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Jean-Marc Chouraqui

Gedanken eines Juden über Jesus

„Eli, eli, lama sabaktani“. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? Wer wäre nicht berührt von diesem Schrei des Jesus/Jeschu, der, im Geist des Psalmengebets, sein Menschsein in größter Verlassenheit zeigt (freilich auch ebenso seine Hoffnung)? Welche Nachkommen Israels, Angehörige des „gekreuzigten Volkes“, um ein Wort von Johannes Paul II. aufzunehmen, wären nicht betroffen? Ihre Schreie waren – unter dem Himmel der Verehrer des Gekreuzigten – millionenfach zum Himmel gerichtet. Die Unterdrückung eines Juden in einem christlichen Land gibt Zeugnis davon, daß dieses Land in Wahrheit das Evangelium nicht angenommen hat.

Jeschu'a
Der Name Jesus/Jeschu‘a in hebräischer Schrift seiner Zeit.

Ein Jude kann Jeschua verstehen, ob er ihn nun respektiert oder ihm widerspricht. Paulus führt die Ablehnung (der Christusbotschaft) durch Israel auf einen göttlichen Plan zurück (Röm 11,25): Die Bekehrung dieses Volkes, „dem (für immer) die Erwählung als unwiderrufliches Gnadengeschenk gemacht wurde“, wird sich eines Tages ereignen, wenn die Heidenvölker in voller Zahl christlich geworden sind. Daß viele Juden Schwierigkeiten haben, in abstracto von Jesus zu reden, rührt daher, daß sein Aussehen gleichsam „verdeckt“ ist durch die Kirche, „den mystischen Leib Christi“, deren geschichtliches Verhalten traumatisierend auf das Volk Israel wirkte. Für die Mehrzahl der Juden war Jesus der Grund, daß so viel Unglück über Israel kam. Darum war der Name Jesus tabu.

Im 17. Jh. entschuldigte sich Rabbiner Itzchak Lopés bei seinen jüdischen Lesern, daß er in seinem Buch, das die Zurückweisung des Christentums unternahm, das Neue Testament hatte zitieren müssen. In den siebziger Jahren des 20. Jh. wurde in Israel ein Professor der Philosophie gemaßregelt, weil er die Evangelien zitiert hatte. Inzwischen gibt es auch in Israel hervorragende Spezialisten für das Christentum. 1999 publizierte die orthodoxe französische Zeitschrift „Kountrass“ in Mea Schearim in Jerusalem ein Dossier über das Christentum, das präzisiert, daß jeder das Recht hat, den Namen Jesus zu zitieren. Nach RaSchBaZ (Simon ben Zemach), einem Meister der jüdischen Tradition (14. Jh.), war Jesus ein treuer Befolger der Tora geblieben.

Ein historisches Hindernis: der christliche Antijudaismus

Wie läßt sich erklären, daß Jesus – bis zur Unterdrückung seines Namens – als falscher Messias abgelehnt wurde, während andere Messiasse, wie Bar Kochba (2. Jh.) oder Sabbatai Zwi (1626–1676) zwar kritisiert wurden, aber nicht die gleiche traumatische Ablehnung hervorriefen? Nach jüdischem Volksbewußtsein hatte Jesus die jüdische Geschichte verlassen und war der hellenisierte Gott der Heiden geworden.

Die Gründungstexte der neuen Religion vereinnahmten die Hebräische Bibel als ein polemisches Instrument gegen die Juden. Das Christentum wurde geboren, indem es sich gegen das Judentum stellte und sich als das Neue Israel begriff. Rom, nach einer talmudischen Typologie die Reinkarnation von Esau/Edom, hatte das Erstgeburtsrecht gegenüber seinem Bruder Jakob, dem Ahnvater Israels, beansprucht. Israel wird zum gefallenen Auserwählten, von seinen Schriften und seinem Namen abgeschnitten, noch bevor es aus Jerusalem vertrieben war. Diese Inbesitznahme der Identität (des enterbten) Israel durch die Kirche stellt ein einmaliges Phänomen in der Religionsgeschichte jener Zeit dar.

