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Ingrid Maisch

Der Brief an die Gemeinde von Kolossä

Als einer der ersten Bände der Reihe „Theologischer Kommentar zum Neuen Testament“, hg. v. Ekkehard W. Stegemann, Peter Fiedler, Luise Schottroff und Klaus Wengst, ist die Auslegung des Kolosserbriefes (= Kol) von Ingrid Maisch erschienen (vgl. FrRu 10[2003]20-27). Charakteristisch für diesen Kommentar ist die Berücksichtigung jüdisch-christlicher, feministisch-theologischer und sozialgeschichtlicher Fragen auf der Basis der historisch-kritischen Methode sowie religionsgeschichtlicher Aspekte (u. a. 85-103.152- 160.193-199). Der im Vergleich zu anderen Schriften des NT knappe Kol (vier Kapitel) erlaubt eine detaillierte Analyse und Interpretation aller wichtigen Fragen der Kolosserbriefexegese, die umsichtig und mit eigenständiger Weiterführung der Forschungsdiskussion präsentiert werden. Ingrid Maisch gelingt es, in einer für Kommentarliteratur ungewöhnlich klaren und lesbaren Sprache die Leserschaft mitzunehmen in die Botschaft des Kol, eines oft wenig vertrauten und doch recht einflußreichen Briefes.

Grundsätzlich votiert Maisch für die pseudepigrapische Entstehung des Kol (16-20). Zeitlich setzt sie ihn um 70 n. Chr. an. Genaugenommen sei er kein „echter Brief“, sondern „ein allgemeines Schreiben, das die Probleme vieler Neubekehrter aufgreift und durch Ermahungen und die Erinnerung an die Taufe einer Lösung zuführen will“ (23). Umstritten ist die Konfliktsituation, die Kol anspricht (vgl. Kol 2,8: „Philosophie“; „leere Täuschung“; „Überlieferung der Menschen“; „Elemente der Welt“; 2,18: „Verehrung der Engel“) und die er überwinden will. In einem ausführlichen Exkurs weist Maisch zwei gängige Erklärungsversuche zurück (eine von außen in die Gemeinde eindringende konkurrierende oder eine innergemeindliche, schismatische Lehre) und plädiert für ein drittes Modell (30-40): Grundlage für die ,synkretistischen‘ Versuchungen der angesprochenen Adressaten ist ihr in der ersten Generation noch nicht gefestigter bzw. nicht radikal genug verstandener christlicher Glaube. Dem begegne der Kol mit der Forderung nach einer „radikalen Konversion im Sinne eines biographischen Bruchs“ mit angestammten kulturell-religiösen Überzeugungen (35). Besondere Schwerpunkte der Kommentierung sind das Christuslied (Kol 1,15-20), das Maisch als „(christologisches) Lehrgedicht“ (78) einschätzt, und die sogenannte „Haustafel“-Ethik in 3,18-4,1.

Gattungs- und religionsgeschichtlich differenzierend bespricht Maisch die anstößige Passage über die Unterord- nung der Ehefrau unter ihren Ehemann (3,18). Die vom Ehemann geforderte Liebe (3,19) „kaschiere“ (248) die in Kol legitimierte patriarchale Herrschaft des Mannes. Maisch betont auch wiederholt den Abstand zwischen theologischen Positionen, die sich in authentischen Paulusbriefen und dem Kol finden, z. B. in der Eschatologie: Legt Paulus den Akzent auf die zukünftige Auferstehung der Christen, sieht Kol diese schon in der Taufe vollzogen (71.169-172). Freilich bleibt zu fragen, ob Kol mit dem ihm eigenen Akzent die Spannung zwischen Heilsgegenwart und Heilsvollendung aus dem Blick verliert. Gemeinsam mit Paulus betont der Kol die Taufe als Partizipation am Geschick Jesu, die noch der Vollendung harrt (vgl. 3,1-4).

Auch in der Ekklesiologie stellt Maisch die Unterschiede zu Paulus heraus: Versteht Paulus unter Ekklesia (= Kirche) die Ortsgemeinde, so Kol die universale, kosmische Kirche (17.40-47.115). In diesen und anderen Gegenüberstellungen (zur Christologie und Soteriologie) besteht die Gefahr, zu eng in einem Differenzmodell zu denken und dabei die Unterschiede auf Kosten der Gemeinsamkeiten zu profilieren. Zugleich lauert nach Ansicht der Verfasserin die Gefahr, daß die „eher mythische“ als „geschichtliche“ Kirche im Kol sich zu einer „triumphierenden Kirche“ erhebe (47). Andererseits betont Maisch die Verschiebung der Aussageintention von Kol 1,15-20 „vom Kosmos zur Kirche“ (125) und stellt das Interesse des Kol am erlösenden Kreuzestod heraus (119).

Herauszuheben ist die hohe Sensibilität der Verfasserin für die Fragestellungen des jüdisch-christlichen Gespräches, die sie differenziert und zugleich beharrlich an die Aussagen des Kol heranträgt: Ist der Kol antijudaistisch? Maisch urteilt, anders als Paulus sei der Kol weder an der (Heils-)Geschichte Israels noch am gegenwärtigen Judentum und seinem Heilsanspruch interessiert. „Der Kol ist die erste neutestamentliche Schrift, in der Israel und das Judentum nicht thematisiert werden“ (17). Insgesamt bieten manche Formulierungen des Kol nach Ansicht der Autorin in ihrem ursprünglich heidenchristlichen Kontext keinen offenen, wohl aber einen verdeckten Antijudaismus, indem sie Anlaß geboten haben für eine das Judentum diffamierende Auslegung (179.275).

Die Auslegung des Kolosserbriefes von Ingrid Maisch ist eine deutliche Bereicherung der neutestamentlichen Forschung. Sie steht exemplarisch für eine moderne, hermeneutisch reflektierende und verantwortete Schriftauslegung im Horizont gegenwärtiger theologischer Herausforderungen.


Jahrgang 12 / 2005 Heft 1 Seite 63


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