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Yuval Lapide

Die Berufung des Mose am brennenden Dornbusch

Rabbinisch gedeutet

Grundsätze rabbinischer Exegese

Als Jude habe ich gelernt, dass jeder Bibeltext heilig ist. Rabbinischem Denken zufolge ist die hebräische Sprache die heilige Sprache, mit der Gott die Welt erschuf. Rabbinische Exegese schaut sich darum den Text Wort für Wort an, verschiedene Texte werden miteinander verglichen und aus Parallelen zwischen Begriffen oder grammatikalischen Formen werden Schlussfolgerungen gezogen. Daraus hat sich eine reichhaltige exegetische Tradition entwickelt, einen Text auf unterschiedlichen Ebenen zu verstehen. Die rabbinische Exegese unterscheidet vier Verstehensebenen der Offenbarungstexte.

1. Pschat: Auf dieser Ebene werden zunächst die faktischen Zusammenhänge und die nahe liegende Bedeutung der hebräischen Vokabeln geklärt.

2. Drasch bzw. sinnverwandt Midrasch sucht nach der tieferen Bedeutung der Worte und Satzkonstruktionen sowie nach dem Unausgesprochenen, dem zwischen den Zeilen Verborgenen. Warum wird gerade dieses Wort an dieser Stelle verwendet?
und ist deshalb nicht immer streng rational.

3. Sod ist die Ebene der Geheimnisse, der verborgenen Wahrheiten. Große Meister der jüdischen Mystik haben brillante Erkenntnisse aus Bibeltexten abgeleitet, indem sie sich u. a. mit der Länge und der sprachlichen Besonderheit von Worten sowie mit der Stellung von Buchstaben innerhalb des Satzgefüges beschäftigten. Hinzu kommt die Bedeutung des Zahlenwerts der hebräischen Worte (Gematria / Zahlenmystik), denn jeder der 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets hat einen eigenen Zahlenwert.

4. Remes ist die Ebene der Andeutungen. Textliche Anspielungen überwiegend formal sprachlicher Art werden auf verborgene Wahrheiten Gottes und auf die Beziehung des Menschen zu Ihm herausgefiltert. Diese Methode stützt sich überwiegend auf das Geheimwissen der großen Mystiker des Judentums, d. h. sie beinhaltet auch esoterische Komponenten und ist deshalb nicht immer streng rational.

Die Berufungsgeschichte im biblischen Kontext

Das erste Buch der Bibel – Bereschit (Genesis) – beschäftigt sich mit der sog. Gründergeneration: Abraham, Isaak, Jakob und Josef und ihren Frauen. Zur Zeit Josefs erfolgte die erste große kollektive Exilserfahrung infolge der katastrophalen Hungersnot der bekannten „sieben mageren Jahre“. Die Bibel berichtet, dass alle 70 Seelen der Familie Jakobs nach Ägypten zogen. Im zweiten Buch – Schemot – (Exodus) geht es um das Entstehen einer Volksgemeinschaft aus dem bisher losen Verband der 12 Söhne Jakobs, die sich zu den 12 Stämmen Israels formieren. Haben wir es in Genesis mit Individualgeschichten zu tun, – mit Abraham, Isaak und Jakob – und ihrer je eigenen Gottesbegegnung, bildet sich jetzt zunehmend eine Kollektivdimension.

Gott wendet sich an das ganze Volk. Dazu bedarf es jedoch bestimmter Erfahrungen und Begegnungen mit dem Göttlichen. Mose wird durch seine Berufung zum Bindeglied zwischen der Gründergeneration und dem nun im Werden befindlichen „Volk Israel“. Die Israeliten sind nicht mehr im Land Kanaan, sondern im fruchtbaren Nildelta in Mizraim (Ägypten). Die erste Zeit unter dem „guten“ Pharao war gut und fruchtbar. Unter der Herrschaft eines späteren „bösen“ Pharaos begann eine Zeit der Unterdrückung und Tyrannei. Die Geburt und das erste Wirken des späteren Befreiers aus der Versklavung weisen Züge auf, die den rabbinisch geschulten Exegeten auf die besondere Beziehung zwischen Gott und Mose hinweisen. Der biblische Text beinhaltet eine Anzahl signifikanter Namens- und Ortsbezeichnungen mit programmatischem Inhalt:

