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Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz

Neue Edith-Stein-Schriftenreihe

Im Herbst 2000 legte der Herder Verlag auf der Frankfurter Buchmesse die ersten drei Bände einer 25-bändigen Gesamtausgabe von Edith Stein vor. Der großräumige Plan entstand im Frühjahr 1998 in einem kleinen Kreis von Mitgliedern des Karmel und von phänomenologischen Philosophen. Die bisherige Werkausgabe (ESW) mit mittlerweile 18 Bänden hatte zwar unbestreitbare Verdienste was die Sicherung und Bekanntmachung des Werkes von Edith Stein seit den Nachkriegsjahren betraf. Dennoch genügt sie nicht. Erstaunlich vieles ist noch gar nicht ediert, darunter kostbare Reflexionen Edith Steins aus Exerzitien und zu geistlichen Anlässen. Weitere Briefe wurden aufgefunden; philosophische Aufsätze, soweit veröffentlicht, zeigten manche Editionsmängel und bedürfen auch einerwissenschaftlichen Kommentierung. Einige Übersetzungen – etwa von Werken von Bonaventura und Newman – blieben in der Schublade. Zudem sind wichtige Bände seit Jahren vergriffen.

Seit Februar 1998 beherbergt der Würzburger Karmel das „Internationale Edith Stein Institut“ unter der Leitung von Prior Michael Linssen, der schon die alte Ausgabe in Teilen mitbetreut hatte. In enger Zusammenarbeit mit anderen Mitbrüdern wie Ulrich Dobhan und Reinhard Körner, aber auch mit der außerordentlich verdienstvollen Archivarin im Kölner Karmel, Sr. Amata Neyer, gibt nun das Institut die Gesamtausgabe heraus, flankiert von der wissenschaftlichen Beratung durch den Lehrstuhl für Religionsphilosophie der TU Dresden (Gerl-Falkovitz, Beate Beckmann) und anderen Fachgelehrten. Die Namensgebung ESGA (Edith Stein Gesamtausgabe) geht auf den launigen Dresdner Einfall zurück, anstelle der MEGA (Marx-Engels Gesamtausgabe) ein neues Signal zu setzen.

Die 25 Bände sind unterteilt in: Biographische Schriften (Bände 1–4), Philosophische Schriften (5–12), Schriften zu Anthropologie und Pädagogik (13–16), Schriften zu Mystik und Spiritualität (17–20) und Übersetzungen (20–25). Auch äußerlich spricht die Ausgabe an. Der Umschlag ist in einem warmen, ins Violette spielenden Grau mit einer jeweils wechselnden Photographie Edith Steins gehalten. Die Herausgeber haben sich auf vergriffene und teils noch gar nicht edierte Texte konzentriert und das lang vermißte Buch über „Die Frau“ vorgelegt (bearbeitet von Amata Neyer mit Einleitung von Sophie Binggeli). Diese Texte von 1928–1932 leuchten das Spektrum des heutigen Reizthemas zwischen Politik, Pädagogik und Philosophie bis zum Christentum aus.

Daneben stehen die beiden so persönlichen Briefbände mit dem gut getroffenen Titel "Selbstbildnis in Briefen", von 1916–1933 und 1933–1942 (bearbeitet von Amata Neyer mit Einleitung von H.-B. Gerl-Falkovitz). Die Teilung im Schicksalsjahr 1933 ergab sich durch den Eintritt Edith Steins im Oktober dieses Jahres in den Kölner Karmel. Dabei sind durch Amata Neyer zahlreiche neue Dokumente und Briefe aufgefunden worden, vor allem für den zweiten Teil.

Neue und alte Mosaiksteine eines Porträts

„Selbstbildnis in Briefen II“ ist ein anspruchsvoller Titel, wenn man die recht verhaltene, sachliche Selbstmitteilung Edith Steins aus anderen Texten kennt. Dennoch trifft der Titel für diesen Briefband mit 480 Dokumentenausdrücklich zu. Im Vergleich zur Erstausgabe von 1977 konnte die Sammlung durch mittlerweile neu aufgefundenes etwa um das Doppelte erweitert und vertieft werden. Die Porträtskizze der reifen Frau auf der Höhe ihres Lebens und ihrer Entwicklung wird damit reicher an Einzelzügen. Auch wenn der klösterliche Alltag unspektakulär bleibt, rollen die lebensverändernden, einschneidenden Ereignisse der Politik rasch an,um sich am Ende zu überschlagen. Die quantitative Erweiterung um bislang unbekannte Briefe, Postkarten und andere Dokumente verdankt sich mehrfachen Quellen, vorzüglich aus Privatbesitz und einigen Archiven.

