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Nanda van der Zee

„Um Schlimmeres zu verhindern ...“

Mythen haben ein langes Leben. Den Mythos, daß die Niederländer sich während der deutschen Besatzung 1940-45 heldenhaft, aufopferungswillig und judenfreundlich benommen haben, hat Nanda van der Zee, leider zu Recht, als ein grausames Märchen enthüllt. Der Flucht von Königin Wilhelmina und des Kabinetts nach England, schon in den ersten Tagen nach dem deutschen Überfall, widmet sie ein ganzes Kapitel. Dieses Kapitel ist der Schlüssel zum Verstehen der finsteren Zeit. Natürlich gab es viele, die sich schützend und unter Einsatz des eigenen Lebens – und das ihrer Familienangehörigen – für die jüdischen Mitbürger eingesetzt haben. Aber die Gruppe der Lauen, der Halbherzigen und Opportunisten war unendlich viel größer. Sogar noch nach der Befreiung regierte der Kompromiß – vor allem in der Beamtenhierarchie.

Durch die Flucht der Königin und der Regierung blieb das Land ohne Obrigkeit im Sinne von Römer 13 zurück. Die deutschen Besatzer nützten diese Situation schamlos aus und hatten ein leichtes Spiel, ihre neuen Staatsstrukturen als gesetzmäßig zu erklären. Die teils sehr bibeltreuen Reformierten Christen standen vor der Wahl, entweder die nationalsozialistischen Besatzer anzuerkennen oder ihre Bibeltreue zu verleugnen. Daß gerade aus dieser Gruppe doch noch viele Widerstand geleistet haben und jetzt in der Allee der Bäume in Yad Vashem geehrt werden, kann nur als ein Sieg ihres persönlichen Gewissens gewertet werden. Das Totalbild ist beschämend: „In den Niederlanden hat man die Juden bereits während des Krieges abgeschrieben.“

Van der Zees Schlußfolgerung gilt für die Jahre 1940-45, aber leider auch für die Zeit vor und nach der Besatzung. Der Mythos der niederländischen Judenhelfer hat bis Mitte der sechziger Jahre überlebt. Die starken Leitbilder waren der Streik vom Februar 1941, an den ein Denkmal im ehemaligen – erst nach dem Krieg zerstörten – Judenviertel von Amsterdam erinnert, und Anne Frank, deren Versteck im Achterhuis verraten wurde. Auch die literarischen Zeugnisse aus den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg halfen mit, ein Bild heldenhafter Hilfe für die Juden aufzubauen. Erst 1965 erschien das historische Werk von Jacob Presser, Untergang: Die Verfolgung und Vernichtung des niederländischen Judentums, das sich der dunklen Realität öffnete. Nanda van der Zee hat sich zum Ziel gesetzt, diese Erinnerung wachzuhalten. Es ist ihr mit dieser bitteren Wahrheit gelungen.


Jahrgang 11 / 2004 Heft 3 Seite 233


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