Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Leseproben > Artikel ab Jg. 2001 > 1095  

Home
Leseproben
Artikel ab Jg. 2001
Rezensionen ab Jg. 2001

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Chaim Noll

Rom und Jerusalem

Eine wechselhafte Beziehung

Am 13. März 2009 wurde an der päpstlichen Lateran-Universität in Rom ein neuer Lehrstuhl eröffnet, der sich mit der Annäherung zwischen Kirche und Judentum beschäftigen soll. Er erhielt den Namen „Cattedra per la Teologia del Popolo di Dio“, Lehrstuhl für die Theologie des Volkes Gottes. Gäste waren der Botschafter Israels beim Vatikan, Mordechay Lewy, Kardinal Walter Kasper, Präsident der päpstlichen Kommission für die religiösen Beziehungen zum Judentum, und weitere christliche und jüdische Vertreter. Aus Anlass der Lehrstuhlgründung hielt der deutsch-israelische Schriftsteller Chaim Noll den folgenden Vortrag über das historisch wechselhafte Verhältnis zwischen Rom und Jerusalem.

Ein „antagonistisches Paar“

Das Begriffspaar „Rom und Jerusalem“ symbolisiert zweierlei. Zunächst zwei weltgeschichtliche und spirituelle Zentren, zwei Städte, bis heute bestehend seit der antiken Welt, die in der menschlichen Begriffsfindung zur Metapher geworden sind für Imperium und von ihm unterdrückte Völker, für römischen Polytheismus als Konzept der Willkür und imperialen Machterhaltung einerseits und jüdischen Monotheismus als Konzept größtmöglicher menschlicher Entfaltung und Freiheit andererseits – wie etwa der Philosoph Ernst Bloch im antiken Judentum „einen Weg ins Freie“ und in Moses „den frühesten Führer eines Volkes aus der Knechtschaft“ sieht. „Mit Moses“, schreibt Bloch, „geschah ein Sprung im religiösen Bewusstsein, und er wird durch ein Ereignis vorbereitet, das den bisherigen Religionen […] das entgegengesetzteste ist: durch Rebellion, durch den Auszug aus Ägypten.“ Die Idee der Befreiung hat später das Christentum adaptiert: auch Jesus wurde als Erlöser aus irdischer Bedrückung verstanden und entsprechend Rom – besonders von frühen christlichen Predigern – das neue Ägypten oder Babylon genannt.

In einer zweiten Bedeutungsebene meint Rom jedoch – und auch das mutet wie ein Sprung in der Geschichte an – die Welthauptstadt des Christentums. Durch den Sieg der Anhänger des jüdischen Wanderpredigers Jeshua (Jesus) wandelt sich die ehemalige Hochburg der imperialen Unterdrückung zur Hauptstadt einer messianischen Offenbarung. Die Kirche als Institution wurde dann aber – zumindest aus jüdischer Sicht – ihrerseits zur Metapher für Macht und Willkür. So empfunden noch im 19. Jahrhundert, etwa von Moses Hess (1812–1875) in seinem berühmtem Buch Rom und Jerusalem (1862). Hess, ein früher Mitkämpfer von Karl Marx, war zugleich ein entschiedener Zionist. In Rom und Jerusalem sagt er – etwa drei Jahrzehnte vor Herzl – die baldige Rückkehr des jüdischen Volkes nach Erez Israel voraus, möglich geworden durch die bürgerliche Emanzipation der Juden in Europa.

Diese beiden Ereignisse in Zusammenhang zu setzen war an sich ein genialer Gedanke. Herzl hat Moses Hess mehrmals seinen Vorläufer und Inspirator genannt. Zugleich war dieser deutsche Jude der Vordenker jener seltsamen Verquickung aus Zionismus und Marxismus, die charakteristisch werden sollte für die frühe Siedlerbewegung in Israel, für viele Chaluzim (Pioniere) der Kibbuz-Bewegung, eine Identifikation des zionistischen Impetus mit dem alten Traum von der Befreiung des Menschen aus dem Joch weltlicher Unterdrückung, eine utopisch-kommunistische, zugleich jedoch, wie wir wissen, jüdisch-messianische Idee.

