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Gertrud Luckner
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Notizen Jahrgang 11 / 2004 Heft 4

Der ehemalige sephardische Oberrabbiner von Israel, Eliahu Bakschi Doron, fordert die Abschaffung des Monopols des Rabbinats auf Eheschließungen. Sein Nachfolger, der amtierende Oberrabbiner Jona Metzger, nannte den Vorschlag Dorons eine Gefahr, die zur „Zerstörung des jüdischen Volkes führen würde“. Rabbiner Doron begründete seine Forderung mit dem Hinweis, Israels Ehe- und Scheidungsgesetzgebung sei veraltet und nicht mehr relevant. Im Ausland – vorwiegend in Cypern – geschlossene nichtreligiöse Trauungen würden schließlich auch in Israel anerkannt. „Wir sollten nicht Ehen von Paaren zwangsheiligen, denen nicht daran liegt und die die Bedeutung einer religiösen Hochzeit nicht begreifen.“

Unter der Adresse www.jüdische-presse.de ist das größte deutsch-jüdische Archiv verfügbar. Im „Archiv der Jüdischen Presse“ können zahlreiche deutschjüdische Zeitungen im Original-Layout eingesehen werden. Rund 300 000 historische Seiten sind abrufbar. Bis 2006 sollen es mehr als eine halbe Million Seiten sein.

Margarete Sommer (1893-1965) ist von der Gedenkstätte Yad Vashem posthum mit dem Titel „Gerechte unter den Völkern“ geehrt worden. Als Geschäftsführerin des Hilfswerkes beim Bischöflichen Ordinariat Berlin für NS-Verfolgte verhalf die Pädagogin und Volkswirtin Sommer von 1939 bis 1945 „nichtarischen Katholiken“ zur Ausreise, so lange dies noch möglich war. Sie betreute untergetauchte Juden, organisierte Hilfslieferungen in die Konzentrationslager und informierte den damaligen Berliner Bischof, Konrad Graf von Preysing, sowie den Vatikan über die Vorgänge in den Konzentrationslagern. Margarete Sommer stand auch in engem Kontakt mit Gertrud Luckner bezüglich der Hilfsmaßnahmen für die Verfolgten. Nach Angaben der Erzdiözese Berlin sind etwa 120 Menschen, die vom Hilfswerk betreut wurden, namentlich bekannt. In der Herz-Jesu-Kirche am Prenzlauer Berg erinnert eine Dauerausstellung an ihr Wirken.

Der evangelische Theologe Martin Stöhr (71) ist für seine Bemühungen um den christlich-jüdischen Dialog mit dem Hermann-Maas-Preis ausgezeichnet worden. Landesbischof Ulrich Fischer betonte, Stöhr habe mit seiner theologischen Arbeit im Deutschen Koordinierungsrat der Gesellschaften für christlich- jüdische Zusammenarbeit wichtige Wegmarken gesetzt. Die Auszeichnung wird künftig alle zwei Jahre verliehen. Sie ist benannt nach dem Gengenbacher Pfarrer Hermann Maas (1877-1970), der als Pfarrer in Heidelberg zwischen 1933 und 1945 zahlreichen Juden zum Helfer und Retter wurde.

Am 70. Todestag von Pfarrer Hermann Umfrid (1892-1934; vgl. FrRu 10[2003]176-180) veranstaltete die Gemeinde Niederstetten eine beeindruckende Gedenkveranstaltung. Das entscheidende Datum im Leben von Pfarrer Umfrid war der 25. März 1933, als die Nationalsozialisten über die Juden des Ortes herfielen. Sein Eintreten für sie führte dazu, daß er von der Partei verfolgt und von der Kirchenleitung ins Abseits gedrängt wurde. In seiner Verzweiflung fügte er sich selbst am 20. Januar 1934 eine Wunde zu, an der er einen Tag später im Bürgerhospital Stuttgart starb. Prälat Paul Dietrich, Heilbronn, betonte in seiner Gedenkrede nicht nur den mutigen Einsatz von Pfarrer Umfrid. Er benannte auch das Vergehen der Gemeinde und der Kirchenleitung: „Dieser tapfere Mensch, der von sehr vielen Christen und besonders von den Männern der Kirchenleitung im Stich gelassen wurde, erinnert uns an die Schuld der Kirche und daran, daß sie allein aus der Vergebung ihrer Sünden leben kann, nie und nimmer aus irgendwelcher Selbstrechtfertigung.“ Der Heimatdichter Gottlob Haag verfaßte für den Anlaß das Gedicht „In Memoriam Hermann Umfrid“:

[...] Doch, wenn du / deine Stimme ermannst / sich zu erheben / gegen Macht und Gewalt / stehst du allein, / verkehren sich Liebe / und Achtung derer, / die hinter dir stehen / in Angst und Mißtrauen, / buckeln und kriechen / ihre Reden vor der Macht / auf dem Bauch, / tuscheln die Gerüchte / hinter der vorgehaltenen Hand / und zeugen wider dich. / [...] Man wird sich distanzieren, / wird sich um deinetwillen / schämen und versuchen, / deinen Namen totzuschweigen.