Von der theologischen zur politischen Diskriminierung war es nur noch ein Schritt. Vollzogen wurde er von dem noch ungetauften Kaiser Konstantin, als er mittels politischer Erpressung und Drohung (Exil) die theologische Ausarbeitung des Trinitätsdogmas auf dem Konzil von Nizäa gegenüber den Anhängern des Arianismus erzwang. Dies verletzte das Gewissen der Juden, deren Tradition peinlich darauf achtete, daß Politik nicht in religiösen Kontroversen intervenierte.

Das jüdische Trauma

Ein Jude stößt sich zunächst an der Kirche des Christus und nicht, wie man oft glaubt, daran, daß Jesus von den Heiden als Messias-Christus anerkannt, von den Juden hingegen abgelehnt wurde. Die Traumatisierung der Juden hat mehrere Ursachen.

Theologische Ursachen waren die „Verfälschung“ des hebräischen Monotheismus durch das Trinitätsdogma, die Heilserlangung allein durch den Glauben an Christus und der Primat des Dogmas gegenüber den guten Werken.

Die politische Ursache ging einher mit der Aberkennung der politischen und religiösen Rechte bis hin zur physischen Auslöschung des Judentums. Dies machte den Namen Jesus zum Gegenstand von Zorn und Erbitterung. Ein tiefer Spalt klaffte zwischen den Behauptungen einer Botschaft der Liebe und der Folter der Inquisition.

Eine weitere Wunde war die Entwertung des von Christen so genannten Alten Testaments. Die Tora wurde vorgestellt als das Buch eines eifernden, rächenden Gottes, dessen Volk einem seelenlosen, spitzfindigen Legalismus unterworfen war, im Gegensatz zum Gott der Liebe, des Glaubens und der Gnade im Neuen Testament. Die Kirche hat zwar die dualistische Häresie von Markion, der die Tora in einen radikalen Gegensatz zum Evangelium stellte, verworfen, in der Verkündigung und im Unterricht war aber oft eine markionitische Haltung am Werk. Der Gott der Tora wurde dem Gott des Evangeliums gegenübergestellt und das Alte Testament lange Zeit ignoriert. Von Markion radikalisierte Aussagen in den Evangelien, die scheinbar im Gegensatz zur Tora standen („euch wurde gesagt, ich aber sage euch“), waren die Zurückweisung der geschichtlich-jüdischen Verankerung Jesu, obwohl die Synoptiker die jüdisch inspirierte Verkündigung Jesu aus der Zeit vor seiner Auferweckung berichten.

Aber welchen Stellenwert hat diese Verkündigung danach? Muß sie in Betracht gezogen werden? Ist sie hinfällig im Sinn eines strengen Bezugs zur Tora? Warum hat sich im Kanon der Hl. Schrift die peinlich genaue Einhaltung der Tora erhalten? Ein Jude kann zwar den historischen Jesus verstehen, aber nicht den dogmatischen Christus. Das Dogma der göttlichen oder menschlichen Natur Jesu, dessen Herausarbeitung sich über drei Jahrhunderte hinzog und für welches Textstellen des Neuen Testaments Anlaß zu einer widersprüchlichen Interpretation bieten, war Ursache vieler „Häresien“. Der Jude hat Schwierigkeiten, in der Komplexität dieses Dogmas die jüdischen Wurzeln zu erkennen.

