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Rainer Kampling (Hg.)

"Nun steht aber diese Sache im Evangelium"

Dieser Themenband nimmt die Frage auf, ob bereits die ntl. Texte oder ihre Glaubensaussagen antijüdische Elemente und Positionen vertreten, die dann in nachbiblischer Zeit eine verheerende Rezeptionsgeschichte initiierten. Neben einem systematisch-dogmatischen Beitrag zum kirchlichen Schriftverständnis sowie zu „religionspädagogischen Impulsen für eine kontextuelle biblische Hermeneutik“ sind insgesamt zehn Beiträge von Neutestamentlern zusammengestellt. Franz Mußner, ein „Altmeister“ des christlich-jüdischen Dialogs, skizziert die bibeltheologischen Grundzüge des ntl. „Mysterium(s) Israel“, zu dem nach Paulus auch die „Verstockung Israels dem Evangelium gegenüber“ (25) gehört.

An Stelle eines konfrontativen Jesusbildes betont die „Gegenlesart“ von Kampling den Frömmigkeitsstil Jesu, der ganz von der Konzentration auf das Reich Gottes geprägt ist, so daß Fragen der Toraobservanz und des Tempelkultes ihm nicht so nahe gingen, um daraus eine Krisissituation für Israel zu erschließen. Gegenüber dem doch sehr irenisch wirkenden Zugang betont Hubert Frankemölle in dezidierter Weise einen text- und kommunikationspragmatischen Ansatz, der innerjüdische Konfliktsituationen im Matthäusevangelium im Blick auf die Identitätsbildung der judenchristlichen Kirche verstehen läßt, ja die Auseinandersetzung mit jüdischen Autoritäten (K. 23!) als „innerchristliche Selbstkritik“ versteht.

Weitere Beiträge widmen sich den als antijüdisch verdächtigten Texten im Lukasevangelium und vor allem im Johannesevangelium, während Michael Theobald anhand der kompositorischen Funktion von Röm 1,16 f. aufweist, daß der gesamte Römerbrief – und keineswegs nur Röm 11 – das „Mysterium der Rettung ganz Israels“ im Blick hat. Vom paulinischen Gesamtkontext her zeigt Gerhard Dautzenberg, daß die Polarisierung zwischen Altem und Neuem Bund in 2 Kor 3 keineswegs im Sinne der Enterbungs- bzw. Substitutionstheorie und somit als theologische Enteignung Israels verstanden werden darf.

Gegen die „Verabsolutierung von Kampfesäußerungen des Paulus im Gal“ betont Peter Fiedler einen „Antijudaismus als Argumentationsfigur“ und nicht als theologisch entwertende Sachaussage, was allerdings erst in der Selbstkorrektur in Röm deutlich gemacht wird: „Der Röm zeigt, daß die Angriffe des Gal auf jüdische ‚essentials’ von Paulus nicht aufrecht erhalten wird“ (273). Es folgen noch Beiträge zu den Pastoralbriefen und zum Hebräerbrief. Die wiedergewonnene Sensibilität gegenüber antijüdisch verdächtigten bzw. usurpierten ntl. Texten ist eine hermeneutische Selbstverständlichkeit und ethische Verpflichtung – auch im Sinne ökumenischer Trauerarbeit. Ebenfalls bemerkenswert ist die Tatsache, daß es primär die vielfach desavouierte historisch-kritische Methodik ist, welche effektiv mit diesem Problemfeld zu Rande kommt, indem sie extverstehen und historische Wahrheit als untrennbar verbunden erweist. Der Aufsatzband ist für alle am christlich-jüdischen Dialog Interessierten anregend und orientierend.


Jahrgang 8 / 2001 Heft 3 Seite217



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