Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Leseproben > Rezensionen ab Jg. 2001 > 1119  

Home
Leseproben
Artikel ab Jg. 2001
Rezensionen ab Jg. 2001

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Peter Godman

Der Vatikan und Hitler

Hatten in den letzten Jahren Autoren wie John Cornwell („Pius XII. Der Papst, der geschwiegen hat“, München 1999) und Daniel Jonah Goldhagen („Die katholische Kirche und der Holocaust“, Berlin 2002) noch versucht, Pius XII. mit allen Mitteln als Antisemiten zu diffamieren und ihm die Mitschuld an der Schoa anzuhängen, so geht Peter Godman im vorliegenden Buch einen anderen Weg, um die vatikanische Politik der dreißiger Jahre zu erforschen.

Im Jahre 2002 hatte der Vatikan angekündigt, Dokumente der Zwischenkriegszeit vorzeitig für die Forschung freizugeben. Der Autor versucht, das Verhältnis der katholischen Kirche zum Nationalsozialismus dadurch zu erforschen, daß er die Akten der verschiedenen Dienststellen des Vatikans je nach ihrer Quellenlage auf ihre Verlautbarungen hin untersucht. Dabei haben es ihm besonders zwei vatikanische Dienststellen angetan: das Staatssekretariat unter Eugenio Pacelli und das Hl. Offizium unter Alfredo Ottaviani. Arbeitete das Staatssekretariat vorwiegend diplomatisch, d. h. die konkrete Situation stets berücksichtigend, so konnte das Hl. Offizium grundsätzlicher an die Gefahren und Irrtümer herangehen. Von besonderem Interesse sind Entwürfe von Stellungnahmen zu Nationalsozialismus, Rassismus, Judenverfolgung usw., die an Deutlichkeit und präzisem Denken kaum zu überbieten sind.

Daneben gab es die eigenartige Persönlichkeit von Msgr. Alois Hudal, Rektor der „Anima“ in Rom, der gerne die Rolle eines Vermittlers zwischen der Katholischen Kirche und dem Nationalsozialismus gespielt hätte. Seine Vorstellung war, die „Extremisten vom linken Flügel“ unter den Nazis zu verurteilen, um dann eine Allianz zwischen den „Konservativen“ unter den Nazis und der Kirche zu schmieden. Bereits 1936 war man im Hl. Offizium bereit, sowohl Kommunismus als auch Nationalsozialismus gleichermaßen zu verurteilen. Die Nazis verschärften den Totalitarismus und versuchten, das Konkordat auszuhöhlen. Die deutschen Katholiken sahen bereits alle ihre Errungenschaften, die sie seit dem Ersten Weltkrieg gewonnen hatten, wieder verlorengehen und eine Wiederkehr des Kulturkampfes angesagt. Staatssekretär Pacelli sah sich widersprüchlichen Informationen aus Deutschland ausgesetzt (Nuntius Orsenigo, deutsche Bischöfe) und bewahrte eine unglaubliche Geduld. Bischof Hudal mußte erleben, daß eine seiner „Vermittlungsaktionen“ in Deutschland schiefgelaufen war, indem die Nazis einen seiner im Mai 1935 in einer österreichischen Zeitschrift erschienenen Artikel beschlagnahmten. Darin hatte Hudal die deutschen Bischöfe beschuldigt, „unbeweglich“ im Umgang mit den Nazis zu sein. Ihre „Unversöhnlichkeit“ war für Hudal die Quelle aller Konflikte mit der Regierung. Kardinal Faulhaber erklärte später, dieser Artikel sei ein Dolchstoß in den Rücken der Bischöfe gewesen.

Hudal fand Beifall bei Franz von Papen und Diego von Bergen, dem Botschafter Hitlers in Rom. Es gelang Hudal, sich bei Hitler einzuschmeicheln, indem er – ohne Wissen Roms – ein Buch verfaßte mit dem Titel „Grund- lagen des Nationalsozialismus. Eine ideengeschichtliche Untersuchung von katholischer Warte“ (Leipzig 1937). Sein Ziel war es, einen katholischen Nationalsozialismus zu schaffen, was ein „Widerspruch in sich“ ist. Hitler hatte einige Ideen Hudals aufgenommen und glaubte, dadurch das katholische Lager spalten zu können. Schließlich fiel Hudal zwischen Stuhl und Bank. In Rom fürchtete man, Hitler könnte das Konkordat annullieren, das man als einzige „Rechtsbasis“ in den Beziehungen zu Deutschland besaß. In dieser schwierigen Lage ersuchte Pacelli Kardinal Faulhaber, einen Entwurf für eine Enzyklika zu verfassen. Der Entwurf war in einem ruhigen Ton verfaßt, ohne Polemik. Es war eher ein Katechismus, der die Katholiken an die wichtigsten Artikel ihres Glaubens erinnern sollte. Daraus entstand die päpstliche Enzyklika „Mit brennender Sorge“ (März 1937).

Rom war hin- und hergerissen zwischen der Entrüstung über die traurige Lage der Kirche in Deutschland und der Hoffnung, doch noch zu einer Einigung mit dem Reich zu gelangen. Am 3. Mai 1938 – am ersten Tag von Hitlers Aufenthalt in Rom – zog der Papst mit einer Instruktion im Osservatore Romano gegen Hitler ins Feld: über die „gemeingefährlichen Lehren“ des Nationalsozialismus, die, „getarnt als Wissenschaft“, darauf abzielten, „die wahre Religion“ zu untergraben. Pius XI. machte aus seinem Mißfallen an der Anwesenheit Hitlers in der Ewigen Stadt kein Geheimnis. Am 22. Juni 1938 empfing er in Castel Gandolfo den amerikanischen Jesuiten und Rassismusexperten P. John La Farge, dem er den Auftrag erteilte, eine Enzyklika zum Thema Antisemitismus vorzubereiten. Eine hochkarätige Jesuitengruppe, bestehend aus den deutschen Patres Gustav Gundlach und Heinrich Bacht und einem französischen Ordensangehörigen, erarbeitete Entwürfe, die dem Jesuitengeneral Wladimir Ledóchowski ausgehändigt wurden. Sie erreichten den Vatikan am 10. Februar 1939, kurz vor dem Tode Pius’ XI. Sein Nachfolger, Pius XII., ist nie darauf zurückgekommen.

Die Untersuchung Godmans zeigt auf, wie kompliziert und wenig abgestimmt die Behördenstruktur des Vatikans war. Der „monolithische“ Vatikan war ein Mythos. Man kann sich, angesichts der Publikationsflut der letzten Jahre zu diesem Thema, wirklich fragen, ob diese neueste Untersuchung zum Innenleben des Vatikans in den dreißiger Jahren wirklich der Weisheit letzter Schluß ist. Jedenfalls aber ist sie seriöser und glaubwürdiger ausgefallen als jene von Cornwell und Goldhagen.


Jahrgang 12 / 2005 Heft 2 Seite 139



top