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Moshe Navon

Jesu Teilnahme am jüdischen Gottesdienst

Ein jüdischer Kommentar zu Lk 22,14–20

Juden und Christen haben nach der Schoa auf zwei Ebenen neue Erfahrungen miteinander gemacht. Die erste Ebene ist das Lernen aus gemeinsamen Quellen. Die zweite Ebene ist die wechselseitige Teilnahme an der jüdischen und an der christlichen Liturgie und das gemeinsame Gebet bei besonderen Anlässen. Auf dieser Basis kann nun eine dritte Ebene wachsen. Diese dritte Ebene führt zu dem Segenskelch, der in der Liturgie von Juden und Christen ein zentrales Element der Lobpreisung Gottes darstellt. Aus einem vertieften Verständnis dieser Lobpreisung Gottes kann sich der gemeinsame Gebrauch des Segenskelches (Kiddusch: Weinkelch und Dankgebet) entwickeln. Der Evangeliumstext (Lk 22,17–18) zeigt, dass Jesus mit seinen Jüngern diesen alten jüdischen Brauch vor dem Mahl ausgeübt hat:

„Und er nahm den Kelch, dankte und sprach: Nehmt ihn und teilt ihn unter euch.“ Er gibt damit ein Vorbild, wie wir, Juden und Christen, heute zu einem gemeinsamen Symbol ökumenischer Gemeinschaft finden können.

Auffallend ist, dass in der lukanischen Passionsgeschichte von zwei Segenskelchen gesprochen wird: einem Kelch vor dem Mahl (Lk 22,17) und einem nach dem Mahl (Lk 22,20). Mit dem ersten Kelch sprechen die Jünger Jesu in Gemeinschaft mit dem ganzen jüdischen Volk den Lobpreis Gottes. Der zweite Kelch ist nur für die Jünger Jesu bestimmt:

„Ebenso nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sagte: ‚Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird’“ (Lk 22,20).

Aus diesem Segenskelch ist die christliche Eucharistie gewachsen. Den ersten Segenskelch aber, der die Gemeinschaft mit dem jüdischen Volk ausdrückt, haben die Christen leider vergessen. Wenn Christen diesen ersten Segenskelch und seine Bedeutung bewahrt hätten, wären sie nicht davor zurückgeschreckt, den Leidenskelch während der Schoa gemeinsam mit den Juden zu trinken. Heute, nach der Schoa, können Juden als Brüder und Schwestern den Christen diesen ersten Segenskelch Jesu zurückbringen. Nach der Schoa kann aus diesem alten jüdischen Brauch neue ökumenische Gemeinschaft von Juden und Christen wachsen.

Wir haben also gemeinsame Elemente in unserem Glauben. Aber Juden sollen nicht Christen werden und Christen sollen nicht Juden werden. Es geht nicht um Konversion, sondern darum, dass wir uns von Gott aus der Grube der Schoa herausführen lassen. Das geht nur, wenn wir nicht länger schweigen, sondern dort Widerstand leisten, wo die menschliche Würde, die Ebenbildlichkeit, mit Füßen getreten wird. Die Preisung über den ersten Segenskelch verleiht uns dazu die Kraft Gottes:

„Gelobt seiest Du, unser Gott, König der Welt,
der unsere guten Werke für jeden Menschen erschaffen hat.
Gelobt seiest Du, unser Gott, König der Welt,
der uns aus der Grube der Schoa herausführt.“

Die zwei Pole im Gottesdienst Jesu

Das Lukas-Evangelium zeigt das Leben Jesu im Rahmen des jüdischen Gottesdienstes (Avodat Elohim). Seine Geschichte beginnt mit dem Dienst des Priesters Zacharias im Tempel und endet mit dem Abschied von seinen Jüngern vor dem Hintergrund des Tempels. Der letzte Satz des Lk-Ev. lautet: „Dann kehrten sie in großer Freude nach Jerusalem zurück. Und sie waren immer im Tempel und priesen Gott“ (Lk 24,52–53).