1. Mosche (Mose) verdankt seinen Namen dem Umstand, dass die Tochter Pharaos Erbarmen hat mit dem dreimonatigen Knaben im Körbchen und ihn aus dem Wasser zieht. Sie, die Ägypterin, gibt dem Hebräerkind auch seinen Namen. Die Rabbinen heben hervor, dass diese Erfahrung des Herausgezogenwerdens aus dem bedrohlichen Element des Wassers die prägende Erfahrung im Leben Moses war. Er musste am eigenen Leibe erfah- ren, was es heißt, dem Tod entronnen zu sein bzw. aus dem Tod wiedergeboren zu werden, bevor er sich anschicken konnte, sein Volk aus den Wassern des Schilfmeeres zu erretten bzw. zu einer Neugeburt zu verhelfen. Wegen der menschlichen Größe der Tochter des Erzfeindes haben die Rabbinen ihr einen eigenen hebräischen Namen gegeben: Batja („Tochter Gottes“). Die Handlung der ägyptischen Königstochter soll uns zeigen, dass selbst inmitten der Grausamkeiten des ägyptischen Feindes immer wieder kleine Funken der Menschlichkeit aufblitzten, – ein Phänomen, das in der rabbinischen Exegese stark in den Vordergrund gestellt wird, denn „das Böse ist nie absolut böse, sondern birgt auch den Keim des verborgenen Guten in sich“.

Thermutis  

Die Tochter des Pharao mit dem Kind Mose im Arm.
Goldene Haggada, Spanien, 1310–1320.

„Thermutis, die sah, dass er von so viel Anmut war, [...] beschloss, ihn als ihren Sohn zu adoptieren“ (Flavius Josephus, Antiquitates II, V).

2. Jitro ist der Schwiegervater des Mose. Sein Name bedeutet: der Hinausreichende, derjenige, welcher einen besonderen Überschuss an Gotteserkenntnis und Gottvertrauen besitzt. Er wird auch Rëuel bzw. Reguel genannt – eine Zusatzbezeichnung für eine besonders herausragende Persönlichkeit –, die Freund bzw. Hirte Gottes bedeutet. Jitro gilt in der jüdischen Tradition als Konvertit zum Judentum. Er soll ein Priester im Dienste des ägyptischen Hierophantenkultes gewesen sein, der sich mit dem ägyptischen König überworfen und sich anschließend im Wüstengebiet Midians abgesetzt hat. Dem Midrasch zufolge hat ihn eine erleuchtende Erfahrung mit dem wahren Gott veranlasst, den Priesterkult der Ägypter zu verlassen. Es ist bezeichnend, dass Gott sich justament einen ehemaligen Götzendiener als Boten ausgesucht hat, um Mose zum Glauben seiner Väter zurückzuführen: Gott bedient sich eines Heiden, um einen Juden zum Juden zu machen.

3. Israel ist der Kollektivbegriff für die Gemeinschaft der Kinder Jakobs. Ursprünglich ist es der Name, den Jakob in der „Nacht seiner Verwandlung“ am Jabbok vom Engel zugesprochen bekam. Er bedeutet entweder „Kämpfer mit Gott“ oder „Kämpfer für Gott“, wobei alternativ auch „Gott als Kämpfer“ mit Jakob oder an Jakobs Seite gemeint sein kann.

4. Der Begriff Hebräer kommt erstmalig vor beim Erzvater Abraham, welcher „Abraham, der Hebräer“, genannt wird. Die sprachliche Wurzel des Wortes (awar) hat eine doppelte Bedeutung: Zum einen bezeichnet sie den Übergang von einem Ort zum anderen bzw. von einem Zustand zum anderen. Abraham und seine Nachkommen sollen den Übergang aus der heidnischen Lebensweise in die neue Gottesbeziehung vollbringen, – ein ausgesprochen dynamischer Begriff, der eine geistige Haltung der Bewegung bzw. Beweglichkeit impliziert. Zum anderen bedeutet das Wort „das Vergangene“, „das hinter sich Zurückgelassene“, und beinhaltet somit eine zeitliche Dimension, die Abraham und seine Kinder zu einem zielgerichteten Blick in die Zukunft auffordert.

5. Pharao bedeutet in der hebräischen Fassung: der Ungeordnete, der Zügellose, der Anarchist. Er verkörpert das Prinzip der Gottlosigkeit und Willkürherrschaft als Antithese zum Prinzip der Ordnung und des Eingottglaubens, welche der Gott Israels verkörpert.

6. Die beiden Hebammen Pua und Schifra – so der Midrasch – sind entweder gebürtige Hebräerinnen oder zum Judentum konvertierte Ägypterinnen. Pua (= „sie nimmt sich des Schmerzes eines anderen an“) und Schifra (= „sie sucht das Leid des anderen bestmöglich zu lindern“) sind die ersten Widerstandskämpferinnen der Bibel und verkörpern das Prinzip des Gehorsams Gott gegenüber nach dem Motto: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (vgl. Apg 5,29).

