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Susanne M. Batzdorf

Edith Stein meine Tante

Heiliggesprochene entgehen kaum der Stilisierung, Mythisierung, Mystifizierung. Davor ist auch Edith Stein nicht gefeit, – und man spürt es bereits. Da kommt ein Buch gerade recht, das einen ,anderen Blick‘ auf diese Gestalt wirft. Eine Nichte, Tochter von Ediths Lieblingsschwester Erna, verheiratete Bieberstein, bei deren Geburt 1921 Edith Stein im großen Familienhaus in der Michaelisstraße in Breslau anwesend war, hat ganz natürlicherweise diesen ,anderen' familiären Blick. Immerhin erlebte sie ihre Tante Edith hautnah bei den Besuchen in Breslau bis Herbst 1933, unmittelbar vor deren Eintritt in den Kölner Karmel. Und von da an war die Tante in den Gesprächen, auch Briefgesprächen, der weitverzweigten Familienmitglieder anwesend.

Edith Stein hatte, beginnend in den Herbsttagen 1933 und mit Unterbrechungen fortgesetzt im Karmel in Köln und in Echt, die autobiographische Schrift „Aus dem Leben einer jüdischen Familie“ verfaßt, mit der Absicht, nichtjüdischen Lesern eine Vorstellung zu geben von der ,Normalität‘ und ,Integrität‘ jüdischen Lebens. Sie schrieb aus ihrer Sicht – und teilweise aus weit zurückliegender Erinnerung. Deshalb waren auch nicht alle Verwandten der Familie Stein, als sie ab 1985 die ungekürzte Fassung zu lesen bekamen, in allen Punkten einverstanden. Auch sie hatten ihren eigenen Blick auf ihre Erinnerungen an Eltern, Großeltern, Schwiegereltern etc. – meist nicht mehr am Leben – und deren Beziehungen untereinander. Und manches, was Edith Stein in ihrem Wahrhaftigkeitseifer meinte überliefern zu müssen, verletzte, schmerzte. Diese Zurechtrückung der Fakten aus einem Blickwinkel, der auch die menschliche Begrenztheit einer verehrungswürdigen Person aufzeigt, will der Gefahr der Stilisierung und Glorifizierung entgegenwirken. Dürfen Heilige nicht Menschen sein mit Grenzen und Schwächen? Bringt sie uns nicht gerade das nahe?

In der wichtigen Frage, wie jüdisch Edith Stein denn nun wirklich war, kommt man durch Susanne Batzdorf zu dem Ergebnis: Von Judentum im religiösen Sinn hatte Edith Stein herzlich wenig mitbekommen. Und als sie suchte, suchte sie wohl nicht in dieser Richtung. So war ihre Konversion zwar formal ein Übertritt vom Judentum in die katholische Kirche, tatsächlich aber ein Schritt vom Agnostizismus in die Welt christlichen Glaubens. Im übrigen vermittelt die Lektüre der fünfzehn Kapitel viele wertvolle Informationen über die Geschichte Breslaus, über jüdisches Leben in Breslau, das Schulwesen, die Universität, wie Frauen damals lebten, über die Schicksale vieler Mitglieder der Familie Stein und zuletzt auch über das katholisch- jüdische Verhältnis ab dem II. Vatikanischen Konzil (1962-1965).

Das genau dokumentierte, mit Anmerkungen, biographischer Übersicht, Stammbaum und Bildmaterial versehene Buch ist mit Wärme und Verständnis für die zum Christentum übergetretene Tante und deren neue Welt geschrieben, wozu die dem Judentum verpflichtete Nichte wohl nur in jahrelanger Beschäftigung und Auseinandersetzung sich durchringen konnte.


Jahrgang 11 / 2004 Heft 2 Seite 128


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