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Hubert Irsigler

"Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich" (Röm 11,18)

Eine theologische Meditation

„Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich!“ (Röm 11,18). Diese Mahnung des Paulus an alle aus dem Heidentum kommenden Christen steht im Zusammenhang des Nachdenkens und Ringens des Völkerapostels um die bleibende Erwählung und die endgültige Rettung seines Volkes Israel im Brief an die Römer Kap. 9–11. Hören wir daraus den Abschnitt, der vom Bild des Ölbaums geprägt ist (Röm 11,13–24):1

13 Euch sage ich, den Heiden: Gerade sofern ich nun Apostel der Heidenbin, preise ich meinen Dienst,
14 ob ich wohl mein Volk („Fleisch“) „zur Eifersucht reizen“ und einigevon ihnen retten kann?
15 Denn wenn ihre Verwerfung zur Versöhnung für die Welt (gewordenist), was (wird) dann ihre Annahme (anders als) Leben aus den Toten(sein)?
16 Wenn aber die Erstlingsgabe vom Teig heilig ist, dann auch der(ganze) Teig; und wenn die Wurzel heilig ist, dann auch die Zweige.
17 Wenn aber einige von den Zweigen ausgehauen, du aber, als einZweig vom wilden Ölbaum, unter ihnen eingepfropft worden bist und an der Fett spendenden Wurzel des edlen Ölbaums mit teil bekommenhast, so rühme dich nicht gegenüber den Zweigen.
18 Wenn du dich aber rühmst, – (nun, so bedenke:) Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel (trägt) dich!
19 Nun wirst du sagen: Ausgehauen sind Zweige, damit ich eingepfropft werde.
20 Richtig! Aufgrund (ihres) Unglaubens sind sie ausgehauen, du aber hast aufgrund des Glaubens Stand gewonnen. Sei nicht hochmütig, sondern fürchte (Gott)!
21 Denn wenn Gott die natürlichen Zweige nicht verschont hat, wird er auch dich nicht verschonen.
22 Sieh also Gottes Güte und Strenge. Gegen die Gefallenen Strenge, gegen dich aber Güte, wenn du bei seiner Güte bleibst – sonst wirst auch du ausgehauen!
23 Jene aber, wenn sie nicht beim Unglauben bleiben, werden wieder eingepfropft werden. Denn Gott hat die Macht, sie wieder einzupfropfen.
24 Wenn nämlich du aus dem von Natur aus wilden Ölbaum ausgehauen und wider die Natur in den edlen Ölbaum eingepfropft worden bist, um wie viel eher werden dann die von Natur aus (Zugehörigen) in ihren eigenen Ölbaum wieder eingepfropft werden.
„Zersägt und doch lebendig!“

In der Prosa-Miniatur „Der Ulmenstamm“ von Alexander Solschenizyn erzählt der Dichter im Wir-Stil eine Episode, die etwas von seiner Straflagererfahrung in der Stalin-Diktatur widerspiegelt. „Wir sägten Holz, griffen dabei nach einem Ulmenbalken und schrieen auf. Seit im vorigen Jahr der Stamm gefällt wurde, war er vom Traktor geschleppt und in Teile zersägt worden, man hatte ihn auf Schlepper und Lastwagen geworfen, zu Stapeln gerollt, auf die Erde geworfen – aber der Ulmenbalken hatte sich nicht ergeben! Er hatte einen frischen grünen Trieb hervorgebracht – eine ganze künftige Ulme oder einen dichten, rauschenden Zweig. Wir hatten den Stamm bereits auf den Bock gelegt wie auf einen Richtbock; doch wagten wir nicht, mit der Säge in seinen Hals zu schneiden. Wie hätte man ihn zersägen können? Wie sehr er doch leben will – stärker als wir!“ Soweit Alexander Solschenizyn.2

Die Miniatur-Erzählung vom Ulmenstamm, zersägt und doch lebendig, erscheint mir wie eine Gleichnisrede vom biblischen Israel und von der Geschichte des jüdischen Volkes bis heute: von Weltmächten schon in biblischer Zeit unterdrückt, die Königsstaaten Israel und Juda untergegangen, die Hauptstädte Samaria und dann Jerusalem mit dem Ersten und dem Zweiten Tempel zerstört, das Volk dezimiert, zerstreut, später im europäischen Mittelalter und in der Neuzeit nach leidlich lebbaren, ja auch religiös und kulturell fruchtbaren Intervallen immer wieder von Pogromen, Ausweisungen und Demütigungen heimgesucht bis hin zur Hölle der Schoa! Und doch: das Volk Israel, seit der Perserzeit nach dem babylonischen Exil als jüdisches Volk mit seiner tiefen Tora-Frömmigkeit, lebt weiter, es lebt wieder auf, trotz allem neu! Wie der Ulmenstamm: zersägt und doch lebendig, fast am Ende und doch nicht ausgelöscht!