7. Mizraim (Ägypten) bedeutet Enge bzw. Bedrängnis. Der Midrasch sagt, dass Mizraim nicht nur geographisch zu verstehen ist, sondern im Wesentlichen für die geistig-seelisch beengte Verfassung der Ägypter steht, weil ihnen die wesentliche Lebenserfahrung mit dem wahren Schöpfer von Himmel und Erde fehlt. Aber auch die in Mizraim zur Sklavenarbeit verurteilten Hebräer befinden sich in diesem geistig-seelischen Zustand von Enge, denn auch sie haben die Weite und Tiefe der Beziehung mit dem wahren Schöpfergott noch nicht kennen gelernt. Sie müssen „in die Enge gepresst“ werden, um die Weite und Tiefe Gottes zu erleben. Der Midrasch vergleicht ihr Leid mit einer Olive oder einer Weinbeere. Wie diese in der Kelter „gedrückt“ und „gepresst“ werden müssen, um das Kostbare, das in ihnen ist, freizusetzen, so mussten auch die Hebräer in der Versklavung Ägyptens „gepresst“ werden, damit ihr Vertrauen in Gott freigesetzt werden konnte.

8. Midbar (Wüste) bedeutet im Hebräischen Ort des Wortes oder Ort des göttlichen Geschehens. Mose begegnet Gott am brennenden Dornbusch im Midbar, einem Ort der Abgeschiedenheit von allen „unwesentlichen“ materiellen Dingen des Lebens und der Ausrichtung auf geistig-geistliche Werte. Die aus der Knechtschaft Mizraims befreiten Kinder Israels mussten sich vierzig Jahre in der Wüste aufhalten, damit ihre Beziehung zum wahren Gott geläutert und vertieft wird. Nach der Erfahrung von Unterdrückung, Bedrängnis und Abhängigkeit von einem unmenschlichen Diktator mussten sie die bedingungslose Abhängigkeit von der wahren Quelle ihres Lebens, ihrem Schöpfergott, erlernen.

9. Kanaan, das unterworfene Land, verkörpert das Prinzip der Unterordnung eines ungeordneten chaotischen Systems unter das Ordnungsprinzip des Monotheismus. Nachdem die Kinder Israels – nach Willkürherrschaft und Polytheismus – in der Abgeschiedenheit der Wüste (midbar) Gottes Nähe kennen gelernt hatten, waren sie nunmehr befähigt, das den Vorvätern versprochene Land in Besitz zu nehmen und es Gottes Auftrag gemäß zu regieren.

10. Der Name des Berges Choreb hat zweierlei Bedeutungen:

a) Ort der Scheidung/Unterscheidung bzw. Entscheidung: Mose muss sich entscheiden zwischen seiner angeborenen jüdischen Identität und seiner anerzogenen ägyptischen Mentalität. Gott fordert Seinen Berufenen heraus, sich von seiner heidnischen Prägung zu „scheiden“, um in den neuen/alten Glauben hineingeboren zu werden. Die Erfahrung des brennenden Dornbusches zu Füßen des Berges Choreb stellt für Mose im wahrsten Sinne des Wortes eine Feuerprobe dar: Der alte Mose muss „weggebrannt“ werden, damit der neue Mose geläutert hervortreten kann.

b) Das Wort Choreb kann man auch ableiten von der hebräischen Wurzel „ch-r-b“ = zerstören, ruinieren. Mose wird mit der geistig-seelischen Ruine seines bisherigen Lebens konfrontiert, damit er sich für Gott entscheiden kann. Der Midrasch hebt hervor, dass der Berg Choreb in der Begebenheit mit dem brennenden Dornbusch deshalb nicht mit Sinai bezeichnet wird, weil Mose erst nach der Erfahrung des „Ruins“ seines Lebens in der persönlichen Begegnung mit Gott den ehrwürdigen Berg Sinai besteigen und seine „erhebende“ Erfahrung mit Gott machen darf. Die Bedeutung des Wortes Sinai ist in der hebräischen Tradition im Dunkel geblieben. Manche Rabbinen bringen es in Zusammenhang mit Sulam, der Himmelsleiter in Jakobs Traum, welche im Hebräischen eine  Klangähnlichkeit mit dem Wort Sinai aufweist. Einer anderen Erklärung zufolge bildet das hebräische Wort für Hass (Sin’a) bzw. für Absonderung die semantische Grundlage für die Bezeichnung Sinai. Demzufolge wäre dieser Berg ein Ort der klaren Absonderung bzw. Abgrenzung von allem, was dem wahren Gottesdienst und der wahren Gotteserkenntnis im Wege steht.