Ein dogmatisches Hindernis: die Bejahung des Gottmenschen

Nach der geschichtlichen Last des Namens Jesu stößt sich der Jude theologisch und intellektuell am Dogma vom auferweckten Gottmenschen. Auch für den Juden ist die Überwindung des Todes eine biblische Realität. Die Hebräische Bibel und die Tradition erwähnen die Erweckung eines Jungen durch Elischa (2 Kön 4,34–36), die „Entrückung“ von Elija und Henoch in den Himmel und bezeugen den Glauben an die Auferstehung des Leibes. Die Auferstehung Christi bezeugt, daß der Tod besiegt ist und daß auch der Mensch auferweckt werden wird, ein Zeichen, das seine Hoffnung glaubwürdig und sicher macht. Nach jüdischer Ansicht kann die Erfahrung der Auferstehung Christi aber nicht eine Hoffnung für den einzelnen Sterblichen sein, denn Christus ist (der inkarnierte) Gott. Die Radikalität und die Kraft der Auferstehungserfahrung ist somit dem Menschen unzugänglich.

Der Christus-Gott ist für den Juden unzugänglich, wie das Gesetz für Paulus unzugänglich war. Doch die Tora sagt das Gegenteil.

„Dieses Gebot, auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist nicht fern von dir. Es ist nicht im Himmel, so daß du sagen müßtest: Wer steigt für uns in den Himmel hinauf, holt es herunter und verkündet es uns, damit wir es halten können? Es ist auch nicht jenseits des Meeres, so daß du sagen müßtest: Wer fährt für uns über das Meer, holt es herüber und verkündet es uns, damit wir es halten können? Nein, das Wort ist ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst es halten“ (Dtn 30,11–14).

Die Tora betrifft also den Menschen. Ein berühmter Text im Talmud erzählt, daß die Rabbinen die Kühnheit hatten, Gott abzuweisen, als er in einem Streitgespräch zugunsten eines Kontrahenten intervenieren wollte (bBM 35 b). Für den Juden nimmt Gott nicht in einem Menschen menschliche Gestalt an. Er partizipiert an jedem Menschen nach seinem Bild. Abzulesen ist das aus Jesu Antwort an die Pharisäer, die ihn göttlicher Ansprüche verdächtigen: „Steht nicht in eurem Gesetz geschrieben: ‚Ich habe gesagt: Ihr seid Götter?’“

Ein jüdisches Lesen der Evangelien

Es ist jener Jesus im Gespräch mit seinem Volk, den ein Jude in den Evangelien finden kann. In den Evangelien zeigt sich ein Jesus, dessen Leben, Handlungen und Beziehungen zu bestimmten Menschen zuweilen widersprüchlich sind. Diese Menschen werden als „Pharisäer“ oder – wie im Johannes evangelium – einfach als „Juden“ bezeichnet, so als spräche der Erzähler von einem fremden und Jesus gegenüber feindlichen Volk. Mit der zeitlichen und sprachlichen Distanz zur Verkündigung Jesu wuchs auch die Spannung zwischen Kirche und Synagoge.

Es ist bezeichnend, daß die Synoptiker (Matthäus, Markus und Lukas) nur selten den Ausdruck „Juden“ gebrauchen. Das Johannesevangelium dagegen bringt Jesus und seine Jünger wiederholt in Opposition zu „den Juden“ und zum Gesetz. Der paulinische Einfluß, die Entwicklung der Heidenmission und der Bruch zwischen der Synagoge und der Kirche, eingeleitet im 1. Jh., erklären diese Veränderungen parallel zur anwachsenden Vergöttlichung Jesu. Besonders bei den Synoptikern findet sich eine doppelte Entwicklung: eine von der Tora abweichende, um den Abstand zur Tora auszudrücken, und eine sich an die Tora annähernde, um die Sendung Jesu zu bestätigen.

