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Gertrud Luckner
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Notizen Jahrgang 10/2003 Heft 2

Der israelische Staatspräsident Moshe Katsav nahm am 8. Dezember 2002 an der feierlichen Eröffnung der neuen Synagoge in Wuppertal teil. Im Rahmen seines dreitägigen Aufenthaltes in Deutschland besuchte er am nächsten Tag mit Bundespräsident Johannes Rau, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland Paul Spiegel und dem Brandenburgischen Ministerpräsidenten Matthias Platzek die Mahn- und Gedenkstätte des ehemaligen Konzentrationslagers Sachsenhausen bei Oranienburg. Zwischen 1936 und 1945 waren dort mehr als 200 000 Menschen inhaftiert. Nach einem Rundgang verneigte sich der Staatspräsident symbolisch vor den Toten der Gaskammern mit den Worten: „Wenn man den jüdischen Gefangenen, die im Konzentrationslager Sachsenhausen ermordet wurden, ja allen Opfern der Schoa, erzählen könnte, daß der Präsident des souveränen, modernen, jüdisch-demokratischen Staates Israel sich an diesem Ort zur Erinnerung an sie verneigt hat, hätten sie darin vielleicht ein wenig Trost gefunden.“ (Zum Treffen von Präsident Katsav mit Papst Johannes Paul II. vgl. S. 81 i. d. H.)

Seit 15. Februar 2003 sind bisher unveröffentlichte Dokumente im Geheimarchiv des Vatikans Wissenschaftlern uneingeschränkt zugänglich. Es handelt sich dabei um Dokumente von 1922 bis 1939 mit Bezug auf Bayern und Deutschland sowie um die Geheimarchive der Apostolischen Nuntiatur in Bayern und Berlin von 1922 bis 1930. Die Dokumente aus der Zeit von 1931 bis 1934, seien bei Bombenangriffen 1945 und dem Brand der Apostolischen Nuntiatur fast vollständig zerstört worden. Ebenfalls zugänglich gemacht wurden jene Dokumente aus den Geheimarchiven der Glaubenskongregation, die sich auf den Nationalsozialismus und die Verurteilung des Rassismus beziehen. Mit der Öffnung der Dokumente soll vor allem eine objektive Beurteilung von Eugenio Pacelli als Apostolischer Nuntius in Deutschland (1917–1929) und als Papst Pius XII. (1939–1958) ermöglicht werden.

Neue Funde aus der Zeit des Bar Kochba Aufstandes wurden Mitte November 2002 in einer Höhle des Naturschutzgebietes bei En Gedi gemacht. Dazu gehören u. a. zwei   Papyri, elf seltene Münzen, ein Dutzend Pfeile und Reste gewebter Stoffe. Laut Dr. Amos Frumkin von der Hebräischen Universität Jerusalem, der zusammen mit Prof. Hanan Eschel, Bar-Ilan Universität, die Grabung leitete, sind die Texte mit der Unterschrift Schimon der bedeutendste Teil der Funde. Über den von Schimon Bar Kochba angeführten Aufstand (132–135 n. Chr.) liegen bislang nur spärliche Informationen vor. Ein Teil der Münzen trägt die hebräische Inschrift Schimon, Fürst Israels. Der Archäologe Dr. Zvika Zok hofft, daß die Entdeckung auch wichtige Details zur Geschichte der 1300 Jahre andauernden jüdischen Siedlung in En Gedi (7. Jh. v. Chr. bis 6. Jh. n. Chr.) vermitteln könnte.

Beim ökumenischen Bußgottesdienst zum 64. Jahrestag des NS-Pogroms in Wien sagte der Wiener Weihbischof Helmut Krätzl: „[...] Es verbrannten damals nicht nur Gebäude aus Stein, sondern die Würde so vieler Menschen wurde eingeäschert. Die Würde vieler Juden, [...] denen man das äußere Zeichen ihres Gottesglaubens brutal zerstörte [...] In dieser Nacht zerstörten so viele ihre eigene Würde: die Täter, die Mittäter, die, obwohl sie einschreiten hätten können, es nicht getan haben. In dieser Nacht wurde das Abbild Gottes selbst entstellt, das doch der Mensch ist [...] Laßt uns aus der Erinnerung hellwach werden für alle Gefahren in unseren Tagen. Die Glut des Antisemitismus ist längst nicht erloschen, sie glüht gefährlich weiter. Solange nicht die letzten Glutnester ausgetreten sind, droht neuer Brand zu entstehen. Laßt uns Brandwache halten im Gebet, in unseren Kirchen, aber auch im politischen Engagement.“

Ebenfalls am 9. November 2002 wurde in der zentralen Synagoge in Wien ein Denkmal für die rund 65 000 ermordeten österreichischen Juden eingeweiht: schwarze Schiefertafeln mit 62400 Namen. Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg nannte das Mahnmal eine „symbolische Grabstätte“ für die von den Nationalsozialisten ermordeten österreichischen Juden.

Die Universität Paderborn will mit einem neuen Projekt die „Spuren von jüdischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern aus Westfalen sichern“, die seit dem18. Jh. in diesem Kulturraum gelebt und geschrieben haben. Dortmund gilt als älteste jüdische Gemeinde in Westfalen (seit dem Jahr 1200). In der Zeit des Nationalsozialismus sind fast alle Juden Westfalens, die nicht ausgewandert und geflohen waren, ermordet worden. Angestrebt wird eine fundierte Bestandsaufnahme der jüdischen Literaturgeschichte. Bis Januar 2002 wurden 276 Namen vermerkt.

Dem Bemühen unseres Lesers Franz Kemmerer, Walldorf, ist es zu verdanken, daß in der neuen ADAC Elsaß-Ausflugskarte F66 der Eintrag KZ Natzweiler-Struthof erscheint (vgl. S. 119 i. d. Heft). Das KZ Natzweiler-Struthof (50 km südlich von Straßburg) war das einzige auf französischem Boden und speziell für den Abbau der Granitvorkommen um Natzweiler errichtet worden. Die ersten Häftlinge (300 Deutsche) trafen im Mai 1941 ein. Da sich die Erschließungsarbeiten für den Granitabbau sehr schwierig gestalteten, wurden die Häftlinge ab 1943 vorwiegend in der Rüstungsindustrie eingesetzt. Mindestens 130 meist jüdische Häftlinge aus Auschwitz wurden im Gasraum ermordet, um für die Universität Straßburg eine „Skelettsammlung“ anzulegen. Die meisten der nach 1944 eingelieferten französischen Widerstandskämpfer wurden sofort ermordet. 1989 wurde an der Mauer des Krematoriums Natzweiler-Struthof eine Gedenktafel für die dort ermordeten Juden angebracht.



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