Freiburger Rundbrief Freiburger Rundbrief
    Leseproben > Artikel ab Jg. 2001 > 1036  

Home
Leseproben
Artikel ab Jg. 2001
Rezensionen ab Jg. 2001

Inhalt Neue Folge
Archiv Neue Folge

Inhalt der Jg. vor 1993
Archiv vor 1986

Gertrud Luckner
Bestellung/Bezahlung
Links
Artikel
Mitteilungen
Rezensionen
 
XML RSS feed
 
 
Display PRINT friendly version
Angelika Grunenberg

"Die Welt war so heil"

Else Ury, 1896
Else Ury, 1986

Die Familie der Else Ury

Else Ury (1877–1943) war eine der beliebtesten deutschen Kinder- und Jugendbuchautorinnen. Allein mit ihrer zehnbändigen „Nesthäkchen“-Reihe, verfasst zwischen 1913–1925, prägte sie Generationen junger Frauen bis in die Fünfzigerjahre hinein. Das lag nicht nur an der Hauptfigur, der Berliner Arzttochter Annemarie Braun, die sich im Lauf der Erzählung vom eigenwilligen Kleinkind zum modernen weiblichen Prototyp entwickelt (Abitur, Medizinstudium, Ehe).

Geradezu hypnotisch aufs Gemüt der Leserinnen wirkte die heile Familienwelt, in der das Mädchen aufwächst. Mit großer Menschenkenntnis, mit Humor und Mutterwitz schilderte die Autorin ein christlich-protestantisches Milieu, in dem die viel gerühmten preußischen Tugenden gelebt und weitergegeben, aber auch mit feiner Ironie reflektiert werden. Niemand hat es so gut wie Else Ury verstanden, das wunderbare – und so typisch deutsche – Gefühl von Nestwärme zu vermitteln. Ehemalige Leserinnen berichten noch heute von lebenslangem Heimweh nach diesem idealen Zuhause, das sie selber in Wirklichkeit nie hatten. Emigrantinnen erinnern sich, dass sie bei ihrem erzwungenen Aufbruch in die Fremde nicht vergaßen, ihre Nesthäkchen-Bücher einzupacken, um sich aus ihnen später, wenn der Kummer sie packte, Trost zu holen. Dass Else Ury, selbst unverheiratet und kinderlos, die Vorbilder für ihre Romanfiguren aus der eigenen Verwandtschaft rekrutierte – einer weitverzweigten, vor allem in Berlin und Danzig ansässigen Dynastie –, ist von doppelbödiger Tragik: die Urys, Heymanns, Schlesingers, Davidsohns, Wallenbergs etc., die sie als Inbegriff deutschen Wesens darstellte, waren Juden. Die wenigsten Leserinnen mögen das damals gewusst haben, und es hätte sie sicher auch nicht interessiert.

Selbst der Ausschluss der Autorin aus der Reichsschrifttumskammer 1934, das Schreib- und Veröffentlichungsverbot, das sie wie viele andere Autoren traf, konnte die Fan-Gemeinde auch bei Strafe nicht davon abhalten, die verfemten Ury-Bücher heimlich unterm Ladentisch zu erwerben. Ich hörte von einer jungen Frau, die noch im April 1940 einen Blumenstrauß und einen Dankesbrief mit vollem Absender an ihre Lieblingsautorin schickte, und von ihr sogar Antwort erhielt. Da lebte Else Ury längst in einem „Judenhaus“ in Berlin-Moabit. Am 12. Januar 1943 wurde sie nach Auschwitz deportiert und vermutlich am gleichen Tag vergast. Sie war 64 Jahre alt. Ein entsetzliches, anscheinend unausweichliches Ende. Warum ist sie nicht ausgewandert?

Mit dieser Frage flog ich Silvester 1987 nach London. Für eine Gedenksendung zum 45. Todestag von Else Ury (WDR „ZeitZeichen“) wollte ich einen der letzten Überlebenden der Familie interviewen: den mittlerweile pensionierten britischen Regierungsarchitekten Ernest Keith Heyman (Klaus Heymann, geb. 1918). Er war der jüngste Neffe der Schriftstellerin. Dass Klaus Heymann nach dem Abitur 1936 Deutschland verlassen und in England studieren konnte – und damit der Vernichtung entkam –, verdankte er seiner Tante Else Ury. Sie besaß englische Devisen – und ein großes Herz.

