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Friedrich Stummer

Neuere Forschungen zur Liturgie des nachbiblischen Judentums

Wichtiger Hinweis: Bei diesem Beitrag handelt es sich um Archivmaterial aus dem Jahr 1954/55 und entsprechend um den damaligen Stand der Forschung.

Die synagogale Liturgie ist reiner Wortgottesdienst, unterstützt und belebt durch ein Brauchtum, das gewiss seinen Reichtum hat und das Gemüt des gläubigen Juden wohl anzusprechen und zu packen vermag, aber im Vergleich zu den entfalteten Zeremonien anderer Religionen sparsam genannt werden kann. Wesentlich besteht der jüdische Gottesdienst aus Gebet und Lesung. Opfer (blutige und unblutige) kennt er nicht, oder richtiger: nicht mehr, seit im Jahre 70 n. Chr. der Tempel zu Jerusalem, die einzige vom Gesetz erlaubte Opferstätte, zerstört wurde.

Diese Katastrophe ist bis zum heutigen Tage Gegenstand der Trauer, und der Wiederaufbau des Tempels gehört zu den heißesten Wünschen, die der fromme Jude für die Endzeit hegt. Aber praktisch wird die Opferliturgie kaum vermisst, und es gehört zu den Rätseln, welche das Judentum der Religionswissenschaft aufgibt, dass die Synagoge den Verlust ihres Zentralheiligtums, des einzigen Ortes, wo der volle Kultus möglich war, ohne wesentliche Erschütterung überstanden hat, während andere Religionen die Vernichtung ihrer Heiligtümer nicht überlebt haben. Freilich hat das Alte Testament, und zwar nicht nur die Propheten, sondern sogar das Gesetz selber, in dieser Richtung sehr wesentliche Vorarbeit geleistet.

Für Nichtjuden ist natürlich das Verständnis der synagogalen Liturgie mit gewissen Schwierigkeiten verbunden. Nicht als ob es sich um einen "Geheimkult" handelte, wie wohl gewisse Agitatoren des Antisemitismus den Leuten einreden möchten, wobei der Umstand weidlich ausgenützt wird, dass die hebräischen Schriftzeichen an den Wänden der Synagogen und in den Gebetbüchern den Unkundigen natürlich seltsam und geheimnisvoll anmuten. Die Sprache der jüdischen Liturgie ist nicht die eigentliche Schwierigkeit. Diese ist vielmehr keine andere als die, welche wir den sakralen Texten jeder Religion gegenüber erleben, die nicht die unsere ist: der Mangel an Gewöhnung und Einfühlung. So studieren wir auch die Texte der synagogalen Liturgie aus philologischem oder religionsgeschichtlichem, aber nicht aus liturgischem Interesse; wir beten sie nicht mit!

Es seien hier nun kurz die Hauptbestandteile der jüdischen Liturgie erwähnt. Insofern sie Gebetsgottesdienst ist, muss an erster Stelle das "Schemá" genannt werden, das seinen Namen von dem Anfangswort hat. Es besteht aus den Bibelabschnitten Dtn 6,4-9; 11,13-21; Num 15,37-41. Der wichtigste und auch wohl der älteste Abschnitt ist der erste: "Höre (schemá!), Israel, Jahwe, dein Gott, Jahwe ist einer! Und du sollst Jahwe, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und aus deiner ganzen Seele und soviel du vermagst (wörtlich: aus deiner ganzen Kraft) ..." Auf Grund von Dtn 6,7 wird dieses Gebet (oder richtiger: Bekenntnis) morgens und abends rezitiert. Umrahmt wird es jedesmal von zwei Benediktionen, die für Morgen- und Abendgebet verschieden sind.

Ein zweiter wesentlicher Bestandteil ist das "Achtzehngebet" (Schmone Esre), so genannt, weil es aus achtzehn (jetzt tatsächlich neunzehn) Benediktionen besteht. Seine Bedeutung erhellt schon daraus, dass es Tephillah, d. h. "Gebet", genannt wird; es ist also das Gebet schlechthin. Über seinen Inhalt sei nur gesagt, dass es Lobpreisungen und Bitten enthält; nicht unerwähnt aber bleibe, dass die Frage, wie sich Achtzehn-Gebet und Vaterunser zu einander verhalten, ein immer wieder erörtertes Problem ist.

