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Ruth Mellinkoff

Antisemitic Hate Signs in Hebrew Illuminated Manuscripts from Medieval Germany

Der Titel dieses Bandes mag erstaunen: Antisemitische Topoi in mittelalterlichen hebräischen Handschriften, von Juden in Auftrag gegeben und von jüdischen Schreibern kopiert? Mellinkoff, als Kunsthistorikerin des jüdischen Mittelalters auf illuminierte und illustrierte Handschriften spezialisiert, stützt sich bei diesem Band auf ihre früheren Forschungen zur Darstellung von Kain, Moses und Judas sowie auf ihre umfassende Analyse über Außenseiter der mittelalterlichen Gesellschaft (R. Mellinkoff, Outcasts, Signs of Otherness in Northern European Art of the Late Middle Ages, 2 vols, Berkeley 1993).

In diesem neuesten Buch untersucht sie Gesichter ohne Ausdruck, durch Hüte, Helme, Haar oder Tücher unkenntlich gemacht, menschliche Figuren entstellt durch Elemente von Tieren, Monstern oder Fabelwesen. Nachzuweisen ist dieses Phänomen von Anfang des 13. bis zur Mitte des 14. Jahrhunderts, doch das rabbinische Bilderverbot sei nicht der Hauptgrund für diese auffälligen Tierdarstellungen. Mellinkoff weist auf antisemitische Stereotypen, die Vermischung von christlichen und jüdischen theologischen und rituellen Motiven hin. Urheber dieser „Grenzüberschreitungen” sind die christlichen Illuminatoren jüdischer Handschriften, Maler, die nur eine rudimentäre Kenntnis des Judentums hatten.

Offen bleiben die Fragen: Warum entwickelte sich im aschkenasischen Raum keine jüdische Schule der Illumination? Warum akzeptierten jüdische Auftraggeber antisemitische Topoi in ihren Büchern? Gibt es Anzeichen dafür, daß grobe malerische Verunglimpfungen rückgängig gemacht wurden durch Rasur oder Übermalung? Gibt es vergleichbare Elemente oder Phänomene in sefardischen spanischen Handschriften des ausgehenden 14. oder im 15. Jahrhundert?

Mellinkoff, die sich einleitend auf die Arbeiten von Bezalel Narkiss bezieht (13), beschreibt die Verunstaltung menschlicher Figuren als rein aschkenasische Erscheinung. Es handle sich um ein Phänomen, das seinen Ausgang in der jüdischen Theologie genommen hat, sich aber zum Mittel der Herabminde64 rung von Juden entwickelt habe. Heutigen Betrachtern liefert Mellinkoff das Instrumentarium, den versteckten Antisemitismus bzw. Antijudaismus hinter dem Auftrag, keine Menschen bzw. Gesichter abzubilden, zu erkennen: Menschliche Darstellung im Profil galt im Mittelalter als negativ. Verstärkt wird dieser Eindruck durch die Kombination mit stereotypen Elementen jüdischer Charakterisierung wie Hakennase, vergrößerter Mund, fleischige gewölbte Lippen, vergrößerte und hervorstehende Augen.

Mellinkoff zeigt diese Auffälligkeiten an der Vogelkopfhaggada, in der nur Pharao und seine Begleiter frontal oder den Betrachtenden zu Dreiviertel zugewendet erscheinen. Daß der Vogelkopf hin und wieder durch Schweineohren deutlich verunstaltet wird, hat Mellinkoff als erste Kunsthistorikerin herausgearbeitet. Auch der Judenhut erscheint als diskriminierende Kennzeichnung in den mittelalterlichen jüdischen Handschriften. Deutlich wird die negative Konnotation im Tripartite Machsor, wo Männer Judenhüte tragen und (verheiratete) Frauen mit unreinen Tieren wie Katze, Hund und Esel in Verbindung gebracht werden. Menschen mit Tierköpfen sollen hier nicht Fabelwesen darstellen, wie in der (christlichen) Illuminationskunst des Mittelalters. Sie sind Sinnbild für tierund triebhafte Menschen. Dämonische Züge rücken sie in die Nähe des Teufels. Auch das Bedecken der Augen war für den christlichen Illuminator Ausdruck der traditionellen christlichen Interpretation von der Blindheit der Juden, die die christliche Wahrheit nicht erkennen wollten. So finden sich in jüdischen Hochzeitsdarstellungen Anspielungen auf die Synagoga-Ecclesia- Typologie und die unio mystica zwischen Christus und Ecclesia (49 ff.).

Der sorgfältig gestaltete Band wird durch einen reichen Anhang mit zumeist ganzseitigen, farbigen und Schwarzweißabbildungen aus bekannten jüdischen und christlichen Handschriften wie der Vogelkopfhaggada, dem Regensburger Pentateuch, der Biblia Ambrosiana u. a. ergänzt. Die Haßsymbole sind nach Mellinkoff Ausdruck des Hasses des Künstlers, der christliche Bildmuster übernimmt und sie durch abwertende Konnotation verfremdet (28). Die jüdischen Auftraggeber und Besitzer erkannten vermutlich nicht alle Elemente der antisemitischen christlichen Ikonographie („looking-but-not-seeing-phenomenon” (58). Die Fragestellung von Mellinkoff erlaubt einen neuen Zugang zu berühmten Handschriften und Motiven. Ob ihre Argumentation zu suggestiv formuliert ist, werden erst weitere Untersuchungen zu den Produktionsbedingungen jüdischer Handschriften im mittelalterlichen Aschkenas zeigen.


Jahrgang 9 / 2002 Heft 1 Seite 61


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