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Gertrud Luckner
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Notizen Jahrgang 10 / 2003 Heft 1

Die diesjährige Tagung der British Association for Jewish Studies an der Universität Southampton (15. bis 17. Juli 2002) stand unter dem Thema Christian-Jewish Relations. Es sprachen u. a. Jim Aitken (Reading) über das Judenbild bei antiken Schriftstellern, David Noy (Wales/Lampeter) über Juden und Christen in der spätantiken Stadt Apamea (Phrygien), Aleida Paulice (Cambridge) über kulturelle Beziehungen zwischen kretischen Juden und christlichen Schriftstellern in Italien zur Zeit der Renaissance und Georges Wilkes (Cambridge) über das Zweite Vatikanische Konzil und die Juden. Die Geschichte des christlich-jüdischen Gesprächs in Deutschland thematisierten Hannah-Villette Dalby (Southampton), die über Gesprächskreise der EKD in den sechziger Jahren berichtete, und Elias H. Füllenbach OP (ehemals Oxford), der erste Ergebnisse seiner Arbeit über Gertrud Luckner und die Gründung des Freiburger Rundbriefs vorstellte. In Southampton befindet sich u. a. eine von James Parkes (1896-1981) zusammengetragene Bibliothek über christlich-jüdische Themen (mit inzwischen über 20 000 Büchern und 500 Manuskripten) und ein nach ihm benanntes Centre for the Study of Jewish / non-Jewish Relations.

Jüdisches Terroropfer schenkt einem palästinensischen Mädchen das Leben. Am 19. Sept. 2002 fielen in Tel Aviv sechs Personen einem Selbstmordanschlag der Hamas zum Opfer. Fünf waren sofort tot. Der aus Glasgow stammende Talmudstudent Jonathan Jesner (19) starb einen Tag später. Die Familie gab seine Organe zur Transplantation frei. Eine seiner Nieren erhielt Yasmin Abu Ramila, ein siebenjähriges moslemisches Mädchen aus Silwan in Ost-Jerusalem. Yasmin befand sich bereits seit zwei Jahren auf der Transplantationsliste des israelischen Gesundheitsministeriums. In der israelischen Tageszeitung Maariv wurde die Mutter von Yasmin mit den Worten zitiert, daß sie mit den Eltern des ermordeten Jonathan trauert und ihnen dankt für die Spende, die das Leben ihrer Tochter rettete. Ari Jesner, der Bruder des Opfers, sagte gegenüber der Jerusalem Post: „Die Familie ist stolz, daß Jonathan das Leben anderer erhalten konnte. Das Wichtigste ist, daß ein Teil seines Lebens einem anderen Menschen gegeben werden konnte, unabhängig von Religion und Nationalität.“

Auf Einladung der 2001 gegründeten lettischen Organisation für christlich-jüdische Zusammenarbeit tagte der Internationale Rat der Christen und Juden (ICCJ) in Riga, Lettland (26. bis 30. Mai 2002). Es war die erste Konferenz des ICCJ im Baltikum. Die Konferenz stand unter dem Thema Treue zur eigenen Tradition in der Gegenwart des Anderen – Perspektiven des christlich- jüdischen Dialogs in den baltischen Staaten im Lichte ihrer jeweiligen Geschichte. Den Eröffnungsvortrag in der Universität von Riga hielt die lettische Staatspräsidentin Prof. Dr. Vaira Vike-Freiberga zum Thema Visionen interreligiöser und interkultureller Begegnungen für das Neue Europa. Eine Ausstellung führte durch die Geschichte der Juden in Lettland von den Anfängen bis heute. Ebenfalls auf dem Programm standen Besuche der Gedenkstätte in Bikernieki, des ehemaligen jüdischen Gettos, wie auch christlicher Kirchen und der einzigen aktiven Synagoge. Die Abschlußveranstaltung fand im wiedereröffneten Gemeindezentrum der Rigaer Jüdischen Gemeinde statt. Rabbiner Prof. David Rosen sprach zum Thema Treue zur Tradition – Friedensbemühungen im Nahen Osten. Rosen wurde am 30. Mai 2002 als Präsident des ICCJ abgelöst von Prof. Dr. John T. Pawlikowski.

Am 26. Aug. 2002 verstarb in Stockholm der schwedische Diplomat Per Anger im Alter von 89 Jahren. Anger war 1942 in Budapest als Sekretär von Raoul Wallenberg an der Rettung von Tausenden von Juden beteiligt (vgl. FrRu 8[2001]78). Bereits 1983 war ihm der Titel „Gerechter unter den Völkern“ verliehen worden.

In Istanbul verstarb am 20. Sept. 2002 der türkische Diplomat und Lebensretter Necdet Kent im Alter von 91 Jahren. Als Diplomat in Marseille (1941 bis 1944) rettete Necdet Kent viele türkische Juden, die sich e gültige Papiere in Frankreich befanden, vor der Deportation und den Gaskammern, indem er ihnen türkische Pässe ausstellte. Als trotzdem einmal 70 türkische Juden in einem Zug für Auschwitz festgehalten wurden, fuhr er selbst im Zug mit, bis die Wachen wieder alle freiließen. 2001 wurden die Diplomaten Necdet Kent, Namik Kamal Yolga und Sehattin Ulkumen vom türkischen Staat und vom Staat Israel für ihren Einsatz geehrt.