An den Sabbaten und Festtagen kommen noch die Musaph(= Zusatz)-Gebete dazu, eine Analogie zu den Zusatzopfern, die im Gesetz für diese Tage vorgesehen sind (Num 28,9 ff.).

Das sind die hauptsächlichsten Bestandteile der sogenannten "Stammgebete", welche sich, im wesentlichen gleichlautend, in allen Riten finden, welche das Judentum entwickelt hat.

Der Lesegottesdienst verteilt in einem (jetzt einjährigen) Zyklus die "Thora" (Das Gesetz, d. h. die fünf Bücher Mosis) auf die Sabbate. Zu jeder dieser "Paraschen" (Abschnitte) kommt eine "Haphtara", d. h. eine Perikope aus den Propheten. An gewissen Tagen dient als Festlektion eine der "fünf Rollen": Hoheslied (Passah), Ruth (Wochenfest = Pfingsten), Klagelieder (9. Ab = Tag der Zerstörung des Tempels durch Titus), Prediger (Laubhüttenfest), Esther (Purim).

Der eiserne Bestand der Gebetsliturgie hat nun im Laufe der Jahrhunderte mannigfache Erweiterungen erfahren. Dass auch im Gottesdienst der Synagoge der Psalmengesang eine Rolle spielt sei nur erwähnt. Hauptsächlich dient aber der Bereicherung und Ausschmückung des Gottesdienstes das religiöse Lied, der "Piut" (Lehnwort aus dem Griechischen, poietes = Dichter). Hier haben wir das variable Element der synagogalen Liturgie. Zwar hat es bis in die Neuzeit herein immer wieder Gegner des Piut gegeben. Aber das hat nicht gehindert, dass die Zahl der Dichter solcher Piutim (Mehrzahl von Piut) Legion ist. Eine Reihe ihrer Schöpfungen fand in den verschiedenen Riten Aufnahme, und manche erhielten sich bis auf den heutigen Tag. "Paitanim", d. h. Dichter von Piutim, die für die Liturgie der deutschen und polnischen Juden bis heute Bedeutung behalten haben, sind z. B. die lange Zeit von undurchdringlichem Geheimnis umwitterte Gestalt des Eleazar be-Rabbi Kalir, kurzweg Kalir oder "der" Kalir (ha-Kalir) genannt, und Glieder der aus Lucca in Italien eingewanderten Familie Kalonymos in Mainz (10. Jahrhundert). Die Geschichte der synagogalen Liturgie und besonders der gottesdienstlichen Dichtung war schon von jeher ein weites Feld, das Generationen von Gelehrten Arbeit zu geben vermochte.1

Nun hat aber die Forschung einen weiteren starken Antrieb erhalten durch die 1896, also vor fast sechzig Jahren, geglückte Entdeckung der Geniza der Synagoge von El-Fostat (Alt-Kairo) in Ägypten, deren Wichtigkeit gerade für die älteren Perioden der Liturgie und insbesondere des Piut immer mehr zutage tritt. Was ist eine Geniza? Dem jüdischen Brauch zufolge werden religiöse Schriften (Thorarollen, Handschriften und Drucke von Bibeltexten, Gebetbücher, theologische und aszetische Werke usw.), wenn sie durch Alter, Beschädigung oder durch einen anderen Grund unbrauchbar werden, nicht verbrannt oder sonstwie vernichtet, sondern in einem Nebenraum der Synagoge, der sogenannten Geniza, abgelegt. Von Zeit zu Zeit wird diese entleert, und die dort gefundenen Bücher und Buchreste werden auf dem Friedhof der Gemeinde feierlich bestattet.

In der Synagoge von Kairo war das aus unbekannten Gründen jahrhundertelang unterlassen worden, und so kann man sich denken, dass der Entdecker ein ungeheures Material vorfand, das sich im Laufe der Zeit aufgestapelt hatte. Nur nebenbei sei erwähnt, dass auch die Bibelwissenschaft aus diesem Fund Nutzen gezogen hat: es sei nur an die Wiederentdeckung umfänglicher Teile des hebräischen Textes des alttestamentlichen Buches Jesus Sirach erinnert.

