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Clemens Thoma

Nachman von Brazlaw

Die vorliegende Darstellung zu Rabbi Nachman von Brazlaw, einem der Hauptvertreter des osteuropäischen Chasidismus, fügt sich als umsichtige Einführung in die Herder-Reihe „Meister der Spiritualität“ ein, die großen Repräsentanten der Weltreligionen gewidmet ist, unter ihnen beispielsweise Jesus, Konfuzius oder Mahatma Gandhi.

In einem vierteiligen Aufbau umreißt der Judaist Clemens Thoma zunächst die Biographie von Rabbi Nachman. In einem zweiten Schritt integriert er ihn in den weiteren Rahmen von jüdischer Mystik und von Chasidismus, porträtiert ihn dann als Erzähler und skizziert schließlich das spezifische Selbstverständnis Rabbi Nachmans als Zaddiq, als geistiger Meister einer chasidischen Gemeinschaft. Dabei läßt Thoma ausgiebig die Primärquellen sprechen und vermittelt dadurch die eigenwillige Denkart und Tonalität Rabbi Nachmans. Primärquellen sind in diesem Fall die von Rabbi Nachmans Schüler Rabbi Nathan von Nemirov zusammengetragenen Schriften zum Werk seines Lehrers. Dies entspricht dem kabbalistischen Topos, laut dem die großen Mystiker ihr charismatisches Werk nicht selbst in das einengende Medium der schriftlichen Sprache zwängen wollten, und so ihr Werk der Nachwelt nur dank eines Jüngers fragmenthaft überliefert wurde.

Nachman von Brazlaw (1772-1811), in der ukrainischen Ortschaft Miedzyborz geboren, verfügte über einen äußerst prominenten „Jichus“, eine Familienzugehörigkeit von höchstem religiösen Renommee: Seine Mutter war eine Enkelin des Begründers des osteuropäischen Chasidismus, des Baal Schem Tov, Nachmans Vater führte seinen Stammbaum bis auf den Rabbi Löw von Prag und damit bis auf den König David zurück. Geistig reihte sich Rabbi Nachman selber in die Kette der herausragenden jüdischen Mystiker ein, angefangen bei dem Tannaiten Schimon Bar Jochai (2. Jh. n. Chr.), über Isaak Luria (16. Jh.) bis hin zu seinem Urgroßvater, dem bereits genannten Baal Schem Tov (18. Jh.). Mit diesen großen jüdischen Weisen verband Rabbi Nachman namentlich die messianische Erfülltheit, spielte doch in seinem Leben und Denken nicht nur die Naherwartung eine wesentliche Rolle. Vielmehr wähnte er in sich die Potentialität, als Messias das jüdische Volk aus dem Exil zu erlösen, wenn sich nur seine Generation als dessen würdig erwiese.

Die Spannungen innerhalb des Judentums kumulierten indes gerade in der Epoche, in welcher Rabbi Nachman als Zaddiq in verschiedenen ukrainischen Gemeinden – u. a. in Brazlaw – wirkte, sei es aufgrund von Streitigkeiten der Zaddiqim untereinander, sei es aufgrund der Konfrontation mit anderen jüdischen Strömungen wie den anti-chasidischen Mitnaggedim, den Aufklärern, Reformern oder Atheisten. Nicht zuletzt aus diesen Gründen unternahm Nachman eine Reise ins Heilige Land (vom 4. Mai 1798 bis zum 12. Juli 1799), was zu napoleonischen Zeiten ein nicht ungefährliches Abenteuer war. Sozusagen als Protozionist bahnte Rabbi Nachman auf diese Art eine Vorspur für den messianischen Auszug des toratreuen Gottesvolkes ins Land Israel, während die Israelreise für ihn persönlich auch geistige Vervollkommnung und höhere Weisheit bedeutete.

Bedeutender noch als seine Torainterpretationen sind für ein heutiges Lesepublikum die Erzählungen des Rabbi Nachman, welche Clemens Thoma namentlich mit der umfangreichen „Erzählung von den sieben Bettlern“ veranschaulicht und damit die Charakteristika Nachmanscher Literatur deutlich macht: religiöse Botschaften verschlüsselt in rätselhaft symbolträchtigen Handlungen, voller eingeschobener Parabeln, inspiriert an rabbinischen Gleichnissen und mystischer Topik. Insbesondere in diesen Erzählungen zeigt sich Rabbi Nachmans Selbstverständnis, durch welches seine spezifische Religiosität schimmert und die von größtem Sendungsbewußtsein zeugt, denn für Nachman ist der Zaddik, beziehungsweise er selber, eine vom Geist Gottes inspirierte Persönlichkeit, ein Kristallisationspunkt der jüdischen Überlieferung, die Tora in Person, Grundlage der Welt, die mitarbeitende Nachahmung Gottes, der Messias (vor dem Messias). Der Zaddiq regt nicht nur zum „Chiddusch“ (zur ständig neuen Torauslegung) an, und er treibt nicht nur den „Tikkun“, die Wiederherstellung der beschädigten Schöpfung, maßgeblich voran: Der Zaddiq ist personalisierter Chiddusch und Tikkun.

In seiner kleinen Studie gelingt es Clemens Thoma, die komplexe Welt kabbalistischen und chasidischen Denkens in einfachen Strichen nachzuzeichnen und Nachman sowohl als den großen Denker als auch den einfachen Menschen zu zeigen, der sich im Kampf gegen seine Depressionen stets zu einer fröhlichen Frömmigkeit für seine chasidische Gemeinschaft durchzuringen suchte.


Jahrgang 10 / 2003 Heft 3 Seite 229



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