In der hebräischen Bibel gibt es eine Vielzahl von Zitaten, welche die providentielle Berufung Jesu illustrieren. Manche entsprechen nicht der masoretischen Bibel, wie wir sie kennen, andere sind weggefallen. Wenn die Evangelien auf den österlichen Seder (Abendmahl) oder auf die Zehn Gebote zu sprechen kommen, erwähnen sie niemals die eigentliche grundlegende Erfahrung Israels, den Auszug aus Ägypten, der die Offenbarung am Sinai einleitet (Mt 19,18; Mk 10,19; Lk 18,20). Und doch ist es offensichtlich, daß Jesus dies nicht übergangen hat. Rabbiner Grunewald1 formuliert die Hypothese, die Evangelisten haben ein Ereignis, mit dem sich die bekehrten Heiden nicht identifizieren konnten, auch nicht anführen wollen. Desgleichen hätten sie sich auch in der Beschneidung nicht wiedererkennen können.

Eine andere bezeichnende Auslassung ist für Rabbiner Grunewald folgende: Wenn das Evangelium die Tatsache anführt, daß der Mensch Herr über den Sabbat ist (Mk 2,27–28), erwähnt es nicht, daß dieses Prinzip bereits in der Tora selbst angeführt ist. Ebenso lehrte Rabbi Jonathan, ein Zeitgenosse von Jesus, gemäß dem Talmud (bYoma 85b) „Der Sabbat ist euch gegeben, ihr hingegen seid nicht dem Sabbat gegeben, denn es wird gesagt: ‚Der Sabbat ist für euch’“ (Ex 16,29; Ez 20,12). Warum, fragt sich Grunewald, zitiert das Evangelium diese Schriftstellen nicht? Will es damit verbergen, daß „die Gerechtigkeit aus dem Gesetz kommt“, was nach Paulus bedeuten würde, daß „der Christus vergeblich gestorben wäre“ (Gal 2,21)?2

Das Neue Testament ist nicht ein biographisches, sondern ein apologetisches und katechetisches Werk, das unter dem Druck gegebener Notwendigkeit die Aussprüche des Meisters neu komponiert. Das Evangelium ist ein Zeugnis und kein Bericht. Das ist aber kein Hindernis, daß ein Jude den Juden Jeschu in der Dimension der Wirklichkeit wiederfinden kann, nicht aber in der Dimension des Glaubens, daß Jesus in seinen Augen nicht Gottes Sohn ist, wohl aber Sohn seines Volkes und seiner Geschichte. Wenn Israel einen neuen Blick auf die Christenheit gewinnen will, und wenn die Christenheit ihr Verhalten bereut und ihren Umkehrwillen im Blick auf Israel bekennt, können beide, Juden und Christen, zu gewissen Grundhaltungen zurückfinden.

Jesus und die Pharisäer

Pharisäer

Ein Pharisäer.
Ausschnitt aus einem Mosaik in S. Apollinare Nuovo in Ravenna.

Die Gesprächspartner Jesu sind seine jüdischen Brüder und Schwestern: „Ich bin nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel gesandt“ (Mt 15,24); „Geht nicht zu den Heiden, und betretet keine Stadt der Samaritaner“ (Mt 10,5); „Das Heil kommt von den Juden“ (Joh 4,22). Jesus konnte sehr kritisch sein mit Blick auf die „Nichtjuden“ (Mt 6,32–34; 6,7; 5,47). Gegenüber der Syro-Phönizierin, die zu ihm gekommen war, um ihn um die Heilung ihrer Tochter zu bitten, war er geradezu herablassend: „Es ist nicht recht, das Brot den Kindern (Israels) wegzunehmen und den Hunden vorzuwerfen“ (Mt 15,21–28). Wenn Jesus das Mädchen und auch den Knecht des römischen Hauptmanns dennoch heilte, dann, gemäß Lukas 7,1–10, weil die Bittsteller gottesfürchtig waren und weil Jesus von ihrer Bitte tief gerührt war. Auch der Talmud zeigt sich nicht reserviert, wenn es um die Heilung eines Nichtjuden geht. So ist das Handeln Jesu eine „jüdische Angelegenheit“.

