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Salean A. Maiwald

Aber die Sprache bleibt

Sprache ist Heimat, Sprache ist Leben, Sprache ist Zuversicht, und sie ist, das machte Martin Heidegger gar zur philosophischen Maxime, „das Haus des Seins“. Doch was geschieht, wenn Menschen gezwungen werden, ihr „Haus des Seins“ zu verlassen, um in einem anderen Haus ein anderes Sein zu leben?

Salean A. (ursprünglich Angelika) Maiwalds Buch der persönlichen Begegnungen und Gespräche mit „Jeckes“, deutschstämmigen Juden und Jüdinnen in Israel, reflektiert genau diese brisante Frage und lässt 15 Männer und Frauen zu Wort kommen, deren Muttersprache einst das Deutsche war bzw. geblieben ist und die in der Welt der oftmals aufgezwungenen Heimat – erst Palästina, dann Israel – auf ganz unterschiedliche Art und Weise mit der neuen Sprache, dem Hebräischen, zurechtzukommen hatten; ihre Sprache, in die sie hineingeboren wurden, hatten sie indes nie vergessen oder verdrängt, was in der Emigration nicht selten geschieht. „Seiner Muttersprache entkommt man nicht“ (35), sagt die 1922 in Berlin geborene Romy Silbermann im Interview und fasst somit so knapp wie intuitiv den Tenor des gesamten beeindruckenden, mit einfühlsamen Porträtaufnahmen reich bebilderten Buches zusammen, an dem die promovierte Psychologin und Künstlerin Salean Maiwald, die als freie Autorin in Berlin lebt, zwischen 2000 und 2004 gearbeitet hat. Die knapp fünfjährige Mühe, verbunden mit wiederholten Reisen nach Israel, hat sich gelohnt, denn es ist ein gut lesbares, faszinierendes Buch entstanden, in dem ebenso faszinierende Lebensläufe bekannter und weniger bekannter Persönlichkeiten vorgestellt werden, denen Salean Maiwald in vielen Fällen eher zufällig begegnet ist.

Prominentes mit weniger Prominentem mischt sich hier, und es sind nachgerade markante Sätze wie „Ich kannte Else Lasker-Schüler noch persönlich“ (105), so die 1923 in Eisenach geborene Avital Ben-Chorin, die Ehefrau des berühmten Religionswissenschaftlers Schalom Ben-Chorin, die neben leiser abgetönten, doch nicht weniger eindrücklichen Aussagen stehen, wie etwa die des 1907 in Heilbronn geborenen Juristen Fritz Wolf, der „nichts [weiß], wovon ich erzählen möchte“ (37), und der in seiner exilbedingten Niedergeschlagenheit so weit geht zu sagen: „Ich muss nur noch lernen, anständig zu sterben“ (43).

In ähnlicher Weise hadert Walter Grab, der – 1919 in Wien geboren – erst relativ spät in seinem Leben als Historiker bekannt wurde, mit seinem Schicksal: „Mir hat hier [scil. in Israel] nichts gefallen, und es gefällt mir nach wie vor nichts. [...] Das Judentum gefällt mir nicht“ (117). Und weiter: „[Ich] kann nichts mehr machen und bin dazu verurteilt, hier festzusitzen“ (127). Freilich leben glücklicherweise nicht alle der Porträtierten so wie Wolf und Grab am Rande einer solchen existenziellen Krise: Die 1921 in Wien geborene Künstlerin und Literatin Eva Avi-Yonah, die alles in allem recht zu frieden auf ihr teilweise nicht eben leichtes Leben zurückblickt, ist „froh, dass man in Jerusalem wieder Deutsch sprechen kann“ (57), hält aber doch bedauernd fest: „Für die deutsche Sprache sehe ich langfristig keine Zukunft in Israel“ (63). Ähnliche Gedanken über das Deutsche in Israel macht sich die 1915 geborene Wienerin Alice Schwarz-Gardos, die sich als Journalistin einen Namen gemacht hat. Es gab in Israel seit den 1930er Jahren deutschsprachige Zeitungen, u. a. die „Israel-Nachrichten“, die Schwarz-Gardos von 1974 bis zu ihrem Tod 2007 mit viel Engagement geleitet hatte. Sie war eine der wenigen, die ihre deutsche Muttersprache weiterhin ungebrochen beruflich einsetzen konnte.

Anders der 1922 bei Czernowitz geborene deutsch schreibende Autor Manfred Winkler; er sagt, und dies überrascht angesichts der Tatsache, dass er erst im Alter von 37 Jahren nach Israel einwanderte: „Und dann natürlich die neue Sprache, zu der ich ungewöhnlich schnell einen Zugang gefunden hatte. [...] Nach fünf Jahren, 1965, konnte ich meinen ersten hebräischen Gedichtband [...] herausbringen“ (173).

Ebenfalls eng der deutschen Sprache verbunden geblieben ist die 1922 in Hamburg geborene Esther Parness, die in Tel Aviv eines der führenden Antiquariate für deutschsprachige Literatur geleitet hat. Sie hatte aufgrund guter sprachlicher Vorkenntnisse das Glück, „schnell und reibungslos [...] mit der hebräischen Sprache und Kultur zu verwachsen“ (89); dennoch brauchte sie, ähnlich wie Alice Schwarz-Gardos, aufgrund ihres Berufes nie auf die deutsche Sprache zu verzichten.

Gabriel Bach, 1927 in Halberstadt geboren und als stellvertretender Ankläger im Eichmann-Prozess wohl eine der renommiertesten Persönlichkeiten, die Salean Maiwald befragt hat, kam bereits als Schüler nach Palästina; er lernte rasch Hebräisch, redete aber mit seinen Eltern weiterhin deutsch zu Hause, eine geradezu klassisch typische Konstellation. Seine profunden Deutschkenntnisse waren es denn auch, die Bach – neben seinem Studium der Rechte – für das Amt des stellvertretenden Anklägers qualifiziert hatten. Auch die 1914 in Bonn geborene Ruth Zucker war viele Jahre an israelischen Gerichten tätig – als Gutachterin. Für diese Tätigkeit benötigte sie ein erstklassiges Hebräisch, das ihr zwar eigen ist, von dem sie aber selbst sagt, dass sie „nicht vollständig in die Sprache hineingewachsen“ sei (192).

So facettenreich und vielfältig Maiwalds (bereits in zweiter Auflage vorliegender) Sammelband, der andere bisher erschienene Anthologien zum Thema „deutschstämmige Juden in Israel“ überzeugend ergänzt, in seinen einfühlsam wiedergegebenen, ganz individuellen Lebenswegen ist –, allen jenen Schicksalen dürfte wohl dies gemeinsam sein: das komplizierte und zwiespältige Verhältnis zu Deutschland und der deutschen Sprache, die lange Zeit in Israel verpönt war, verbunden mit dem nicht immer freiwilligen Verweilen in einem Land, zu dem die Eingewanderten ein ebenfalls mehr oder weniger zwiespältiges Verhältnis aufgebaut hatten.

Die Generation der von Maiwald Befragten ist am Aussterben; viele sind inzwischen bereits verstorben, und es wird bald keine „Jeckes“ mehr in Israel geben. Berührend bleiben in diesem Zusammenhang die Worte von Fritz Wolf: „Die größte Tragödie meines Lebens ist, dass ich ein Deutscher geblieben bin. Ein Jude zwar, aber ein deutscher“ (11).

Yvonne Domhardt, Zürich/Freiburg i. Br.


Jahrgang 18 / 2011 Heft 1 Seite 53



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