Assimiliert, gebildet, erfolgreich, deutsch

Klaus Heymann erzählte mir von seiner Familie: Vater Hugo Heymann, Baurat in preußischen Diensten; dessen Gattin Käthe, geborene Ury, fortschrittlich zur Lehrerin ausgebildet, Mutter dreier Kinder; von ihrer Schwester Else, der erfolgreichen Schriftstellerin, und ihren beiden Brüdern, dem Justizrat Dr. Ludwig Ury, ebenfalls im Staatsdienst tätig, und dem Arzt, Dr. Hans Ury, dem bekannten Magen-Darmspezialisten und Gründer einer Poliklinik. Sie erschienen mir so unwirklich wie eine Familie aus dem Bilderbuch. Oder eben aus den Nesthäkchen-Romanen.

Zu dem engeren Kreis kamen noch zahlreiche weitere Tanten, Onkel, Vettern, Kusinen ersten, zweiten, dritten Grades, mit denen man häufig verkehrte, und zu deren Geburtstagen oder sonstigen Jubiläen zu gratulieren Käthe Heymann ihre Kinder ständig anhielt. Allesamt gehobenes Bildungsbürgertum, nicht reich, aber doch in etablierten Verhältnissen. Alle assimiliert – wenn auch noch Mitglieder der jüdischen Gemeinde –, liberal denkend, politisch konservativ.

Else Ury,1937
Else Ury, 1937
Im Mittelpunkt dieses Akademiker-Clans stand die von allen geliebte und verehrte „Omama“, Franziska Ury (1847–1940), Witwe eines Tabakfabrikanten. Sie stammte aus einer Generation, in der die aus dem Osten eingewanderten Juden noch fest in der orthodoxen Glaubenstradition verankert waren, jedoch in Deutschland gesellschaftlich im Abseits standen. Ihr Vater, ein Dichter und Musiker, musste sein Geld noch mit dem Handel von Altkleidern verdienen.

Dank seiner Weitsicht aber hatte Franziska Ury die Höhere Mädchenschule besuchen können und sich dort die klassische deutsche Bildung angeeignet. Später war sie die wesentliche Triebkraft beim sozialen Aufstieg ihrer vier Kinder. Sie hatte diese Kinder auch noch fest im Griff, als sie erwachsen waren, und in dieser Abhängigkeit lag sicher der tiefere Grund für die falschen Entscheidungen, die – zumindest zwei von ihnen – schließlich in die Gaskammer brachten. So hatte Onkel Hans – Dr. Hans Ury – seiner Schwester Else, die von den Honoraren ihrer erfolgreichen Bücher ein Haus kaufen wollte, schon 1926 geraten, sich doch in der Schweiz anzusiedeln.

Als einziger Sozialdemokrat der Familie sah er die Entwicklung Deutschlands und den zunehmenden Antisemitismus der Rechten schon damals sehr nüchtern voraus: die Juden würden unter den Nazis keine Existenzberechtigung mehr haben. In stillschweigender Übereinkunft, „Omama“, die Deutschland nie verlassen würde, zu schonen, entschied sich der Familienrat für ein Haus im schlesischen Krummhübel, „Haus Nesthäkchen“, in dem die Familie fortan ihre Ferien verbrachte. Hans Ury beging 1937 Selbstmord, als ihm der Entzug der Approbation drohte. Die Familie wertete dies als Folge seiner ewigen Schwarzseherei, die man auf eine psychische Labilität zurückführte.

Zu späte Erkenntnis – zu später Entschluss

Für Klaus Heymann, der auch 60 Jahre später keinen Schatten auf dem Bild der verehrten „Omama“ dulden mochte, war der Entschluss der Familie, im Lande zu bleiben – von damals aus gesehen –, nur folgerichtig: „Sie fühlten sich als hundertprozentige Deutsche, warum hätten sie in die Emigration gehen sollen?“ Else Ury, die Geld und Beziehungen im Ausland besaß, wäre trotzdem gegangen. Dass sie es nicht tat, hatte ebenfalls ursächlich mit der „Omama“ zu tun. Während Bruder Ludwig, nach dem Selbstmord seiner Frau auch alleinstehend, 1939 die letzte Möglichkeit nutzte, um nach England zu kommen, musste Else Ury in Berlin bleiben. Als einzige unverheiratete Tochter der Familie hatte sie sich traditionsgemäß um die alte Mutter zu kümmern, deren zäher Lebenswille – trotz jahrelanger schwerer Krankheit – erst im April 1940 erlosch. Da war sie 92. Für Else Ury, die noch auf ein Visum nach Kuba gehofft hatte, gab es keine Rettung mehr.