11. Midian ist der Ort des richterlichen Urteilsspruchs. Die sprachliche Wurzel d-i-n (hebr.) oder d-i-n-a (aram.) liegt auch den biblischen Namen Daniel und Dina zugrunde. Midian ist der Ort, an dem Gott ein Urteil gesprochen hat über den künftigen Werdegang seines Gesandten Mose und über das künftige Schicksal Pharaos und der Ägypter. An dieser Stätte werden göttliche Urteile gesprochen, die Gott Mose zuteil werden lässt, damit dieser bei deren Umsetzung sowohl vor Ort als auch in Ägypten mitwirkt. Um ein Wortspiel zu gebrauchen, könnte man sagen, dass Mose in Midian „hingerichtet“ wird; sein Leben bekommt eine neue Richtung.

Begegnung mit dem Mysterium Gottes

Ex 2,2–6 berichtet von einem jüdischen Knaben, der sich aufgrund einer Verordnung des Pharao in Lebensgefahr befindet. Nachdem ihn seine Mutter drei Monate lang unter großer Gefahr versteckt hat, setzte sie ihn in einem Schilfkörbchen (tewa) am Nilufer aus. Das Wort tewa (eigentlich „Kästchen“, – in Gen 6,14 bezeichnet es die Arche Noah) bedeutet sowohl Schutz spendender, materieller Raum als auch das Wort (Gottes). Rabbinisch gedeutet soll damit zum Ausdruck gebracht werden, dass jeder materielle Schutz letztlich einer spirituellen Dimension bedarf, um wahren Schutz bzw. wahre Hilfe zu leisten. Sowohl Noah als auch Mose hüllten sich bzw. wurden eingehüllt in die göttliche Kraft des Geistes, die die äußere Hülle der Arche bzw. des Körbchens umgab. Jetzt geschieht das Paradoxe: Ein dem Tode geweihter Hebräerjunge wird justament von der Tochter des heidnischen Diktators der „Todeswaffe“, dem Wasser, entrissen und zum Leben zurückgeführt. Pharaos Tochter wird dargestellt als eine zwar ungehorsame, aber mitleidvolle, durch und durch menschliche Gestalt in einer unmenschlichen Zeit. Über die Folgezeit im Leben des Mose schweigt die Bibel. Der Midrasch nimmt an, dass Mose in jenen verborgenen Jahren – manche sprechen von 20, andere von 40 Jahren – am ägyptischen Königshof in den heidnischen Priesterkult eingeführt wurde.

Nach einer langen Zeit der Verleugnung erwacht in Mose das lang verschüttete jüdische Bewusstsein. Es zieht ihn trotz der Verlockungen des Lebens eines Prinzen am Hofe des mächtigsten Mannes zu seinen Brüdern und Schwestern nach Goschen. Beim Anblick eines hebräischen Sklaven, der von einem ägyptischen Aufseher zu Unrecht geschlagen wird, befällt ihn Mitleid, und in einem Akt spontaner Solidarität erschlägt er den Ägypter. Interessant ist, dass die Bibel diese Tat nicht verschweigt: Die Karriere dieses großen, charismatischen Führers beginnt mit einer Schuld. Bezeichnenderweise ist sie der Auslöser einer Verkettung von Handlungen, die zur wichtigsten spirituellen Erfahrung des jungen Mose führt. Der Mord zwingt Mose, Ägypten zu verlassen. Er verdingt sich bei einem Mann in Midian, der sich – dem Midrasch zufolge – ebenfalls von Pharao abgesetzt hat. Die Suche nach einem verirrten Schaf führt ihn schließlich zum Berg Choreb, wo er Gott im brennenden – aber nicht verbrennenden – Dornbusch begegnet. Theologisch stellen sich hier folgende Fragen:

1. Warum begegnet Gott seinem Berufenen in einem Dornbusch und nicht in einem edleren Gewächs wie z. B. einer Dattelpalme oder einer Zeder?