Der Ölbaum Israel

Israel, das Volk Adonais, das erwählte Gottesvolk als Baum – nicht erst Paulus verwendet dieses Bild in seiner Gleichnisrede vom Ölbaum Israel im Römerbrief. Paulus greift da viel ältere, vorab prophetische Bildrede auf. So hatte Jeremia einst Israel einen „saftigen Ölbaum von schöner Frucht und Gestalt“ genannt, den Gott selbst gepflanzt hat. Doch dieser schöne Ölbaum war nach Jeremias Worten vom verzehrenden Feuer bedroht, das Adonai als Strafgericht über das Haus Israel und das Haus Juda wegen ihrer Treulosigkeiten bringen sollte (Jer 11,16–17). Doch durch das Gericht hindurch und über es hinaus bleibt Gott seinem Volk treu. Er bleibt „gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Huld und Treue“, wie ein Grundbekenntnis der hebräischen Bibel lautet (Ex 34,6).3

Schon der Prophet Hosea hatte im 8. Jh. v. Chr. den Umsturz im Herzen Gottes verkündet, die mitleidende Liebe, die den gerechten Zorn bannt und Israel doch nicht preisgeben kann: „Denn Gott bin ich und nicht ein Mensch, in deiner Mitte der Heilige, darum komme ich nicht in der Hitze des Zorns.“ Hosea und seine Schüler hatten sogar – äußerst gewagt – das mythologisch gefärbte Bild vom immergrünen Lebensbaum auf Gott selbst angewandt, um die Großmut der göttlichen Liebe zu beschreiben, die allein alle Untreue und Abkehr heilen kann: „Ich bin wie der grünende Wacholder, an mir findest du für dich Frucht (Hos. 14,9). Nach dem für die Judäer so dunklen Jahrhundert – nach dem babylonischen Exil – kündet ein unbekannter Prophet im Jesajabuch (Jes 61,1–3), von Gottes Geist zum Frohbotschafter für die Armen gesalbt, Heilung für jene an, deren Herz zerbrochen ist. Die Trauernden Zions sollen künftig „Eichen der Gerechtigkeit“ genannt werden, „die Pflanzung, durch die Adonai seine Herrlichkeit zeigt“ (Jes 61,3).

Das ist die prophetische Botschaft, die auch Paulus lebendig vor Augen steht: das Volk Israel, sein eigenes „Fleisch“, wie Paulus sein Volk nennt, ist geliebt und getragen von der Lebenskraft und Treue Gottes wie eine herrliche Pflanzung, ein lebenskräftiger Baum, durch alle Stürme und Katastrophen hindurch.

Gottesvolk aus Juden und Heiden

Aber da ist noch etwas, was für Paulus in seinem Selbstverständnis als Apostel der Völker, von eminenter Bedeutung wird. Paulus hat aus den Heiligen Schriften Israels, der Bibel Jesu und der frühen Kirche, unserem Alten oder Ersten Testament in seiner hebräischen und griechischen Gestalt, die Hoffnung auf Heil für Juden und Heiden, für alle Völker, erkannt. Gewiss war schon für Propheten wie Amos und Jesaja von Jerusalem der Gott Israels zugleich der allein wirksame Gott in der Geschichte der Völker, ja der Gott der Welt.