Bei den Auseinandersetzungen zwischen den religiösen Gruppierungen jener Zeit hatten Jesus und seine Jünger unter den Pharisäern Freunde und Widersacher. Der Talmud unterscheidet sieben Richtungen von Pharisäern. Darunter sind auch solche, „die die Last der Gebote auf die Schultern von anderen legen, oder sich aufführen, damit sie (von andern) gesehen werden“ (bSot 22b; yBer 9,14b). Die Pharisäer aller Richtungen „saßen auf dem Stuhl des Mose“, und ihre Lehre (aber nicht immer ihre Taten) war korrekt (Mt 23,1 f.). Einige von ihnen waren gewiß dem Reich Gottes nahe. Aber es waren auch Pharisäer, die Jesus warnten, daß er verfolgt wird (Lk 13,31). Beim Prozeß gegen Jesus „glänzten sie durch Abwesenheit“ und der Pharisäer Gamaliel rettete die Apostel vor dem Sanhedrin (Apg 5,34–39). Dies bezeugt, daß Jesus und seine Jünger von den Pharisäern nicht allgemein als Gesetzesbrecher angesehen wurden.

Jesus und das Gesetz

Die Beobachtung der Tora blieb ein Grundgebot: „Eher werden Himmel und Erde vergehen, als daß auch nur der kleinste Buchstabe im Gesetz wegfällt“ (Lk 16,17). „Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich“ (Mt 5,18–19). Die Jünger, Zeugen des „irdischen“ Jesus, blieben an das Gesetz gebunden. Für die Judenchristen in Jerusalem war das jüdische Gesetz, das Jesus predigte, praktizierte und bereicherte, nicht vergangen, die messianische Zeit war noch nicht voll realisiert.

Die eben zitierten Texte im Kanon des Neuen Testaments garantieren seine ewige Gültigkeit und verbieten jede Diskussion, die das mosaische Gesetz und seine Observanz entwerten will. „Man muß das eine tun (Gebote von scheinbar geringerer Bedeutung), ohne das andere zu lassen (grundlegende Gebote wie Gerechtigkeit und Barmherzigkeit).“ Das ist eine perfekte Formulierung der jüdischen Tora-Pädagogik und entspricht der Pädagogik der Propheten und der Pharisäer. Aus dieser Sicht waren die Gesetzesübertretungen, die Jesus und seinen Jüngern angelastet wurden, vielleicht gar keine Übertretungen.

Zur Zeit Jesu war die jüdische Tora als mündliche Tora noch im Zustand der Ausformung. Als solche war sie, wie der Talmud belegt, Gegenstand lebhafter Kontroversen. Bestimmte Bräuche und Kriterien des Gesetzes waren z. B. in Jerusalem anerkannt, in Galiläa dagegen nicht. Was an einem Ort als Gesetzesübertretung galt, wurde an einem anderen Ort nicht so gesehen. Die wissenschaftlichen Publikationen über die Zeit der Ausarbeitung des Talmuds sind hier besonders aufschlußreich. Ein Beispiel: Das Händewaschen vor dem Essen (vgl. Mk 7,1–3), dessen Unterlassung verschiedene Pharisäer bei den Jüngern Jesu tadelten, war nicht überall allgemein üblich.3

Auch die Heilung von Krankheiten am Sabbat, selbst vom gutartigen Aussatz, war durch die Überlieferung erlaubt. Jesus war hier vermutlich mit jenem Typ Pharisäer konfrontiert, die vom Talmud als „bigottisch“ bezeichnet wurden. In Übereinstimmung mit dem jüdischen Gesetz rechtfertigt Jesus auch, daß seine Jünger am Sabbat Ähren abrissen (Mk 2,23–28). Das Prinzip des Pikuach nefesch („die Rettung eines Menschenlebens“) im jüdische Gesetz verlangt eindeutig die Nichtbeachtung des Sabbatgebots, wenn Gesundheit und Leben eines Menschen in Gefahr sind. „Der Sabbat ist für den Menschen gemacht, und nicht der Mensch für den Sabbat“, lautet eine talmudische Formulierung, die auch Jesus zitiert.

