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Freddy Raphaël (Hg.)

Das elsässische Judentum

Die ersten Spuren jüdischen Lebens erscheinen im Elsaß vom 12. Jh. an. Mit diesem Buch sollen die Zeugnisse dieser Spuren den nachkommenden Generationen erhalten bleiben. Das Buch will auch informieren, wie jüdische Männer und Frauen vor langer Zeit lebten – an der Seite der Christen, aber nicht mit ihnen. Die jüdische Vergangenheit im Elsaß wird durch dieses sehr schöne großformatige Buch vorgestellt. Auf Glanzpapier finden sich Abbildungen von Personen, Denkmälern, Landschaften und Gebrauchsgegenständen, von Handschriften und mittelalterlichen Buchmalereien sowie Stiche von Alphonse Lévy. Das alles läßt uns tief und unmittelbar eintauchen in das pulsierende, komplizierte Leben und Treiben der jüdischen bäuerlichen Welt des 19. Jh., die heute verschwunden ist.

Unter der Leitung von Prof. Freddy Raphaël von der Marc Bloch Universität in Straßburg haben etwa zwanzig Autoren, fast alle Nachkommen elsässischer Juden, an diesem Buch mitgearbeitet. Wenn auch mehrere Beiträge eine sehr umfangreiche Übersicht der Geschichte der Juden im Elsaß vermitteln (Freddy Raphaël, Jean Daltroft, Jean-Jacques Wahl, André- Marc Haarscher), behandelt die Mehrzahl der Autoren doch sehr spezielle Themen wie die „Mappot“ (Robert und Martine Weyl, Günter Boll), das jüdische Elsässisch und seine Hebraismen (Raymond Matzen) und die jüdisch- elsässische Küche (Eve Cerf/Freddy Raphaël).

Die Lektüre des Buches hinterläßt einen zwiespältigen Eindruck: Einerseits erlebt man die Symbiose, aber auch die Abgrenzung der jüdischen Welt von ihrer Umgebung, andererseits Antisemitismus und Verfolgung. Manche jüdischen Bräuche wurden bis in die Mitte des 19. Jh. nach strengen Regeln praktiziert und waren den „Goyim“ (Nichtjuden) sehr wohl bekannt: der Sabbat und die großen Feste wie Pessach, Neujahr und der Versöhnungstag. Andere Riten blieben stets geheimnisvoll: das rituelle Bad oder die Bedeutung der „Mappot“ (Beschneidungswindeln), die – oft prachtvoll bestickt oder bemalt – zur Bar Mizwa zu Torawimpeln umfunktioniert wurden und als Schmuck der Torarolle dienten. Der Leser erfährt auch, daß es in Bouxwiller, am Fuß der nördlichen Vogesen, wo eine große jüdische Gemeinde lebte, seit 1998 ein Museum gibt, dessen Originalität nicht allein in der Präsentation alter Abbildungen und Objekte besteht. Gilbert Weil, der Gründer des Museums und einer der Autoren des vorliegenden Buchs, hat Szenen des täglichen Lebens nachgebildet.

Aber nicht immer verlief das jüdische Leben im Elsaß ruhig. Es gab dramatische Perioden, an die sich niemand gern erinnert: die Massaker im Pestjahr 1347, die zahlreichen ermordeten jüdischen Geldverleiher, die samt ihrem Hab und Gut verbrannt wurden, um auch die Schuldbriefe der Schuldner, Herren wie Bauern, zu tilgen.

Es war ein Antisemitismus, der auf lange Zeit die Juden aus den Städten auf das Land verbannte, indem man ihnen die Ausübung der meisten Berufe untersagte und ihnen den Erwerb von Grundbesitz verwehrte. Als sie nach der Französischen Revolution das Bürgerrecht erwerben konnten, brach die Woge des Dreyfus-Prozesses über sie herein, und in allerjüngster Zeit, während der Schoa, wurden etwa 10 % der elsässischen Juden in den Vernichtungslagern ermordet.

Wo befindet sich das elsässische Judentum heute? Was ist aus ihm geworden? Der Vorrang der Landwirtschaft, mit viel Sympathie von Alphonse Lévy beschrieben, existiert nicht mehr. Er ist Bestandteil einer Vergangenheit, die endgültig vorbei ist. Heute gibt es zwar kein elsässisches Judentum mehr, aber ein Judentum im Elsaß. Wenn es tatsächlich am Ende des 19. Jh. eine Begegnung zwischen den elsässischen und den osteuropäischen Juden gegeben hat (Freddy Raphaël), dann ist diese Begegnung – nicht ohne schmerzliche Folgen – für immer beendet.

Seit vierzig Jahren haben Zuwanderer aus den Ländern des Maghreb das Mosaik des Judentums im Elsaß vervollständigt. Wenngleich das Judentum auch das spezifisch Elsässische verloren hat, so ist es vielleicht gerade heute dabei, „seine universale Seele wiederzufinden“. Mit diesem Gedanken hat André Neher ein Gefühl aus seiner Kindheit zum Ausdruck gebracht, wenn er im Frühjahr die Störche zurückkehren sah und meinte, sie kämen direkt aus Jerusalem. Vielleicht befindet sich das elsässische Judentum auf dem Weg der Öffnung in die Welt und gleichzeitig auf dem Weg zurück zur Wiege der Anfänge, wie es Claude Vigée in seinen „Erinnerungen“ beschreibt. Ohne sich seines Jude-Seins bewußt zu sein, machte sich Vigée auf den Weg nach Jerusalem, um dort den Sinn des Lebens wiederzufinden, den Sinn seines Lebens und des Lebens von Generationen, die ihm vorausgegangen waren, auch in seinem elsässischen Heimatland.

Mit diesem schönen Gemeinschaftswerk haben die Autoren mit Kompetenz und Engagement ein Werk zustande gebracht, das uns ermöglicht, mit einer verschwundenen Gesellschaft in den deutlichen Spuren, die sie uns hinterlassen hat, in Beziehung zu treten. Die Nachfahren dieser elsässischen jüdischen Gesellschaft sind sich ihrer Verpflichtung gegenüber den Generationen ihrer Vorfahren bewußt, die, trotz aller Verfolgungen, elsässische Juden waren und blieben.


Jahrgang 12 /2005 Heft 3 Seite 221


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