Die Erscheinung Gottes im brennenden Dornbusch erfolgt zu einer Zeit, in der das Leid der Israeliten in Ägypten einen absoluten Höhepunkt erreicht hat. Ex 2,23–24 berichtet, dass die Israeliten unter den Schikanen der ägyptischen Fronaufseher so stark litten, dass sie zum Gott ihrer Väter aufschrieen – und Gott hörte ihr Stöhnen und erbarmte sich ihrer. Er konstelliert die Begegnung am Dornbusch, um Mose zu verstehen zu geben, dass Er Sein geliebtes Volk nicht vergessen hat. Darin liegt die immens symbolhafte Bedeutung des Phänomens des brennenden Dornbusches. Der Gott Israels will dem noch ahnungslosen Mose augenfällig zeigen, dass Er mit den Hebräern in ihrem Leid verbunden ist, und benutzt dazu ein armseliges, unansehnliches, für den Menschen nutzloses Gewächs – einen Dornbusch! In der Niedrigkeit des Dornbusches erfolgt die Identifikation Gottes mit der Erniedrigung Seines geliebten Volkes unter dem Joch der Ägypter. Mose kann sich ein Bild davon machen, wie Gott von Seiner erhabenen Majestät niedersteigt in die Tiefe des menschlichen Lebens und Leidens. In der Symbolsprache der Bibel kann Gott sowohl in den irdischen Niederungen als auch in der Höhe residieren und verehrt werden, – daher die Erwähnung des Berges Choreb, der später der Berg der Vergabe der Zehn Gebote wird. Bezeichnenderweise werden beide Naturphänomene – der Berg und der Dornbusch – dicht beieinander aufgeführt, um eben auf diese Dualität der Präsenz Gottes hinzuweisen.

2. Warum brennt der Dornbusch, ohne zu verbrennen?

Auch das Brennen und Nicht-Verbrennen des Dornbuschs ist symbolhaft verknüpft mit dem Leiden der Hebräer in Ägypten. So wie der armselige Dornbusch der Macht des Feuers ausgesetzt ist, ohne von ihm verzehrt zu werden, so ist Israel der ägyptischen Willkürherrschaft ausgesetzt, ohne von dieser ausgelöscht zu werden. Gott sieht und fühlt das Leiden Seiner Kinder. Er leidet mit ihnen und wird nicht zulassen, dass sie durch dieses Leid vernichtet werden. Einer anderen midraschischen Auslegung zufolge symbolisiert der brennende Dornbusch die heimtückische, feuergleiche Grausamkeit des hartherzigen Pharao und seiner Schergen. Pharao und seine Armee suchen die Hebräer zu vernichten, aber Gott verhindert es durch Sein wunderbares Eingreifen. Andererseits werden die Schmerz verursachenden Dornen mit der boshaften Menschenquälerei Pharaos gleichgesetzt. Der Midrasch führt aus: „So wie ein Vogel sich ahnungslos in das Geäst des Dornbuschs begibt, um dort zu nisten, doch beim Wegflug verletzten die Dornen seine Flügel, so erging es Israel, das zur Zeit des ‚guten’ Pharao und seines Vizekönigs Josef in Ägypten ein willkommener Gast war. Doch zur Zeit des ‚bösen’ Pharao wurde es zum Feind erklärt und durfte das Land nicht mehr verlassen.“

3. Warum spricht Gott zu Mose aus dem brennenden Dornbusch?

Nachdem sich Mose „ein Bild machen konnte“ von Gottes Präsenz inmitten des Leides SeinesVolkes, sucht Gott das Gespräch mit ihm. Martin Buber deutet alle großen Gespräche Gottes mit Seinen Berufenen als dialogische Begegnungen: Gott nimmt die Menschen so ernst, dass Er sie als ebenbürtige Gesprächspartner anspricht. In der niedrigen Gestalt des Dornbusches spricht Gott zu Mose Worte der Güte, der Verlässlichkeit und des Traditionsbewusstseins. In der unwirtlichen Abgeschiedenheit der Wüste passiert das Großartige – ein unauffälliger Flüchtling und gedungener Hirte wird von der sich herablassenden Gottheit in seinem tiefsten Inneren berührt und berufen. Bedeutungsvoll bei der Theophanie (Gottesoffenbarung) am Dornbusch ist, dass Gott sich Mose durch ein dreistufig aufgebautes Bild offenbart:

Gott zeigt sich nicht unmittelbar. Er lässt erst das Feuer (1) und dann seinen Boten, den Engel (2), aus dem Strauch heraus sprechen. Dann erst spricht die Gottheit selbst (3) mit Mose. Aus dieser Dreistufigkeit leiten die Rabbinen eine wichtige Erkenntnis über die Pädagogik Gottes ab: Gott mutet sich dem Menschen so zu, wie dieser Ihn zu verkraften vermag. Erst nachdem Mose durch diese gewaltigen Naturphänomene einen Eindruck und eine Einsicht bekommt, wendet sich Gott ihm mit der Kraft des Wortes zu. Und weiter fragen die Rabbinen, warum Mose eine so außergewöhnliche Offenbarung Gottes erfahren durfte, während Abraham, Isaak, Jakob und Josef von Gott auf viel „schlichtere“ Weise berufen wurden – vorwiegend durch das lebendige Wort.