Aber erst nach dem Gottesgericht, das zum babylonischen Exil führte, erwächst seit dem sog. Zweiten Jesaja (Deutero-Jesaja), wie vor allem spätprophetische Schriften bezeugen, die wunderbare Vision eines völkerumspannenden Gottesvolks aus Juden und Heiden. „Mein Haus ist ein Haus des Gebets für alle Völker!“, verkündet ein Prophet im späten Teil des Jesajabuchs (Jes 56,7).4 Es ist der eine Gott, den Israel in seinem Glaubensbekenntnis „Schma’ Jisrael“ – „Höre, Israel!“ bekennt: „Adonai, unser Gott, Adonai ist einer!“ Dieser eine Gott wendet sich heilvoll auch den Völkern zu. Ziel ist die Einheit aller Menschen im Gottesvolk der Endzeit. Dann wird der Name Gottes von allen geehrt werden, wie es programmatisch eine prophetische Stimme im Buch des Propheten Zefanja als Gotteswort verkündet: „Ja, dann werde ich den Nationen reine Lippen schaffen, dass sie alle den Namen des HERRN (JHWH) anrufen, dass sie ihm einträchtig (wörtlich: mit einer Schulter) dienen“ (Zef 3,9).5

Wie konnte Paulus seine Theologie vom Evangelium der Versöhnung ohne Bindung an Beschneidung und die Ritualgesetze der jüdischen Tora – allein durch das Heilshandeln Gottes in Tod und Auferweckung Jesu – entwickeln? Sehr wahrscheinlich haben jene Ausleger Recht, die davon ausgehen, dass Paulus hierbei von Ideen christlicher Hellenisten angeregt ist, die er vor seiner Bekehrung so massiv bekämpft hat.6 Doch ebenso ist nicht zu übersehen, dass Paulus im eigenen intensiven Hören und Eindringen in die Heilige Schrift, die Bibel Israels, seine Theologie gegenüber seinen jüdischen und judenchristlichen Gegnern begründet, vertieft und entfaltet hat, dass er fasziniert ist von spätprophetischen Verheißungen des Heils für alle Völker und entsprechenden Aussagen in den Psalmen (vgl. Röm 15,9–13). Für Paulus hat die prophetisch verkündete Endzeit eindeutig schon begonnen:7 Gott will und soll nun als der eine Gott der Juden wie der Heiden von allen um seines Erbarmens willen gelobt und geliebt werden. Das wird zum großen Lebensprogramm des Paulus (Röm 3,29 f.; 15,9–13).

Paulus im Zwiespalt

Aber da tut sich ein schlimmer Zwiespalt auf, Paulus ist schmerzlich hin und her gerissen. Er bekennt: „Große Trauer und unaufhörlichen Schmerz habe ich in meinem Herzen“ (Röm 9,2). Er leidet wegen seiner jüdischen Brüder und Schwestern, seinen „Stammensgenossen nach dem Fleisch“. Ihretwegen wollte er lieber verflucht sein und geschieden von Christus (Röm 9,3). Für Paulus steht doch die unverbrüchliche Treue Gottes zu seinem erwählten Volk fest. Die bisherigen Gnadenerweise und die Berufung, die Gott Israel gewährt hat, sind ja nicht hinfällig (Röm 11,29): „Sie sind ja doch Israeliten. Ihnen gehört das Sohnesrecht und die Herrlichkeit, die Bundesordnungen und die Gesetzgebung und der Gottesdienst und die Verheißungen. Ihnen gehören die Väter, und dem Fleisch nach entstammt ihnen der Christus [...]“ (Röm 9,4–5).

Aber nicht wenige aus Israel erkennen nicht den Immanuel Christus Jesus, von dem Paulus ganz ergriffen ist. Sie versagen sich dem Evangelium. Sie erkennen nicht den Weg zur Versöhnung mit Gott durch Christus Jesus und zum ewigen Leben mit dem auferweckten Herrn als endzeitliche Gabe des einen Gottes. Das ist bohrender Schmerz für den Apostel. Und da ist andererseits die wunderbare, überaus glückliche Erfahrung für den Apostel, dass Heiden, Menschen aus den Völkern, das Evangelium annehmen und zu Christus Jesus als dem Inbegriff ihrer Versöhnung und ihrer Hoffnung auf endgültiges Heil in Gott finden.

Erwählung und Glaube – ein Paradoxon?

Wie soll das zusammengehen? Viele in Israel versagen sich dem Christus, der doch aus ihrem „Fleisch“ stammt. Und aus anderen Völkern, aus den Heiden, nehmen Menschen das Evangelium an und kommen zu Christus Jesus. Sie erhalten aus Gnade Anteil an Gottes Erwählung, allein im Glauben. Das ist für Paulus der einzige Weg zum vollen Heil in Gott. Ein großes Paradox tut sich da für Paulus auf: Das Versagen vieler in Israel führt zur Versöhnung und zum neuen Leben in Christus Jesus für die Völker.