Die Hebräische Universität Jerusalem hat Archimandrit Emil Schufani aus Nazaret für seine Bemühungen um eine Verständigung zwischen Juden und Arabern mit der Ehrendoktorwürde ausgezeichnet. Emil Schufani hatte – trotz heftiger Widerstände aus seinem Umfeld – im Mai 2003 erstmals eine Gruppe Araber und Juden gemeinsam nach Auschwitz geführt (vgl. FrRu 10[2003]213-215). Damit wollte er gegen die Holocaustverleugnung in der palästinensischen Gesellschaft ankämpfen. Seit mehr als 15 Jahren organisiert Archimandrit Schufani ein Bildungsprogramm für jüdische und arabische Schüler und Lehrer aus Nazaret und Jerusalem. In Berlin und Israel veranstaltete er ein Seminar für jüdische, arabische und deutsche Schüler. Für sein Wirken erhielt Dr. Schufani den Friedenspreis der UNESCO. Zu den weiteren Persönlichkeiten, die in diesem Jahr die Ehrendoktorwürde erhalten, gehören der israelische Künstler Micha Ullmann, der britische Schriftsteller Sir Martin Gilbert, der Mitentdecker des HI-Virus Prof. Robert Gallo, die amerikanische Schriftstellerin Prof. Sandra Gilbert, der amerikanische Rechtsgelehrte Prof. Guido Calabresi und der französische Neurologe Prof. Jean-Pierre Changeux.

Die Universität Tel Aviv gründete in Zusammenarbeit mit der Konrad-Adenauer-Stiftung Jerusalem ein neues Konrad-Adenauer-Programm für jüdisch- arabische Zusammenarbeit. Ziel des Zentrums, das Anfang 2004 seine Arbeit aufnahm, ist die Verbesserung des Zusammenlebens und der Zusammenarbeit von jüdischen und arabischen Mitbürgern in Israel. Das Programm verschafft Studenten, Forschern und Regierungsabteilungen Zugang zu einer der größten Sammlungen von Referenzmaterial über die arabische Gesellschaft in Israel. Bei der Eröffnungsfeier wies Israels Präsident Moshe Katsav darauf hin, daß die Gleichberechtigung zwischen beiden Völkern von größter Bedeutung sei, die Unterschiede nach wie vor jedoch viel zu groß seien. Er machte darauf aufmerksam, daß die Wahrung der Menschenrechte und der Grundrechte an oberster Stelle stünden, und eine Verbesserung der Situation im arabischen Sektor so schnell wie möglich herbeigeführt werden müsse. Zugleich bat er aber auch die arabische Bevölkerung, mehr Initiative zu zeigen, dazu aufzurufen, mit den Selbstmordattentaten aufzuhören und dabei zu helfen, mit gemeinsamen Gesprächen eine gemeinsame Vertrauensbasis zu erlangen.

Am 6. Juni 2004 starb in Berlin die Historikerin Marianne Awerbuch (1917-2004). In Berlin geboren und aufgewachsen, war sie eine der letzten Repräsentantinnen des einstigen deutschen Judentums. Ihre Eltern wurden in Auschwitz ermordet. Sie selbst kehrte 1966 von Israel nach Deutschland zurück. Awerbuch zählt zu den Gründern des Instituts für Judaistik in Berlin. Als der Bau des Jüdischen Museums in Berlin zur Diskussion stand, lehnte sie diesen ab mit der Begründung, „die Juden in Deutschland waren Deutsche“, und „es gibt ja auch kein katholisches Museum“. Als bedeutender Beitrag zum Thema Judentum – Christentum erschien 1980 ihr Buch Christlich-jüdische Begegnung im Zeitalter der Frühscholastik.

Bei Redaktionsschluß erreichte uns die Nachricht vom Tod von Rabbiner Albert H. Friedlander (London) am 8. Juli 2004. Wir bringen eine Memoria in Heft 1/2005.



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