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Gertrud Luckner
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James H. Charlesworth u. a. (Hg.),

The Dead Sea Scrolls

Der vorliegende Band bietet Einführung, kritischen Text, englische Übersetzung und Kommentare zu den nichtbiblischen Schriften, die in Qumran gefunden wurden. Das Editionsprojekt orientiert sich nach Auskunft der allgemeinen Einleitung an formalen Kriterien: die Schriften werden nach ihren Gattungen geordnet, wobei dies in Anbetracht des fragmentarischen Zustandes vieler Texte nicht in jedem Fall möglich ist. Wer ein bestimmtes Dokument sucht, findet dieses problemlos im Anhang „Dead Sea Scrolls”, wo die Dokumente, aufgeschlüsselt nach Inventarnummer (etwa 4Q 266) bzw. nach geläufigem Namen (Damascus Document Fragments) erfaßt sind. Dieses Editionsprinzip ist damit übersichtlicher als die Discoveries in the Judean Desert, die die editiones principes der jeweiligen Texte enthalten und sich vor allem auf die textlichen Probleme der Fragmente konzentrieren. Außerdem bietet der Band auch hilfreiche Hinweise zu inhaltlichen Fragen der Texte, zu ihrem Verhältnis zu den biblischen Schriften und zu ihrer Verortung in der Zeit des Zweiten Tempels.

Mit der Damaskusschrift (CD) aus der Kairoer Geniza, hg. von Joseph M. Baumgarten und Daniel R. Schwartz und der Kriegsrolle aus der ersten Höhle von Qumran (1QM), herausgegeben von Jean Duhaime, liegen nun zwei der zentralen Texte der Qumrangemeinde vor. Daneben finden sich Fragmente der Damaskusschrift aus den Höhlen 4, 5 und 6, deren Edition, Übersetzung und Kommentierung ebenfalls Joseph M. Baumgarten geleistet hat, sowie verschiedene kleinere Fragmente (4Q 180–181, herausgegeben von Jimmy J. M. Roberts; 1Q 51; 2Q 25; 2Q 28, herausgegeben von James H. Charlesworth), die aber in keinem erkennbaren Zusammenhang mit den beiden hier behandelten großen Schriften stehen. Eher verwirrend ist die Anfügung der Fragmente 4Q 266, 4Q 269, 4Q 272 und 4Q 273 aus der Damaskusschrift zu den Hautkrankheiten (vgl. Lev 13–15), da der größte Teil der Fragmente aus 4Q 266-273 in Band 3 (Damascus Document Fragments, More Precepts of the Torah, and Related Documents) aufgenommen wurde.

Vorbildlich und leserfreundlich ist die Anordnung von Texten, Übersetzungen und Anmerkungen, mit dem hebräischen Originaltext samt textkritischem Apparat und Übersetzung mit Anmerkungen auf gegenüberliegenden Seiten. Diese Anordnung ermöglicht auch ohne perfekte Hebräisch- oder Aramäischkenntnisse, bestimmte Wörter oder Passagen im Original leicht zu finden. Die Damaskusschrift und die Kriegsrolle geben einen guten Einblick in die Geschichte und das Denken der Gemeinde von Qumran.

Die Damaskusschrift, deren ursprünglicher Titel „Die letzte Erforschung der Tora” gelautet hatte, besteht aus zwei Teilen: den weisheitlich geprägten Ermahnungen (CD 1–8; 19–-20) und einer Gemeinderegel (9–16). Die Einleitung von Baumgarten und Schwartz gibt Auskunft über Textgrundlagen, Inhalt und Struktur, über frühere Editionen sowie über die Herkunft der Schrift. Allerdings fehlen Angaben zur Diskussion um die Datierung sowie ein Verweis auf die literarischen Probleme des Textes. Die Herausgeber beschränken sich auf die Diskussion des Verhältnisses von Gemeinderegel und Damaskusschrift. Sie kommen zum Schluß, daß der Text ein Produkt der gleichen umfassenden Bewegung gewesen sein mußte, die auch die Gemeinderegel hervorgebracht hatte, daß sie aber von einem Leben zeugt, das nicht so radikal von der Mitwelt und dem Tempel getrennt war, wie das die Gemeinderegel (1QS) vorschreibt.

Ein längerer Abschnitt befaßt sich mit dem Verhältnis zwischen den mittelalterlichen Kairoer Manuskripten und den Funden aus der vierten Höhle. Hier wird deutlich, daß Passagen, die in Kairo und Qumran erhalten sind, sich weitgehend decken. Allerdings existiert in Qumran wesentlich mehr Material als in Kairo. Der größte Teil dieses Überhanges ist rechtlich291 halachischer Art und gehörte zum Regel-Teil, der in den qumranischen Fassungen wesentlich umfangreicher gewesen sein mußte als in der mittelalterlich überlieferten.

Die Kriegsrolle beschreibt den endzeitlichen Krieg der Söhne des Lichts unter Gottes Führung gegen die Söhne der Finsternis unter Belial. Von dieser Schrift existiert eine weitgehend erhaltene Rolle aus der ersten Höhle von Qumran (1QM) sowie Fragmente von vier weiteren Kopien aus der vierten Höhle (4Q 492.494.495.496). 4Q 491 und 4Q 493 stellen Teile einer anderen Rezension dar und 4Q 497 stammt aus einer anderen Schrift, die aber Ähnlichkeiten mit der Kriegsrolle hat. Jean Duhaime hat die Texte mit einer ausführlichen Einleitung versehen, die auch einen Einblick in die Diskussion in der Forschung bis 1990 gibt. Die Forschungen aus der ersten Hälfte der neunziger Jahre bleibt unberücksichtigt. Wie bei der Damaskusschrift wird auch hier deutlich, daß antike jüdische religiöse Texte nicht als feste Größe betrachtet werden können, sondern einer steten Veränderung unterworfen waren. Dies zeigt ein Vergleich der Fragmente aus der vierten Höhle mit dem weitgehend erhaltenen Text aus Höhle 1. Hier ist es besonders hilfreich, daß Duhaime im kritischen Apparat zum hebräischen Text jene Anmerkungen heraushebt, die relevante textliche Informationen liefern.

Der Anmerkungsapparat zur englischen Übersetzung liefert wichtige Verständnishilfen zur Erleichterung der Lektüre und erlaubt einen Einblick in die Forschungslage zu bestimmten Einzeltexten. Insgesamt bildet die vorliegende Ausgabe für Forscher wie für Interessierte aus anderen Fachgebieten vor allem durch den kritischen Text und durch seine Einleitungen und die Kommentare ein sehr nützliches Instrument zur Arbeit mit den Texten vom Toten Meer.


Jahrgang 9 / 2002 Heft 4 Seite 289


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