Das Gesetz des Mose ist für Jesus sowohl in seinem Handeln wie auch in seiner Verkündigung die bleibende grundlegende Bezugsgröße. Seine Streitgespräche über die Anwendung des Gesetzes bleiben im Rahmen von rabbinischen Kontroversen, die im Talmud zuweilen zu heftigen Auseinandersetzungen geführt haben. Jesus argumentiert wie die Toralehrer seiner Zeit, indem er sich auf die Schrift beruft. Er lebt in seiner jüdischen Umgebung, streitet mit ihr und setzt sich für sie ein. Jesus von „den Juden“ abzugrenzen, ihn seinem Volk zu entziehen, entspricht einem politischen und polemischen Verfahren, das der Zeit nach seiner Verkündigung entstammt und das die Kirche bereits im Gegenüber zur Synagoge sieht. Jesus redete in der Sprache seiner Väter und handelte gemäß der Tora, einer komplizierten Lebensweise, die den Heidenchristen fremd war.

Der Historiker David Flusser schrieb: „Man könnte ein Evangelium schreiben, das ganz aus der zeitgenössischen jüdischen Literatur zusammengestellt ist, ohne daß man einen einzigen Ausspruch Jesu benützt. Das wäre eine Aufgabe, die sich offensichtlich nicht ohne die vorhandenen Evangelien realisieren ließe.“ Hierzu einige Beispiele: „Wenn man zu dir sagt: ‚Ziehe den Strohhalm aus deinem Auge, dann antworte: Zieh den Balken aus dem deinigen’“ (bBB 15b; vgl. Mt 7,3); „Sei lieber der Verfolgte als der Verfolger” (bSan 49a; bShab 88b; vgl. Mt 5,10); „Die keine Gewalt anwenden, werden das Land erben“ (bSuk 29b; vgl. Ps 37,11 und Mt 5,5). Wenn Jesus erklärt: „Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen“, nimmt er wahrscheinlich nicht Bezug auf die hebräische Tora, die das Gegenteil von Hassen verlangt, sondern auf eine essenische Vorschrift.4

Auch die Achtung der anvei haruach, der „Armen im Geiste“, die das Armutsideal leben, findet sich bei den Essenern der Zeit Jesu. Wenn Jesus fordert, „seine Feinde zu lieben und für seine Verfolger zu beten“ (Mt 5,43–44), dann ist sein Ansinnen ein Echo auf die biblische und die rabbinische Tradition: „Wenn du siehst, wie der Esel deines Gegners unter der Last zusammenbricht, dann [...] leiste ihm Hilfe!“ (Ex 23,5; vgl. auch 23,4; Spr 23,17; 16,7; 25,21–22). „Hilf deinem Feind, bevor du deinem Freund hilfst“ (bBM 32b). „Wer ist der Starke, dem es gelang, aus seinem Feind einen Freund zu machen?” (Avot von Rabbi Nathan XXIII).5 Als Gebet für die Verfolger gibt es eine Formulierung von Beruria, der Gattin des berühmten Talmudlehrers Rabbi Meir, als dieser von den Minim (Ketzer oder Nazarener) verfolgt wurde (bBer 10a; bTaan 23b).6 Rabbi Eleasar Ben Juda aus Worms (ca. 1165–ca. 1230), dessen Familie 1214 von den Kreuzfahrern massakriert wurde, beteuerte, daß „die edelste Tat, die ein Mensch vollbringen kann, die Vergebung von Ungerechtigkeit ist”.