Der öffentliche Gottesdienst Jesu findet zwischen zwei Polen statt: dem Tempel in Jerusalem und den Synagogen in Galiläa. Dazu gibt es noch zwei weitere Fixpunkte: Jedes Jahr im Frühling und im Herbst besuchte er Jerusalem zu den großen jüdischen Festen: zu Pessach, dem Fest der Freiheit und des Auszugs des jüdischen Volkes aus Ägypten und aus dem Haus der Sklaverei, und an Sukkot (Laubhüttenfest), dem Fest der Erinnerung an die Wanderung des jüdischen Volkes mit Gott in der Wüste. Pessach geht dem Fest Schawuot voraus: es ist die Zeit, den Bund mit Gott zu erneuern; und Jom-ha-Kippurim (Jom Kippur = Versöhnungsfest) geht dem Fest Sukkot voraus. An Jom ha-Kippurim versucht das jüdische Volk, sich von allen seinen Sünden des vergangenen Jahres zu reinigen. Zur Zeit Jesu wollte das jüdische Volk damit einerseits die Anwesenheit Gottes im Tempel für das ganze nächste Jahr gewinnen; andererseits hat dieser Tag auch eine eschatologische Perspektive (Pesher Melchizedek, 11QMelch/11Q33).

Für ein besseres Verständnis des Gottesdienstes Jesu müssen wir den religiösen Kontext seiner Zeit verstehen. Die Hinweise auf diesen Zusammenhang sind in der Literatur der Zeit des Zweiten Tempels, in der rabbinischen klassischen Literatur, in den Schriftrollen vom Toten Meer und in der antiken christlichen Liturgie erhalten.

Jesu Gottesdienst während seines letzten Pessach-Festes

Jesus wurde von der römischen Regierung an Pessach im Jahre 30 oder 33 nach neuer Zeitrechnung hingerichtet. Deshalb wurde das letzte Pessach- Mahl Jesus mit seinen Jüngern der wichtigste Punkt in der christlichen Liturgie. Aber wenn wir die jüdischen Quellen genau betrachten, können wir verstehen, dass Jesus in den letzten Augenblicken seines Lebens auch den Jom ha-Kippurim erfahren hat. In seinen letzten Aussagen im Tempel reflektieren sich wieder zwei wichtige Pole des jüdischen liturgischen Jahres: einerseits Pessach und Schawuot, andererseits Jom ha-Kippurim und Sukkot. Wie konnte dies geschehen? Betrachten wir dazu den Text des Lukas- Evangeliums (Lk 22,14–20) im Lichte der verschiedenen jüdischen Traditionen.

14 Als die Stunde gekommen war, begab er sich mit den Aposteln zu Tisch.
15 Und er sagte zu ihnen: Ich habe mich sehr danach gesehnt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu essen.

Warum war es so wichtig, dass Jesus mit seinen Jüngern das Paschalamm vor seinem Tod aß? Die Israeliten hatten in Ägypten ein Lamm geschlachtet zum Schutz der eigenen erstgeborenen Kinder – und es war die Vorbereitung für den Auszug: Sie sollten das Lamm essen, bevor sie aus Ägypten flohen. Jesus wollte diese Mahlzeit mit dem gesamten jüdischen Volk teilen. In dieser Zeit sollten alle Juden in Jerusalem im Schatten des Tempels das Paschalamm essen. Wenn Jesus das Paschamahl nur mit seinen Jüngern hätte essen wollen, hätte er es, wie der Moreh ha-Zedek (der Lehrer der Gerechtigkeit), mit ihnen in der judäischen Wüste (Qumran) gegessen, denn die Jünger des Moreh ha-Zedek feierten Pessach nicht in Jerusalem.

16 Denn ich sage euch: Ich werde es nicht mehr essen, bis das Mahl seine Erfüllung findet im Reich Gottes.

Zur Zeit der römischen Besatzung waren die Juden wieder in der Sklaverei (wie unter dem Pharao in Ägypten) und sie sehnten sich nach Befreiung. Pessach gebiert Hoffnung für diese Befreiung, aber Jesus hat dieser Hoffnung eine andere Perspektive des Glaubens gegeben. Das bedeutet, dass von dem Moment des Pessach-Mahls Jesu der neue Auszug beginnt, – aber nicht nur aus der römischen Sklaverei, sondern aus dem allgemeinen Übel der Sklaverei und des Todes. Diesen Auszug möchte Jesus für das ganze Volk anführen, das zur gleichen Zeit das Pessach-Mahl gegessen hat. Deshalb sagte er zu ihnen: „Ich habe mich sehr danach gesehnt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu essen“ (Lk 22,15).

17 Und er nahm den Kelch, sprach das Dankgebet und sagte: Nehmt den Wein und verteilt ihn untereinander!

Das Evangelium zitiert das Dankgebet nicht, weil es den Lesern des Evangeliums ohnehin (noch) bekannt war. Auch in den Rollen vom Toten Meer (Serech ha Jachad) wird erwähnt, dass der Priester vor dem Genuss von Brot und Wein einen Segen (Beracha) spricht. Auch hier wird der Wortlaut nicht notiert, weil er allgemein bekannt war.