Auch für die Eltern Heymann war es zu spät, als sie sich nach der „Reichskristallnacht“, dem Pogrom vom 9./10. November 1938, endlich entschlossen, Berlin – und „Omama“ und Tante Else – zu verlassen. Und das auch nur, weil ihre Kinder – die alle längst im Ausland lebten – sie energisch dazu gedrängt hatten. Das Ehepaar Heymann, 66 und 58 Jahre alt, fuhr im April 1939 – mit schlechtem Gewissen, einigen Möbeln und zehn Reichsmark in der Tasche – nach Amsterdam, wo es von der Familie der ältesten Tochter Lisbeth Jachmann aufgenommen wurde. Doch ein Jahr später waren die Nazis da und spulten ihr in anderen Ländern erprobtes und perfektioniertes Juden-Vernichtungsprogramm ab. Nach qualvollen Aufenthalten in mehreren Konzentrationslagern endete die ganze Familie in Auschwitz.

Es hätte die Chance bestanden, den zehnjährigen Peter mit einem Kindertransport nach England zu bringen – Kusine Helen Ury wollte ihn aufnehmen –, doch Lisbeth, die sich in den Briefen an Klaus den Anschein gab, politisch vollkommen im Bilde zu sein und die Absichten Hitlers zu kennen, wollte sich von ihrem Sohn nicht trennen. Bei mehr Weitsicht und weniger Nostalgie hätte die gesamte Familie Jachmann überleben können. Lisbeths Mann, der Bauingenieur Berthold Jachmann, arbeitete für eine amerikanische Firma. Er hatte 1935 für seine europäische Zweigniederlassung Holland gewählt, weil es so nah bei der Heimat lag. Er hätte sein Büro genauso gut nach England verlegen können.

Bei unserem ersten Interview hatte Klaus Heymann voller Wehmut die glücklichen Tage seiner Kindheit und Jugend beschworen – eine Schilderung, in der ich Fiktion und Wirklichkeit kaum unterscheiden konnte. Jede Erinnerung schien bei ihm zu einem Versatzstück der Nesthäkchen-Idylle zu werden: „Das Elternhaus meiner Tante Else Ury, das Heim ihres Bruders Ludwig, des Justizrates, und auch mein Zuhause waren sehr harmonisch. Es war eine heile Welt! Die Welt war so heil – für mich als Kind –, dass ich nicht mal wusste, dass ich Jude war.“

Während er mir von seiner Familie erzählte, wies Klaus Heymann wie zur Bestätigung immer wieder auf einen geöffneten metallenen Aktenschrank in einer Ecke seines Büros. Zwei gelbe Ordner, die viel benutzt aussahen und aus denen zahlreiche Lesezeichen hervorragten, erweckten mein Interesse. Es war eine Sammlung von Briefen, die der Student Heymann zwischen 1938–1944 von seinen Eltern, seiner Tante Else und seiner ältesten Schwester Lisbeth bekommen hatte, so erfuhr ich. Als ich fragte, ob ich wohl einige Original-Zitate daraus für meine Sendung verwenden könne, wurde das Gesicht meines Gegenübers steinern, und seine vorher so sanfte Stimme fuhr mich plötzlich scharf an: „Nein!“ Er schloss schnell den Aktenschrank. Unser Interview war beendet.

Ich flog nach Hause, produzierte die „ZeitZeichen“-Sendung zu Else Urys Todestag und schickte ihm die fertige Tonkassette. Sie gefiel ihm. Wir blieben in Kontakt. Von nun an besuchte ich Klaus Heymann und seine Frau noch öfter. Jedes Mal interviewte ich ihn für andere Sendungen, befragte auch seine Frau und zwei ebenfalls in London lebende Kusinen, um mehr über die große, weitverzweigte und mich immer mehr faszinierende Familie der Urys und Heymanns zu erfahren. Wir freundeten uns an und verbrachten sogar einige Urlaubstage in der Schweiz. Dort lernte ich einen anderen Zweig der Familie kennen, Vetter und Kusine Wallenberg, die aus Bogotá, Kolumbien, angereist waren. Und sich von mir auch bereitwillig interviewen ließen.