Schließlich macht sowohl die jüdische als auch die nichtjüdische Literatur aus Jesus in Sachen Ethik einen „Schüler“ Hillels, des großen Lehrers der jüdischen Tradition, der eine „milde“ Auslegungsrichtung vertrat und der eine Generation vor Jesus gelebt hat.7 Jesus hatte die berühmte „Goldene Regel“ des Hillel, „Füge einem andern nicht zu, was du nicht wünschest, daß man es dir antut“ (bShab 31a) neu formuliert mit den Worten: „Alles, was ihr also von anderen erwartet, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten“ (Mt 7,12; Lk 6,31).

Mutige Schritte des katholischen Lehramtes

Zwei Probleme könnten das Engagement im jüdisch-christlichen Dialog behindern: das Gefühl moralischer Überlegenheit mancher Juden aufgrund ihrer geschichtlichen Stellung, und die theologische Überlegenheit mancher Christen, die das Christentum als eine Überbietung des Judentums verstehen. Den aus dem Heidentum zum Christentum konvertierten Römern schrieb Paulus: „Erhebe dich nicht (zu deinem Schaden) über die Wurzel, denn die Wurzel trägt dich“ (vgl. Röm 11,18). Paulus bekräftigt das „Geschenk ohne Reue“, die Erwählung Israels. Mit Blick auf die heutige revidierte Einstellung der katholischen Kirche darf man nicht mehr in polemischer Weise von einer Überbietung sprechen, die eine Herabsetzung Israels im Gefolge hat. So erscheint bei einer Reihe von wichtigen Glaubensaussagen (z. B. zu den Begriffen Sünde, Ursünde, Wahrheit, allgemeines Heil oder Inkarnation) eher eine Verformung als eine Überbietung der hebräischen Überlieferung.

Nach einer Anfangszeit der „Reinigung des Gewissens“, die auf spektakuläre Weise im Heiligen Jahr 2000 zum Ausdruck gekommen ist, muß nun die „Erziehung zur Wertschätzung“ des jüdischen Glaubens folgen. Die „Richtlinien und Hinweise für die Durchführung der Konzilserklärung Nostra aetate Artikel 4“ (1974)8 betonen,

„Man darf das Alte Testament und die sich darauf gründende jüdische Überlieferung nicht in einen Gegensatz zum Neuen Testament stellen, daß sie nur eine Religion der Gerechtigkeit, der Furcht und der Gesetzlichkeit zu enthalten scheint, ohne den Anruf zur Liebe zu Gott und zum Nächsten“ (vgl. Dtn 6,5; Lev 19,18; Mt 22,34–40).

Die Kirche anerkennt, daß sich die jüdische Tradition nach der Zerstörung des Zweiten Tempels weiterentwickelt hat und „reich an religiösen Werten“ ist. Auch die römischen „Hinweise für eine sachgerechte Darstellung der Juden und des Judentums“ (1985)9 sprechen von einer „fortgesetzten geistigen Kreativität“. Sie zitieren den Talmud, rehabilitieren die Pharisäer und entlarven den Mythos von der Verwerfung Israels und verdammen die beklagenswerte Proselytenmacherei der Vergangenheit. Der Verweis, daß die Verkündigung Jesu zumeist in den Texten der jüdischen Tradition wurzelt, relativiert nicht Jesu Verkündigung, sondern ist ein Akt des Bekenntnisses. Wer sich scheut zu bekennen, daß sich die jüdische mündliche Tradition zuweilen Wort für Wort in der Bergpredigt findet, bevorzugt in Wahrheit eine Selbstbeschränkung eines „Gott mit uns“, anstelle eines „wir zu Gott hin“.

Vorschläge zum Dialog

Die offenkundige Zurückhaltung der Katholiken angesichts der Reue-Erklärung von Drancy10 und von Rom11 zeigt, daß die katholische Kirchenleitung es nicht vermocht oder nicht verstanden hat, eine entsprechende Resonanz bei der Basis zu finden. Sie hat auch nicht die entsprechenden Maßnahmen ergriffen, um ihre Absicht umzusetzen. Aber auch von jüdischer Seite ist es wichtig, daß die Informationen über den Fortgang des Dialogs zwischen Juden und Christen und über die grundlegenden Dokumente bekannt gemacht und aufgenommen werden, damit, nach Jahrhunderten des Antijudaismus, Befangenheiten und Vorurteile fallen.