Nach jüdischer Tradition lautet dieses Gebet: „Baruch ata adonai, melech ha-olam, bore pri ha-gefen“ (Gelobt bist Du, unser Gott, König der Welt, Schöpfer der Frucht des Weinstocks). Auf zwei Elemente dieses Gebetes bezieht sich Jesus in seinen Worten:

18 Denn ich sage euch: Von nun an werde ich nicht mehr von der Frucht des Weinstocks (pri ha-gefen) trinken, bis das Königreich Gottes kommt.

Einerseits ist der Wein die Frucht des Weinstocks, andererseits symbolisiert er die guten Werke, die Gott durch Menschen schafft. Auf solche Weise will Gott in der Menschenwelt sein Königreich gestalten (vgl. Psalm 146,5–10, Adonai jimloch le-olam [...]). Warum sagt Jesus, dass er nicht mehr von der Frucht des Weinstocks trinken wird? Er möchte erklären, dass Gott diese Frucht zu seiner Zeit vom Volk Israel (seinem Weinberg) nicht bekommen hat.

Darauf verweist das Gleichnis in Lk 20,9–19, das Jesus vor dem letzten Pessach-Mahl erzählt: Der Erbe kommt in seinen Weinberg, um die Früchte zu ernten, aber er bekommt sie nicht. Dieses Gleichnis Jesu knüpft an das Gleichnis vom unfruchtbaren Weinberg bei Jesaja an: ,,Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberge [...]“ (Jes 5,3), und damit an Jom ha-Kippurim, den Tag des Gerichts in eschatologischer Perspektive.

Kiddusch-Kelch


Kiddusch-Becher, Nürnberg, Mitte des 19. Jh., Judaica, Kölnisches Stadtmuseum.

Inschrift am oberen Rand: Ungesäuerstes soll gegessen werden sieben Tage (Ex. 13,7).


Im Pessach-Mahl gibt es eine feste Verbindung zwischen dem Trinken der Frucht des Weinstocks und der Erinnerung an den Auszug aus Ägypten: ,,Du hast einen Weinstock aus Ägypten geholt und hast vertrieben die Heiden und denselben gepflanzt“ (Ps 80,9). Mit der Aussage, „Von nun an werde ich nicht mehr von der Frucht des Weinstocks (pri ha-gefen) trinken, bis das Königreich Gottes kommt“, will Jesus sagen, dass er von diesem Pessach-Mahl an, das er gerade mit seinen Jüngern feiert, als erster einem neuen Auszug aus dem Sklavenhaus vorangeht.

In der jüdischen Pessach-Tradition ist jedem geboten, sich so zu verstehen, als sei er aus dem Sklavenhaus Ägyptens errettet worden. Und ebenso muss jeder – aus der Sicht Jesu – jeweils in seiner Zeit Pessach neu verwirklichen. Jesus selbst setzt für seine Zeit ein Beispiel – und seine Jünger sollen ihm auf diesem Weg folgen. Der Auftrag, ,,Tut dies zu meinem Gedächtnis“, ist nicht symbolisch gemeint, sondern als Ruf zur konkreten Nachfolge, nicht nur für die Jünger, sondern für das ganze Volk.

Der zweite Teil des traditionellen jüdischen Segensspruchs enthält die Verherrlichung Gottes als König der Welt (Melech ha-Olam). Er ist der Schöpfer der Welt, der ein ganzes Universum und auch die Frucht des Weinstocks geschaffen hat, und er ist der König der Welt, die er regiert. Aber Jesus sagte, dass Gottes Königreich (Malchut ha-Elohim) noch komme: „[...] bis das Königreich Gottes kommt“. Was ist dieses Königreich Gottes, das hätte kommen sollen, und welche Frucht des Weinstocks wird Jesus nach seinem Tod in diesem Reich trinken („von nun an [...]“, vgl. Lk 22,18 und Lk 22,29–30 mit Lk 22,69)? Die Antwort auf diese Frage finden wir in den folgenden zwei Segenssprüchen:

19 Und er nahm Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und reichte es ihnen mit den Worten: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Tut dies zu meinem Gedächtnis!

20 Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird.

Die jüdische Tradition hat dieses Gebet in folgender Form tradiert:

„Baruch ata adonai elohenu melech ha olam, hamozi lechem min ha’- arez.“ „Gelobt bist Du, unser Gott, König der Welt, der Du das Brot aus der Erde hervorbringst.“

Seder Teller 

Seder-Teller, Köln 18./19. Jh.