Wie schon im Briefband I werden erstmals auch die an Edith Stein und an ihre Schwester Rosa gerichteten Briefe abgedruckt, insbesondere die Korrespondenz der in den dreißiger Jahren schon großenteils nach Überseeversprengten Familie und mit der als letzte in Breslau verbliebenen und später in einem Arbeitslager umgekommenen Schwester Frieda. Mitgeteilt werden die brieflichen Bemühungen mehrerer Seiten um die Einreise Rosa Steins 1939 aus Belgien nach Holland in den seinerzeit noch schützenden Karmel von Echt, sowie großenteils unveröffentlichte Dokumente wie der Briefwechsel zwischen den Klöstern Echt und Le Pâquier und den Behörden zu den Ausreisebemühungen in die Schweiz. Viele liebenswürdige Klosterbriefe aus dem persönlichen Umkreis der Karmelitinnen in Köln und Echt beleuchten die Werk- und Festtage – auch mit den beliebten geistlichen Theaterstücken – und die ausgezeichnete Wertschätzung, ja Liebe, die Sr. Teresia Benedicta genoß. Aufschlußreiche Bitten um Bücher sowie Ausleihzettel der Jesuiten-Hochschule in Valkenburg werfen neues Licht auf Edith Steins vorbereitende Lektüre für die Arbeiten über Dionysius Areopagita (Wege der Gotteserkenntnis, 1941) und Johannes vom Kreuz (Kreuzeswissenschaft, 1942).

Wissenschaftliche Fragen betrifft die Korrespondenz mit und von Jesuiten wie Johannes Hirschmann SJ, Jan Nota SJ und anderen, was auch Urteile und Kommentare zu Edith Steins Thomas-Übertragung (Quaestiones disputatae de veritate) einschließt. Den Abschluß bilden – in der dichten Abfolge außerordentlich berührend – die letzten Dokumente: die in den Lagern geschriebenen Zettelchen an die Oberin; erst die Absage, dann die Zusage der Schweizer Behörden zur Einreise der beiden Schwestern, die zu diesem Zeitpunkt bereits tot waren –wie überhaupt manche postumen Grüße noch lange nach dem Tode eintreffen –; Fritz Kaufmanns Entsetzen über die Ermordung der so geschätzten ehemaligen Kommilitonin; die 1946 übermittelte Ehrenmitgliedschaft in der amerikanischen phänomenologischen Gesellschaft.

Spiegelungen in und zwischen den Zeilen

Als Edith Stein, noch erschöpft von ihrem überaus schmerzlichen und endgültigen Abschied von der Mutter in Breslau am 14. Oktober 1933, zwei Tage nach ihrem 42. Geburtstag die Schwelle des Karmel St. Josef in Köln als Postulantin überschritt, begann ein klar abgesetzter Lebensabschnitt. Darin liegt auch der Grund, weswegen das Briefcorpus ab diesem entscheidenden Datum geteilt wurde. Daß der Lebensabschnitt der letzte sein würde, war deutlich, denn er war als endgültiges Ziel erhofft und erbetet; daß er jedoch nur kurz sein würde, knapp neun Jahre, und überzwei Karmel-Stationen führen sollte, war nicht vorauszusehen.

Trotz des ungewöhnlichen Eintrittsalters hatte die Doktorin der Philosophie, wenn man den Zeugnissen traut, keine Mühe, sich dem streng und gleichmäßig schwingenden Rhythmus des Arbeitens und Betens anzupassen. Knapp bemessen war freilich die Zeit für Briefe. Sie erlaubte nur gedrängte, häufig unterbrochene Mitteilungen, die außerdem über den Schreibtisch der Priorin gingen. Trotzdem unterscheidet sich der Briefstil, abgesehen von der Kürze, kaum von jenem der vorklösterlichen Tage, sieht man einmal von den Briefen an Roman Ingarden ab. Immer noch werden knappe Grüße und Dank getauscht, vor allem zu den Festtagen. Gebetshilfe wird zugesagt, Rat erteilt. Ein Brief vor Weihnachten bittet um Verzeihung für die (unfreiwillige) Kränkung einer Mitschwester. Aber auch Mahnung und sachliche Rüge sind zu lesen. In Echt übernimmt Rosa den gesteigerten Austausch mit der weitverstreuten Familie. Edith notiert oft nur noch Grüße. Auf diese Weise rückt erstmals auch die acht Jahre ältere Schwester in ein helleres und bewegendes Licht.

