Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Inhalt Neue Folge > Notizen > 1076  

Home
Leseproben

Inhalt Neue Folge
Beiträge
Berichte
Bücherschau
Dokumente
Geburtstage-ad multos annos
In memoriam
Notizen
Personenregister
Verzeichnisse Einzelnummern
Archiv Neue Folge

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version

Notizen Jahrgang 14 / 2007 Heft 4

Mit einem Festakt in Anwesenheit von Bundespräsident Horst Köhler und Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ am 11. Juni 2007 offiziell die Auszahlungen an NSZwangsarbeiter beendet. Insgesamt wurden mehr als 4,37 Milliarden Euro an 1,66 Millionen ehemalige Zwangsarbeiter und ihre Angehörigen in über 100 Ländern ausgezahlt. Bei den von Wirtschaft und Staat zur Verfügung gestellten Beträgen handelte es sich nicht um eine finanzielle Wiedergutmachung. Im Laufe der Erhebung der Gelder sahen sich zahlreiche Firmen gezwungen, sich mit ihrer eigenen NS-Verstrickung auseinanderzusetzen. Zukünftig will die Stiftung internationale Projekte zur Erinnerung an die NS-Zeit und zur Förderung der Demokratie unterstützen.

Der israelische Historiker Saul Friedländer erhält am 14. 10. 2007 im Rahmen der Frankfurter Buchmesse in Frankfurt/M. den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels des Jahres 2007. In der Begründung heißt es: „Saul Friedländer hat den zu Asche verbrannten Menschen Klage und Schrei gestattet, Gedächtnis und Namen geschenkt. Er hat den Ermordeten die ihnen geraubte Würde zurückgegeben, deren Anerkennung die Grundlage des Friedens unter den Menschen ist.“ Saul Friedländer, 1932 in Prag geboren, überlebte die Schoa in Frankreich. 1948 wanderte er nach Israel aus. Seit 1976 ist er Professor für moderne europäische Geschichte an der Universität Tel Aviv und seit 1987 auch an der University of California in Los Angeles. Als Opus Magnum Friedländers gilt das zweibändige Werk „Das Dritte Reich und die Juden“. 

Yad Vashem hat dem em. ev. (früher kath.) Moraltheologen Stephan Pfürtner den Ehrentitel „Gerechter unter den Völkern“ verliehen. Pfürtner hatte als junger Sanitätssoldat zusammen mit seiner Familie drei jüdischen Frauen aus dem in der Nähe seiner Heimatstadt gelegenen Konzentrationslager Stutthof zur Flucht verholfen. Aufgezeichnet hat Pfürtner seine Erinnerungen in „Nicht ohne Hoffnung, erlebte Geschichte 1922–1945“ (Kohlhammer, 2001). Im Zusammenhang mit dem „Lübecker Christenprozeß“ (1943), bei dem die drei katholischen Priester Hermann Lange, Eduard Müller und Johannes Prassek sowie der evangelische Pastor Karl F. Stellbrink vom NS-Regime zum Tode verurteilt und hingerichtet wurden, war auch Pfürtner ins Visier der Gestapo geraten, aber wieder freigekommen. Ein Spitzel hatte eine regimekritische Aussage Pfürtners gemeldet.

Der Bürgermeister von Madrid, Alberto Ruiz-Gallardón, enthüllte am 15. April 2007 in Madrid ein Monument in Erinnerung an die Opfer des Holocaust. Die von dem Künstler Samuel Nahon und dem Architekten Alberto Stisin aus Eisenbahnschienen konstruierte Skulptur stellt den Stern Davids dar und soll an das Grauen der Todeszüge, in denen die Gefangenen in die Nazi-Konzentrationslager transportiert wurden, erinnern. Das Mahnmal steht im Garten der Drei Kulturen im Park Juan Carlos I.

Die Jüdische National- und Universitätsbibliothek der Hebräischen Universität Jerusalem hat den Nürnberger Machsor zur Ansicht im Internet freigegeben (http:// jnul. huji.ac.il/dl/mss-pr/mahzor-nuremberg/). Der Machsor, ein Gebetbuch aus dem Mittelalter, ist eines der bedeutendsten bibliographischen Schmuckstücke des Israelmuseums. Das illustrierte Manuskript wiegt 23 Kilogramm und enthält 1042 Seiten, von denen jede 50 auf 37 Zentimeter groß ist. Der Machsor enthält Gebete und Piyutim (liturgische Gedichte) nach aschkenasischer Tradition für das ganze Jahr, die fünf Megillot (biblische Rollen), die Haftarot (Kapitel aus den Propheten, die nach der Tora am Schabbat und an Feiertagen gelesen werden) und – an den Seitenrändern vermerkt – eine große Anzahl von Kommentaren zu den Piyutim und Gebeten. Das Manuskript, 1331 in Deutschland für Yehoshua Ben Yitzhak erstellt, war seit der Vertreibung der Juden aus Nürnberg im Jahre 1499 bis 1951 in der Nürnberger Stadtbücherei verwahrt gewesen.

