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Gertrud Luckner
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Notizen Jahrgang 8/2001 Heft 2

Am 9. November 2000 wurde der jüdischen Kultusgemeinde Graz die neue Synagoge übergeben. Im Jahr 1988 hatte die Grazer Stadtregierung den Wiederaufbau der in der Pogromnacht 1938 zerstörten Synagoge beschloßen. Dazu der Grazer SPÖ-Bürgermeister Alfred Stingl: „Diese Übergabe ist für mich einer der wichtigsten oder vielleicht sogar der bedeutendste Schwerpunkt meiner ganzen politischen Tätigkeit. Es vereint mein ganzes Bestreben gegen Rassismus, Radikalismus und Gewalt.“ Heute leben in Graz 120 überwiegend alte jüdische Bürger.

Leon Klenicki war im Jahre 2000 als erster Rabbiner bei den Oberammergauer Passionsspielen anwesend. In einem Schreiben drückte er seine Enttäuschung aus, daß die Darstellungen weiterhin einen theologischen Antisemitismus verkünden. Die Anti-Defamation-League befaßt sich mit den Darbietungen seit Anfang der achtziger Jahre. Viele ihrer Vorschläge zum Text und zur Ausführung sind bereits realisiert worden. Nicht übernommen worden seien jedoch Änderungsvorschläge zur Darstellung der Tempelpriester und der Römer. In einer Nachbesprechung mit jüdischen und katholischen Beobachtern sowie den Verantwortlichen für die Passionsspiele wies Klenicki noch einmal auf die entsprechenden Richtlinien der Amerikanischen Bischöfe vom 20. November 1975 zur Beurteilung von Passionsspielen hin.

Vom 24.–29. September 2000 fand in Gerzensee bei Bern die von der „Schweizerischen Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften“ organisierte Tagung König David: vor 3000 Jahren bis heute statt. Es ging dabei um historische und um wirkungsgeschichtliche Fragen zum historischen David im biblischen und altorientalischen Kontext. Fünfzehn wissenschaftliche und kulturpolitische Fachleute hielten Vorträge und diskutierten die Thesen. Vor allem aber ging es um das nachalttestamentliche Weiterleben Davids in der Messiaserwartung, in Herrscheridealen, in Kunst und Dichtung, im Rechtswesen und in der jüdischen und christlichen Mystik. Eine Publikation der Vorträge und Diskussionen ist in Vorbereitung. Die Bedeutung Davids für jüdische und für christliche Denk-, Handlungs- und Ausdrucksweisen erweist sich immer deutlicher als Schlüssel zum Verständnis der Beziehungen und Gegnerschaften zwischen Israel und den Völkern der Welt.

Unter dem Motto „Jüdisches Mähren, jüdisches Brünn” gedenkt Tschechien 700 Jahre jüdischer Kultur. Mit einer Serie von Konzerten, Filmen, Theateraufführungen und Ausstellungen soll die tschechische Öffentlichkeit an das jüdische Erbe erinnert werden. Für die Veranstaltungen zeichnet die tschechische Gesellschaft für Kultur und Dialog „K2001”. An der Eröffnungsfeier Ende Dezember 2000 in Brünn nahm auch der Präsident der vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen mit den Juden, Kardinal Eward Idris Cassidy, teil. Er überbrachte eine Grußbotschaft von Papst Johannes Paul II. mit einem Aufruf an Christen und Juden, gemeinsam für das Wohl der Menschheit zu arbeiten. Brünns jüdische Geschichte begann in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts. Währendes Zweiten Weltkrieges wurden etwa 11 000 Juden aus Brünn deportiert.

Für ihre Verdienste um den christlich-jüdischen Dialog ist am 2. November 2000 Friede Springer mit dem Leo-Baeck-Preis 2000 des Zentralrats der Juden in Deutschland ausgezeichnet worden. Die Laudatio hielt Arthur Cohn. In ihrer Danksagung schaute die Preisträgerin „zurück zu den Anfängen und erinnerte an Wegbereiter des Dialogs wie „Prof. Ernst Ludwig Ehrlich, den noch heute unermüdlichen Förderer des christlich-jüdischen Dialogs”, und „an den weisen Schalom Ben-Chorin”.

Am 15. Januar 2000 wurde erstmals der Ignatz-Bubis-Preis überreicht. Der von der Stadt Frankfurt/M. verliehene Preis ging an Bundestagspräsident Wolfgang Thierse für seinen Einsatz für Menschenwürde und Demokratie und für seinen Beitrag zu Versöhnung und Verständigung. In der Laudatio in der Frankfurter Paulskirche sagte Bischof Karl Lehmann, Thierse habe „Wege aus der Gewalt” gewiesen.

Für die Errichtung eines Ignatz-Bubis-Lehrstuhls für Religion, Geschichte und Kultur des europäischen Judentums an der Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg stellte das Kuratorium der Alfred-Krupp-von-Bohlen-und-Halbach-Stiftung in Essen eine Zuschuß von 1,39 Millionen Mark bereit.

Ben Hirsch, Atlanta, hat mit seinem Buch „Hearing a Different Drummer” (2000) erneut das Gerücht der Seifenerzeugung aus den sterblichen Überresten von jüdischen NS-Opfern ins Gespräch gebracht. Hirsch, dessen Eltern und zwei Geschwister in einem Konzentrationslager umgekommen sind, erzählt die Geschichte seines Onkels Philipp Auerbach, den die Nazis gezwungen hatten, Seife herzustellen. Hirsch belegt seine Theorie mit einem getippten Bericht des Onkels. Nach Raul Hilberg wurde das Gerücht erstmals 1942 in Polen in Umlauf gesetzt, konnte aber nie ernsthaft belegt werden. Das US Holocaust Memorial in Washington verweigerte die geplante Buchvorstellung. Bei einem Überfall auf das Jüdische Historische Museum in Bukarest Ende Dezember 2000 suchten zwei Männer „Auschwitz-Seife”. Das Museum hatte entsprechende Ausstellungsstücke gezeigt, sie dann aber im Sommer 2000 aufgrund zweifelhafter Authentizität zurückgezogen.

Am 16. März 2000 wurde in den Schweizer Medien das Ergebnis einer von der Genfer Organisation CICAD und des New Yorker American Jewish Committee in Auftrag gegebene und vom Berner Gfs-Forschungsinstitut durchgeführte Umfrage über den bestehenden Antisemitismus in der Schweiz veröffentlicht. Nach dieser Umfrage vertritt ein Sechstel der schweizerischen Bevölkerung eine „offen antisemitische Haltung”. Etwa 60 % der Befragten bekennt judenfeindliche Tendenzen. Daß von den rund sieben Millionen Einwohnern nur 1210 Personen Befragt worden waren wirft die Frage auf, inwieweit die Umfrage tatsächlich repräsentativ ist.

Der frühere Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Prof. Dr. Walter Kasper, wurde am 21. Januar 2001 von Papst Johannes Paul II. zum Kardinal ernannt. Bereits im Sommer 1999 war er zum Sekretär des Päpstlichen Rates für die Förderung der Einheit der Christen berufen worden, dem auch die vatikanischen Kommission für die religiösen Beziehungen mit den Juden untersteht. Ebenfalls ernannt wurde der Brasilianer Prof. Dr. Jorge Maria Mejía. Vor seiner Berufung zum Archivar und Vorsteher der vatikanischen Bibliotheken war Mejía mit großen Engagement zuständig für das christlich-jüdische Gespräch im Einheitssekretariat.



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