Wo die Mitteilung persönlicher wird, erscheint ein doppelter Zug. Die Jahre ab 1933 sind geistlich ebenso fruchtbar wie politisch düster; menschlich werden sie immer lastender. So sehr das Glück des inneren Weges spürbar wird, weil „der Herr mich wieder als kleines Kind behandelt“, so sehr wird zugleich das sich über der Familie und über dem jüdischen Volk zusammenziehende Unheil spürbar. In einem Brief von 1938 erscheint zum erstenmal die Gestalt der „kleinen Esther“, die zum Sinnbild des eigenen Betens, Drängens, Leidens für die anderen wird. Der menschliche Leidensweg verflicht sich ununterscheidbar mit dem religiösen. Die von Gnade durchleuchteten Tage in Köln verschatten sich.

Ab der „Reichskristallnacht“ vom 9. November 1938 wird die Flucht ins Ausland unabweislich. Am Silvestertag desselben Jahres verläßt die klausurierte Nonne mit Büchern und Manuskripten Deutschland, für das sie in ihrem „Sühnopfer“ weiterhin einsteht. Als die Nazis im Mai 1940 Holland besetzen, entschließt sich das Kloster Echt, das im Kulturkampf des 19. Jahrhunderts als kölnische Filiale gegründet war und daher deutsch sprach, nur mehr holländisch zu gebrauchen. Die knapp 49-Jährige lernt sich in der Fremdsprache auszudrücken, wie die anfangs ungelenken, in kurzer Zeit aber bemerkenswert fehlerfreien Briefe zeigen. Ohnehin überrascht ihre Sprachbeherrschung: Englische und französische Briefe geschäftlicher Art (auch für die Priorin) tauchen auf, provoziert durch die Suche nach einem Verlag und nach einem zweiten Asyl.

Für die Wissenschaft enthält der Briefwechsel einige unverhoffte Funde. Neu beleuchtet wird nämlich eine unentwegte sachliche Sorge: Das 1936 in Köln abgeschlossene philosophische Hauptwerk, die umgearbeitete Habilitation "Endliches und ewiges Sein", wird bis zuletzt zu veröffentlichen und zu retten versucht. Immer wieder wendet sich Edith Stein an die Briefpartner mit der Bitte um Prüfung einer Edition, nachdem der Verleger Otto Borgmeyer aus Breslau zwar schon die Fahnen vorgelegt hatte, aber wegen der jüdischen Autorin die Auslieferung nicht wagte. Die Autorin selbst, so zeigt die Kommentierung, unterschätzt übrigens sichtlich seine objektiven Schwierigkeiten. Als die deutsche Herausgabe aussichtslos wird, überlegt sie die Möglichkeit von Übersetzungen: ins Englische in den USA, dann ins Niederländische. Fast sicher scheinende Optionen lösen sich wieder auf; die beratenden Jesuiten in Valkenburg verwenden sich umsonst bei den Verlagen. Das unentwegte Aufflackern und Zerstören von Hoffnungen muß zehrend gewirkt haben. Erst gegen Ende ist ein innerer Abstand wahrzunehmen, der in den Gesamtverzicht, den Abstand zu allem, einschmilzt.

Äußerst aufschlußreich sind auch die Bemerkungen zu den beiden letzten Werken, die in sachlicher Beziehung stehen: "Wege der Gotteserkenntnis" und "Kreuzeswissenschaft". Die erste Studie wurde über Dionysius Areopagita, den Vater der abendländischen Mystik, zur Vorbereitung auf die zweite Studie über Johannes vom Kreuz geschrieben. Die intensive Literaturbenutzung und Beratung in Valkenburg und Warmond läßt nun einzelne Stadien der Entstehung rekonstruieren.