Hess’ Buch Rom und Jerusalem ist ausgerichtet auf die marxistischen Antipoden „Fortschritt“ und „Reaktion“. In diesem Sinn sieht er Kirche und Judentum als ein „antagonistisches Widerspruchspaar“ der Geschichte, das Judentum als progressive Kraft, die Kirche als Vertreterin eines reaktionären Gestern. Schon im Vorwort erklärt Hess das antikirchliche Grundmotiv seines Buches: „Seitdem Innozenz III. den teuflischen Plan fasste, die Juden [...] moralisch zu vernichten durch den Zwang, den er ihnen auferlegen ließ, einen Schandfleck auf ihre Kleider zu heften1, bis zu dem frechen Raube eines jüdischen Kindes2 aus dem Hause seiner Eltern unter der Regierung des Kardinals Antonelli, war das päpstliche Rom für die Juden eine unversiegbare Giftquelle, mit deren Trockenlegung auch unsere christlichgermanischen Judenfeinde aufs Trockene geraten und aus Mangel an Nahrung aussterben werden [...]. Auch Jerusalems verwaiste Kinder werden Teil nehmen dürfen an der großen Völker-Palingenesis, an der Auferstehung aus dem totenähnlichen Winterschlaf des Mittelalters.“

Kardinal Giacomo Antonelli, Staatssekretär Pius’ IX., war im Jahre 1858 verantwortlich für die Entführung des damals 6-jährigen Edgardo Mortara aus seinem jüdischen Elternhaus in Bologna, seiner Verbringung nach Rom und Ausbildung zum christlichen Geistlichen. Mortara ist allerdings – das muss man gerechterweise hinzufügen – für den Rest seines Lebens Christ und Priester und Mitglied des Augustinerordens geblieben. 1912 sprach er sich sogar für die Seligsprechung Pius’ IX. aus, jenes Papstes, unter dessen Pontifikat er aus seinem Elternhaus entführt worden war. Pius’ IX. zwiespältige Haltung zum Judentum hat auch später für Kontroversen und Verstimmung zwischen Juden und Christen gesorgt. Zwar ließ dieser Papst 1848 die Tore des jüdischen Gettos am Tiberufer niederreißen, trat aber zur gleichen Zeit mit judenfeindlichen Äußerungen hervor, in denen er, wie der Judaist Ernst Ludwig Ehrlich s. A. feststellte, noch einmal „das ganze Vokabular antijüdischer Verketzerung aus Jahrhunderten“ wiederholte.

Der Fall Mortara verursachte damals großen Aufruhr in Europa, und es scheint, als hätte dieser Fall auch Moses Hess’ negatives Bild von der Kirche besiegelt, ihn in seinem Eindruck einer hoffnungslos kontradiktorischen, feindseligen Situation zwischen Rom und Jerusalem bestärkt, einer unüberwindlichen kirchlichen Judenverachtung. Indem er den Fall Mortara in einem Atemzug mit den antijüdischen Erlassen von Innozenz III. von 1215 erwähnt, entwirft er das Bild einer unbelehrbar judenfeindlichen Haltung der Kirche. Sein Fazit: Rom sei für die Juden „eine unversiegliche Giftquelle“, die den deutschen Judenfeinden erst die Nahrung gibt – Rom also mitverantwortlich für den um diese Zeit sich ausprägenden intensiven deutschen „Antisemitismus“ und das, was später daraus werden sollte.

Hess markiert jedoch in seinem Buch eine deutliche Unterscheidung zwischen Kirche und Christentum. Während er keine Hoffnung sieht für eine Annäherung zwischen Kirche und Juden, sondern den Niedergang der Kirche für die unerlässliche Bedingung einer Palingenesis des Judentums hält, bewertet er den Bruch zwischen dem Christentum selbst und der jüdischen Ursprungslehre als nicht irreparabel. Ausführlich widmet er sich, den Ausführungen des deutsch-jüdischen Historikers Heinrich Graetz folgend, der immer bestehenden Nähe zwischen dem Schriftgelehrten Jesus und dem jüdischen Volk. Im Christentum sieht er den Ausdruck der jüdischen Apokalyptik und Messias-Sehnsucht, die um diese Zeit in Judäa, vermutlich auch in der jüdischen Diaspora, wahrscheinlich die populärste religiöse Strömung war. Von daher bleibt das Christentum letztlich innerhalb der jüdischen Vorstellungs- und Gedankenwelt, ist eine christlich-jüdische Annäherung jederzeit denkbar, für Moses Hess allerdings erst nach dem erlösenden Wegfall der reaktionären Institution Kirche.