Jedes Mal, wenn wir uns trafen, fragte ich Klaus Heymann, ob er nicht doch seine Briefsammlung veröffentlichen wollte. Vielleicht in einem Buch? Er blieb bei seinem Nein. Doch eines Tages änderte er seine Meinung. Er war inzwischen fast 80 Jahre alt und hatte sich entschlossen, mir die Briefe vorzulesen. Ich flog wieder nach London, und dann saßen wir uns vier Wochen lang Tag für Tag acht Stunden in seinem Büro gegenüber. Er las die Briefe ins Mikrofon – etwa 200 Stück, eng beschrieben in deutscher Schrift, manche sechs bis acht Seiten lang – und ich stellte Fragen. Mir schien jetzt, er hätte es plötzlich sehr eilig, fertig zu werden. Er gönnte uns keine Mittagspause und reagierte höchst ungehalten, wenn ich mich morgens – nach schweißtreibender Fahrt mit der Untergrundbahn und unpünktlichen Bussen – um einige Minuten verspätet hatte. Ich spürte, dass diese ganze Aktion für ihn ein ungeheurer emotionaler Kraftakt war. Er musste etwas aufarbeiten, das ihn seit fast 60 Jahren belastete. Was das war, erfuhr ich erst später.

„Man muss korrekt sein“

Obwohl er mir die Familienkorrespondenz vorher als „harmlose Privatpost“ und „völlig uninteressant“ geschildert hatte, erkannte ich in diesen Briefen wichtige Zeugnisse aus unserer Vergangenheit, die jüngeren Generationen ja kaum noch verständlich ist. Mangels eigener Erfahrung können sie sich nicht vorstellen, was es bedeutete, im Faschismus zu leben. Das „Wissen von Auschwitz“, die Fülle der Dokumentationen und Statistiken über den Holocaust haben überdies den Blick auf die konkrete Situation der Opfer verstellt: Wer waren sie? Wie lebten sie, bevor sie in die Gaskammern gingen? Warum haben sie sich nicht gewehrt? Was wussten sie?

Man begreift am Beispiel dieser Briefe, wieso die Familie Hitlers Politik nicht durchschauen konnte. Es lag nicht nur an der bewussten Verschleierungstaktik des Naziregimes, von der sie sich – wie so viele andere – täuschen ließ. Es war auch ihr preußischer Wertekanon, der sie unfähig machte, die Verbrechen der Nazis als politische Absicht zu erkennen. Widerstand, selbst Notlügen und geschickte Winkelzüge wären ihnen unmoralisch vorgekommen, und daher unmöglich, selbst wenn sie sich damit hätten retten können. „Man muss korrekt sein!“ ermahnte in einem Brief Käthe Heymann ihren zwanzigjährigen Sohn Klaus, als der sich weigerte, auf die deutsche Botschaft in London zu gehen, um sich ein „J“ für Jude und den jüdischen Vornamen „Israel“ in den Pass stempeln zu lassen. Die in Generationen anerzogene Untertanenmentalität – „Tu, was von dir verlangt wird!“ – und nicht zuletzt ihre nostalgische Vaterlandsliebe hinderten sie daran, klar zu sehen und rechtzeitig zu handeln.

Was diese Briefe noch so faszinierend macht: neben allen persönlichen Freuden und Leiden einer bürgerlichen Großfamilie transportieren sie – gerade in scheinbaren Belanglosigkeiten – auch eine anschauliche Kulturgeschichte der Zeit. Politische Ereignisse kommen – schon wegen der gefürchteten Zensur – eher am Rande vor, als Auslöser für Angst und Nervosität. Wichtiger ist die ständige Kommunikation mit- und übereinander, um sich im Strom dieser unsicheren Zeitläufte nicht zu verlieren und den Zusammenhalt zu bewahren.

