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Marianne Wallach-Faller

Die Frau im Tallit

Während der letzten zehn Jahre ihres zu früh beendeten Lebens hat Marianne Wallach-Faller (1942-1997) in der Schweiz und in Deutschland durch ihre Vorträge und Aufsätze zu Theologie, Feminismus, Antijudaismus und interreligiösen Beziehungen immer größere Beachtung gefunden. Ihre Texte und Vorträge nehmen biblische, liturgische, theologische und gesellschaftliche Fragestellungen auf, reflektieren die jüdische Tradition in ihrer ganzen Bandbreite und bringen sie mit feministischen Denkansätzen ins Gespräch, wie sie besonders in den USA entworfen wurden. Im Rahmen ihrer eigenen Gemeinde, der jüdischen liberalen Gemeinde Or Chadasch in Zürich, wie auch in zahlreichen ökumenischen Frauengottesdiensten, Einkehrtagen, Kirchentagen, Workshops, Tagungen und Hochschulveranstaltungen brachte Wallach-Faller ihre eigene, kritisch-konstruktive Exegese und ihre Gesellschafts- und Wissenschaftskritik zum Ausdruck. Die Herausgeberinnen, die den über 80 Mappen und Ordner umfassenden Nachlaß ordneten, haben im vorliegenden Band Publikationen und Beiträge der promovierten Mediävistin zusammengestellt. Dabei ging es ihnen um zweierlei: die ganze Bandbreite der von Wallach-Faller bearbeiteten Themen darzustellen sowie in deren Inhalte einzuführen und mitzuhelfen, diese Gedanken weiterzutragen.

Die Beiträge sind in folgende Kapitel gegliedert: (1) Jüdisch-christlicher Dialog und Antijudaismusdiskussion (21-46); (2) Stellung der Frau im Judentum (47-82); (3) Jüdisch-feministische Liturgien (83-114); (4) Allgemeine biblische Themen aus Frauensicht (115-164); (5) Referate zu biblischen Frauengestalten (165-194); (6) Auslegungen zum Wochenabschnitt der Tora (195- 255). Geleitworte, Verzeichnisse von Publikationen und Beiträgen sowie biographische Daten runden das Werk ab, dessen Titel das Programm von Marianne Wallach-Faller auf den kürzestmöglichen Nenner bringt: die Vereinigung jüdischer Tradition und feministischer Hermeneutik.

Obwohl Wallach-Faller als Wissenschaftlerin an der Universität Zürich arbeitete, trat sie dafür ein, „aufgeklärte Begriffe mit einer religiösen Symbolik zu verbinden und die übliche Trennung zwischen Glauben und Wissen aufzuheben“ (7). Diese Synthese von Wissen und Glauben begegnet man in jedem der Beiträge. Dabei zeichnet sich ihr Stil dadurch aus, daß sie ihr fundiertes Wissen einem breiten Publikum in verständlicher Sprache wie beiläufig weitergibt, ohne dabei belehrend zu wirken (z. B. die Erklärung des Kiddusch, 93). Die Ausdrucksweise der jüdisch-amerikanischen Dichterin Marcia Falk, erklärt Wallach-Faller bei einem Frauengottesdienst, sei eine inklusive Sprache (87), die Gott weder als männlich noch als weiblich darstellt. Wie dies innerhalb der jüdisch-christlichen Gottestradition umgesetzt werden kann, zeigt sie mit der Veränderung der Segenssprüche für die Schabbatfeier (87-96). Das traditionelle Adonai, meist als der Herr oder der Ewige übersetzt, wird teilweise durch die weibliche Bezeichnung Schechina, die Einwohnung Gottes, ersetzt, die auch als Göttin bezeichnet wird (88). Statt der Vorväter werden im Frauengottesdienst die Vormütter in Erinnerung gerufen, die Brunnen Hagars statt der Zelte Jakobs (88). Die Beibehaltung althergebrachter Umschreibungen für Gott, die neben neuen Formen ebenfalls Verwendung findet, verweist auf die Sorgfalt, mit der Wallach-Faller mit Überlieferungen umgeht. Keine sturen Einseitigkeiten, sondern ausgewogene Bedachtsamkeit.

Dieser Qualität ihrer theologischen Arbeit ist es wohl auch zu verdanken, daß sie als Vordenkerin für den deutschsprachigen Raum weite Beachtung fand. Das Buch eignet sich sowohl für jene, die Anregungen für Gottesdienst und Auslegung suchen, als auch als Einleitung in feministische Theologie und Bibellektüre.


Jahrgang 11 /2004 Heft 4 Seite 304


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