders Heldenberg.

Aber natürlich ist es erlaubt, aus der Vorliebe des Autors für seinen Stoff auch gewisse autobiographische Schlüsse zu ziehen. Heym weist im Pargfrieder zweimal – ein Zeichen für den Leser, der es nicht überlesen soll – auf die besondere Totenkleidung Pargfrieders hin. Er läßt sich standesgemäß, hatte er doch mit dem Gut auch die Baronie erworben, in einer Ritterrüstung beisetzen. Aber darunter trägt er einen rotseidenen Schlafrock, eine dazu passende Zipfelmütze und Pantoffeln: Heldenehrung ja, aber nicht ohne Menschlichkeit. Fremd blieb ihm immer, daß Christen das Dogma von der Menschwerdung Gottes so verstanden, als sei damit die Menschlichkeit von Gott getrennt und in Jesus Christus manifest geworden, während es ihm immer darum ging, daß Gott selber menschlich ist, und zwar der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.

Gerechtigkeit ist das eigentliche Zentralthema in Heyms Gesamtschaffen, Ziel seiner politischen und literarischen Träume. Darin war er seinen geistigen Verwandten, den biblischen Propheten, sehr nahe. Das Thema beherrscht schon die Werke Der Fall Glasenapp (1958), Crusaders (1948; dt. Der bittere Lorbeer, 1950), Die Papiere des Andreas Lenz (dt. 1963), Collin (1979) oder Radek (1995).

Heym war kein Utopist. Seine Stoffe waren real verankert. Er schuf keine Visionen, Theorien von einer zukünftigen realen Welt, die auch ein anderer Autor hätte schaffen können. Er war ein begabter Träumer, solange Träume die unverwechselbare Autorschaft eines Menschen tragen. Bei Visionen und Utopien sind ihre Urheber austauschbar, bei Träumen ist die Person des Träumers untrennbar mit ihnen verbunden. Träume sind, anders als Visionen und Utopien, unmittelbare Bilder, Abstraktionen, die Lösungen für belastende Gegenwartssituationen enthalten. Träume haben immer persönliche, konkrete Bezugspunkte, vornehmlich bei Dichtern und Schriftstellern, deren sprachgewordenen Träume unsterblich sind, weil sie sprechbar und lesbar geworden sind. Stefan Heym träumte von einer Erde und einer Gesellschaft, die gerecht sein sollten.

Fragen eines Theologen an Stefan Heym werden so schnell zu Fragen, die Stefan Heym an die christliche Theologie stellt, wie sie es denn mit der Verbesserung der irdischen Mißstände hält. Unser Diskurs ist nun von anderer Qualität als vor Heyms Tod. Wir wollten die Diskussion fortsetzen mit der Erörterung von Johannes 11,25, wo Jesus die Spekulationen um Unsterblichkeit, Auferstehung der Toten und Jüngstes Gericht mit der Aussage beendet: Ich bin die Auferstehung.

Es sind also viele Fragen möglich und viele Antworten zu erwarten, die den Diskurs so schnell nicht abbrechen lassen. Im Gespräch zwischen Juden und Christen hat Stefan Heym eine Position bezogen, die man im zukünftigen Gespräch nicht unberücksichtigt lassen sollte.


Dr. Walter Beltz ist reformierter Theologe und war bis Sommer 2000 Professor für Allgemeine Religionswissenschaft und Religionsgeschichte des Orients am Institut für Orientalistik der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Er ist Mitglied des PEN-Clubs und mehrerer wissenschaftlicher Gesellschaften.

  1. Stefan Heym hatte bei der Internationalen Heinrich Heine Konferenz in Jerusalem, gefördert von der Jerusalem Foundation in Zusammenarbeit u. a. mit dem Heinrich Heine Institut in Düsseldorf, den „krönenden Abschlußvortrag” gehalten. Wenige Tage später verstarb er während eines Aufenthalts am Toten Meer (vgl. FrRu 9[2002]158).

Jahrgang 9 / 2002 Heft 4 Seite 264−269.


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