Wie aber kommt dann auch das sich versagende Israel zum Heil in Christus Jesus? Die Paradoxie geht weiter. Die Heiden erfahren Gnade und Versöhnung in Christus, gerade damit Israel „zur Eifersucht“ gereizt werde, wie Paulus sagt (Röm 11,11.14). „Zur Eifersucht reizen“, d. h. die Sehnsucht anstacheln nach der versöhnenden Liebe, die Gott als seine Gerechtigkeit im Kreuz Christi allen Menschen erwiesen hat, als sie noch Sünder waren (Röm 5,8)! Das soll nun ein Weg zum Heil für Israel werden! Freilich muss der Reichtum dieser versöhnenden und neuschaffenden Liebe Gottes von den Heidenchristen auch glaubwürdig bezeugt werden. Das ist viel Verantwortung. Sie fällt nach Paulus jetzt den Heidenchristen und damit der Kirche insgesamt für das Judentum zu! Wie sehr haben Christen da immer wieder an ihren jüdischen Brüdern und Schwestern gefehlt im Laufe der Jahrhunderte!

Paulus sieht also auch für die Juden nur den einen Weg zur Fülle der Erlösung, die Versöhnung, die Rechtfertigung der Sünder, die Gott durch Christus anbietet und schenkt. Jedoch, und das ist entscheidend, dieses Heil ist endzeitliche Gabe Gottes für Israel. Gott kann sein von den Vätern her erwähltes und gerufenes und bleibend geliebtes Volk wieder annehmen. Und diese Annahme wird Leben aus den Toten sein, Teilhabe am Leben des auferweckten Christus (Röm 11,15).

Diese endzeitliche Wiederannahme Israels durch Gott (vgl. Röm 11,25 ff.) aber wird allein in der paradoxen Logik der Liebe Gottes begründet sein, nicht in der Macht der Kirche und der ihr gewiss aufgetragenen Umkehrpredigt und Christusverkündigung. Gottes Erbarmen bleibt gegenüber allen Menschen frei.

Priorität der Erwählung

Das Versagen Israels hat den Weg der Verkündigung des Evangeliums von den Juden zu den Heiden gewiesen. Aber die Priorität der Erwählung durch Gott liegt bei Israel, von den Vätern, von Abraham, her. Das schließt für Paulus jede Überheblichkeit der Heidenchristen und damit jeden Hochmut der Christen insgesamt gegenüber dem jüdischen Volk vollständig aus. Deshalb die strenge Mahnung des Paulus an die „Heiden“, d. h. die Christen aus dem Heidentum.

Bedenkt, so mahnt der Apostel in seinem kurzen Doppelgleichnis (Röm 11,16): Wie die Opfergabe vom ersten Brotteig der neuen Getreideernte geheiligt ist, so ist dadurch der ganze Teig des Jahres geheiligt. Und wie die Wurzel des von Gott gepflanzten Ölbaums Israel heilig ist, so sind auch von dieser Wurzel, d. h. von den Stammvätern Israels her, auch die Zweige, das lebendige Volk Israel in seiner Geschichte geheiligt. In diesen edlen Ölbaum Israel sind die Christen aus dem Heidentum, letzten Endes wir alle als Christen, wie Zweige vom wilden Ölbaum eingepfropft worden. Ja, wir Christen sind Israel geworden, zwar nicht Israel dem Fleische nach, aber Israel als von den Vätern her erwähltes und geheiligtes Volk. Nicht die Kirche hat Israel in sich aufgenommen und aufgehoben, sondern „Israel in seinen Vätern“ hat die Kirche aus den Heiden in sich aufgenommen und hat ihr Anteil an der den Vätern Israels geschenkten Verheißung, an ihrem Gesegnet-Sein und am Glaubensweg Abrahams gegeben.8

„Rühme dich also nicht“, mahnt der Apostel die Heidenchristen und die Kirche insgesamt. Es ist nicht dein Verdienst, sondern aus Gnade und allein im Glauben bist du gerettet. Wenn du nicht in der Güte Gottes verankert bleibst, kannst du auch wieder aus dem edlen Ölbaum herausgehauen werden! Blicke nicht überheblich und verächtlich auf die jetzt „ausgehauenen Zweige“, auf das jüdische Volk, das den Christus Jesus nicht bekennt! „Wenn du dich aber rühmst“, mahnt der Apostel, „nun, so bedenke: Nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich!“ Du bist als Christ auch heute noch getragen von der Wurzel des edlen Ölbaums Israel, von den von Gott erwählten und geheiligten Erzvätern her, an deren Segenskraft hast du Anteil.