Die Berufung des Mose 

Die Berufung des Mose.

„Dort erschien ihm der Engel des Herrn in einer Flamme, die aus einem Dornbusch hervorschlug. [...] Da brannte der Dornbusch und verbrannte doch nicht“ (Ex 3,2).

Goldene Haggada, Spanien, 1310–1320. 

 

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir einen Blick auf den Unterschied zwischen der Gründergeneration im Buche Genesis und der Situation der Großfamilie Jakobs in Ägypten werfen. Die Gestalten in Genesis waren durchdrungen von einer tiefen Sehnsucht nach dem wahren Gott und einer großen Offenheit für Sein überzeugendes Wort. Um sich ihnen mitzuteilen, bedurfte es keiner spektakulären Geschehnisse. Ihnen genügte eine tiefgehende spirituelle Erfahrung ohne dramatische Naturphänomene. Mose dagegen muss, um in seine neue Aufgabe hineinzuwachsen, neue Facetten seines Partnergottes kennen lernen.

Gott will sich Mose und später den Kindern Israels als der Gott manifestieren, der nicht nur aus dem Verborgenen die Herzen der Menschen berührt, sich als in die Realität eingreifender, die Schöpfung lenkender Schöpfer zeigen. Mittels außergewöhnlicher, die Naturgesetze außer Kraft setzender Vorkommnisse soll Mose greifbar vor Augen geführt werden, dass ihr Gott auf ihrem Weg mitgeht und für sie sogar wunderbare und außergewöhnliche Taten vollbringt: Moses Hand wird plötzlich vom Aussatz befallen, sein Stab wird zur Schlange, das Nilwasser, das Mose auf den Boden gießt, verwandelt sich vor den Augen der Kinder Israels in Blut, die zehn Plagen, das sich spaltende Schilfmeer, das Manna in der Wüste und das Wasser aus dem Felsen. Für Mose und die ihm Anvertrauten beginnt eine neue Phase der Gotteserkenntnis, in der Gott sowohl im Verborgenen bleibt als auch aus dem Verborgenen heraustritt, um mit der Menschheit Geschichte zu machen – sowohl der Israeliten als auch der Ägypter.

Nachdem Mose im Gott des brennenden Dornbusches den Gott seiner Väter erkannt hat, der mit ihm Großes vorhat, entfaltet sich das längste Zwiegespräch der Bibel zwischen Gott und einem Menschen. Der Schöpfer allen Lebens gestattet Seinem Geschöpf, all seine Ängste, Zweifel, Unsicherheit und Unerfahrenheit offen auszusprechen. Fünfmal trägt Mose seine schweren Bedenken gegen seine Berufung vor und fünfmal nimmt Gott sich seiner liebevoll an und entkräftet jeden Einwand.

Wir lernen hier nicht nur den in die Realität hinein intervenierenden Gott kennen, sondern auch den Deus sympathicus, den mitfühlenden, am Leiden Seiner Geschöpfe Anteil nehmenden Schöpfer. Der Midrasch stellt dazu fest: Die Zahl der Einwände (fünf) entspricht der Anzahl (fünf) des Vorkommens des göttlichen Namens Elohim (Gott) in der Einleitung zur großen Begebenheit des brennenden Dornbuschs im hebräischen Originaltext: „[...] Und die Israeliten seufzten über ihre Knechtschaft und schrien, und ihr Schreien über ihre Knechtschaft kam vor Gott. Und Gott erhörte ihr Wehklagen und Gott gedachte seines Bundes mit Abraham, Isaak und Jakob. Und Gott sah auf die Israeliten und Gott nahm sich ihrer an“ (2 Mose 2,23–25).

Die Gottesbezeichnung Elohim beschreibt Gott in seiner Eigenschaft als Recht sprechenden, alles im Auge behaltenden, universalen Herrscher, der genau registriert, was seine Geschöpfe tun und was sie unterlassen. Durch die fünfmalige Erwähnung dieses Gottesnamens gibt Gott Mose quasi die Erlaubnis, sich Ihm gegenüber ebenfalls fünffach als leidendes, hilfsbedürftiges, Gott suchendes Geschöpf zu äußern.Gott suchendes Geschöpf zu äußern.