Die Juden im Imperium Romanum

Eine differenziertere Interpretation der Beziehung Rom-Jerusalem entwirft Abraham Berliner in seiner Geschichte der Juden in Rom von der ältesten Zeit bis zur Gegenwart (1893). Berliner, Professor für Geschichte an Hildesheimers berühmtem Rabbinerseminar3, sieht in den Juden potentielle, zuzeiten auch reale Partner Roms. Unter Verwendung der Quellen aus Ludwig Friedländers zwischen 1861 und 1909 entstandenem, vierbändigen, bis heute unverzichtbaren Werk „Darstellungen aus der Sittengeschichte Roms in der Zeit von Augustus bis zum Ausgang der Antonine“ (besonders das Kapitel Die religiösen Zustände, Bd. 3), zeichnet auch Berliner die antiken Juden als eine im Römischen Reich hoch geachtete, weitgehend privilegierte Bevölkerungsgruppe. Die Juden waren das erste antike Volk, mit dem Rom – schon unter den Makkabäern, dann, seit der Schlacht bei Pharsalus, durch Julius Cäsar und seine kaiserlichen Erben – einen Beistandspakt, eine Art Alliiertenverhältnis eingegangen ist. Starke jüdische Gemeinden gab es überall im Imperium. Manche Stadt, sogar in der Diaspora – etwa Alexandria –, war zeitweise von ihnen dominiert. In Rom selbst bestehen jüdische Gemeinden seit etwa 160 vor unserer Zeit, länger als sonst irgendwo in Europa.

Seit Ciceros berühmter Rede pro Flacco (59 v. Chr.) wissen wir, dass die Juden im Imperium Romanum besondere Rechte genossen, z. B. den Erlass der sonst allen Bürgern auferlegten Steuer an den Tempel des Jupiter Capitolinus, die stattdessen an den jüdischen Tempel nach Jerusalem übersandt werden durfte. Die Juden, so Cicero, seien „an Menge und Macht“ in der Hauptstadt des Imperiums überaus einflussreich geworden. Seneca und Juvenal erwähnen das Privileg der Juden, den Schabbat zu feiern, ein in der römischen Sklavenhaltergesellschaft enormes Vorrecht wegen des daraus erwachsenden wirtschaftlichen Verlustes, den etwa Seneca – ein früher Judengegner – anmahnte. Andere konziliante Regelungen, goldene Weihegeschenke an den Jerusalemer Tempel und freundschaftliche Gesten der Cäsaren überliefern die Historiografen Sueton, Tacitus, Cassius Dio oder Josephus Flavius – allerdings auch Übergriffe und kaiserlichen Judenhass wie im Fall Caligula. Bis in Neros Tage zelebrierten die Priester des Jerusalemer Heiligtums zweimal täglich ein Opfer für die Gesundheit des römischen Kaisers, ein Ritual der Versöhnung, des Reichsfriedens, stellvertretend für alle Völker, an diesem für das spirituelle Leben des Imperiums zentralen Ort. Die Kosten trug die römische Reichskasse.

Die Affinität zwischen römischen Kaisern und den Juden hat viele Historiker beschäftigt. Mommsen prägte in diesem Zusammenhang das später von Antisemiten missbräuchlich zitierte Wort: die Juden wären „auch in der Alten Welt ein wirksames Ferment des Cosmopolitismus und der nationalen Decomposition [gewesen] und insofern ein bevorzugtes Mitglied in dem caesarischen Staate, dessen Politik doch eigentlich nichts als Weltbürgertum [...] war“. Abraham Berliner zitiert den Historiker Ferdinand Rosenthal: „Caesars staatsmännischer Adlerblick entdeckte in den Juden, die netzartig über einen großen Teil des Römischen Reiches zerstreut und doch miteinander zusammenhängend lebten, und so durch den in ihnen geweckten Handelsgeist die thatsächlichen Vermittler zwischen Orient und Occident wurden, die geeigneten Mitarbeiter an seinem großen Plane, der Schöpfung eines großen römischen Reichskörpers.“