 

An Pessach essen Juden nur ungesäuertes Brot (Mazza), das höchstens 18 Minuten gebacken wird, – also das gleiche hastig zubereitete Brot, das die Israeliten bei ihrem eiligen Auszug aus Ägypten gegessen haben. Heute symbolisieren die drei Mazzot, die zugedeckt auf dem Seder-Teller liegen, das ganze jüdische Volk, wie Mose es vor dem Offenbarungszelt (Mischkan, vgl. Ex 38,21 „Das ist die Veranlagung zugunsten der Wohnstätte, der Stätte der Bundesurkunde [...]“) in der Wüste vorgestellt hatte. Jede Mazza versinnbildlicht eine andere Gruppe: Cohen, Levi, Israel.

Im Kontext von Pessach erhält der Segensspruch vor dem Genuss von Mazza besondere Bedeutung: Wie Gott Brot aus der Erde hervorbringt, so bringt er das Volk Israel aus dem Land Ägypten heraus. Der hebräische Text hilft uns, diese Verbindung deutlicher zu verstehen. Im Ersten Gebot stellt Gott sich als derjenige vor, der das jüdische Volk aus dem Land Ägypten gebracht hat: „Ich bin Adonai, dein Gott, der dich aus dem Land Ägypten geführt hat, aus dem Sklavenhaus“ (Ex 20,2).

Erstes Gebot:

„Ani (Ich bin) Adonai Elohecha (dein Gott), ascher hozeticha (der dich hervorgebracht hat) me-erez (aus der Erde/Land) Mizraim (Ägypten).“

Der Segensspruch:

„Baruch ata (gepriesen bist du) Adonai elohenu (unser Gott) melech haolam (König der Welt) ha-mozi (der [du] hervorbringst) lechem (das Brot) min ha-arez (aus der Erde).“

In diesen beiden Texten sind die Menschen (Israel/dich) und das Brot (lechem) parallel. Vielleicht war ursprünglich ein spezieller jüdischer Segen vor dem Genuss von Brot für das Pessach-Mahl vorgesehen.1 Jesu hat diesem Segensspruch über das Brot einen neuen Sinn verliehen: Wie Gott sein Volk aus dem Land Ägypten hervorgebracht hat, so wird er sein Volk aus dem Land der Sünde und des Todes zur Auferstehung von den Toten hervorbringen. In diesem Sinne bezeichnet sich Jesus selbst als das „erste Brot aus der Erde des Todes“.

Nach dem Segenspruch vor dem Genuss des Brotes forderte Jesus seine Jünger auf, ihm zu folgen: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ Deshalb war für Jesus und seine Jünger dieses Pessach-Mahl der Anfang für den neuen Auszug.

20 Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sagte: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut, das für euch vergossen wird.

Ein weiterer bemerkenswerter Hinweis in Joh 15,1–2 macht diese Aussage deutlich: „Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Winzer. Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er ab, und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt.“ Hat Jesus sich und seine Schüler als das wahre Israel verstanden, als wahre Vertreter Israels? Die Antwort finden wir in der Verbindung von Pessach und Jom ha-Kippurim.

Pessach und Jom ha-Kippurim

Jesus feierte sein letztes Pessach in Jerusalem, denn nach pharisäischer Tradition war es Mizwa (Gebot / gutes Werk), nur in Jerusalem das Pessach- Lamm zu essen. Er nahm an diesem Fest ganz bewusst teil, obwohl er wusste, dass es zur Verleugnung und zur Hinrichtung kommen würde. Dieses Zeugnis ist ein eminent wichtiger Teil im jüdischen Gottesdienst.2 Daher gibt es bei seinem letzten Pessach Elemente, die Jesu Beziehung zum ganzen jüdischen Volk betonen; aber es gibt auch Elemente, die ausschließlich sein Verhältnis zu seinen Jüngern betonen:

1. Jesus trank den ersten Becher vor dem Pessach-Mahl als Verbindung mit dem ganzen jüdischen Volk. Dies ist ein Zeichen für den gemeinsamen Glauben und für das gemeinsame Schicksal mit dem jüdischen Volk. Es ist der Glaube an das Ende der Sklaverei für das gesamte jüdische Volk und es ist zugleich eine Tragödie. In der Zeit Jesu endete für viele Juden das Leben am Kreuz. Auch Jesus hat als Jude von diesem Kelch getrunken.3

2. Der spezielle Segen über das Brot im Kreis der Jünger ist nur für seine Jünger bestimmt, die bewusst bereit sind, seinen Weg zu gehen: den Auszug aus Ägypten.

