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Miroslav Kárný

Theresienstädter Gedenkbuch

Mit diesem Buch liegt ein monumentales Werk vor. Es enthält ein Vorwort von Vaclav Havel und ist vor allem das Werk des jüngst verstorbenen Miroslav Kárný. Als bedeutendste Autorität auf dem Gebiet der jüdischen Zeitgeschichte in der Tschechischen Republik ist Kárný unersetzlich.

Das vorliegende Werk enthält die Namen aller aus Deutschland nach Theresienstadt deportierten Jüdinnen und Juden. Von jeder deutschen Stadt werden die Namen der Deportierten verzeichnet, ihr Geburtsort, der Transport, mit dem sie nach Theresienstadt kamen, das Datum ihres Todes in Theresienstadt oder ihres Weitertransportes u. a. nach Auschwitz oder Treblinka.

Nur wenige haben Theresienstadt überlebt. Die Errichtung des Gettos von Theresienstadt wurde am 24. November 1941 begonnen. Zwischen April und September 1942 stieg die Zahl der Inhaftierten dramatisch an und ebenso die Sterblichkeit. Der höchste Häftlingsstand wurde am 18. September 1942 mit 581 491 Personen verzeichnet.

In seiner Einleitung beschreibt Kárný die Einzelheiten dieses schrecklichen Lagers, in dem im Grunde alle für den Tod bestimmt waren, entweder durch Verhungern und Krankheit oder durch den Transport in die Vergasungslager. Nach außen sollte Theresienstadt als ein Pseudoalibi gelten, daß Juden in ihrer eigenen Stadt leben; in Wirklichkeit war das eine der üblichen Lügen der Nazis. Das Internationale Komitee des Roten Kreuzes (IKRK) besuchte zwar Theresienstadt am 23. Juni 1944, ließ sich aber durch eine heuchlerische „Verschönerungsaktion“ in peinlichster Weise täuschen und merkte nicht, daß alles nur eine propagandistische Inszenierung war.

In den letzten Kriegsmonaten kamen aus anderen Konzentrationslagern, die wegen des Vorrückens der Russen geräumt wurden, Zehntausende von Häftlingen nach Theresienstadt. Viele starben bereits auf den Todesmärschen dorthin. Aus Deutschland kamen vor allem ältere Juden oder solche, die irgendwelche Verdienste hatten, was sie aber nicht vor dem Weitertransport in die Vernichtung schützte. Gegen Ende des Krieges kamen dann auch Juden aus Mischehen nach Theresienstadt. Der Prozentsatz aller Sterbefälle der Theresienstädter Häftlinge beträgt bei den tschechischen Juden 86,35 % und bei den deutschen Juden 85,78 %. Die Todesbilanz beider Häftlingsgruppen unterscheidet sich also nur um ein halbes Prozent (0,57 %). Nur 5254 Theresienstädter Häftlinge aus den deutschen Transporten haben das Kriegsende in Theresienstadt erlebt, wobei ein Großteil von ihnen erst 1944 oder Anfang 1945 (aus Mischehen) nach Theresienstadt gekommen war. Am 5. Februar 1945 wurde eine kleinere Zahl in die Schweiz entlassen. Dieses Buch ist für alle Juden deutscher Herkunft von größter Bedeutung. Sie finden dort das Schicksal ihrer Verwandten und Freunde.

Wir haben Miroslav Kárný für diese immense Leistung zu danken und hoffen, daß es weite Verbreitung findet, insbesondere auch wegen der hervorragenden wissenschaftlichen Einleitung von 71 Seiten. Mit dieser Besprechung gedenken wir zugleich des Initianten Miroslav Kárný (1920–2001), dem es noch beschieden war, das Erscheinen des Buches zu erleben.


Jahrgang 8 /2001 Heft 4 Seite 292


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