In das Gewebe der Briefe schlingt sich, nicht ganz am Rande, das Schicksal der Bekannten, die eine Art Sorgenkinder sind: Alice Reis, deren Taufpatin Edith Stein 1930 in Beuron war, und Ruth Kantorowicz, die 1934 in Hamburg getauft wurde und später die in Echt entstandenen Manuskripte abtippte. Das seit Köln anhaltende Bangen um die Aufnahme von Ruth Kantorowicz in ein Kloster löst sich nicht. Ihr Wanderleben endet, ähnlich wie das von Alice Reis in Almelo, an einer Mitarbeiterstelle im holländischen Kloster Venlo. Beide werden am 2. August 1942 abgeholt, um tags darauf im Lager Amersfort mit ihrer Mentorin zusammenzutreffen und gemeinsam von Westerbork aus in dem abgründigen Transport nach Auschwitz zu verschwinden. Wie diese Lebenslinien, über Jahre hinwegräumlich getrennt, auf unheimliche Weise wieder zusammenlaufen, ist bedrückend nachzulesen.

Überhaupt kulminiert der Briefband in den gedrängten Dokumenten des Jahres 1942. Der Brief von Ruth Kantorowicz vom 19. Juli 1942, 14 Tage vor der Verhaftung, in dem sie für die bisherige Verschonung vor dem Griff der Nazis dankt, ist erschütternd. Wahrhaftig erschütternd ist aber auch der vielseitige Briefaustausch, nicht ohne hektische Untertöne, der die Ausreise der beiden Schwestern Stein in die Schweiz ermöglichen will. Daß die Erlaubnis der Behörden endlich eintrifft, als beide schon seit Tagen ermordet sind, läßt den Atem anhalten. Wie schnell, wie überstürzt das Ende kam, läßt sich Wochen zuvor noch nicht erkennen. Wir, die das Geflecht der Unheilsgeschichte vor Augen haben, können die ins Leere laufenden Eingaben, Gesuche und Hoffnungen nur mit Schaudern lesen.

Auch der Nachklang ist bitter. In dem jähen Abbrechen der Worte liegt eine Stille wie über einem Wasser, das sich über Ertrunkenen geschlossen hat. Daß es kein unversöhnliches, böses Schweigen ist, können wir hoffen aus der Größe der beiden Toten, eine Größe, die sich nicht zuletzt in Edith Steins Sühneangebot des eigenen Todes einen unvergleichlichen Ausdruckgeschaffen hat, den Ausdruck einer Heiligen. Wer im Geistlichen zu denken gelernt hat, weiß, daß in solchen Hoffnungen keine Vertröstung liegt, sondern Trost.

Freilich zeigen die Briefe auch, als Gesamtzeugnis betrachtet, daß Edith Stein nicht nur von der letzten Woche ihres Martyriums her gelesen werden kann. Wie Adrienne von Speyr im Allerheiligenbuch hellsichtig bemerkte, liegt die öffentliche Sendung Edith Steins bereits im Schritt aus der Welt der Wissenschaft in den Karmel. 1933 ist das Jahr, in welchem die vom familiären Trennungsschmerz verdunkelte, dennoch zielsichere Entscheidung zur endgültigen Hingabe fällt. Alles Spätere ist darin im Kern einbeschlossen. Auch die Erkenntnis, daß der „Aufstieg auf den Berg Karmel“ – wirklich vollzogen – einen Abstieg bedeutet. Der Abstieg führt ins Verborgene: in das nicht mehr unterbrochene Zwiegespräch mit dem Herrn ebenso wie in die „Tiefe der Seele“, um einen oft wiederholten Ausdruck aus den theoretischen Schriften Edith Steins anzuführen.

Daß die Briefe diese Verborgenheit ein wenig aufhellen, ist ein Gewinn für eine Generation, die dieser unheimlichen Zeitspanne zwischen 1933 und1942 zwar mit Entsetzen, aber weniger mit der Fassung des Glaubens zu begegnen weiß. Daß es Zuversicht mitten in der Bedrängnis geben kann, wußte schon der Psalmist. Die vorliegenden Briefe unterstreichen diese schwer zu erringende, aber um so klarer tragende Einsicht mit einem modernen Zeugnis.


Jahrgang 8 / 2001 Heft 2 Seite 108−114.


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