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Jakob J. Petuchowski

Das große Buch der rabbinischen Weisheit

Jakob J. Petuchowski (1925–1991), Professor am Hebrew Union College und mehrfach mit dem Ehrendoktor ausgezeichnet, war ein großer Gelehrter und Meister der rabbinischen Literatur. Er ist einer der wichtigen Vertreter des gelehrten deutschen Judentums des 20. Jahrhunderts. Petuchowski hat sich zeitlebens mit rabbinischer Literatur, jüdischer Identität und Theologie beschäftigt und sich für den Dialog mit Christen und Christinnen engagiert. Viele Früchte dieser Arbeit hat er für ein breites Publikum in verständlicher Sprache publiziert. Darunter sind mehrere Anthologien, die die Gedankenwelt der Rabbinen auch einem Publikum näherbringen, das mit dem Judentum wenig bewandert ist.

Seit Petuchowskis Tod, aber auch schon zuvor, hat sich seine Frau Elizabeth Petuchowski die Herausgabe weiterer Bücher aus dem reichen Lebenswerk ihres Ehemannes zur Aufgabe gemacht. Der vorliegende Band ist ein weiteres Glied dieser Kette. Er enthält eine Zusammenstellung der Texte aus den unterdessen vergriffenen Bänden „Es lehrten unsere Meister” und „Ferner lehrten unsere Meister”, neben Ergänzungen aus einigen anderen Büchern (25).

Der vorliegende Band ist nach Inhaltsverzeichnis (5–11) und ausführlichem Vorwort mit Erläuterungen zu jeder Rubrik und einigen allgemeinen Hinweisen zur rabbinischen Literatur und Terminologie (11–25) in 16 verschiedene Themenbereiche unterteilt (27–219), u. a.: Gott, Existentielles, Uni versalismus und Pluralismus, Nichtjuden, Auserwählung, Leben in der Welt, Lohn, Güte und Gnade, ausgefallene Fragen, Wunderliches, kluge Frauen, Familiensachen, Wortspiele und Weisheitliches. Die einzelnen Erzählungen sind übersichtlich dargestellt und falls nötig mit einer kurzen Erklärung versehen. Sehr begrüßenswert ist die beigefügte Quellenangabe und gegebenenfalls Angabe der Edition, auch Hinweise auf neutestamentliche Parallelen und eine ausgewählte Bibliographie (20 f.) fehlen nicht.

Da alle gebotenen Erzählungen für sich sprechen, wäre es schade, sie hier zu zerreden. Als Kostprobe sei auf die Rubrik der klugen Frauen verwiesen (177–184). Die Frage um die Stellung und Wertschätzung der Frau im traditionellen Judentum gibt immer wieder Anlaß zu heftigen Kontroversen. Die herausgegriffenen Episoden, deren es in der rabbinischen Literatur noch viele andere gibt, zeigen anschaulich, daß die Rabbinen keine Angst vor Widersprüchen hatten. Mit andern Worten, talmudische Spitzfindigkeit läßt man gelegentlich auch aus dem Munde einer Frau gelten. Dabei werden die ausgeklügelten philologischen Kniffe nicht etwa nur den Frauen oder Töchtern der Rabbinen überlassen, nein, auch römische Frauen glänzen gelegentlich mit brillanten Lösungen. Da muß sich Rabbi Meir von Beruria, seiner Angetrauten, harsch über den Mund fahren lassen, als er mit Ps 104,35 im Hinterkopf für die Vernichtung seiner Feinde betet. Philologisch bewandert bringt sie ihn dazu, statt dessen für die Buße seiner Feinde zu beten (182). Kaiser Hadrian – unter den Juden verhaßt, da sie unter ihm viel zu leiden hatten – ließ sich einst von drei Philosophen beraten, wie er zum Gott gemacht werden könnte. Begriffsstutzig (wie nur ein römischer Goi sein kann!) versteht der Kaiser die Hinweise seiner Philosophen nicht, bis ihn schließlich seine Frau mit Koh 8,8 in den Senkel stellt: Ein Mensch kann nicht Gott sein! (184) Ein anderer römischen Kaiser warf Rabbi Gamaliel vor, der jüdische Gott sei ein Dieb, weil er Adam eine Rippe entnahm. Diese Frage scheint so banal, daß sie der berühmte Rabbi sogar der Tochter des Kaisers überläßt, die mit einem geschickten Vergleich Eva als wertvolles Geschenk darstellt (181). Als seelsorgerlich nicht unerfahren erwies sich auch die Frau von Rabbi Meir, die ihren Mann sehr vorsichtig mit dem Gleichnis von einem aufbewahrten Schatz auf den Tod seiner beiden Söhne vorbereitete (179.)

Die vorliegenden Geschichten der rabbinischen Meister sind immer wieder lesenswert, da sie aus ihrem historischen Kontext heraus auf zeitungebundene Wahrheiten hinweisen.


Jahrgang 9 / 2002 Heft 3 Seite 226


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