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Joachim Braun

Musikkultur Altisraels/Palästinas

Haben Posaunen akustisch dazu beigetragen, die Mauern von Jericho zum Einsturz zu bringen? Konnte David mit einer Harfe dem König Saul tröstend aufspielen? Hat Mirjam mit einer Schellentrommel zum Tanzen angeregt? Solche und weitere Fragen sind aus heutiger Sicht insbesondere an die biblischen Texte zu richten, die den meisten Lesern in inkonsequenten Übersetzungen von Autoren zugänglich sind, die darin jeweils diejenigen Musikinstrumente zu nennen belieben, welche ihnen aus der Praxis ihrer Zeit bekannt gewesen sind.

Etwa 800 Verse in der Bibel sprechen von kultischen Handlungen, von Sieges- oder Totenfeiern, bei denen gesungen, getanzt und auf Instrumenten gespielt wurde. Im Alten Testament lassen sich Benennungen für etwa zwölf Instrumente ausfindig machen, im Neuen Testament hingegen lediglich für vier: tibia (Doppelschalmei), cithara (Leier), tuba (Trompete oder Widderhorn), cymbalum (Becken). Trotz vieler Erklärungsversuche war es bislang nicht gelungen, die damit realisierte musica practica in Altisrael sachgerecht zu beschreiben. Es fehlte die Einbeziehung des gesamten archäologischen sowie bildlichen Materials in die Exegese der Texte, also jener 400 sicheren Artefakte sowie jener 200, deren Herkunft unbekannt ist.

Den überfälligen Verbund der drei Quellen (Texte, Bilder, Instrumente) hat nun der in Jerusalem lebende Musikwissenschaftler Joachim Braun in vorbildlicher Weise geleistet. Damit ist es ihm überzeugend gelungen, Altisrael als eine autochthone Musikkultur inmitten den bereits besser bekannten Hochkulturen Ägyptens und Mesopotamiens herauszustellen. Er führt in Abbildungen und Beschreibungen all jene Objekte vor Augen, die ab dem 10. Jahrtausend v. Chr. bis ins 4.–5. Jahrhundert n. Chr. derzeit ausfindig gemacht werden konnten, also von der Steinzeit bis in die hellenistische Epoche. Basierend vor allem auf Vorarbeiten der israelischen Musikarchäologie, etwa der Publikationen von Bathia Bayer nach 1963, entwirft er ein Bild vor der Klangwelt in der natufischen (steinzeitlichen) 130 Kultur ebenso wie von akustischen Ereignissen in den phönizischen Küstengebieten oder im Dionysos-Kult während der römischen Phase.

Ob dieser Weite der Betrachtung bietet dieses reich illustrierte Buch mehr als lediglich Einblicke in die “Musik der Bibel”. Es erschließt vielmehr die Frühgeschichte der Musik im Bereich des heutigen Staates Israel bis Jordanien. Es korrigiert viele auch in der theologischen Literatur verbreiteten Fehlinterpretationen der zur Verfügung stehenden Texte. Es bekräftigt die Einsicht, daß es z. B. Harfen in Altisrael nicht gegeben hat, daß Lauten ab dem 16. Jahrhundert v. Chr. benutzt worden sind, oder daß Geräusch-Idiophone in den Kulten dieser Region die Klangaura bestimmt haben. Wer sich ein sachlich zureichendes Bild von der Terminologie in den Psalmen oder von der Rolle der Trompete in den Schriftrollen von Qumran u. a. m. verschaffen möchte, dem sei dieses Buch wärmstens empfohlen. Aviva Braun sei bedankt für ihre vorzügliche Nachzeichnung der Konturen aus dem Negev, aus Gadera und Gaza.


Jahrgang 8 /2001 Heft 2 Seite 129

 



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