Wer ist dieser Gott?

Im Verlauf des Zwiegesprächs stellt Mose folgende Gretchenfrage: „Siehe, wenn ich zu den Israeliten komme und spreche zu ihnen: Der Gott eurer Väter hat mich zu euch gesandt!, und sie mir sagen werden: Wie ist sein Name?, was soll ich ihnen sagen?“ (2 Mose 3,13). Als Antwort erhält Mose das berühmte Selbstbekenntnis: „Ich werde sein, der ich sein werde“ (2 Mose 3,14a). Diese entscheidenden Worte, die Grundlage des sog. Tetragammatons, des vierbuchstabigen Namens Gottes J-H-W-H, sollen die Grundlage des neuen Verhältnisses der Gottheit zu Mose und Seinem Volk schaffen.

Der große Religionsphilosoph Martin Buber erläutert diese Worte in der Tradition des Midrasch folgendermaßen: Gott zeigt sich in seiner Allgegenwart, die keines festen bzw. keines statischen Namens bedarf. Das Hebräische benutzt in dieser Selbstbezeichnung Gottes die Futurform, da das Verb „sein“ im Präsens nicht ausdrückbar ist. Dem hebräischen Sprachdenken liegt die Überlegung zugrunde, dass alle Lebenserfahrungen des Menschen ein permanentes Werden darstellen, – der Mensch ist letztlich eingespannt zwischen abgeschlossenem Sein und anvisiertem Sein. Seine Gegenwart ist folglich ein Entwicklungsprozess, der die Vergangenheitserfahrung aufgreift und sich mit ihr transformiert in ein noch unbekanntes Zukünftiges.

Der Gott Israels bringt dies in Seinem neuen Namen zum Ausdruck: Er will sich nicht festlegen lassen, sondern bleibt ein „Ewig Werdender“, ein dynamischer Gott. Damit gibt Gott Mose die große Hoffnung und Gewissheit, dass Er immer mit Seinem Volk „werden“ wird, in welcher Situation auch immer. Damit ist die tröstliche Botschaft ausgesprochen, dass Gott Seine Kinder im Innersten erkennt und genau weiß, auf welche Weise und unter Einsatz welcher Mittel und Wege Er sich ihnen offenbaren wird. Der Schöpfer tut sich kund als ein Gott der tiefen inneren Verbundenheit mit jedem Seiner Geschöpfe, gleichsam ein Seelenfreund und Seelenkenner.

Buber sieht in dieser neuen Selbstbezeichnung Gottes noch einen weiteren Aspekt: die Entmythologisierung der Beschwörungszeremonien der ägyptischen Gottheiten durch die Priester. Antithetisch zu diesem „dämonischen“ Götterbild erweist sich der alleinige Schöpfer allen Lebens als ein Gott, der gar nicht erst angerufen, gar nicht beschworen werden muss, sich Seinen Geschöpfen zuzuwenden. Ihm genügt das Vertrauen, dass Er die Anliegen und Nöte Seiner Kinder sieht und sich in angemessener Weise hilfreich zeigen wird.

So kann denn Gott Mose auffordern, Ihn mit dem lakonischen „So sollst du zu den Israeliten sagen: ‚Ich werde sein’, der hat mich zu euch gesandt“ (2 Mose 3,14b) den Hebräern vorzustellen. In diesem Paradoxon des Namens Gottes, der so viel aussagt und doch das Wesen Gottes verhüllt lässt, liegt die große Herausforderung des zum Glauben aufgerufenen Menschen. Der Haufen der Hebräer, der von einem heidnischen Volk unterdrückt wird, soll sich gerade jetzt – kurz vor seiner Herausführung aus der Sklaverei – dieser Herausforderung stellen: Im Vertrauen auf den zu ihnen herabsteigenden Gott alles von Ihm Trennende loszulassen und sich ganz auf Ihn einzulassen.

Die faszinierende Gestalt des Mose wäre nicht vollständig porträtiert, ohne die Schlussworte Gottes an ihn während des Dornbuschgesprächs. Nachdem Mose erfolglos versucht hat, sich dem göttlichen Auftrag zu entziehen, entlässt ihn sein Schöpfer mit Worten der Beruhigung: „Du sollst zu ihm (Aaron) reden und die Worte in seinen Mund legen. Und ich will mit deinem und seinem Munde sein [...]. Und er soll für dich zum Volk reden; er soll dein Mund sein, und du sollst für ihn Gott sein“ (2 Mose 4,15.16).