Die Illusion einer „heilen Welt“

Schon der erste Brief vom 20. Januar 1938 trifft einen wunden Punkt, der in der weiteren Korrespondenz immer wieder leidenschaftlich erörtert wird: die eingeschränkten Reisemöglichkeiten. Seit November 1937 wurden Reisepässe von Juden generell nicht mehr verlängert. Einzige Ausnahme: ein gültiges Visum. Obwohl Käthe Heymann über diesen Sachverhalt Bescheid wusste, hat sie sich mit ihrem abgelaufenen Pass zur Polizei aufgemacht und dort eine Abfuhr erhalten – „kurz und bündig, bums, fertig, ohne weitere Erklärung“. Nun ist sie „erbittert, dass ich nicht mehr die Möglichkeit haben soll, meine Kinder wiederzusehen, grade jetzt, wo wir die Reise zu Ilse vorbereiten wollten“. Der Vater, ganz Staatsbeamter, fügt an: „Ich hoffe, dass Muttis Passangelegenheit behördlicherseits so geordnet wird, dass dringliche Reisen, wie es der Besuch der Kinder ist, ermöglicht werden.“ Schon die ersten Zeilen der Eltern zeigen deutlich, in welcher Haltung sie den Nazis gegenüber stehen: schlicht und einfach ungläubig. Wie so viele deutsche Juden der Mittelschicht waren die Heymanns außerstande, die Maßnahmen des Regimes – und ihre eigene Lage – so ernst zu nehmen wie sie gemeint waren. Selbst nach fünf Jahren nationalsozialistischer Diktatur, nach ständig neuen diskriminierenden Gesetzen und Verordnungen, war ihr Vertrauen in den Rechtsstaat ungebrochen. Als dekorierter Teilnehmer am Ersten Weltkrieg – er hatte die Festung Breslau ausgebaut – fühlte sich Hugo Heymann vor Verfolgung sicher. Auch dann noch, als er – nach dem Nürnberger Parteitag 1935 – trotz seiner Verdienste zwangspensioniert wurde.
Durch den ganzen Briefwechsel zieht sich die Hoffnung – wie Käthe Heymann nicht müde wird zu wiederholen –, „dass da noch eine Lösung gefunden wird, denn das geht ja nicht auf die Dauer“. Auf die Dauer kann sie ihren einzigen Sohn Klaus nicht entbehren und stellt sich vor, dass er nach dem Londoner Architektur-Studium wieder in die Heimat zurükkkehrt. Bei den vielen Bauvorhaben Hitlers, spekuliert sie, brauchte er sich dann um Aufträge keine Sorgen zu machen.

Anfang 1938 hofft sie – auch dies ein Hirngespinst – auf die vom Baurat bereits akribisch ausgearbeitete Inspektions-Reise nach Palästina. Dort lebt ihre zweite Tochter Ilse seit 1934, und zwar unter „dubiosen Umständen“, die die Eltern überprüfen wollen. Ilse (1908–1989), das schwarze Schaf der Familie, hat sich das begehrte Visum durch die Scheinehe (ein Skandal für die Heymanns!) mit einem jungen Berliner Zionisten beschafft, von dem sie sich nach Ankunft im Gelobten Land sofort trennte, um dort den Mann ihrer Wahl zu heiraten, den Kölner Journalisten Leo Steinfeld. „Ein Pechvogel und Habenichts“, urteilt die Familie. Nun lebt Ilse mit diesem Mann (in Berlin argwöhnte man, dass die beiden nicht legal verheiratet wären), ohne Geld, ohne geregelte Arbeit, in einer Hütte mitten unter feindlichen Arabern.

