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Viktoria Pollmann

Untermieter im christlichen Haus

In keinem anderen europäischen Land sind hierarchisch geführter Katholizismus und Nation eine derartige Symbiose eingegangen wie im zwangsgeteilten Polen. Bis 1939 war Polen auch Heimat für über drei Millionen Juden. Über die jahrhundertelange teils gute, teils weniger gute Nachbarschaft von Polen und Juden berichteten bereits die „Studies from Polin“ (hg. vom Institute for Polish-Jewish Studies, Oxford). Der Titel dieser Studie spielt auf eine Legende an, nach der der Name Polen vom hebräischen poh lin kommt („hier sollst du im Exil wohnen“). Zu welchen Animositäten, Ängsten, Abgrenzungen und antisemitischen Ressentiments es zwischen den „gemeinsam unter einem Himmel“ (Johannes Paul II.) lebenden Völkern kam, weist die Autorin anhand maßgeblicher kirchenamtlicher Äußerungen nach. Doch trotz des mangelnden kirchlichen Schutzes vor der anbrechenden Verfolgung haben, laut einer Dokumentation in Yad Vashem, über sechstausend polnische Familien jüdischen Opfern geholfen. Gewidmet ist das Werk „allen polnischen Nonnen und Priestern, die in der Zeit der deutschen Besatzung jüdisches Leben retteten“.

Pollmann beginnt mit einer Einführung zur Geschichte der Zweiten Polnischen Republik (1918-1939). In einer Zeit ökonomisch-politischer Bedrohung nahm die „jüdische Frage“ antisemitische Züge an. Im Unterschied zum nationalsozialistischen Antisemitismus in Deutschland gab es jedoch in Polen keine Tendenzen zu Gewaltlösungen der „Judenfrage“ und keine rechtliche Diskriminierung nach Art der Nürnberger Gesetze von 1935. Ausschreitungen physischer Gewalt wurden auch kirchlicherseits stets ver- urteilt. Die Ereignisse in Jedwabne und die Pogrome von Kielce blieben Ausnahmen. Wesentliche Denkweisen im „Weltbild“ des polnischen Zwischenkriegskatholizismus entstammen dem sogenannten „Ultramontanismus“ (62 ff.) des 19. Jh. und seiner antimodernistischen Mentalität von „Bedrohung und Verteidigung“, verstärkt durch das polnische Teilungstrauma. Das stolze „Selbstbild“ eines „Polska semper fidelis“ (89-125) kam besonders im Wirken des 1926 zum Primas ernannten Salesianerpaters August Hlond (1881-1948) zum Ausdruck. Der vom Episkopat unterstützte Integralismus gab für Klerus und Volk ein nahezu selbstverständliches Identitätsmuster ab, in das auch die marianisch betonte Volksfrömmigkeit mit ihren problematischen Untertönen einbezogen war. Unter der geistigen Führung des Klerus sollte Polen ein „Polen für Christus“ werden (118). Die Umsetzung dieser Vorstellungen in der kirchlichen Presse (141-158) und ihre Konsequenzen für die „jüdische Frage“ (159 ff.) bilden den Hauptteil der Untersuchungen Pollmanns.

Neben der Bistumspresse gilt das besondere Augenmerk dem Krakauer Metropoliten Adam Stefan Sapieha (1867-1951), dem „roten Fürsten“, mit seinem ambivalentem Verhältnis zum Judentum, und dem Blatt Glos Narodu des Jesuiten Jan Piwowarczyk. Im Gesamtkontext der Bistumspresse ist die „jüdische Frage“ eher ein Randthema, „gibt ihm aber doch eine große Repräsentanz“ (159 f.). Die polnische katholische Kirche sieht sich als „Hüterin der nationalen Identität“ gegen „Juden als Fremde“ (159-187), als Bewahrerin der „christlich-moralischen Werte“ (188-253) gegen die Gefahren von kommunistischer Revolution, Freimaurerei und Pornographie, getreu den gern zitierten Verschwörungstheorien der ominösen „Protokolle der Weisen von Zion“, sowie als Hirtin ihrer durch jüdische Spekulanten und Wucherer bedrohten Herde (254-278, 279-324). Das Krakauer Bistumsblatt berichtet ausführlich über die Vorträge des antisemitischen Prälaten Stanislaw Trzeciak und spricht seit 1931 von der Gefahr eines „Judeo-Polska“ – als Gegenentwurf zu einem christlichem Polen (163 ff.) – und von der jüdisch- kommunistischen Bedrohung. An vielen Einzelbeispielen bestätigt sich die These der Verfasserin von einer „Instrumentalisierung einer antijüdischen Haltung zur Schließung der eigenen Reihen, zur Stärkung des Glaubens und letztendlich zur Aufrechterhaltung der Führungsrolle der Kirche gegenüber den Gläubigen“ (399).

Im Wissen um den tragischen Verlauf der Geschichte des Judentums im katholischen Polen merkt die Autorin an, daß „der Mord an den Juden [...] in dieser perfekten Form nur von den deutschen Nationalsozialisten und ihren vielen tausend Helfern ausgeführt werden konnte“ (401). Die unzähligen Naziopfer unter polnischen Priestern und Ordensleuten wird man genauso wenig vergessen wie die jüdischen Gefallenen bei der Schlacht um Montecassino, aber auch nicht den glücklichen Umstand, daß nach dem Krieg eine weitgehende Überwindung der antijüdischen Traditionen in der polnischen Kirche und ganz besonders im Erzbistum Krakau stattfanden. Der Sapieha-Schützling Karol Wojtyla wurde Erzbischof von Krakau und dann Papst. Seine persönliche Einstellung zum Judentum kommt nirgends schöner zum Ausdruck als in der Biographie des Iro-Amerikaners Darcy O’Brien („Der unbekannte Papst“. Karol Wojtyla und Jerzy Kluger. Die Geschichte einer lebenslangen Freundschaft, die das Verhältnis zwischen Katholiken und Juden veränderte. Bergisch-Gladbach 1999). Damit wurde eine Wende eingeleitet, die sicher eine eigene Darstellung verdient hätte, auch wenn immer noch gelegentlich an antisemitische Ressentiments, die sich häufig mit antideutschen und antieuropäischen Haltungen verbinden, angeknüpft wird. Eine offene oder auch latente Billigung durch die Hierarchie können solche Stimmen allerdings nicht mehr für sich reklamieren. Damit dies so bleibt, ist die umfassende und gründliche Untersuchung von Viktoria Pollmann unentbehrlich.


Jahrgang 10 / 2003 Heft 2 Seite 150


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