Uns interessieren hier natürlich die liturgischen Texte, die einen sehr bedeutenden Teil des Materials ausmachen. Aber es handelt sich nicht um vollständige, gut erhaltene Handschriften, von sachkundigen Bibliothekaren sorgfältig konserviert und betreut, sondern eben um Bruchstücke. Dazu kommt noch ein anderer, sehr betrüblicher Umstand, der die Arbeit der Forschung nicht wenig hemmt: es fand sich damals kein wissenschaftliches Institut, das sich entschließen konnte, das gesamte Material für sich zu erwerben. Daher wurde der Inhalt der Geniza in eine ganze Reihe von öffentlichen Bibliotheken und privaten Sammlungen zerstreut, und so kommt es, dass der Anfang eines Textes sich z. B. in Oxford, das Ende aber ganz woanders befindet.

Hier leistet nun eine Einzelpersönlichkeit, der Buchhändler Salman Schocken, Gründer und Inhaber des Schocken-Verlages2 (früher in Berlin, jetzt in Tel-Aviv), der Wissenschaft des Judentums einen erheblichen Dienst: in dem von ihm ins Leben gerufenen "Forschungsinstitut für hebräische Dichtung" (gegründet in Berlin, während des "Dritten Reiches" nach Jerusalem übertragen) sammelt er Photographien aller Genizafragmente, welche liturgische Poesie enthalten, sodass das gesamte einschlägige Material an einer Stelle vereinigt sein wird. Dr. Menachem Zulay, wohl der beste Kenner dieser Texte, betreut diese kostbare Sammlung wissenschaftlich und hat kürzlich über seine Arbeit einen anschaulichen Bericht gegeben.3 Natürlich beteiligen sich noch andere Forscher an der Durcharbeitung des Materials aus der Geniza. Es sei hier nur erwähnt Dr. Alex Scheiber, der Direktor der Landesrabbinerschule in Budapest, wo in der Sammlung David Kaufmann eine ansehnliche Zahl von Fragmenten aus Altkairo sich befindet. Vorläufig muss freilich die Arbeit noch hauptsächlich in der Sichtung, Ordnung und Edition des Materials bestehen, erfordert also viel Geduld und Entsagung.

Immerhin beginnen sich aber schon Ergebnisse herauszukristallisieren, welche für die Geschichte der jüdischen Liturgie bedeutsam sind. Vor allem wurden eine Reihe von Dichtungen älterer Paitanim wiederentdeckt, von denen wir bis jetzt nur aus gelegentlichen Erwähnungen jüngerer Schriftsteller, vor allem des berühmten R. Saadjah Gaon aus dem Fajjum in Ägypten († 942), wussten. Die dort angeführten Namen sind uns nicht mehr nur "Schall und Rauch", sondern wir können uns von der literarischen Eigenart ihrer Träger eine mehr oder weniger deutliche Vorstellung machen, so sehr auch ihre äußeren Lebensumstände noch in Dunkel gehüllt sind und wohl auch immer bleiben werden. So ist es dem eben erwähnten Dr. M. Zulay gelungen, in Weiterführung der Arbeit früherer Forscher die Piutim eines früher nur aus späteren Quellen den Namen nach bekannten Jannai bis auf geringe, durch die Beschaffenheit des Materials bedingte Lücken wieder zusammenzustellen.

Ferner ist es jetzt klar, dass der hochberühmte Paitan Eleazar be-Rabbi Kalir spätestens in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts n. Chr. gelebt hat; denn wie aus dem Vergleich einer Stelle aus einem kürzlich von A. Scheiber veröffentlichten Piut dieses Dichters mit dem Koran (Sure 5, 69) hervorgeht, müssen seine Dichtungen im Jahre der Flucht Mohammeds nach Medina (622 n. Chr.) in der dortigen Judengemeinde bekannt gewesensein. Dann muss aber Jannai, der nach der Tradition älter als Kalir ist, wohl vor 500 n. Chr. angesetzt werden, und andere Paitanim, die uns wieder bekannt geworden sind, werden wenigstens teilweise als seine Vorgänger zu betrachten sein.

Ein anderes Beispiel! Während die gegenwärtige Liturgie der Synagoge an den Wochentagen keine Piutim kennt, sind in der Zeit, aus der die Genizatexte stammen, solche für den Gottesdienst an Werktagen bestimmte Dichtungen vorhanden gewesen, wie Veröffentlichungen von Zulay, Widder und Scheiber in jüngster Zeit gezeigt haben. Ob es sich um einen Brauch handelt, der in der alten Zeit allgemein war, oder nur um einen Spezialritus einzelner Gemeinden oder Gegenden, lässt sich meines Wissens noch nicht sagen. Immerhin ist mit der Möglichkeit zu rechnen, dass die heutige Werktagsliturgie Rückbildung einer entfalteten Gestalt, von dieser aus gesehen, also eine Kümmerform ist. Wichtiger scheint mir etwas anderes zu sein.

