Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Inhalt Neue Folge > Notizen > 1063  

Home
Leseproben

Inhalt Neue Folge
Beiträge
Berichte
Bücherschau
Dokumente
Geburtstage-ad multos annos
In memoriam
Notizen
Personenregister
Verzeichnisse Einzelnummern
Archiv Neue Folge

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version

Notizen Jahrgang 12 / 2005 Heft 3

Zum ersten Mal seit ihrer Gründung trat am 24. Januar 2005 die Vollversammlung der Vereinten Nationen (UN) zu einer Sondersitzung im Gedenken an die Schoa zusammen. Es war auch das erste Mal, daß eine Sondersitzung auf Anregung des Staates Israel erfolgte. Von insgesamt 191 Mitgliedstaaten hatten 135 auf die Anfrage des UN-Generalsekretärs ihre Unterstützung zugesagt, darunter auch islamische Staaten und Staaten, die keine diplomatischen Beziehungen mit Israel unterhalten, wie etwa Pakistan, Bangladesch, Jemen, Oman, Bahrain, V.A.E. und Saudi-Arabien. Die Sondersitzung begann mit einer Schweigeminute, gefolgt von einer Ansprache von Generalsekretär Kofi Annan und von Vertretern verschiedener Staaten. Der israelische Außenminister Silvan Shalom bezeichnete die Verleugnung der Schoa schlimmer als die Schoa selbst: „Gibt es etwas Schlimmeres, als Juden in den Tod zu schicken, ihnen ihre Würde zu nehmen, ihnen ihre Zähne und ihr Kopfhaar zu rauben, sie zu Zahlen zu machen, sie in den Brennöfen von Treblinka und Dachau zu vergasen und einzuäschern? Die Antwort ist: Ja, all diese schrecklichen Dinge zu leugnen. [...] Für sechs Millionen Juden wurde der Staat Israel zu spät gegründet. Für sie und für viele andere sind die Vereinten Nationen zu spät entstanden. Aber es ist nicht zu spät, um unsere Verpflichtung gegenüber den Zielen, für welche die UN eingerichtet wurden, zu erneuern. Als Außenminister Israels stehe ich hier und schwöre, im Namen jener, die umgekommen sind, im Namen der Überlebenden und im Namen des gesamten jüdischen Volkes: Nie wieder!“

Am 60. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz (27. Januar 2005) wurde europaweit der Opfer des Holocaust gedacht. An der zentralen Gedenkveranstaltung in Auschwitz- Birkenau nahmen Staats- und Regierungschefs aus dreißig Ländern teil, darunter auch der israelische Staatspräsident Mosche Katzav, Präsident Wladimir Putin und Bundespräsident Horst Köhler. In London empfing Königin Elizabeth II. rund 300 Überlebende des Holocausts sowie britische Kriegsveteranen im Londoner St. James’-Palast. In Prag wurde in der Pinkas-Synagoge eine Gedenktafel mit den Namen von 120 Landsleuten enthüllt, die während des Zweiten Weltkriegs Juden geholfen hatten. Bei der Gedenkveranstaltung in Thessaloniki bezeichnete Rabbiner David Saltiel den Holocaust als „größtes Verbrechen in der Geschichte der Menschheit“. Die meisten der mehr als 65 000 ermordeten griechischen Juden kamen aus Saloniki, das einst ein Zentrum jüdischer Kultur war. In Rom hat sich Victor Emmanuel, der Enkel des italienischen Königs Victor Emmanuel III., zur moralischen und politischen Verantwortung der Königsfamilie bei der Verabschiedung der Gesetze im Faschismus bekannt. Sein Großvater hatte 1938 die Rassengesetze unterzeichnet, die die Verfolgung italienischer Juden ermöglichten. 1943 deportierten deutsche Truppen 7000 Juden. Fast 6000 wurden getötet. Die jüdische Gemeinde von Paris weihte am 24. Januar 2005 eine „Mauer der Namen“ ein in Erinnerung an die 76 000 aus Frankreich deportierten Juden, von denen die meisten in Auschwitz-Birkenau ermordet wurden. Nur 2500 überlebten den Holocaust. „Das sind die Namen von Eltern, Großeltern, unseren Kindern, Brüdern und Schwestern, von allen, die wir liebten, die unter abscheulichen Bedingungen ermordet wurden“, so Simone Veil, eine Überlebende des Holocaust. Der Gedenkstein steht am Eingang der Gedenkstätte, die am 26. Januar 2005 von Staatspräsident Jacques Chirac eröffnet wurde.

Die diesjährigen Preisträger des „German Jewish History Award“ der Obermayer Foundation (USA) sind Gunter Demnig, Wolfram Kastner, Robert Krais, Heinrich Nuhn und Ilse Vogel. Die Verleihung fand am 27. Januar 2005, dem Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus, mit einem Festakt im Abgeordnetenhaus von Berlin statt. Gunter Demnig, Köln, hat seit zwölf Jahren in 70 deutschen Städten knapp 5000 „Stolpersteine“ zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus verlegt (vgl. FrRu 12[2005]151-154). „Mit den Steinen bringen wir die Namen der Opfer und die Erinnerung an deren Schicksal dorthin, wo diese Menschen ihre Heimat hatten.“ Wolfram Kastner, München, kämpft mit gezielten Provokationen gegen das Vergessen, wie z. B. dem Legen von Brandspuren auf öffentlichen Grünflächen in Erinnerung an die Bücherverbrennungen von 1933, „damit kein Gras über die Geschichte wächst“. Für Robert Krais, Ettenheim (Oberrhein), war das Attentat auf elf israelische Sportler bei der Olympiade in München (1972) das prägende Schlüsselerlebnis. Er war damals Betreuer im israelischen Jugendlager. Seither setzt er sich aktiv für die Verständigung zwischen Israel und Deutschland ein. Heinrich Nuhn, Rotenburg/Fulda, gründete an seiner Schule die AG-Spurensuche (www.ag-spurensuche.de) und stieß im Laufe der Erforschung der jüdischen Vergangenheit der Stadt auch auf verschwiegene Naziverbrechen. Ilse Vogel, Üchtelhausen, erforschte die Geschichte der Juden in ihrem Heimatort Diespeck, lernte Hebräisch, um die Grabinschriften des jüdischen Friedhofs zu erforschen und zu dokumentieren.

