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Gertrud Luckner
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Notizen Jahrgang 15 / 2008 Heft 1

In Berlin wurden zwei neue Synagogen eingeweiht. Am 31. August 2007 wurde die liberale Synagoge in der Rykestraße in Berlin-Prenzlauer Berg wieder eröffnet. Die mit mehr als tausend Plätzen größte Synagoge Deutschlands hat – wenngleich geschändet und beschädigt – als einzige Synagoge im Ostteil Berlins die Pogromnacht und das SED-Regime überlebt. In westlich-abendländischem Stil erbaut ist sie „halb antike Basilika, halb Kaiserpfalz“. Bei der Ersteinweihung (1904) wurde sie als „ein Saal für tausend Männer, tausend Frauen und tausend Lichter“ beschrieben. Am 2. September wurde in einem ehemaligen Umspannwerk aus dem Jahre 1922 in Berlin-Wilmersdorf die neue Synagoge der orthodoxen Chabad-Lubawitscher- Bewegung eingeweiht. Die Außenwände der Synagoge sind der Jerusalemer Klagemauer nachempfunden.

Das NS-Opferarchiv des Roten Kreuzes in Bad Arolsen (vgl. FrRu 13[2006]318) hat 12 Millionen Dokumente an Yad Vashem übergeben. Das Archiv enthält Informationen über ca. 17,5 Millionen Menschen, darunter von den Nationalsozialisten selbst angelegte Listen aus den Konzentrations- und Vernichtungslagern Auschwitz, Buchenwald, Bergen-Belsen, Dachau und Groß-Rosen. Avner Shalev, der Vorsitzende von Yad Vashem, erhofft sich daraus Aufklärung über die Identität hunderttausender ermordeter Juden: „Dem jüdischen Volk fehlen insgesamt etwa drei Millionen Namen von Ermordeten. Ich bin mir sicher, dass wir nun einen Teil davon und sogar weitere Einzelheiten herausfinden können.“

Am 8. März 1951 war in Deutschland das Bundeskriminalamt (BKA) gegründet worden. Von den 48 Gründungsbeamten des BKA waren 33 ehemalige NS-Führungsbeamte. Ende der Fünfzigerjahre hatten die meisten Polizeiangehörigen aus der NS-Zeit in der bundesdeutschen Polizei eine neue Anstellung gefunden und die hohen NS-Führungsbeamten ihre Karrieren fortsetzen können, so Jörg Ziercke, Präsident des BKA.

Im Schloss La Hille in den französischen Pyrenäen, das im Zweiten Weltkrieg jüdische Kinder aus Deutschland und aus den von der Wehrmacht besetzten Gebieten beherbergte, wurde ein Museum eröffnet (Juli 2007). Unter den Ehrengästen befanden sich ehemalige Kinder, die heute in den USA, Israel, Frankreich und auch in der Schweiz leben, sowie Sebastian Steiger, der von 1943–1945 als freiwilliger Lehrer und Betreuer im Heim wirkte (vgl. Sebastian Steiger, Die Kinder von Schloss La Hille, in FrRu 5[1998]134 f.). Steiger steht bis heute mit „seinen Kindern“ aus Schloss La Hille in Kontakt. Das Museum gibt einen Einblick in die Zeit der Verfolgung, aber auch der konkreten Hilfeleistung.

Nach dem französischen Vorbild (vgl. FrRu 13[2006]318 f.) wollen deutsche Bürgerinitiativen mit einem Zug der Erinnerung an die Deportation von über 12 000 jüdischen Kindern erinnern. Der Zug soll im Herbst 2007 auf der Strecke der früheren Deportationen der Reichsbahn verkehren und die deutschen Heimatstädte der verschollenen Kinder ansteuern. Eine mobile Ausstellung, die das Deportationsschicksal in mehreren Waggons darstellt, will insbesondere Jugendliche zur Spurensuche nach örtlichen Lebenszeugnissen der deportierten Kinder anregen.

Der scheidende israelische Botschafter in Berlin, Shimon Stein, sagte in einem Interview mit der Mittelbayerischen Zeitung (30.08.2007): „Die öffentliche Meinung in Deutschland wird zu stark von einer doch sehr unausgewogenen Berichterstattung in den Medien geprägt. So hat sich ein verzerrtes Bild vom Staat Israel ergeben. Das hat sehr wenig mit der Anteilnahme für das Schicksal der Palästinenser zu tun.”

Robert Satloff hat in seinem neuen Buch, „Among the Righteous: Lost Stories from the Holocaust’s Reach into Arab Lands”, den Tunesier Khaled Abdelwahhab als bedeutenden Judenretter vorgestellt. Abdelwahhab hatte auf seinem Bauernhof in Tunesien monatelang 24 Juden vor den deutschen Besatzern versteckt. Satloff hat Khaled Abdelwahhab posthum als „Gerechten unter den Völkern“ vorgeschlagen.

Das Jahr 5768 des hebräischen Kalenders (13. September 2007 bis 29. September 2008) ist ein „Schmitta-Jahr“ – gemäß der Weisung in Lev 25,4: „Aber im siebten Jahr soll das Land eine vollständige Sabbatruhe zur Ehre des Herrn halten: Dein Feld sollst du nicht besäen und deinen Weinberg nicht beschneiden.“ Das erste Schmitta- Jahr im modernen Staat Israel wurde im Jahre 1951 ausgerufen. Über die praktische Anwendung des Gebotes gibt es unter den Religiösen in Israel verschiedene Auslegungen. Nach der etwa hundert Jahre alten Regelung „Heter mechira“ wird z. B. das Eigentumsrecht für Agrarland in einem symbolischen Akt an Nichtjuden übertragen und damit die Nutzung gewährleistet. Diese Interpretation wird inzwischen heftig kritisiert. Seit der Machtübernahme der Hamas ist eine Überbrückung des „Schmitta“-Engpasses durch die Einfuhr von Obst und Gemüse aus der West Bank und Gaza erschwert.

Antisemitismus weltweit

Deutschland: In der Nacht vom 11./12. August 2007 wurden auf dem Friedhof in Ihringen am Kaiserstuhl mehr als 70 der 200 Grabmale umgestürzt. In Frankfurt/ M. wurde in der Nacht vom 7./8. August 2007 Rabbiner Zalman Gurevitch von einem arabisch sprechenden Mann mit einem Messer attackiert und schwer verletzt.

England: Die britische University and College Union (UCU) hat am 30. Mai 2007 mit zwei Drittel Mehrheit für einen Hochschul- Boykott gegen israelische Akademiker gestimmt und damit den wissenschaftlichen Austausch von Hochschulpersonal zwischen beiden Ländern unterbunden. Als Begründung werden politisch motivierte antiisraelische Tendenzen angeführt.

Australien: In Melbourne attackierten zwei Männern den Jeschiwastudenten Alon Tal. Im Jahre 2006 waren in Australien 440 antisemitische Zwischenfälle verzeichnet worden.

Israel: In Israel kommt es jährlich zu rund 500 antisemitischen Übergriffen. Die Täter sind meist eingewanderte Russen. In Petah Tikwa wurden acht russische Neonazis festgenommen. 2006 hatten sie in Petah Tikwa zwei Synagogen entweiht. In einem Vorort von Tel Aviv wurde Rabbiner Abraham Lewin von judenfeindlichen Skinheads zusammengeschlagen.



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