Die christliche Lehre über Jesus und seine Beziehung zum Judentum muß sich ändern. Aber auch die jüdische Unterweisung über Jesus muß sich als verständlicher und weniger tabuisiert erweisen. Es ist so, wie Schalom Ben- Chorin geschrieben hat: „Wie der Glaube Jesu uns vereint, so trennt uns der Glaube an Jesus.“ Nehmen wir dies zur Kenntnis. Rabbiner Léon Askenazi sagte über die Begegnung zwischen Juden und Christen:

„Auch wenn die Hände der Menschen nicht übereinander liegen und die rechte Hand nicht mit der linken Hand zusammenfällt, sie können sich wenigstens einander entgegenstrecken.“

In diesem Geist hat Israel im Frühjahr 2000, in einer Blütezeit des Geistes, mit Bewegtheit die zitternde Hand der Reue von Johannes Paul II. gedrückt, als er an der Klagemauer in Jerusalem stand.


Jean-Marc Chouraqui ist Professor an der Université de la Méditerranée, Paris, und Direktor des inter-universitären Instituts für jüdische Studien und jüdische Kultur. Der Beitrag ist eine gekürzte Version des französischen Originalbeitrags in: Théophilyon, Revue des Facultés de Théologie et de Philosophie de l’Université Catholique de Lyon, Bd. VI, Nr.1, Januar 2001.

  1. Jacquot Grunewald, Chalom Jésus! Paris 2000, 32.
  2. Jacquot Grunewald, Chalom Jésus! (Anm. 1), 85.
  3. Vgl. dazu besonders David Flusser, Jesus, Reinbek bei Hamburg 211999; ders. in: Jewish Sources in Early Christianity, MOD Books, Tel Aviv 1989.
  4. Vgl. Yigael Yadin, L’Aventure des Manuscripts de la Mer Morte, Hershel Shanks (Hg.), Seuil 1996, 142, zit. in Grunewald (Anm. 1)207. Damit ist zweifellos die Kriegsrolle gemeint mit dem Kampf der Söhne des Lichts und dem Haß gegen die Söhne der Finsternis.
  5. Man findet die Vorstellung der Feindesliebe auch im „Brief des Aristeas an Philokrat“ (gegen
    150 v. Chr.), einer jüdisch-alexandrinischen Schrift, die die Vorgänge der Übersetzung des Pentateuchs ins Griechische in Alexandrien beschreibt.
  6. Beruria ist eine gelehrte Frau aus der 3. Generation der Tannaiten (2. Jh. n. Chr.). Sie ist die einzige Frau in der talmudischen Literatur, deren Meinung über die Halacha berücksichtigt wird.
  7. Zu den Parallelen zwischen Hillel und Jesus vgl. Mireille Hadas-Lebel, Hillel, ein Gelehrter in der Zeit Jesu, Sammlung Présence du Judaisme, Paris 1999, 85–106; J. H. Charlesworth/L. Johns (Hg.), Hillel and Jesus. Comparison of two Major Religious Leaders, Fortress Press, Minneapolis 1997.
  8. Vgl FrRu XXVI(1974)3–5.
  9. Vgl. FrRu XXXVII(1985/86)9–14.
  10. Vgl. FrRu 5(1998)90–97.
  11. Vgl. FrRu 7(2000)161–166, sowie Erinnern und Versöhnen, Die Kirche und ihre Verfehlungen in der Vergangenheit, Internationale Theologische Kommission, Neue Kriterien 2, ins Deutsche übersetzt und herausgegeben von Gerhard Ludwig Müller, Freiburg 2000.

Jahrgang 9 / 2002 Heft 3 Seite 181−191.


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