Als in Berlin ruchbar wird, dass Ilse in dieser – für die Verwandtschaft unvorstellbaren – Situation auch noch ein Kind erwartet, ist die Empörung groß. Ilse, die immer als aufsässig, labil und lebensuntüchtig galt – tatsächlich aber die einzige war, die Realitätssinn bewies –, traut niemand etwas zu. Gemeinsam mit den Eltern Heymann überlegt Lisbeth in Amsterdam sogar, Ilse das Kind wegzunehmen, um es selber zu erziehen. Das Kind soll in den „richtigen“ Verhältnissen aufwachsen. Auch hier war das Nesthäkchen wieder am Werk: die Illusion der heilen Welt, die selbst unter solch unheilen Umständen aufrecht erhalten werden musste. Klaus Heymann erzählte mir an dieser Stelle, wie er 1949, kurz nach der Gründung Israels, seine Schwester Ilse in Haifa besuchte und wie überrascht er war, dass das saubere, gut gekleidete, wohl erzogene zehnjährige Mädchen, das sie ihm vorstellte, ihre Tochter sein sollte. Trotzdem habe er seine Meinung über Ilse nicht geändert, aber er gab zögernd zu, dass seine Schwester vielleicht doch einige gute Eigenschaften gehabt haben musste. Dass sie die Autorität des Vaters in Frage gestellt, sogar bewusst untergraben hatte, ihn auch jetzt noch, nach all den furchtbaren Geschehnissen, genauso scharf kritisierte, war in den Augen seines Sohnes ein unverzeihliches Sakrileg. Andere Verwandte, die Ilse bei einem Gegenbesuch in London wiedersahen, entdeckten an der 45-Jährigen eine frappante Ähnlichkeit mit Else Ury, wie Kusine Helen, die Schwiegertochter von Justizrat Ludwig Ury, mir später erzählte: „So ein feines, vornehmes Gesicht! Als ich es ansah, bin ich fast erschrocken.“ Sie habe die vertraute Gestalt an ihrem Teetisch zuerst für ein Trugbild gehalten.

Die Briefe an Klaus – „Mein lieber Klausemann!“(Vater); „Mein Geschöpf!“ (Mutter) – schildern den Alltag in Berlin. Während der Baurat sich sehr geschmeidig in sein erzwungenes Pensionärsdasein fügte und seine Tage mit aller Umsicht und Bedachtsamkeit strukturierte, stürzte sich Käthe Heymann in hektische Betriebsamkeit: Kochen, Putzen, Waschen, Bügeln, Flicken, Einkaufen, Behördengänge. Immer häufiger Arztbesuche – durch Frustessen nimmt sie stetig an Gewicht zu, der Blutdruck steigt bedrohlich. Fast jeden Tag gibt es Besuche von und bei Verwandten, Freunden, Bekannten. Dazu kommen regelmäßige Treffen mit den ehemaligen „Klassenschwestern“ aus der Luisenschule; Skat- und Bridge-Abende jede Woche reihum. Und schließlich die Veranstaltungen im jüdischen Kulturbund, für die Heymanns und Urys Abonnements hatten. Bei allen Treffen die Frage: gehen oder bleiben?

Aus Käthe Heymanns spontan und gefühlvoll hingeworfenen Zeilen spricht das Bedauern, dass sie im Leben ihrer verheirateten Töchter kaum noch eine Rolle spielte. Um wenigstens Klaus im Auge zu behalten, verlangte sie von ihm pausenlos genauen Rapport über alles, was er tat und dachte und gab dazu ihre Kommentare ab. Sie lobte seinen Fleiß und die guten Zensuren, tadelte aber heftig seinen Hang zu gewagten architektonischen Entwürfen. Der Vater schloss sich diesem Urteil an und ermahnte seinen Sohn, sich nicht von den Ideen zeitgenössischer, hypermoderner Architekten vom Schlage eines Erich Mendelsohn (ein entfernter Verwandter des Vaters) anstecken zu lassen. Rührend wirken die einfühlsam vorgebrachten Ratschläge des Baurats, sein Sohn möge doch denWeg gehen, den einst er selbst eingeschlagen hat: „Bloß nicht zu hoch hinaus! Bloß nicht auffallen!“

Zur Einflussnahme auf den Sohn gehörte auch die regelmäßige Kontrolle seiner Kleidung. Auf Mutters Geheiß schickte Klaus alle 14 Tage seine schmutzige Wäsche nach Berlin und bekam sie umgehend gewaschen, gebügelt, notfalls geflickt oder durch ein neues Teil ersetzt, in einem verschließbaren Segeltuchsack zurück. Dieser Wäschesack, der nun regelmäßig zwischen London und Berlin pendelte – und jedes Mal auf beiden Seiten mühsam durch den Zoll gebracht werden musste –, wurde ein wichtiges Transportmittel mütterlicher Fürsorge – und Neugierde. Und ein unerschöpfliches Thema in der Korrespondenz. „Wäschesack! Wäschesack! Wäschesack! Wäschesack!“ explodierte einmal der sonst so zurückhaltende Baurat.