Dennoch sollten die Juden auch das Volk sein, das mit Rom am heftigsten kollidierte, immer wieder in kleineren Aufständen und deren blutiger Niederschlagung, sodann im Judäischen Krieg, der im Jahr 70 zur Zerstörung des Tempels und der Stadt Jerusalem führte, dann nochmals unter Hadrian. Manche Historiker sehen in der Aufsässigkeit der Juden gegen Rom ein Paradigma des Widerstands der unterdrückten Völker gegen die Ausbeutung durch das Imperium schlechthin. In diesem Sinne versteht der 1946 in Haifa verstorbene deutsch-jüdische Autor Josef Kastein (Julius Katzenstein) in seiner 1936 veröffentlichten, damals viel gelesenen Geschichte der Juden Rom und Jerusalem als Antipoden im alten Menschheitskonflikt zwischen „Macht und Gerechtigkeit“. Das Imperium Romanum ist für Kastein „der Henker der Welt“, und die Juden empörten sich, beispielgebend für andere Völker, „gegen die Ungeistigkeit und Brutalität Roms bis zum Paroxysmus“. Militärische Strafaktionen und endloses Leiden hätten sie lieber in Kauf genommen als die Selbstverachtung, die der Preis willfähriger Kollaboration gewesen sei.

Der Historiker Graetz erinnert in diesem Zusammenhang an die mehrmals im Babylonischen Talmud ergangene Aufforderung der Rabbiner: „Zähle dich zu den Unterdrückten, nicht zu den Unterdrückern [...], tue alles aus der Liebe zu Gott und erfreue dich der Leiden.“

Juden in Rom 

Kaiser Heinrich VII. empfängt eine jüdische Delegation vor den Toren Roms. Miniatur aus dem Codex Balduinensis.*

Aus: Nahum T. Gidal, Die Juden in Deutschland.

Zum „Judenhut“ vgl. Anm. 1, S. 267 i. d. H.

*Balduin v. Luxemburg (1285–1354), 1307 zum Erzbischof von Trier gewählt, hat 1308 die Wahl seines älteren Bruders Heinrich VII. zum dt. König bewirkt und ihn nach Rom begleitet (LThK, dtv Lexikon).

Dabei stellt es wiederum einen singulären Fall in der Geschichte des Imperiums dar, dass die Juden alle römischen Versuche, sie zu unterjochen und zu versklaven, als Entität, als Volk unbeschadet überstanden. Josef Kastein zitiert Mommsens Wort: „Wenn die Legionen Jerusalem zerstören konnten, das Judentum selbst konnten sie nicht zerstören“, das seinerseits nur Abwandlung der bekannten, in ihrer Aussage noch weitergehenden, Seneca zugeschriebenen Bemerkung ist, die der Kirchenvater Augustinus überliefert: victi victoribus leges dederunt, die Besiegten haben den Siegern Gesetze gegeben, womit Seneca den zunehmenden geistigen Einfluss des jüdischchristlichen Monotheismus auf die römische Gesellschaft schon unter Neros Prinzipat gemeint haben soll.

Das wunderbare Überleben des jüdischen Volkes hatte auch eine physische Seite. Während die Populationen anderer von Rom eroberter Länder nicht selten im En-Gros-Sklavenhandel des Imperiums untergingen und als Völker zu bestehen aufhörten, verpflichtete das Mosaische Gesetz die jüdischen Diaspora-Gemeinden, möglichst viele kriegsgefangene Sklaven aus Judäa freizukaufen. Die Gesetzestreue war offenbar groß genug, um eine erhebliche Zahl von Gefangenen trotz der damit verbundenen finanziellen Opfer zu retten. Auch Moses Hess beobachtet in Rom und Jerusalem, die Juden wären das „einzige antike Volk, welches noch in seiner ungeschwächten Kraft und Integrität existiert“.4

Juden in der Stadt der Päpste

Neben der Spannung, die das Begriffspaar „Rom und Jerusalem“ seit antiken Zeiten in sich trägt, sind zwei weitere Phänomene genauerer Betrachtung wert, über die nur die Stadt am Tiber Auskunft geben kann: erstens die in ihrer Art einzigartige Judengemeinde dieser Stadt – ununterbrochen aktiv seit dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert bis heute –, zweitens die Frage, wieweit sich im christlichen Rom, in der Welthauptstadt der katholischen Kirche, die Wurzeln des Christlichen im Jüdischen immer noch aufspüren lassen.

