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Evelyn Adunka

Exil in der Heimat

Die zionistische Utopie vom Aufbau eines jüdischen Staates in der alten „Heimat“, im biblischen Land Israel, ist – allen politischen Widrigkeiten zum Trotz – insgesamt ein gelungenes Experiment. Es gehört allerdings zu den Tücken dieser Geschichte, daß die Utopie gerade in jenen Bereichen, die ideologisch anfangs so unendlich wichtig erschienen, gänzlich gescheitert ist. Das gilt für den Versuch, eine sozialistische Gemeinschaft von Bauern, Handwerkern und Wächtern auszubilden, ebenso wie für die Idee von der Schaffung eines „neuen“ Juden. Ganz besonders gescheitert ist aber die Idee, mit der Einwanderung allen Ballast der Vergangenheit, „die Sprachen der Völker, die uns hinauswarfen“ (Gabriele Tergit), hinter sich lassen, und eine neue Identität anzunehmen.

Evelyn Adunka vertritt die Ansicht, daß „keine durch den Nationalsozialismus vertriebene Einwanderergruppe es in Palästina so schwer [hatte] wie die Österreicher“. Nach 1933 konnten die Österreicher „in der Regel ihr Kapital und ihre Wohnungseinrichtungen nicht mitbringen“. Viele waren schon älter und hatten große Probleme mit dem Erlernen der hebräischen Sprache und daher kaum noch Chancen, wichtige Posten in den öffentlichen Institutionen zu bekleiden. Bereits 1922, oder nach anderen Quellen 1924, wurde die Hilfsorganisation der österreichischen Einwanderer, Hitachduth Olei Austria (HOA), gegründet. Antisemitismus und Existenznot trieben „die Ärmsten der Armen“ in das Land, wo es „sehr wenige Österreicher und kein österreichisches Konsulat“ gab. So blieb „nichts anderes übrig, als eine Vereinigung von Menschen zu bilden, die zum allergrößten Teil aus Altösterreich stammten“ (Maximilian Steinherz).

Evelyn Adunka hat ihrer knapp und sachlich gehaltenen Einführung einen wesentlich größeren zweiten Teil an die Seite zu stellen: Lebensgeschichten von Juden, die, oft über viele Hindernisse und Widrigkeiten, den Weg in das Land Israel angetreten haben. Nur die Beschreibung und Analyse einzelner Lebensgeschichten und Schicksale ist imstande, ein annähernd zutreffendes Bild zu zeigen. Andere Untersuchungen sind ähnlich vorgegangen (Anne Betten/Myriam du Nour, Wir sind die Letzten, fragt uns aus, Gerlingen 1995; Gideon Greif u. a. [Hg.], Die Jeckes. Deutsche Juden aus Israel erzählen, Köln 2000; Joachim Schlör, Endlich im Gelobten Land? Berlin 2003).

Das Mißtrauen der etablierten israelischen Führung gegenüber denen, die weniger „aus Zionismus“ als aus Not kamen, galt Österreichern nicht weniger als Deutschen. Ihr Beitrag zur Modernisierung des Lebens der jüdischen Gemeinschaft in Palästina ist jedoch bedeutend. Wie bei den Deutschen, so gab es auch eine Gruppe von Österreichern, die sich in Palästina im Exil empfanden und eine Rückkehr nach Österreich planten. Daß einige der Porträts im vorliegenden Band die Jahre vor der Einwanderung detaillierter beschreiben als die Aktivitäten der Porträtierten in Palästina hat seinen Grund in der ungenügenden Quellenlage. Aber es kann auch daran liegen, daß solche Lebensgeschichten eher an ein Publikum in den Herkunftsländern gerichtet sind.

In Israel gehen diese Berichte unter. Auch die Dokumente, die vom Leben der Einwanderer erzählen, gehen verloren. Kinder und Enkel haben andere Sorgen und können die in deutsch verfaßten Briefe und Tagebücher nicht lesen. Erst in den letzten Jahren hat sich im Offenen Museum von Tefen (Galiläa), einem Bestandteil des von Stef Wertheimer gegründeten Industrieparks, ein kleines, aber wachsendes Archiv für die Geschichte der „Jeckes“ entwickelt. Bücher wie dieses können dazu beitragen, daß die Sensibilität für die große Bedeutung persönlicher Dokumente (Briefe, Tagebücher, Fotoalben) zunimmt.


Jahrgang 11 / 2004 Heft 1 Seite 47


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