Besonders die von Zulay herausgegebenen Texte, die sich auf die einzelnen Wochentage verteilen, besingen jeweils das Werk eines der Schöpfungstage und stellen eine Beziehung zwischen diesem und einer der Taten her, die Jahwe zur Erlösung Israels getan hat, verknüpfen also das Kosmologische mit dem Soteriologischen. Im wesentlichen das gleiche tut aber auf seine Art Gregor der Große († 604) in den Ferialhymnen der Vesper, die wir noch heute im Brevier haben. Nun ist es nach dem eben Gesagten klar, dass der große Papst Zeitgenosse Kalirs ist, der seinerseits einen Höhepunkt in der Geschichte der synagogalen Poesie darstellt, wie Gregor in der christlichen Hymnendichtung. Verwandtschaft und Sonderart der beiden Größen klar herauszuarbeiten, ist eine reizvolle Aufgabe der vergleichenden Liturgieforschung.

Oder: wir wussten aus literarischen Quellen, dass in Babylonien die Lesung der Thora auf einen dreijährigen Zyklus verteilt war. In dem uns von M. Zulay und anderen wiedergeschenkten Lebenswerk des Paitans Jannai haben wir den handgreiflichen Beweis für diese Überlieferung. Es hat sich übrigens ergeben, dass es auch in Palästina und Ägypten Gemeinden gab, die diesem Babylonischen Brauch folgten. Wir begreifen aber auch, warum Jannais Dichtungen so völlig vergessen werden konnten: als der in Palästina übliche einjährige Vortragszyklus allgemeiner Brauch wurde, waren seine Piutim im Gottesdienst nicht mehr verwendbar und verfielen der Geniza.

Endlich werfen die wiedergefundenen Texte auch Licht auf die Entwicklung der künstlerischen Form des Piut, insbesondere der "Keroba", d. h. der Dichtung, die in das Achtzehngebet eingefügt wird. Während die älteren Piutim noch in Sätzen sich bewegen, die durch die gleiche Zahl hochbetonter Silben (Hebungen) sich als Verse ausweisen, ist für die erste Hochblüte des Piut, als deren Exponenten wir Jannai und Kalir betrachten dürfen, charakteristisch, dass zu der akzentuierenden Metrik der Reim tritt, und zwar als konsequent und obligatorisch, nicht, wie in den Stammgebeten, als sporadisch und fakultativ verwendetes Kunstmittel. Es entstehen so Verse von der Art, wie sie das Arabische im Koran und in der dichterischen Gattung der Makame verwendet, die uns Deutschen durch Friedrich Rückerts geniales Übersetzungswerk "Die Makamen des Hariri oder die Verwandlungen des Abu Seid von Serug" nahegebracht wurde. Ausgiebig wird das alphabetische Akrostich verwendet, das ja schon das Alte Testament - z. B. in Ps 119 - kennt: die einzelnen Verse oder Halbverse oder auch gleichgroße Gruppen von solchen beginnen der Reihe nach mit den einzelnen Buchstaben des Alphabets. Auch die Umkehrung des alphabetischen Akrostichons kommt vor, d. h. der erste Vers beginnt mit dem letzten Buchstaben des Alphabets, der zweite mit dem vorletzten usw. Eine Abart des Akrostichs ist das Kryptogramm: hier beginnen die Verse oder Halbverse oder die Worte eines Satzes nacheinander mit den Buchstaben eines Namens, meistens des Verfassers.4

Noch bedeutsamer für die Entwicklung der Form ist, dass die Piutim ja keine freie Lyrik sind, sondern Kultdichtung, Ausschmückung und Erweiterung einer geprägten Form, in die sie sich einfügen müssen. Der Paitan muss also immer wieder auf gewisse Stellen der Stammgebete und zuweilen auch der Sabbat- oder Festperikopen einlenken. Dazu kam für das Zeitalter Jannais und Kalirs noch eine aus der damaligen Judengesetzgebung des byzantinischen Reiches sich ergebende Schwierigkeit: der Piut musste die durch die Verbote der oströmischen Kaiser, zuletzt Justinians I. (527-565), unmöglich gemachte Unterweisung der Gemeinde in Thora und Mischna ersetzen.5 Es galt also, in den Piutim möglichst viel einschlägiges Material in gedrängter Form unterzubringen.