In Rom, am Sitz der Päpste, haben sich Juden- und Christentum weniger abgestoßen als sonst irgendwo, auch weniger bekämpft. „Zwischen den römischen Juden und der Stadt besteht eine immerwährende Identifikation“, schreibt der jüdische Historiker Sandro Servi, „der Sinn für die Zugehörigkeit überwog Enttäuschungen, Frustrationen und Jahrhunderte lange Einbußen, um sich mit der gesamten Bevölkerung in zahllosen Gelegenheiten der gemeinsamen Freude oder des gemeinsamen Schmerzes Ausdruck zu verschaffen [...]. ‚Gute’ Päpste, ‚schlechte’ Päpste folgten unvorhersehbar aufeinander: in einem Augenblick konnten die Juden den Kopf heben, im nächsten mussten sie sich von neuem erniedrigen und um ihr Recht bitten, ein würdiges Leben zu führen [...]. Nichtsdestotrotz war die Stadt über Jahrhunderte (rund 2200 Jahre – Ch. N.) von spürbarem jüdischem Leben erfüllt. Man hatte seine besondere Sprache, giudaico-romanesco, bewahrte die antiken Riten (die römischen Juden, weder aschkenasisch noch sephardisch, haben bis heute einen eigenen Ritus – Ch. N.), es blühten Philosophie, Astronomie und Medizin, man verfasste hebräische Poesie und fundamentale Kommentare zu Bibel und Talmud.“ Berühmte jüdische Gelehrte und Poeten haben in Rom gelebt oder sich zeitweise hier aufgehalten: der Gelehrte und Übersetzer Nathan ben Jechiel, der Poet Emmanuele Romano, Ibn Ezra, Jehuda Halevi, die Philosophen Kalonymus und Maimonides.

Das Verhältnis der einzelnen Päpste zu den Juden war verschieden, manchmal feindselig, aber keineswegs immer. Einen Tiefpunkt bot sicher Innozenz IV. mit der Bulle Impia judeorum perfidia von 1244, in der er die Verbrennung des Talmud verlangte. Ein anderer Papst, Sixtus V., setzte sie 1586 außer Kraft, indem er ausdrücklich erlaubte, den Talmud zu drucken. In meinem in Rom geschriebenen Buch Taube und Stern. Roma Hebraica (1994) schrieb ich über die immer wieder wechselnde Attitüde des Heiligen Stuhls: „Im Wesentlichen war zwischen dem 13. und 19. Jahrhundert die Lage der römischen Juden von der Persönlichkeit und Gesinnung des jeweils herrschenden Papstes abhängig, daher sehr verschieden, manchmal mit jähen Brüchen zwischen Unterdrückung und Toleranz [...].

An den immer wieder aufkommenden Antijudaismus in der Stadt der Päpste erinnert bis heute die kleine Kirche San Gregorio a Quattro Capi am Lungotevere Pierleoni. Von Zeit zu Zeit, erstmals nach dem Vierten Laterankonzil, mussten sich die Juden hier Bekehrungspredigten anhören [...]. Doch nicht selten standen die römischen Juden unter päpstlicher Protektion. Martin V., ein Römer aus der alten Familie Colonna, erließ nicht weniger als fünf Bullen zu ihrem Schutz. Den Juden gewogen waren auch Pius II. Piccolomini, die Medici-Päpste, besonders Clemens VII., und andere im Lauf der Jahrhunderte. Sixtus V. machte sich 1587 durch die Bulle Christiana Pietas zu ihrem erklärten Freund.“

Entsprechend war auch die Zahl der römischen Juden schwankend. Der reisende Rabbiner Benjamin von Tudela fand im 12. Jahrhundert, kurz vor dem Vierten Laterankonzil mit den judenfeindlichen Bestimmungen Innozenz’ III., nur noch zweihundert jüdische Männer vor, aber sogar unter diesen noch „einflussreiche Personen, selbst am päpstlichen Hof“. Spätestens Inquisition und Judenverfolgung in Spanien ließen die Zahl wieder ansteigen, Rom war ein bevorzugtes Exil. Für das 16. Jahrhundert schätzt sie der Historiker Christopher Hibbert auf Zehn- bis Zwölftausend, das entspräche etwa einem Fünftel der damaligen Gesamtbevölkerung Roms, eine erstaunlich hohe Zahl. „Die Juden erfuhren in Rom“, konstatiert auch der deutsche Autor Ferdinand Gregorovius (1821–1891), „eine menschlichere Behandlung als das anderswo geschehen ist.“ Die Ursache sieht er in der tiefen Religiosität der Stadt. Man hätte hier die jüdische Minderheit zu fast allen Zeiten „als ein monumentales Symbol geduldet, welches die alttestamentliche Wurzel des Christentums darstellte“.