3. Auch der letzte Becher war nur für seine Jünger bestimmt. Für Jesus war es bereits der Neue Bund für seine Jünger. Dieser erneuerte Bund mit Gott war eine Vorwegnahme des Festes Schawuot und nicht mehr ein Teil von Pessach. Jesus wusste, dass er Schawuot nicht mehr erleben würde. Später haben seine Jünger in Jerusalem dieses Fest in seinem Sinne als „Pfingsten“ gefeiert: als Erneuerung des Bundes mit Gott (Apg 2,1–40).

4. Aus dem ersten Segen vor dem Genuss von Mazza und dem Segen vor dem letzten Becher nach dem Pessach-Mahl hat die Kirche den zentralen christlichen Gottesdienst entwickelt – die Eucharistiefeier. Aber der erste Becher dieses Mahles, den Jesus nicht nur mit seinen Jüngern, sondern mit dem ganzen jüdischen Volk teilte, ist in der Geschichte der Kirche vergessen worden – und mit ihm die gesamte jüdische Jahresliturgie.

5. Während des Prozesses vor dem Sanhedrin beantwortet Jesus die Frage des Hohenpriesters Kaiphas im Kontext des letzten Jom ha-Kippurim (Lk 22,69). Er bestreitet das Recht des Hohenpriesters, über ihn zu richten und zu urteilen, denn am letzten aller Jom ha-Kippurim wird der Menschensohn über die Menschen richten.4 Diesen Kontext zu verstehen helfen uns die Qumran-Manuskripte über den letzten Jom ha-Kippurim (Pesher Melchizedek, 11QMelch). Nach der Entdeckung dieser Rollen können wir sagen, dass der ganze Hebräer-Brief ein Kommentar zu dieser Antwort Jesu ist.

6. Der Jom ha-Kippurim ist die geistliche Vorbereitung für das Fest Sukkot, mit dem die Gegenwart Gottes bei seinem Volk gefeiert wird.

7. Sukkot ist auch ein Symbol für die Fülle des Königreiches Gottes. Darum sagt Jesus zu seinen Jüngern zum Abschluss des Mahles: „Und ich will euch das Königreich zueignen, wie mir’s mein Vater zugeeignet hat, dass ihr essen und trinken sollt an meinem Tische in meinem Königreich (Sukkot) und sitzen auf Thronen und richten die zwölf Stämme Israels“ (Jom ha-Kippurim, Lk 22,29–30).

  1. Zur Zeit des Tempels markierte Pessach den Beginn der Gerstenernte, Schawuot den Beginn der Weizenernte. Unmittelbar damit verbunden ist der vierte Name von Schawuot, „chag bikkurim“, „Fest der ersten Früchte“ (Ex 34,22). So wie zu Pessach das Omer der neuen Gerste geopfert wurde, so wurden zu Schawuot, dem Ende der Gerstenernte, einst die beiden Schaubrote (vgl. Ex 25,30, 1 Sam 21,7 u. ö.) dargebracht.
  2. „Ihr aber seid meine Zeugen, spricht der Herr, und mein Knecht, den ich erwählt habe, auf dass ihr wisset und mir glaubt und versteht, dass ich’s bin“ (Jes 43,10).
  3. Vgl. „The irony is that Jesus was crucified by Pontius Pilate precisely because he was a Jew. Crucifixion was a common form of Roman suppression used against individuals and movements which the empire considered threatening. The Roman prefect Quintilius Varus put down the Jewish insurrection at the time of Herod’s death by crucifying two thousand Jews on the roads leading to Jerusalem (Josephus, Jewish War 2:74–76). Seventy years later, when Titus besieged Jerusalem, many tried to escape because of hunger. All those captured were scourged and crucified. Josephus relates that there were up to 500 a day. In fact, so many Jews were crucified by the Romans during the destruction of Jerusalem that they did not have sufficient space and ran out of crosses" (Jewish War 5:446–451). R. Stephen Notley, The Cross and the Jewish People, Jerusalem Perspective Online.
  4. David Flusser, Jesus, Kap. 9 (Der Menschensohn), 21. Aufl. 1999, 110.

Rabbiner Dr. Moshe Navon, 1954 in der Sowjetunion geboren, 2007 in Jerusalem ordiniert, ist Mitglied der Allgemeinen Rabbinerkonferenz (ARK) in Deutschland. Er war der letzte Doktorand von Prof. David Flusser. In Jerusalem arbeitete Navon u. a. als Dozent und Verfasser von Curricula für die Hebräische Universität. Zur Zeit ist er Lehrbeauftragter an der Ruhr-Universität und an der Ev. Fachhochschule RWL in Bochum und Rabbiner der Liberalen Gemeinden des Kreises Unna, der Städte Oberhausen und Bad Pyrmont.


Jahrgang 17/2010 Heft 3 Seite 162−170.


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