„Jude und Christ, Arbeiter am gleichen Werk“

Was folgt daraus? Ulrich Wilckens formuliert es mit der Schärfe eines prophetischen Weheworts: „Wehe einer antijudaistischen Kirche, die sich selbst an Stelle Israels und Israel gegenüber exklusiv als das neue Gottesvolk verstünde und verhielte!“9 Was der jüdische Philosoph Franz Rosenzweig in seinem Hauptwerk „Der Stern der Erlösung“ von der engen wechselseitigen Bindung von Judentum und Christentum sagt, kann jeder Christ unterschreiben: „Vor Gott sind so die beiden, Jude und Christ, Arbeiter am gleichen Werk. Er kann keinen entbehren.“10

Auf andere Weise hat das Zweite Vatikanische Konzil in der Erklärung über das Verhältnis der Kirche zu den nichtchristlichen Religionen („Nostra aetate“, Art. 4) den Reichtum des gemeinsamen Erbes von Juden und Christen betont. Vor allem hat es nach vielen Jahrhunderten eine neue Basis der Achtung Israels als von Gott bleibend geliebtes Volk und des Zusammenwirkens der Christen mit den Juden eröffnet, gegen jede Form von Antisemitismus.

Auf diesem Hintergrund war und ist es besonders schmerzlich, dass in letzter Zeit enorme Irritationen unter Juden wie unter Christen durch Maßnahmen unserer Kirchenleitung entstanden sind, ausgelöst durch die im Jahr 2008 für den außerordentlichen Ritus der Katholischen Kirche neu formulierte Karfreitagsfürbitte11 und erst recht durch das Bemühen des Vatikans um volle Wiederaufnahme der sog. Pius-Bruderschaft.12

Heilende Worte und Zeichen tun bitter not. Ein wichtiges und schönes Zeichen hat Papst Benedikt XVI. am 12. Februar 2009 bei einem Treffen mit Vertretern jüdischer Organisationen der USA gesetzt,13 als er wörtlich wiederholte, was Papst Johannes Paul II. bei seiner Pilgerreise ins Heilige Land im Jahr 2000 formuliert und nach jüdischem Brauch auf einem Zettel in eine Ritze der Jerusalemer Klagemauer gesteckt hatte: die Vergebungsbitte gegenüber dem jüdischen Volk und die Willenserklärung, sich einzusetzen für echte Brüderlichkeit mit dem „Volk des Bundes“:14

„Gott unserer Väter,
Du hast Abraham und seine Nachkommen auserwählt,
Deinen Namen zu den Völkern zu bringen.

Wir sind in tiefer Trauer über das Verhalten derer,
die im Verlaufe der Geschichte
diesen Deinen Kindern Leid zugefügt haben.

Mit der Bitte um Deine Vergebung
möchten wir uns verpflichten
zu echter Brüderlichkeit mit dem Volk des Bundes.“

Dieses Wort von Papst Benedikt hat nach Aussage führender Repräsentanten des Judentums heilsam gewirkt, auch wenn Verunsicherungen noch nicht überall ausgeräumt werden konnten. Der emeritierte Landesrabbiner Henry G. Brandt hat in seiner Stellungnahme zur neu formulierten Karfreitagsfürbitte auf den Punkt gebracht, was uns allen nottut: „Wenn man schon um ‚Erleuchtung’ bittet, darf man sich selbst nicht aus dieser Bitte ausschließen, denn Erleuchtung tut uns allen not. Da sitzen wir – Juden und Christen – in einem Boot.“15

Schwestern und Brüder! Wenn wir Christen aus ehrlichem und demütigem Herzen Gott um Erleuchtung bitten, werden wir neu die Wurzel entdecken, die uns heute noch trägt. Wir werden dann einstimmen können in den staunenden Lobpreis des Paulus:

„O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege! Denn wer hat die Gedanken des Herrn erkannt? Oder wer ist sein Ratgeber gewesen? [...] Denn aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist alles. Sein ist die Herrlichkeit in die Ewigkeiten. Amen“ (Röm 11,33–36).