Über Jahrhunderte bestand der römisch-jüdische Brauch, dem neugewählten Papst an der Engelsbrücke eine Tora-Rolle zu überreichen, als Geste der Erinnerung an die unverbrüchliche Gemeinsamkeit zwischen Juden und Christen, die das „Alte Testament“ verkörpert, das zu allen Zeiten Bestandteil auch der christlichen Bibel geblieben ist. Der neue Papst antwortete der Sitte gemäß in einer kurzen Rede an die Juden, ein paar Worte des Dankes, manchmal mit der Ermahnung, endlich den rechten Glauben anzunehmen, gelegentlich mit einer „Verdammung“ der jüdischen Auslegung, je nach Neigung, und die jüdische Gemeinde wusste dann ungefähr, was sie unter dem kommenden Pontifikat zu erwarten hatte. Üblich war die Formel Confirmamus sed non consentimus, die als neutral und hinhaltend galt, heute jedoch unser Erstaunen darüber hervorruft, warum ein Papst als Christ die Mosaischen Bücher nur „bestätigen“, ihnen aber „nicht zustimmen“ wollte.

Insgesamt bietet das Studium der jüdischen Gemeinde Roms ein faszinierendes Bild des Überdauerns. Mir ging es wie manchem, der sich vordem in diese Materie vertieft hatte, wie es etwa Leo Baeck im Geleitwort zur Neuauflage (Berlin 1935) des Essays von Ferdinand Gregorovius Der (sic) Ghetto und die Juden in Rom (1853) beschreibt: „Ihn fesselte der ununterbrochene Fortbestand einer Gemeinde von Juden neben den Ruinen der Pracht ihrer einstigen Bezwinger; zumal in der Nachbarschaft des Getto zum Triumphbogen des Eroberers von Jerusalem Titus und zu anderen Stätten der Erinnerung an die alte Katastrophe der Juden schien sich ihm ein Geheimnis der Geschichte symbolhaft darzubieten.“

Neue Heimat in Jerusalem – neue Achtung in Rom

Welches Geheimnis der Geschichte? Baeck schrieb diese Zeilen 1935. Er konnte nicht wissen, was wir heute vor Augen haben: dass die „Katastrophe der Juden“ nun erst ihren unvorstellbaren Tiefpunkt erreichen, aber wenige Jahre später durch Rückkehr des lange verachteten, versprengten Volkes, durch die Rückgewinnung des im Jahre 70 gefallenen Jerusalem wieder aufgehoben werden sollte – ein in der Tat geheimnisvoller, mit menschlichem Wirken kaum zu erklärender, historisch einzigartiger Vorgang. Baeck beobachtet zutreffend, dass die ständige Anwesenheit der antiken Ruinen, darunter des Titus-Bogens und der Trümmer des Amphitheaters der Flavier, eine besondere Rolle für die Juden Roms suggeriert, etwas wie ein Wächteramt, eine Kustodie im Angesicht der Mahnmale der jüdischen Katastrophe, wie eine lange Nachtwache, beginnend mit dem Fall Jerusalems und der Heimatlosigkeit des jüdischen Volkes bis zu dem Tag, an dem diese Heimatlosigkeit ein Ende findet.