Prof. Dr. Peter von der Osten-Sacken und das Institut Kirche und Judentum wurden mit der Buber-Rosenzweig-Medaille ausgezeichnet. Die Verleihung fand anläßlich der zentralen Eröffnungsfeier der Woche der Brüderlichkeit am 6. März 2005 in Erfurt statt. Der evangelische Theologe Peter von der Osten-Sacken, Leiter des Instituts Kirche und Judentum, ist Professor für Neues Testament und christlich-jüdische Studien an der Berliner Humboldt-Universität. Er ist Herausgeber von zahlreichen Veröffentlichungen zum NT und zum christlich-jüdischen Verhältnis. Das Institut Kirche und Judentum, 1960 an der Kirchlichen Hochschule Berlin (West) als Werk der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg gegründet, stellt ein bedeutsames Zeichen der Abkehr von theologischer und kirchlicher Judenfeindschaft dar. Mit der christlich-jüdischen Sommeruniversität bietet das Institut Kirche und Judentum Gelegenheit, sich einem Thema gleichzeitig aus christlicher und jüdischer Perspektive zu nähern, Unterschiede innerhalb der jeweiligen Sichtweise wahrzunehmen und mit namhaften jüdischen Dozenten und Dozentinnen aus dem Ausland zu arbeiten.

Nach den Brandanschlägen in Lugano in der Nacht vom 13./14. März 2005 veröffentlichte die nationale Delegiertenversammlung der Christlich-Jüdischen Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz am 16. März 2005 folgende Erklärung: „Mit Bestürzung, Wut und Trauer hat die Christlich-Jüdische Arbeitsgemeinschaft in der Schweiz von den antisemitischen Brandanschlägen auf die Synagoge und ein jüdisches Geschäftshaus in Lugano erfahren. Wir drücken unsere tiefe und persönliche Anteilnahme aus für alle, die ihr Gebets- und Lehrhaus und ihren geschäftlichen Besitz verloren haben, für alle, die persönlichen Schaden und einen gewaltsamen Angriff auf ihre Privatsphäre erlitten haben. Das Recht von Schweizer Juden und Jüdinnen, in Würde und Frieden in unserem Land zu leben, ist auf feige und kriminelle Weise angegriffen und verletzt worden. Wir rufen alle Bürgerinnen und Bürger unseres Landes auf, ihre Solidarität mit Schweizer Juden und Jüdinnen auszudrücken. Wir sehen im Brennen einer Synagoge in unserem Land einen Tabubruch krimineller Energie, der in schockierender Weise an Gewalttaten der Nazis und ihrer Helfer während der Schoa anknüpft. Wir verurteilen jede Beschönigung und jede Andeutung von Verständnis antisemitischer Gedanken, Worte und krimineller Taten. Mit Erschrecken nehmen wir zur Kenntnis, daß unser Land in einer kulturellen Atmosphäre lebt, die einen Brandanschlag auf eine Synagoge zuläßt. [...].“

„Adenauers und Ben Gurions Beitrag zu Frieden und Verständigung – Lehren für die Zukunft“ war das Thema einer Internationalen Konferenz in Jerusalem im Rückblick auf 40 Jahre deutsch-israelische Beziehungen (14.-16. März 2005). Veranstaltet wurde die Konferenz von der Konrad-Adenauer-Stiftung mit dem Ben Gurion Research Institute, Mishkenot Shaánanim und der Israelisch-Deutschen Gesellschaft mit dem Ziel, die Beziehungen beider Staaten kritisch zu hinterfragen und Perspektiven für die Zukunft zu entwickeln. Die Konferenz umfaßte zwei historische Daten: Am 14. März 1960 trafen sich Konrad Adenauer und David Ben Gurion zum ersten Mal (in New York). Dieses Treffen war von größter Bedeutung auf dem Weg zu offiziellen Beziehungen. Am 16. März 1965 beschloß das israelische Parlament die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zu Deutschland. Zeitzeugen, Diplomaten und Wissenschaftler erörterten gemeinsam Geschichte, Gegenwart und Zukunft der deutsch-israelischen Beziehungen.

Die Rabbinerstudenten des Abraham Geiger Kollegs (Universität Potsdam) verbrachten die Woche der Brüderlichkeit (6. bis 13. März 2005) im Vatikan. Zusammen mit dem Kanonistischen Institut Potsdam und Studenten des Kirchenrechtes sollten sie die Arbeitsweise der Kurie kennenlernen. Den Präfekten der verschiedenen Kongregationen, u. a. den Kardinälen Walter Kasper und Joseph Ratzinger, überreichten sie Stolen, die aus demselben Stoff angefertigt wurden wie ihre Gebetsschals. Mit den Stolen sollte im 40. Jahr nach Nostra aetate ein Zeichen der Verbundenheit gesetzt werden. Sie entstanden in dem vom Abraham Geiger Kolleg und dem Päpstlichen Missionswerk der Frauen in Deutschland gemeinsam durchgeführten Paramentenprojekt, mit dem Maya-Indianerinnen unterstützt werden, deren Männer im Bürgerkrieg verfolgt und in einem gezielten Ethnozid ermordet wurden.



top