Gott versichert Mose, dass Seine Göttlichkeit in ihm anwesend sein wird, und zwar dergestalt, dass Mose für seinen Bruder gleichsam göttlicher Anwalt sein wird. Interessant ist, dass gerade der Mensch, der „schwer von Mund und schwer von Zunge“ ist, von Gott berufen ist, durch seinen Mund seinem Bruder und letztlich Pharao gegenüber ein Gott zu sein. Die unvollkommene „schwere Zunge“ wird zu dem Organ, welches die Heiligkeit Gottes transportieren soll. Darin liegt eine ungeheure theologische Dimension: Das Unvollkommene, Versehrte steht im Dienste des Vollkommenen und Heiligen. Für Martin Buber erwächst aus dieser Ermächtigung des Mose, mit seinem Mund für die anderen ein Gott zu sein, noch ein Weiteres: Alles menschliche Reden von Gott muss letztlich ein unbeholfenes Gestammel vom ewigen Mysterium Gottes bleiben. Der endliche Mensch kann Gott letztlich nicht begreifen oder erfassen, sondern lediglich wortringend eine Ahnung von Ihm ausdrücken.

Ein wahrer Freund Gottes

Die herausragende Persönlichkeit Mose wird noch einmal in der Geschichte des Goldenen Kalbes hervorgehoben (2 Mose 32–34). Nachdem Gott angedroht hatte, das Volk mit Seinem Zorn zu verbrennen, setzt sich Mose auf hingebungsvolle Weise für seine Brüder und Schwestern ein. Mose wird dargestellt als der Diener Gottes, der die eindringlichen Worte aus dem Dornbuschgespräch tief verinnerlicht hat. Wie noch nie zuvor profiliert er sich als Fürsprecher und Anwalt. Der Gesandte Gottes ist bereit, für das Volk sein Leben – im wahrsten Sinne des Wortes – hinzugeben, um damit Gottes Zorn abzuwenden. Aus seiner frühen Hirtenerfahrung heraus agiert er als fürsorglicher, verantwortungsvoller Hirte der ihm anvertrauten „Herde“. Die Unterredungen Mose mit seinem Schöpfer, in denen es ihm gelingt, Gott wieder versöhnlich für Sein Volk zu stimmen, gipfeln in der Schlussbemerkung: Der HERR aber redete mit Mose von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freunde redet (2 Mose 33,11).

Berg Nebo - Mosesgrab Berg Nebo – „Mosesgrab“ mit Blick auf das Jordantal.

„Am selben Tag sagte der Herr zu Mose: Geh hinauf in das Gebirge Abarim, das du vor dir siehst, steig auf den Berg Nebo, der in Moab gegenüber Jericho liegt, und schau auf das Land Kanaan, das ich den Israeliten als Grundbesitz geben werde. Dort auf dem Berg [...] sollst du sterben und sollst mit deinen Vorfahren vereint werden, wie dein Bruder Aaron auf dem Berg Hor gestorben ist und mit seinen Vorfahren vereint wurde“ (Dtn 32,48-50).

Der Midrasch hebt hervor, dass die Gottheit Israels keinesfalls wirklich die Absicht hatte, Israel auszulöschen, sondern lediglich die Absicht verfolgte, Moses Einsatz- und Kampfbereitschaft für sein Volk zu mobilisieren. Wiederum erleben wir hier einen Gott, der Seine Geschöpfe im Tiefsten kennt und weiß, wie Er sich ihnen zumuten kann. Mose ist mittlerweile ein gereifter Partner Gottes geworden, der über seine Unsicherheiten, Zweifel und Ängste aus dem Dornbuschgespräch deutlich hinausgewachsen ist. War er damals noch schüchtern und unbeholfen im partnerschaftlichen Umgang mit Gott, musste er damals noch sein Gesicht verbergen vor dem Antlitz Gottes, so erleben wir ihn nun in einer streitbaren und dialogischen Begegnung mit seinem Schöpfergott.


Dr. Yuval Lapide, Religionswissenschaftler, 1961 in Jerusalem geboren, lebt seit 1974 in Frankfurt/M. Studium rabbinischer Bibelexegese und mittelalterlicher jüdischer Philosophie und Musik an jüdischen Hochschulen in New York, Straßburg, London und Paris. Dr. Lapide ist geprägt durch die Versöhnungsarbeit seiner Eltern, der Religionsgelehrten Pinchas und Ruth Lapide.


Jahrgang 16 /2009 Heft 1 Seite 9−21.


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