Auffallend an Gregorovius’ „Ghetto“-Essay ist sein verfehltes Bild von der Lage der römischen Juden bis zum Jahre 70. In falschem Rückschluss aus der im 19. Jahrhundert verbreiteten Verachtung des heimatlosen, zerstreuten Volkes vermutete er, dass dies zu allen Zeiten die Attitüde der Welt gegenüber den Juden gewesen sein müsse. Folglich ging er auch für das Römische Imperium, die Epoche der julisch-claudischen Cäsaren, davon aus. Wie wir an Hand zahlreicher Quellen gesehen haben und wie spätere Papyrus- Funde beweisen [etwa die 1920 gefundene Abschrift eines Briefes von Kaiser Claudius aus dem Jahre 41, die Rechte der Juden im Imperium betreffend, von der allerdings Gregorovius nicht wissen konnte], war die Situation der Juden im Imperium bis zum Jahre 70 eine ganz andere, eine gesicherte und bevorzugte, während sie sich danach rasch verschlechterte. Die noch von Claudius respektvoll Behandelten, erneut ihrer „Privilegien“ Versicherten [so wörtlich im erwähnten Claudius-Brief], finden wir unter dem letzten Flavier Kaiser, Domitian, bereits zunehmender Verachtung ausgesetzt. Auf der Synode von Elvira 306 wurde Christen sowohl die Ehe mit Juden als auch die Speisegemeinschaft mit ihnen verboten. Der Codex Justinianus, 533/534 in Kraft gesetzt, enthält bereits – unter ausdrücklicher Berufung auf frühere christliche Kaiser – eine Reihe weitgehender Einschränkungen der Rechte der Juden.

Dieser jähe Wechsel war für uns die entscheidende Erkenntnis aus der Geschichte der Juden Roms und des Imperiums. Wenn die Behandlung der Juden mit dem Verlust der Stadt Jerusalem und ihres Landes eine so spürbare Veränderung erfahren hatte, ließ sich dann nicht vermuten, dass sich mit einer Aufhebung dieser Situation, mit der Rückgewinnung Jerusalems und des Landes, wiederum eine grundsätzliche Veränderung vollziehen würde – diesmal zum Besseren? Ließ sich nicht annehmen, dass Achtung und Respekt vor dem jüdischen Volk in dem Maße wieder erstehen würden, in dem sie einst degradiert waren? Musste dieser Vorgang nicht auch die Christen betreffen, das christlich-jüdische Verhältnis?

Zunächst betraf dieser Wechsel meine Frau und mich persönlich. Wir beschlossen in Rom, was wir vorher nur erwogen hatten: nach Israel zu gehen. Das war, in wenigen Worten, die Bilanz unserer römischen Jahre: Die Stadt der Päpste ermutigte uns, ins Judentum zurückzukehren, ins alte Heimatland der Juden. Da es uns auf die Weise gelang, die spannungsvolle Beziehung Rom-Jerusalem in einem positiven Sinn zu lösen, konnten wir Rom innerlich verbunden bleiben. Auch allen Fragen, die uns das ungeklärte Verhältnis Rom-Jerusalem aufgegeben hatte. Die Neu-Gründung des Staates Israel veränderte diese Konstellation grundlegend. Musste es nicht auch Katholiken geben, denen die Notwendigkeit einer Korrektur zu Bewusstsein gelangte und die dafür eintreten würden – notfalls gegen Widerstand in ihrer Kirche selbst? Es gab sie, wie sich zeigen sollte, und es gab sie in allen Etagen der kirchlichen Hierarchie.

Mit der Rückkehr des jüdischen Volkes nach Israel entfiel auch der fundamentale Auslöser des christlichen Antijudaismus durch die Jahrhunderte, der in der Annahme einer „Verwerfung“ des jüdischen Volkes bestanden hatte. Mit der Rückkehr ins Land der Väter wurde die Unwahrheit dieses Stereotyps offenbar. Vor den Augen der Völker bewahrheitete sich das Wort aus 3 Moses 26,44 von Israels Niemals-Vergessen-Werden durch seinen Gott, von der ewigen Gültigkeit des alten Bundes, auch durch Zeiten der Verstreuung und scheinbaren Verlassenheit: „Und dennoch! Auch wenn sie im Land ihrer Feinde sind, werde ich sie nicht verwerfen, nicht verabscheuen, dass ich sie auflöse, dass ich meinen Bund mit ihnen breche, denn ich bin der Ewige, ihr Gott. Ich werde des Bundes mit ihren Vorfahren gedenken, die ich vor den Augen der Völker aus Ägypten geführt habe, um ihr Gott zu sein – ich bin der Ewige.“