Seit mehr als 70 Jahren amtiert in der jüdischen Gemeinde in der Oranienburger Straße in Berlin Mitte erstmals wieder eine Frau: Rabbinerin Gesa S. Ederberg. Damit tritt sie die Nachfolge der weltweit ersten Rabbinerin an, der großen Berliner Religionslehrerin und Rabbinerin Regina Jonas (*1902 in Berlin, 1944 ermordet in Auschwitz). Regina Jonas, 1935 als erste deutsche Rabbinerin ordiniert, war mit der programmatischen Frage, „Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?“, bekannt geworden. Nachdem Rabbinerin Bea Wyler nach zehn Jahren in Oldenburg in die Schweiz gezogen ist und die aus Berlin stammende Rabbinerin Elisa Klapheck in Amsterdam amtiert, ist Gesa S. Ederberg die einzige Rabbinerin Deutschlands. Ederberg ist in einem evangelischen Elternhaus aufgewachsen. Sie studierte in Tübingen erst Physik, dann evangelische Theologie und Judaistik. Nach ihrer Konversion zum Judentum setzte sie ihre Studien am konservativen Schechter-Institut in Jerusalem fort und erhielt 2002 die Ordination.

Bei Ausgrabungen am Herodion, ca. 12 Kilometer südlich von Jerusalem, hat Ehud Netzer von der Hebräischen Universität Jerusalem das Grab von König Herodes entdeckt. Netzer, einer der weltweit führenden Herodes- Forscher, hat bereits seit 1972 archäologische Grabungen am Herodion durchgeführt, um die Grabstätte des Königs zu lokalisieren. Das Herodion, ein befestigter Palast, wurde im Jahre 71 n. Chr. von den Römern zerstört. Die ersten archäologischen Ausgrabungen wurden zwischen 1956 und 1962 von dem Franziskaner Vigilio Corbo durchgeführt. Nach dem Sechs-Tage-Krieg begannen ab 1972 die ersten israelischen Grabungsarbeiten.

Das Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch- jüdische Studien (MMZ) wurde am 10. Mai 2007 von Bundespräsident Horst Köhler für sein Projekt „Bibliothek verbrannter Bücher“ als „Ort im Land der Ideen“ ausgezeichnet. Ziel des Projekts „Bibliothek verbrannter Bücher“ ist es, über 300 Werke der von den Nationalsozialisten verfemten und verbotenen Autoren neu aufzulegen und, versehen mit einem wissenschaftlichen und didaktischen Begleitprogramm, an zirka 3000 Oberschulen und Gymnasien in Deutschland aufzustellen.

Zu den nach 1933 verfemten und verbotenen Autoren gehört auch der Schriftsteller, Arzt und Psychoanalytiker Hans Keilson (*1909 Bad Freienwalde). Sein 1933 veröffentlichter Roman „Das Leben geht weiter“ wurde von den Nationalsozialisten verboten. Ihm wurde von Julius H. Schoeps, Direktor des MMZ, die Moses-Mendelssohn-Medaille verliehen mit der Begründung: „Hans Keilson hat sich über seine Leistungen als Schriftsteller und Wissenschaftler hinaus vor allem durch sein Engagement für die vielen durch den Holocaust traumatisierten jüdischen Waisenkinder große Verdienste erworben.“ 1936 ging Keilson ins Exil in die Niederlande, wo er nach der deutschen Okkupation 1940 als Untergrundkämpfer den Holocaust überlebte.

Am 25. Juni 2007 wurde in Warschau der Grundstein für ein Museum zur Geschichte der polnischen Juden gelegt. An der Feier nahmen der Staatspräsident von Polen, Lech Kaczyinsky, und Altbundespräsident Richard von Weizsäcker teil. Das Museum wird mitten im einstigen jüdischen Warschau ent- stehen, direkt gegenüber dem Denkmal an den Warschauer Gettoaufstand. Das Museum soll kein Holocaust-Museum werden, sondern ein Ort des Lebens, des Lernens, des Dialogs und der Wiederentdeckung von mehr als 700 Jahren jüdischen Lebens in Polen.

Im Jahre 2004 hatten zahlreiche deutsche Zeitungen aus einer dpa-Meldung die Formulierung „das polnische Lager Sobibor“ übernommen. Die Formulierung hat in Polen als „Verdrehung der Tatsachen“ zu heftiger Kritik geführt. Sobibor und Auschwitz liegen zwar in Polen, wurden aber von den Deutschen errichtet. Um den Ausdruck „polnische Lager“ künftig zu unterbinden, hat das UNESO-Welterbekomitee folgende offizielle Bezeichnung für Auschwitz festgelegt: „Auschwitz-Birkenau, Deutsches Nazi- Konzentrations- und Vernichtungslager (1940–1945)“.



top