1981 stellten Mitglieder der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) Mittel für einen Fonds bereit, der insbesondere der Bekämpfung des Antisemitismus dienen sollte. Aus der „Blechmusik“ (von blechen = zahlen), wie die Gruppe sich nannte, ist die „Stiftung gegen Rassismus und Antisemitismus“ (GRA) geworden. In der Broschüre zum 25jährigen Jubiläum faßt Sigi Feigel, Präsident der Stiftung, die Aufgabe von GRA zusammen: „Das Programm der GRA ist ein umfassendes, das bei Schule und Lehrern beginnt und vor den Erwachsenen nicht halt macht. Der fälschlicherweise Antisemitismus genannte Judenhaß trifft zwar direkt die Juden, aber er ist das Problem der Mehrheit. Die Mehrheit ist es, die zur Erkenntnis gebracht werden muß, daß diejenigen, welche eine Minderheit [...] ausgrenzen oder diskriminieren, auch ihr eigenes Leben in einer freiheitlichen Grundordnung in Frage stellen.“

Die Fernsehschauspielerin Iris Berben wurde am 3. Sept. 2002 als erste Künstlerin mit dem Leo-Baeck-Preis des Zentralrates der Juden in Deutschland ausgezeichnet. Iris Berben setzt sich seit Jahren für die Aussöhnung von Juden und Nichtjuden und von Israelis und Deutschen ein. Als Teil ihres Kampfes gegen Antisemitismus und Rechtsextremismus las sie in die- sem Jahr in vielen Städten Deutschlands aus dem Tagebuch von Anne Frank und aus den Schriften des NS-Propagandaministers Joseph Goebbels.

An der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf wird ab dem Wintersemester 2002/2003 ein neues Institut für Jüdische Studien seine Arbeit aufnehmen. Hamburg und Köln haben wieder eine jüdische Grundschule. Sechzig Jahre nach ihrer Schließung wurde die Talmud-Tora-Schule in Hamburg am 20. Aug. 2002 wiedereröffnet. Sie knüpft damit an die einhundertdreißig Jahre alte Tradition jüdischer Schulen in Hamburg an. Träger der Schule ist die Jüdische Gemeinde Hamburg. Die Schule will auch nichtjüdische Schüler aufnehmen. Etwa 7800 Hamburger Juden sind während der NS-Zeit ums Leben gekommen. Ihr letzter Rabbiner, Joseph Carlebach, wurde 1942 deportiert und umgebracht. Die Lauder-Morijah-Grundschule in Köln wurde offiziell am 3. Juli 2002 gegründet und ist seit Sept. 2002 in Betrieb. Beide Neugründungen wurden finanziell durch die Ronald S. Lauder Foundation ermöglicht.

Der ungarische Schriftsteller und Holocaustüberlebende Imre Kertész erhielt am 10. Oktober 2002 den Nobelpreis für Literatur. Als „entscheidend“ wertete die Schwedische Akademie in Stockholm sein Buch Roman eines Schicksalslosen (ungarische Erstveröffentlichung 1975), „ein literarisch kunstreiches Werk“ (Eva Auf der Maur in FrRu 4[1997]288 f.). Einige Tage zuvor war Kertész in Berlin mit dem Hans-Sahl-Preis ausgezeichnet worden. Zu den weiteren bedeutenden Werken des Schriftstellers zählen Fiasko (1988), Kaddisch für ein nicht geborenes Kind (1992), und die Erinnerungsbücher Galeerentagebuch (1992) und Ich – ein anderer (1997).

Regina Jonas, die erste Rabbinerin der Welt, wäre am 3. August 2002 100 Jahre alt geworden. Als Halbwaise im Berliner Scheunenviertel aufgewachsen, studierte Regina Jonas von 1924-1930 an der Berliner Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. 1935 wurde sie von Rabbiner Max Dienemann aus Offenburg zur Rabbinerin ordiniert. Eine Anstellung blieb ihr vorerst verwehrt. Erst ab 1938 ersetzte sie ausgewanderte oder deportierte Rabbiner. Am 12. Okt. 1944 wurde sie mit ihrer Mutter nach Auschwitz abgeführt und kurz darauf ermordet.

Das „forum christlicher gedenkarbeit“ der Abteilung Jugendpastoral der Erzdiözese Freiburg hat ein neues Projekt initiiert. Jugendliche sind eingeladen, sich mit der Geschichte der jüdischen Bevölkerung in Baden auseinanderzusetzen. Nach Abschluß der Dokumentation werden zwei identische Memorialsteine gestaltet. Ein Stein bleibt vor Ort, der andere wird Teil eines zentralen Mahnmals für die am 22. Okt. 1940 in das Internierungslager „Camp de Gurs“ in Südfrankreich deportierten Juden Badens. Insgesamt waren über 60 000 Menschen in Gurs interniert. Ab März 1942 veranlaßte der Leiter des Judenreferates der Gestapo und Bevollmächtigte Eichmanns in Frankreich, Theodor Dannecker, Transporte von Gurs nach Auschwitz, Lublin-Majdanek, Sobibor und in andere Vernichtungslager, wo die meisten kurz nach ihrer Ankunft ermordet wurden.

Das Buch von Maurice Meier, Briefe an meinen Sohn. Aus Gurs 1940-1942 (vgl. FrRu 8[2001]300 f.) ist nun auch in hebräisch erschienen (The Open Museum, P.O.B. 1, IL 24959 Migdal Tefen, Tel. 04/987 20 22).



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