Die Wahrheit des Alten Bundes wurde von der katholischen Kirche anerkannt und 1965 in der Konzilserklärung Nostra aetate fixiert, später auch im Katechismus der Kirche, in der entscheidenden, jedem christlichen Judenhass die Grundlage entziehenden Feststellung: „Die Juden sind weder von Gott Verworfene noch als solche darzustellen, als ergäbe sich dies aus der Heiligen Schrift.“ Noch weiter gehend, erklärte einer der Vordenker der neuen Beziehung zwischen Christen und Juden, der deutsche Kardinal Joseph Ratzinger, 1994 in einem Interview in Jerusalem: „Das Volk Israel hat immer und ganz zu Recht seine Überzeugung bewahrt, das ‚erwählte Volk’ zu sein. Denn es war unser Einziger Gott, der diese Wahl getroffen hat, im Kontext eines universalen Plans, wie wir im Alten Testament gesehen haben.“

Der neue Katechismus der katholischen Kirche erschien 1992, im selben Jahr als meine Frau und ich nach Rom kamen. Was wir damals nicht wussten: wir waren nicht allein in unserer Suche nach einem Ausweg, sondern Teil einer großen Bewegung des Umdenkens und gegenseitigen Verstehens, die Juden und Christen erfasst hat. Dieser Vorgang ist trotz möglicher Rückschläge nicht mehr aufzuhalten, er kommt aus der Tiefe, von beiden Seiten.

Wir alle, Juden oder Christen, wollen und können nicht mehr mit dem Zerwürfnis leben. Einmal, weil sich gezeigt hat, wie sehr es uns schadet. Zum anderen, weil es in der heutigen Welt, angesichts der Herausforderungen, vor denen wir gemeinsam stehen, nur noch gemeinsam geht. Rom und Jerusalem sollen nicht Antipoden sein, sondern Partner in einem gemeinsamen Anliegen. „Juden und Christen sollten für die Welt zu einer Kraft des Friedens werden“, erklärte Kardinal Ratzinger, der heutige Papst, 1994 bei einem Besuch in Jerusalem, „durch ihr Zeugnis von dem einen Gott, der nicht anders als durch die Einheit von Gottes- und Nächstenliebe angebetet werden will.“


* Chaim Noll, deutsch-israelischer Schriftsteller, 1954 in Ost-Berlin geboren, Studium der Mathematik in Berlin und Jena, Kunststudium und Kunstgeschichte an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee, Verweigerung des Wehrdienstes in der DDR, 1984 nach West- Berlin, 1989–1992 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin, 1992–1995 in Rom, seit 1995 in Israel.

  1. Canon 68 des 4. Laterankonzils (1215) verordnete u. a. allen Nichtchristen (Juden und Sarazenen) das Tragen unterschiedlicher Kleidung bzw. eines Kennzeichens. Die Durchführung (Judenhut, gelber oder roter Kreis oder gelber Fleck usw.) wurde in den verschiedenen europäischen Ländern unterschiedlich gehandhabt (vgl. Encyclopaedia Judaica, Lateran Councils III, IV, vol. 10,1445 f.; Badge, Jewish, vol. 4,62–70).
  2. Vgl. FrRu 7(2000)315 und FrRu 8(2001)30 ff.
  3. Vgl. Mordechai Elias/Esriel Hildesheimer, Das Berliner Rabbinerseminar, in FrRu 16(2009)219 f.
    Balduin v. Luxemburg (1285–1354), 1307 zum Erzbischof von Trier gewählt, hat 1308 die Wahl seines älteren Bruders Heinrich VII. zum dt. König bewirkt und ihn nach Rom begleitet (LThK, dtv Lexikon).
  4. Dieser in der Geschichte einzigartige Vorgang, der die segensreiche, lebensrettende Wirkung der mosaischen Gesetze illustriert, ist ausführlich dargestellt in meinem Roman "Der Kitharaspieler" (Berlin 2008).

Chaim Noll, deutsch-israelischer Schriftsteller, 1954 in Ost-Berlin geboren, Studium der Mathematik in Berlin und Jena, Kunststudium und Kunstgeschichte an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee, Verweigerung des Wehrdienstes in der DDR, 1984 nach West- Berlin, 1989–1992 wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin, 1992–1995 in Rom, seit 1995 in Israel.


Jahrgang 16 / 2009 Heft 4 Seite 265−276.


top