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Gabriela Shalev

Erinnerung an die Schoa ist uns Auftrag und Pflicht

Wir haben uns heute hier versammelt, um der Opfer des Holocaust zu gedenken –, derer, die um ihr Leben kämpften, die umkamen und die überlebten. Der Lauf der Zeit entfernt uns immer weiter von den Schrecken des Holocaust, und so gehen wir bereits einer Zeit entgegen, in der die lebendige Erinnerung an das Warschauer Getto, an Babi Jar und Treblinka nur noch Geschichte sein wird.

Ein am heutigen Tag geborenes Kind wird keinem Holocaust-Überlebenden mehr persönlich begegnen, es wird keine Erzählung aus erster Hand hören, weder über die unzähligen Tragödien noch über die zahllosen Wunder, die sich in jenen dunkelsten Stunden der Menschheitsgeschichte zugetragen haben. Damit wird es immer schwieriger, unserer aus der Schoa übernommenen Pflicht nachzukommen: die Erinnerung weiterzugeben, Zeugnis abzulegen und auf die Erziehung einzuwirken.

Doch die Verpflichtung bleibt, nicht nur gegenüber der Vergangenheit, vielmehr noch gegenüber den zukünftigen Generationen. Als lebende Überreste der Holocaust-Opfer müssen wir ihre Geschichten erzählen – Geschichte für Geschichte. Es ist das Mindeste, was wir für sie und so viele andere, deren Geschichten nie erzählt worden sind, tun können.

Mein Großvater Siegfried Mannheim war ein erfolgreicher Rechtsanwalt in Berlin und Autor einer Rechtskolumne in einer der größten Zeitungen Berlins. Wie er waren auch seine beiden Söhne – mein Onkel Kurt, ein junger Richter, und mein Vater Bernhard, ein Medizinstudent – Deutsche und Juden, stolz sowohl auf ihr Land als auch auf ihr kulturelles Erbe. 1933 wurden ihre Träume zerschlagen, ihre Welt brach zusammen. Der Aufstieg Hitlers bedeutete, dass meinem Großvater verboten wurde, als Anwalt zu praktizieren. Aus seinem Beruf verjagt, flüchtete er mit seiner Familie aus seinem Heimatland Deutschland nach Palästina/Eretz Israel, damals unter britischem Mandat.

Die Familie ließ all ihr Hab und Gut zurück, um einen Neuanfang zu machen, auf welche Weise auch immer. Der Richter wurde zum Bauern, der Medizinstudent zum Koch. Sie waren alles andere als glücklich. Aber wir wissen, was für ein Glück sie gehabt haben. Andere aus meiner Familie – meine Großeltern mütterlicherseits – flohen nicht. Mein Großvater Shimon Peterseil war Rabbiner in Kiel, einer Stadt in Norddeutschland. Aufgrund seines Alters vermochte er Deutschland nicht zu verlassen – er war 70. Aber meine Großmutter Hadas hatte die Weitsicht, alle ihre Kinder zum Aufbau von Eretz Israel zu schicken, während sie mit ihrem Ehemann zurückblieb.

Viele Jahre wussten wir nicht, was mit ihnen geschehen war. Nach dem Krieg suchte meine Familie unablässig nach jedem Stück Information über meine Großeltern. Ich erinnere mich, wie ich als Kind auf den Stufen unseres Hauses in Tel Aviv gesessen und auf die Ankunft meiner Großeltern gewartet habe. Ich habe sie nie gesehen. Sehr viel später erfuhren wir, dass sie nach Theresienstadt und von dort nach Auschwitz deportiert worden waren, – zu ihrem grauenvollen Ende.

60 Jahre später besuchte meine älteste Tochter im Alter von 17 Jahren Auschwitz. Sie reiste von Israel nach dem Ort, wo meine Familie, ihre Familie, gemeinsam mit so vielen Millionen, ermordet worden sind. Sie sah die Hinrichtungsmauer, die Gaskammern und die Krematorien. Sie sah die Räume mit den Stapeln von verknäulten Schuhen, Brillen, Haaren und Koffern. Sie erlebte den Horror und die Qual der Opfer – unsichtbar ihrem Auge, doch sichtbar ihrer Seele. Das Schicksal meiner Familie – wie das Schicksal von Millionen – bleibt eine schmerzliche Erinnerung an den Völkermord, eines Mordens einzig und allein aufgrund dessen, was sie waren: Juden.

Die jüdische Tragödie des Holocaust war einzigartig, beispiellos: „Nicht alle Opfer waren Juden, aber alle Juden waren Opfer“, wie Elie Wiesel einmal sagte. Der Holocaust hat eine weitreichende, universale Bedeutung; er ist uns Auftrag und Verpflichtung!

Es ist unsere Pflicht, keinen Völkermord mehr zuzulassen, nicht am jüdischen
Volk, – an keinem Volk.

Es ist unsere Pflicht, aus dem Holocaust zu lernen und das Gelernte weiterzugeben,
damit es nie wieder passiert.

Es ist unsere Pflicht, nicht zu schweigen. Denn zu schweigen und den Schrecken des Holocaust gegenüber indifferent zu bleiben, ist die größte Sünde von allen, ganz abgesehen der Sünde der Leugnung des Holocaust.

Es ist unsere Pflicht, gegen die Kräfte des Antisemitismus, gegen religiösen Fanatismus und Rassismus in jeglicher Form vorzugehen.

Es ist unsere Pflicht, jene zu verurteilen, die Kinder zum Morden und Töten im Namen Gottes erziehen.

Es ist unsere Pflicht, jedes Mitglied der Vereinten Nationen zu verurteilen, das zur Vernichtung eines anderen Mitgliedstaates aufruft und den Holocaust leugnet.

Wir sind die Letzten
Fragt uns aus.
Wir sind zuständig,
Wir tragen den Zettelkasten
Mit den Steckbriefen vor uns her.
Forschungsinstitute bewerben sich
Um Wäscherechnungen Verschollener.
Museen bewahren die Stichworte unserer Agonie
Wie Reliquien unter Glas auf.
Wir, die wir unsere Zeit vertrödelten
Aus begreiflichen Gründen,
Sind zu Trödlern des Unbegreiflichen geworden.
Unser Schicksal steht unter Denkmalschutz.
Unser bester Kunde ist das schlechte Gewissen der Nachwelt.
Greift zu,
bedient euch.
Wir sind die Letzten.
Fragt uns aus.
Wir sind zuständig.

„Die Letzten“ von Hans Sahl (1973)


* Dr. jur. Gabriela Shalev, 1941 in Tel Aviv geboren, ist seit dem 9. September 2008 ständige Botschafterin des Staates Israel bei den Vereinten Nationen. Newsletter der Botschaft des Staates Israel vom 28.01.2009.


Jahrgang 16 / 2009 Heft 3 S. 190−192.


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