Das alles waren harte Bindungen, unter deren Last schwächere poetische Begabungen fast notwendig zusammenbrechen mussten, nur Dichter mit starker Gestaltungskraft waren fähig, trotz aller dieser Behinderung ihrer Freiheit Großes zu leisten. Gleichwohl sind auch deren Werke schwere Kost - nicht nur für uns Nichtjuden; auch an die, für welche sie zunächst bestimmt waren, stellten sie strenge Anforderungen, sind freilich auch für alle, die sich an ihnen erbauen konnten und noch erbauen können, ein ehrendes Zeugnis für den hohen Stand ihrer religiösen Bildung.

Jedenfalls sind aber die teils neu entdeckten, teils neu eingeordneten oder sonst in neue Beleuchtung gerückten Texte für die Erforschung der Geschichte des religiösen Lebens des Judentums von großer Wichtigkeit. Wenn wir jetzt aus der Zeit vor dem zehnten Jahrhundert nicht nur ein paar Namen kennen, die uns nichts sagen, sondern Lebenswerke religiöser Dichter oder wenigstens mehr oder weniger umfängliche Bruchstücke von solchen, so heißt das, dass der Beginn der Piutliteratur um ein halbes Jahrtausend, nämlich in das fünfte Jahrhundert, vorgerückt ist. Er fällt also in jene Periode, in der die Entwicklung des Talmuds noch in vollem Gange ist.

Wenn die Sichtung und Edition des liturgischen Materials aus der Geniza zu einem Abschluss gekommen oder gar das von M. Zulay geforderte Corpus der Piutim Wirklichkeit geworden sein wird, dann wird auch die Zeit da sein, wo man eine Geschichte der Religion des Judentums ohne Berücksichtigung der neu gewonnenen Kenntnis der Liturgie so wenig wird schreiben können, wie etwa eine innere Geschichte der katholischen Kirche ohne Einbeziehung der Gedankenwelt des Breviers oder Missale, des Rituale und deren Vorläufer. Wenn wir z. B. bei Saadja Gaon, der auf der Grenzscheide zwischen Altertum und Mittelalter steht, in einem kürzlich aufgefundenen Bußgebet (Selicha) die- selbe Haggada (Überlieferung) finden, die uns aus 1 Kor 10,4 bekannt ist, so wissen wir, dass wir sie nicht als eine gelehrte Marotte weltfremder Rabbiner abtun können, sondern als lebendigen Besitz der Gemeinde erachten müssen. Oder wenn wir bei dem gleichen Autor eine Selicha finden, die an Michas 6,3-5 erinnert und daher den Improperien der Karfreitagsliturgie der katholischen Kirche gedanklich ähnlich ist, weil beide Texte die Wohltaten Gottes und den Undank des Volkes einander gegenüberstellen, so werden wir - übrigens nicht zum ersten Mal, sondern wieder einmal - darauf aufmerksam gemacht, dass der Vorwurf der Werkgerechtigkeit, der meistens in sehr verallgemeinerter Form erhoben wird, eine der "terribles simplifications" ist, die das Verhältnis zwischen Judentum und Christentum so oft vergiftet haben. Diese paar Hinweise mögen genügen.

Eine andere Frage ist aktueller: werden diese neuen Erkenntnisse das liturgische Leben der Judenheit unserer Tage und der nächsten Zukunft beeinflussen? Eine Antwort zu geben ist sehr schwer, ja fast unmöglich. Es steht hier vor allem im Wege, dass die natürliche Scheu jedes religiösen Menschen, Außenstehenden Einblick in das Heiligtum seiner Seele zu gestatten, beim Juden durch die Erlebnisse von Jahrhunderten und insbesondere die entsetzlichen Schicksale der jüngsten Vergangenheit noch erheblich gesteigert ist.