Reisepläne beschäftigen die Familie über Jahre hinweg und werden in den Briefen ausführlich erörtert. Vater Heymann besitzt 1938 noch einen gültigen Pass und kostet seine Freiheit weidlich aus. Er macht Stippvisiten in Amsterdam und London, die jedes Mal etwas länger ausfallen. Sie tun ihm sichtlich gut. Doch seine Frau, eifersüchtig auf die liebevolle Fürsorge, die er von seinen Kindern erfährt, macht auf dem Postweg ihrem Ärger Luft. Unter dem Vorwand, er gebe zuviel Geld aus, inszeniert sie ein Familienkomplott gegen ihn. Die Wogen schlagen hoch. Der Paterfamilias reagiert empfindlich. Vor dem Szenario des Weltuntergangs wirkt das Ganze wie absurdes Theater.

„Ich war so naiv“

Klaus Heymann hatte mir fast fünfzig Briefe vorgelesen und meine Fragen mit großer Geduld und Offenheit beantwortet. Plötzlich unterbrach er sich: „Was jetzt zur Sprache kommt, müssen Sie unbedingt in Ihr Buch aufnehmen!“ Er holte tief Luft. Es ist ein langer Brief der Mutter. Auf einem Foto, das er ihr aus London geschickte hatte, glaubte sie ihren Sohn Klaus mit Dauerwelle erkannt zu haben. Sie schließt daraus, dass er sein Geld verschwendet; in üble Kreise geraten ist, womöglich unter Homosexuelle – er ist ein hübscher, zarter, blonder Junge; dass die Zeit gekommen ist, ihn in die Pflicht zu nehmen: „Wenn ich höre, wie die anderen jungen Leute jeden Pfennig überlegen, weil sie als Ziel vor sich haben, die Eltern so schnell wie möglich nachkommen zu lassen, dann kommt es mir wahnsinnig vor, dass Du selbst nie auf solche Gedanken kommst. Die Zeiten haben sich geändert. Heutzutage bauen die Kinder den Eltern Häuser.“ Klaus Heymann, dem man sein Leben lang jede Verantwortung abgenommen hat, und der vollkommen mit sich und seinem Studium beschäftigt ist, geht auf den Appell seiner Mutter gar nicht ein. Später, als die Eltern in Amsterdam leben und – noch vor dem Überfall der Deutschen – eine Reise nach England planen, sicher in der stillen Hoffnung, bei ihrem Sohn bleiben zu können, wehrt Klaus jeden Gedanken daran heftig ab. Über 60 Jahre lang hat sein Versagen schwer auf ihm gelastet:

„Ich war so naiv und auch so unreif, und ich hatte Angst, dass die Eltern rüber kämen und durch den Kriegsausbruch nicht mehr zurück könnten. Stellen Sie sich das vor! Daran denk ich dauernd. Wenn man sich überlegt – aber man hat doch keine Ahnung gehabt, dass die Deutschen in Holland einmarschieren würden, und dass die Juden dann ins Konzentrationslager kämen! Sonst hätte ich in meiner idiotischen Unreife wahrscheinlich doch gesagt, du hast dann die Eltern wenigstens hier. Spielt doch keine Rolle, was sie hier machen. Besser, hier in England betteln zu gehen, als dort drüben im KZ umzukommen. Dabei hätte man für sie, selbst in ihrem Alter, eine Haushaltsstelle finden können. Solche Fälle gab es.“

Als ihn kurz nach der „Reichskristallnacht“ ein Hilferuf von seiner Kinderfreundin Lilo Lachmann aus Berlin erreichte, handelte er sofort. Er fand für sie eine Stelle als Köchin. Drei Jahre später waren sie ein Paar. Nach dem Krieg, nach seiner Entlassung aus der Britischen Armee, hat Klaus Heymann die Korrespondenz auf einem Dachboden wiedergefunden und von da an wieder und wieder gelesen.

In dem Buch „Die Welt war so heil“ werden die Briefe ergänzt durch die Erinnerungen von Klaus Heymann, durch Interviews mit anderen überlebenden Verwandten und durch Kommentare zur Zeitgeschichte. Schauplätze sind Berlin, Krummhübel im schlesischen Riesengebirge, London, Amsterdam und Haifa.


Jahrgang 17 / 2010 Heft 1 Seite 27-37.


top