Gebet

Ewiger Gott, Gott der Früheren und der Späteren,
Du einziger Gott aller Geschöpfe!
Du hast Dein Volk Israel erwählt zu Deinem Zeugen in der Welt.
In Christus Jesus, Deinem geliebten Sohn,
hast Du alle Menschen zur Freiheit der Kinder Gottes gerufen.
Erhöre unser Gebet:
Erleuchte unser Herz,
damit wir unseren Auftrag in dieser Zeit erkennen und erfüllen.
Lass Juden und Christen als Nachkommen Deines von Dir reich gesegneten Freundes Abraham
zum Segen füreinander werden
und lass sie gemeinsam Segen sein für die ganze Welt. Amen!

  1. Röm 11,13–24 in weitgehendem Anschluss an Ulrich Wilckens, Der Brief an die Römer
    (Röm 6–11), EKK VI/2, Zürich u. a., Neukirchen-Vluyn 1980, 241.
  2. Alexander Solschenizyn, Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch und andere Erzählungen, Neuwied und Berlin 1970, 378.
  3. Neh 9,31; Ps 86,15; 103,8; 111,4; 112,4; 116,5; 145,8; Nah 1,3. FrRu NF 1/2010 54)
  4. Dieses Wort wird in der von allen Evangelisten berichteten Tempelreinigung durch Jesus neue Sprengkraft entfalten (Mk 11,17).
  5. Vgl. Zef 2,11; 3,9–10; Jes 45,22–24; 19,23–25; auch Jes 2,2–5 par. Mi 4,1–3.4–5.
  6. Vgl. völlig überzeugend Lorenz Oberlinner, Von Jerusalem nach Rom. Die Rezeption des Evangeliums in der hellenistischen Welt, in: Thomas Böhm (Hg.), Glaube und Kultur. Begegnung zweier Welten, Freiburg i. Br. 2009, 91.97(71–108).
  7. Die ersten Christen erkennen dies an der Auferweckung Jesu aus den Toten (als Erfüllung von Daniel 12,2, vgl. bes. 2 Makk 7,9.14.23.29.36; Jes 25,8; 26,19; Ijob 19,25–27 und typologisch bedeutsame Worte und Texte wie Hos 6,2; Ez 37) und an der Ausgießung des Geistes (gemäß Joel 3).
  8. Vgl. Heinrich Schlier, Der Römerbrief, HThK NT VI, Freiburg u. a. 1977, 333.
  9. Ulrich Wilckens, Der Brief an die Römer (Röm 6–11), EKK VI/2, Zürich 1980, 249.
  10. Franz Rosenzweig, Der Stern der Erlösung, Frankfurt/M. 1988 (Erstausgabe 1921), 462. FrRu NF 1/2010 9  Das Zitat gilt m. E. unabhängig davon, wie Rosenzweig das Judentum als gleichberechtigten Weg der Bewährung der göttlichen Wahrheit gegenüber dem Christentum akzentuiert: Juden sehen das Licht, das Feuer des Sterns der göttlichen Wahrheit, nicht seine Strahlen, Christen sehen die Strahlen jenes Sterns, also immer nur Erleuchtetes
  11. Vgl. FrRu 15(2008)193–212.
  12. Vgl. die ausführliche Dokumentation in FrRu 16(2009)162–189.
  13. Vgl. Papst Benedikt XVI., Ansprache vor den Mitgliedern der „Conference of Presidents of Major American Jewish Organizations“, in FrRu 16(2009)168–171.
  14. Vgl. Der Papst an der Klagemauer (6.3), FrRu 7(2000)179–183, hier 180.
  15. Henry G. Brandt, Zu leicht befunden, in: Walter Homolka/Erich Zenger (Hg.), „... damit sie Jesus Christus erkennen“. Die neue Karfreitagsfürbitte für die Juden, Freiburg/Br. 2008, 27.

 


 

Dr. Hubert Irsigler ist Professor für Alttestamentliche Literatur und Exegese an der Albert- Ludwigs-Universität Freiburg. Der Beitrag wurde als theologische Meditation in der Universitätskirche in Freiburg am 28. März 2009 gehalten.

Jahrgang 17 / 2010 Heft 1 Seite 2−11.



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