Es ist also klar, dass diese internen Fragen in Veröffentlichungen behandelt werden, welche dem in das jüdische Geistesleben nicht Eingeweihten nicht ohne weiteres bekannt sind. Auch dass ein regulärer Buchhandel zwischen Israel und Deutschland sich noch immer nicht ermöglichen lässt, muss von jedem, der auf diesem Gebiet arbeitet, als ein schweres Hindernis empfunden werden. Die fatale Neigung, Schwierigkeiten, die sich infolge der Kriegs- und Nachkriegsverhältnisse für die Ausbildung der Theologiestudierenden ergeben, durch Abstriche am Alten Testament - und das bedeutet praktisch: durch Verzicht auf das Hebräische (oder wenigstens durch Herabminderung der Anforderungen in diesem Fach) - auszugleichen, wirkt sich auch ungünstig aus, weil dadurch die Zahl derer reduziert wird, die fähig wären, sich in das moderne Hebräisch einzuarbeiten, was für den des biblischen Idioms Kundigen nicht übermäßig schwer ist. So wird es manchem, der dazu imstande wäre, geradezu unmöglich gemacht, die neueste Entwicklung auf diesem Gebiete zu verfolgen.

Immerhin kann man feststellen, - und diese Beobachtung datiert nicht von gestern und vorgestern, - dass Palästina viele Juden wieder in lebendige Verbindung mit dem angestammten Glauben bringt - schon dadurch, dass im Lande der Väter der innere Sinn manches Brauches, der in der Diaspora nur formaler Gehorsam gegen den Buchstaben des Gesetzes ist, wieder deutlich und lebendig wird. Freilich endet diese Rückwendung nicht immer in der alten Orthodoxie etwa ostjüdischer Prägung. So tritt auch die Liturgie wieder in das Blickfeld des religiösen Interesses. Allerdings gibt es Kreise, die sie als "verkrustet" empfinden, wobei man freilich fragen kann, ob die Verkrustung nicht etwa auch auf Seiten der Persönlichkeiten vorliegt, welche diesen Vorwurf erheben. Aber es scheint gesagt werden zu dürfen, dass innerhalb und außerhalb Palästinas zahlreiche Veröffentlichungen zur Liturgie erscheinen, nicht nur rein wissenschaftliche, sondern auch solche, welche weitere Kreise in den Sinn der gottesdienstlichen Bräuche einführen wollen, wie etwa das Büchlein von Rabbi Frenkel über die Feier der Neumondtage. Man darf wohl hoffen, dass dieses erwachte Interesse jüdischer Menschen für ihre Liturgie Frucht tragen, alte Formen neu beleben, vielleicht manchen jahrhundertelang vergessenen Text wieder dem lebendigen Gebrauch der Synagogengemeinden zurückgehen oder sogar ganz neue Formen schaffen wird.

  1. Grundlegend, wenn auch in vielem durch den Fortschritt der Forschung überholt, sind die Werke von Dr. Leopold (Lipman Jomtov) Zunz (1794-1886): "Die Gottesdienstlichen Vorträge der Juden" (1872), "Literaturgeschichte der synagogalen Poesie" (1865, Nachtrag 1867), "Die synagogale Poesie des Mittelalters (1855, 2. Aufl. 1920). Aus neuerer Zeit ist zu nennen: J. Davidson, Ozar hasch-schira wehap-piut, New York 1925-29. Einen guten Einblick, auch in die weltliche Poesie, gibt H. Brody, Anthologia Hebraica, Leipzig 1922. Für die synagogale Liturgie und ihre Geschichte überhaupt sei verwiesen auf Ismar Elbogen, "Der Jüdische Gottesdienst in seiner geschichtlichen Entwicklung", 3. Aufl. Frankfurt 1931.
  2. Der Schocken-Verlag hat für das Judentum eine Bedeutung, die etwa mit der des Hauses Herder in Freiburg für den Katholizismus zu vergleichen ist.
  3. "Zwischen den Wänden des Forschungsinstitutes für hebräische Poesie" (hebr.) in: "An der Quelle", Festschrift für Salman Schocken (Jerusalem 1948-52) Seite 83-124 (hebr.). Über die Bedeutung des Genizafundes überhaupt vgl. P. Kahle, The Cairo Geniza, London 1947.
  4. In den von Jannai verfassten Piutim erscheint regelmäßig an einer bestimmten Stelle das Kryptogramm seines Namens. Dass diese Kunstform bis heute unter den Juden lebendig geblieben ist, beweist die Tatsache, dass auf ihren Friedhöfen sich zahlreiche Grabsteine, auch aus neuester Zeit finden, auf denen Lobsprüche auf den Verstorbenen stehen, deren Verse oder Sätze mit den Buchstaben seines Namens beginnen.
  5. Den Text der einschlägigen Novelle Justinians bringt (in Übersetzung) P. Kahle, The Cairo Genizah (London 1947), Seite 33-35.


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